{"id":17506,"date":"2006-09-04T00:01:13","date_gmt":"2006-09-03T22:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17506"},"modified":"2021-01-09T19:28:22","modified_gmt":"2021-01-09T18:28:22","slug":"anmerkungen-zu-den-kritischen-korpern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/09\/04\/anmerkungen-zu-den-kritischen-korpern\/","title":{"rendered":"Anmerkungen zu den Kritischen K\u00f6rpern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Schl\u00e4uchmaschin <\/em>basiert auf Tatsachen, die mir Sch\u00fcler meiner 10C erz\u00e4hlten. Nur der Schluss ist erfunden, soll aber gelesen werden als Bild f\u00fcr die selbstzerst\u00f6rerische Tendenz beim Suchen nach sich selbst, Saufpotenz mangels Gelegenheit an Realisierung sexueller und geistiger Potenz zum selbst\u00e4ndigen und verantwortlichen Handeln in gesellschaftlichen R\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover6.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-17516\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover6-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover6-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Cover6.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17509\">Am Arsch der Welt<\/a><\/em> dokumentiert die Freude des Erz\u00e4hlers am Spiel, das in allt\u00e4gliche Wirklichkeiten hineingewoben ist: Hier ist es die Begegnung mit einer sch\u00f6nen Frau in einer W\u00fcrstchenbude am Alex, mit der (Frau\u00a0 u n d\u00a0 W\u00fcrstchenbude!) das Erz\u00e4hlte konkurriert. Wochen sp\u00e4ter traf der berichtende Erz\u00e4hler (ich) HEL dann tats\u00e4chlich im <a href=\"http:\/\/www.zitty.de\/cafe-torpedokafer.html\"><em>Torpedok\u00e4fer<\/em>, Prenzlauer Berg.\u00a0 <\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Re: Matrix <\/em>ist eine Auseinandersetzung mit tats\u00e4chlich geschehenen Handlungen: Die gef\u00e4hrliche Austauschbarkeit von Wirklichkeit und Vorstellung. Allerdings sollte man, um alle Anspielungen dieses Textes (insbesondere die satirische Ebene) zu verstehen, den Film \u201eMatrix\u201c kennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Tacheles <\/em>beruht auch auf einer tats\u00e4chlichen Begebenheit, die ich lediglich zu einer (reflektorischen) Erz\u00e4hlung umgeformt habe. Mir geht es hier um die trocken gemixten Tatsachen, die Oberfl\u00e4chlichkeit der Beziehungen und das Schn\u00f6de der (zwischen-) menschlichen Fehldeutungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nikotin <\/em>ist eine b\u00f6se Geschichte. Aber auch sie war vor einiger Zeit wirklich passiert. Tats\u00e4chlich haben Jugendliche einen alten Mann, der ihnen keine Zigarette gab, in einer \u00fcber 10 Stunden langen Nacht langsam zu Tode gequ\u00e4lt. In meiner Geschichte stirbt jedoch einer der Jungen, w\u00e4hrend der Mann die Folter k\u00f6rperlich (nicht aber seelisch) \u00fcbersteht. B\u00f6ses Spiel steckt auch in den Kafka-Bez\u00fcgen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">23:55 Gel\u00e4chter im Nebenzimmer (Der Process)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">0:05 Ich fresse dich (Ein Landarzt)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">0:22 In die Haut geschnittene Buchstaben (In der Strafkolonie)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1:01 (Die Br\u00fccke)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1:44 Ich verurteile dich &#8230; (Das Urteil); Du Vieh!&#8230; (Ein Landarzt)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2:00 Pferdek\u00f6pfe&#8230; Hacke&#8230; (Ein Landarzt); Wie ein Hund (Der Process); Winter&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frost&#8230; (Ein Landarzt)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4:48 Diese Uhrzeit ist der Titel des letzten St\u00fccks von Sarah Kane.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die L\u00f6sung <\/em>ist eine ins Absurde fortgesponnene erlebte Wirklichkeit: Der Diebstahl war von Sch\u00fclern meiner Klasse im Rahmen der Projekttage wirklich inszeniert, real ist der Kleinlastwagenfahrer, der Penner und die B\u00e4ckerin &#8211; der Rest ist eine Hommage an Bonn, die Stadt, in die ich mich verliebte, als ich sie, ich war neun Jahre alt und besuchte meinen Vater, der in Bonn sein Studium nach der Kriegsgefangenschaft beendete, zum ersten Mal sah, &#8230; bis ich sie sp\u00e4ter zwei Mal heiratete: Ich zog dort f\u00fcr immer ein und ich verband mich, nachdem ich meine rheinische Frau, eine Bonnerin, zur Frau nahm, mit der rheinischen Natur, mit der Sprache, dem Rhein, mit dem Siebengebirge, Beethoven, \u00fcberhaupt mit der volkst\u00fcmlichen, toleranten und leichten Art der rheinischen Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nachtschaum<\/em> erz\u00e4hlt einen tats\u00e4chlich erinnerten Traum als Deutung mit Fortsetzung ins Groteske: Wirklichkeitsverlust mit Beginn des Tages! Und Selbstverlust: Der Mann wird vaginal geschluckt von einer \u00fcbermenschlich gro\u00dfen Frau, die mit einem Bild von Magritte korrespondiert, das in K\u00f6ln h\u00e4ngt. Der Mann bekommt, was er in seinen Allmachtsphantasien denkt, aber das ist mehr, als er will. Es ist viel zu viel und endet im Nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Canale Cinque<\/em> erz\u00e4hlt ironisch die Zukunft der optischen Medien. Im unterhaltsamen Gewand einer erotischen Geschichte ist der Text selber das, was er spiegelt. Die politische Nachricht ist nur noch Vorwand oder Anlass f\u00fcr die eigentliche Beziehung, die das Medium zum Konsumenten herstellt: Das Medium erzeugt mit immer neuen Mitteln erotische Spannungen und dient damit allein der oberfl\u00e4chlichen Unterhaltung. In Wahrheit geht es hinter den Kulissen um Geld. Der Konsument l\u00e4sst sich als Mittel missbrauchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ramsch<\/em> sieht aus wie eine Variante von <em>Nikotin<\/em>, ist aber im Plot ganz anders: Die Menschen qu\u00e4len sich gegenseitig im schwachen Schutz dumm vereinbarter Regeln, die Qual wird als Spiel getarnt und ist Ausdruck einer aufgesetzten, neurotischen Geilheit. Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit: Ich habe das Verhalten von Gef\u00e4ngnisinsassen ins freie Leben verlegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sattel <\/em>ist die ausgestaltete Geschichte eines Traums, den ich schon vor zwei Jahren in <em>Striptease<\/em> (SCHLACHTBILDER) behandelte. <em>Sattel<\/em> ist n\u00e4her am Traum, in der Ich-Perspektive gesprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ptok <\/em>ist die Geschichte meines armen Freundes Walter Ptok, eines Mitsch\u00fclers am Gymnasium in Neuenb\u00fcrg\/Enz. Wir gaben 1962-1963 die ersten Nummern der Sch\u00fclerzeitung <em>BIMMEL<\/em> heraus. Aber erst seit 1972 sind wir langsam zu kritischen Freunden geworden. In der Achse der Lebenslauf-Erz\u00e4hlung steht ein Gedicht von Heinrich Heine.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hornissen<\/em> ist die Verfugung zweier Zeitungsmeldungen zu einer Geschichte ohne Moral. Ein makabres Spiel, so scheint es. Am Schluss wird die Geschichte aber ernst. Es sind die Gedanken der Sterbenden, die eigentlich die Gedanken des Erz\u00e4hlers sind, der seine Lebensfreundin an die Tumor-Hornissen verliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Amba Mata<\/em> scheint eine spielerische Gestaltung auf dem kargen Fundament einer Zeitungsmeldung zu sein, in der von einem indischen Hungerk\u00fcnstler unserer Tage die Rede ist. Aber nicht nur das. Es geht um Leben und Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Herzblut<\/em> sublimiert den Fall des \u2018Kannibalen von Rotenburg\u2019 als allgemeineren Seelenprozess: Meine eigene Zerspaltung in der aussichtslosen Suche nach mir. Es ist Leben gegen mich selbst, was ich da geschrieben habe. Diese kleine Erz\u00e4hlung, die ich mit einem tats\u00e4chlichem Anglerungl\u00fcck kombinierte, ist sehr spielerisch entstanden, ohne irgendeine Intention. Ich habe \u00fcberhaupt nicht auf Sinn geachtet. Der Text floss aus mir heraus, ich verstehe ihn selber nicht und ich habe gar keine Lust mich zu interpretieren. [An Louise-Charlotte Beyer 3.9.-18.12.2003]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Tina<\/em> ist die Kreuzigung einer zur Selbstm\u00f6rderin gemachten jungen Frau, die sich f\u00fcr das St\u00fcck, f\u00fcr die Kunst, also f\u00fcr sich selbst opfert. Diese mythologische Anekdote wird verschr\u00e4nkt mit einer allt\u00e4glichen Zeitungsmeldung aus dem neurotischen Lebensbezirk. [14.4.2004]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schl\u00e4uchmaschin basiert auf Tatsachen, die mir Sch\u00fcler meiner 10C erz\u00e4hlten. Nur der Schluss ist erfunden, soll aber gelesen werden als Bild f\u00fcr die selbstzerst\u00f6rerische Tendenz beim Suchen nach sich selbst, Saufpotenz mangels Gelegenheit an Realisierung sexueller und geistiger Potenz zum&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/09\/04\/anmerkungen-zu-den-kritischen-korpern\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[371,866],"class_list":["post-17506","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hel","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17506","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17506"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17506\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}