{"id":17231,"date":"2013-08-24T00:01:14","date_gmt":"2013-08-23T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17231"},"modified":"2021-01-09T19:17:08","modified_gmt":"2021-01-09T18:17:08","slug":"bis-zu-einer-tieferen-unschlussigkeit-vorstosen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/24\/bis-zu-einer-tieferen-unschlussigkeit-vorstosen\/","title":{"rendered":"Bis zu einer tieferen Unschl\u00fcssigkeit vorsto\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Jede fiktionale Form bringt ihre eigene Erf\u00fcllung mit sich &#8211; bei der Erz\u00e4hlung ist es das Gewicht der S\u00e4tze, da es nicht viele davon gibt.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">El Doctorow<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist sicher kein Zufall, da\u00df ich nach dem H\u00f6ren von Reinhard Meys <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8Lz_qPvKCsg\">Das Narrenschiff<\/a> an Herrn Nipp denken mu\u00dfte. \u201eLiebevolles Verstehen\u201c m\u00f6chte man diesen beiden Eigenbr\u00f6dlern nur zu gerne unterstellen, doch nicht nur Herr Nipp w\u00fcrde unwirsch abwinken. Das absichtlose Herumstromern in den eigenen Befindlichkeiten und den Bequemlichkeiten der Anderen ist im Prinzip ein Akt fortgesetzter Selbstvergewisserung. Mit Luhmann&#8217;scher Akribie betreibt Hieronymus eine Art von Mikro-Ethnologie, er f\u00fcgt anschlie\u00dfend die Satz- und Wahrnehmungssplitter in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=60\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> zu etwas zusammen, das entfernt einem Handlungsablauf \u00e4hnelt. Sich dem Jetzt aussetzend, ohne die dahinter liegende Geschichte zu vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Haimo Hieronymus verknappt grosse Gesellschaftsromane zu schlanken Storys.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/2011-aktuelle-Bilder-033-150x400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17239\" title=\"2011-aktuelle-Bilder-033-150x400\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/2011-aktuelle-Bilder-033-150x400.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/2011-aktuelle-Bilder-033-150x400.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/2011-aktuelle-Bilder-033-150x400-112x300.jpg 112w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Einer Welt gegen\u00fcberstehend, die nicht immer verst\u00e4ndlich ist, einer Gesellschaft angeh\u00f6rig, die gebrochen erscheint. Kommentierend und hadernd, reflektierend und feixend geht Hieronymus daran, in <em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em> diese Welt zu erschlie\u00dfen, versucht er sie zu hinterfragen und zu verstehen. Streut dabei fast schon nat\u00fcrlich Salz in die Wunden und l\u00e4chelt uns dabei freundlich zu, als k\u00f6nne er keiner Fliege etwas tun. Fr\u00fcher hat Hieronymus die Strukturen der Natur untersucht, \u00fcber zehn Jahre lang versuchte er die Beziehungen und Fraktale zu verstehen, seit einigen Jahren geht es ihm um die Strukturen der Gesellschaft und auch hier arbeitet er gewissenhaft, geht auch kleinen Ver\u00e4stelungen, geht den Beziehungen zwischen Menschen und ihren kleinen Sorgen nach. Kommentiert mit spontanen Texten, Fragmenten und W\u00f6rtern. Zun\u00e4chst ist diese Prosa \u00e4sthetisches Erlebnis, dann sickert langsam ein Erkennen ein. Die Geschichten von Herrn Nipp wollen nichts erzwingen, sie verf\u00fchren uns zum Denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Pr\u00e4zise Schilderungen sezieren das normierte Leben in der Provinz.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Nipp ger\u00e4t, je weiter der Erz\u00e4hlungsband voranschreitet, in ein dichtes Gewebe m\u00f6glicher Motive seines Handelns. Wir Leser gewinnen in diesem Update des alten Modells Kurzgeschichte sehr pr\u00e4zise Einblicke in das Leben in der vermeintlichen Provinz \u2013 aber auf Kosten der R\u00e4tselhaftigkeit, Leere und des Unheimlichen, die Herrn Nipp an die Seite der Figuren von Franz Kafka r\u00fccken. Hieronymus treibt in <em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em> ein vertracktes Spiel. Zwischen Selbst-Befragung und schwarzen Sarkasmus entlarvt er das \u00e4u\u00dfere Bild als Schema, die Oberfl\u00e4che der Haut als verletzbare H\u00fclle des Eigentlichen. Schreibend sucht er nach den gesetzten Normen und wei\u00df, da\u00df man sie nicht \u00fcberschreiten muss, um Grenzg\u00e4nger zu werden. Herr Nipp sucht in einer entgrenzten Welt Grenzen in sich. Es bleibt eine Vorstellung, die betreten werden kann. Man kann diesen Raum durchschreiten, die Welt da drau\u00dfen vergessen, sich einfach auf die Situation einlassen, mit eigenen Bildern, den Ger\u00fcchen und dem leicht ged\u00e4mpften Klang der Au\u00dfen- und Innenwelt. Im Zeitalter der kulturellen Globalisierung und Traditionsverschiebungen bleibt der Mensch als strauchelndes Wesen auf den Stra\u00dfen der Zivilisationen zur\u00fcck und sucht nach den Bruchst\u00fccken seiner selbst. Der allseits flexible Mensch des 21. Jahrhunderts in seiner Geworfenheit ist das Thema von Hieronymus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Das Gl\u00fcck ist nur eine Frage v\u00f6llig beliebiger Umst\u00e4nde, die wir dann schicksalhaft nennen.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #888888;\"> Peter Meilchen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Beginn des 21. Jahrhunderts mu\u00df man keinen Falken mehr verzehren, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter kann <em>Mikroblogging<\/em> zu einer Form der Literatur mutieren. Haimo Hieronymus dampft die Gattung der Novelle zu <em>Twitteratur<\/em> ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Novelle aus dem Italienischen \u00fcbertragen als <em>Kleine Neuigkeit<\/em> \u00fcbersetzt werden kann, dann liegt Herr Nipp wohl richtig, denn kurz sind seine Texte nun wirklich. Zwischen zwei bis vier S\u00e4tzen spielt sich alles ab. Da k\u00f6nnen Welten, Landschaftsgem\u00e4lde und weltgeschichtliche Ereignisse entstehen und uns in die Vergangenheit oder Zukunft mitnehmen.\u00a0 Er macht weder halt vor M\u00e4rchen und Bibel, noch vor aktuellen Ereignissen oder Legenden des Films. Die Naturbeobachtungen treffen immer nur den Kern, nachdem das Fruchtfleisch entfernt und von andern gegessen wurde. Ohne auf die Erfordernisse der <em>Twitteratur<\/em> zu achten wird ein eigener Weg verfolgt, der trotzdem oder gerade deshalb in diese Zeit passt. Entweder es entstehen heute unendliche Geschichten mit tausend Seiten oder k\u00fcrzeste Textfragmente mit zehntausend Reflexionen. Da Herr Nipp als virtuelle Figur das Schreiben nicht studiert hat, sondern der von Hieronymus geschaffen Legende nach \u00fcber seine Zufallsnotizen und Tageb\u00fccher zum Verfassen kam, mag man ihm einige Ungereimtheiten verzeihen. Es nat\u00fcrlich kann auch sein, dass alles geplant ist. Hier geht es nicht um intellektuelle Komposite, sondern das Hintergr\u00fcndige wird nach vorne geschoben und auf der Stra\u00dfe breitgewalzt. Zur Not auch eine Eidechse. So wird das Buch zu einem gro\u00dfen Krabbeln, einer kitzligen Verameisung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Germanistischer Exkurs<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Forderungen der Literaturwissenschaft werden in wenigen W\u00f6rtern eingehalten: Zentraler Konflikt, Leitmotiv oder Dingsymbol, straffe und vorwiegend einlinige Handlungsf\u00fchrung, das pointierte Hervortreten eines H\u00f6he- und Wendepunktes, stark raffender Handlungsbericht, besondere Vorausdeutungs \u2013 oder Integrationstechniken, Zur\u00fccktreten ausf\u00fchrlicher Schilderungen \u00e4u\u00dferer Umst\u00e4nde oder psychischer Zust\u00e4nde, hohes Ma\u00df an Objektivit\u00e4t, doch trotzdem subjektive Erz\u00e4hlhaltung usw. (siehe Metzler Literatur Lexikon, 1984.\u00a0 Seite 308ff).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich kippen die Kurznovellen zwischen Schwank und Philosophie, zwischen ernsthafter Weltbeschreibung und banaler Posse. Dabei nehmen sie sich Themen an, die manchmal auch unangenehm sind und zeigen an jedem Falkenmotiv eine neue, zumindest aber eigene Perspektive auf, die verbl\u00fcfft oder nachdenklich stimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haimo Hieronymus hat in seinem 64-seitigen Band einige Texte des <a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?page_id=497\">Blogs<\/a> von Herrn Nipp zusammengefasst. Auch wenn man dieses Buch in einer halben Stunde durchlesen kann, lohnt es sich und manchmal kann man sich ein gemeines oder schadenfrohes Schmunzeln nicht verkneifen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_75230\" style=\"width: 183px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Moeglichkeiten.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-75230\" class=\"wp-image-75230 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Moeglichkeiten.jpeg\" alt=\"\" width=\"173\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Moeglichkeiten.jpeg 173w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Moeglichkeiten-160x252.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 173px) 100vw, 173px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-75230\" class=\"wp-caption-text\">Originaldruck auf das Cover von Haimo Hieronymus.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist <em>Mikroblogging<\/em> eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeit ist erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jede fiktionale Form bringt ihre eigene Erf\u00fcllung mit sich &#8211; bei der Erz\u00e4hlung ist es das Gewicht der S\u00e4tze, da es nicht viele davon gibt. El Doctorow Es ist sicher kein Zufall, da\u00df ich nach dem H\u00f6ren von Reinhard Meys&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/24\/bis-zu-einer-tieferen-unschlussigkeit-vorstosen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":75230,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[44],"class_list":["post-17231","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-haimo-hieronymus"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17231","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17231"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17231\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17231"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17231"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17231"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}