{"id":17203,"date":"2006-03-03T00:01:55","date_gmt":"2006-03-02T23:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17203"},"modified":"2021-10-18T14:32:22","modified_gmt":"2021-10-18T12:32:22","slug":"prawda-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/03\/03\/prawda-2\/","title":{"rendered":"Prawda"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend seines Literaturstudiums an der Universit\u00e4t von Alma-Ata absolvierte Rudnikow ein Praktikum in einer Brikettfabrik bei Karaganda. Die Literaturstudenten wurden auf die Bergwerke und Brikettfabriken des Steinkohlenkombinats verteilt. Sie sollten sich umschauen, Eindr\u00fccke sammeln, recherchieren, mit den Arbeitern reden und dann dar\u00fcber schreiben. Rudnikow wurde einem Schichtmeister zugeordnet, der wie alle Schichtmeister so feine Ohren hatte, dass er das Unsichtbare seiner Fabrik durchschaute. Die Maschinen stammten vom Jahrhundertbeginn und mussten seit Jahrzehnten ohne General\u00fcberholung arbeiten. Die Ger\u00e4usche im Inneren der Maschinen und Apparate verrieten dem Schichtmeister, wo Defekte und Havarien drohten. Er kannte genau ihr Klappern und Rattern, Schleifen und Reiben, Rauschen und Pfeifen. Es gibt keine Kunst, die mehr den Glauben an himmlische Weisheit und F\u00fcgung erweckt und die Unschuld und Kindlichkeit des Herzens reiner erh\u00e4lt als die Maschinenarbeit, dachte Rudnikow. Arm wird der Arbeiter geboren, und arm geht er wieder dahin. Er erschafft die Kohle, und der blendende Glanz der Brikette vermag nichts \u00fcber sein lauteres Herz, aber sie haben f\u00fcr ihn keinen Reiz mehr, wenn sie Waren geworden sind. Wir verwandeln die Natur, sagte Rudnikow, in ein b\u00f6ses Gift, das unendliche Sorgen und wilde Leidenschaften herbeilockt. Darauf gab der Schichtmeister keine Antwort. Rudnikow ging durch die Landschaft aus Fabrikgeb\u00e4uden, Kohlehalden, F\u00f6rderb\u00e4ndern und Gleisanlagen. Wieviel ist gesagt, wenn ich rede? Worte gibt es genug. Hallen, das schwillt im Raum. Dr\u00f6hnen dringt aus dem Innen, Pfeifen, ein Strich in der Luft. Was hilft es, erkl\u00e4re mir, wenn der L\u00e4rm, der nicht abebbt, vom \u00dcberdruck in den Ventilen kommt? Allein wie L\u00e4rm will ich das nicht empfinden. Schall und Rauch fallen auf mich. Wem nutzt hier, da der Stoff des Bildes in der Luft liegt, eine Redensart, die ihn zur Metapher erhebt, die alles umfasst, das nur irgendwie verweht? Ich bin im Kohlenstaub dem Bild verwandt und fremd zugleich vor schwarzer Halde. Ich suche meinen Sinn und schlucke, was mich streift und st\u00f6\u00dft. Ein Rauschen h\u00f6re ich, den knirschenden Donner schneller Gewitter, und heulendes Kreischen, die Wut der Kreiss\u00e4ge. Ich gehe schnell. Turbinen, F\u00f6rderb\u00e4nder, Dampf. Ich begreife die Technik, ich begreife die Fabrik wie die Mechanik der Buchdeckel, die die Substanz des Buchs verr\u00e4t. Aber ich sage mir, \u00fcber Unbekanntes l\u00e4sst sich zwangloser und zugesch\u00e4rfter reden, und Ahnungen sind oft tiefer und plastischer als die erstarrenden oder zersetzenden Tatsachen. Ich merke, wie die Brikettfabrik jedes Gef\u00fchl bet\u00e4uben will. Ich laufe an Rohren vor\u00fcber und poche wie ein Kind dagegen. Ein dumpfer Klang. Ich gehe ein paar Schritte weiter, ich schlage wieder gegen das Rohr, ich gehe weiter, ich schlage das Rohr, ich gehe weiter, ich schlage, ich renne, ich schlage, renne, schlage das Rohr. Das Rohr \u2013 die ganze Fabrik verwandelt sich, die R\u00e4der, die Stangen, die Rohre, die Maschinen wachsen hoch, die riesigen Stengel sto\u00dfen durchs Dach, die Lampen bl\u00fchen, der gl\u00fchende Draht schie\u00dft auf und spr\u00fcht Bl\u00e4tter und Bl\u00fcten, aus denen \u00d6l regnet. &#8212;Das Rohr! Ich h\u00f6re das Flie\u00dfen darin. Ich folge bis zum Ende. Dann klopfe ich an, und ich sehe alles. Rudnikow ging auf die gro\u00dfe Stahlwanne zu. Der fein gemahlene Kohlenstaub floss lautlos in das Becken, so gro\u00df wie ein Schwimmbad. Diamantenpulver, dachte Rudnikow, ultima Thule! \u2013 Wo ist der Schichtmeister? Er war nicht mehr da. Der Staub zerst\u00e4ubte oben in unz\u00e4hlige Funken, bevor er sich unten im Becken sammelte. Entz\u00fcndete Nacht. Nicht das mindeste Ger\u00e4usch war zu h\u00f6ren. Rudnikow n\u00e4herte sich dem Becken, dessen Schw\u00e4rze wogte und zitterte. Er kniete nieder, er tauchte seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen. Es war, als durchdr\u00e4nge ihn ein geistiger Hauch, er f\u00fchlte sich gest\u00e4rkt und erfrischt. Ein unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn sich zu baden, er entkleidete sich und stieg in das Becken. Lust \u00fcberstr\u00f6mte sein Inneres, unz\u00e4hlbare Gedanken, neue, nie gesehene Bilder vermischten sich und flossen ineinander. Die Flut des schwarzen Staubes schien eine Aufl\u00f6sung sch\u00f6ner Komsomolzinnen, in die er eingetaucht war. Berauscht und doch zugleich bewusst, schwamm Rudnikow in die Mitte des Beckens und schaute nach oben. Der Himmel, schwarz und v\u00f6llig klar, neigte sich ihm zu. Rudnikow sah in ihm eine Blume, die ihn zuerst mit ihren breiten Bl\u00e4ttern ber\u00fchrte. Er sah nichts als die Blume und betrachtete sie lange mit unbeschreiblicher Lust. Endlich wollte er sich ihr n\u00e4hern, als sie auf einmal sich zu bewegen begann. Die Bl\u00e4tter schmiegten sich hart an den wachsenden St\u00e4ngel, und die Blume neigte sich ihm zu. Die Erwartung zerriss ihn, und er sagte: Ich z\u00fcnde mich an. Sie \u00f6ffnete ganz ihre Bl\u00fctenbl\u00e4tter, in deren Mitte ein Gesicht schwebte, aber es war eine entsetzliche Fratze, in die Rudnikow da starrte. Dann wurde er kalt. Er sah der Wahrheit ins Gesicht, zum ersten Mal, und er versuchte in dem Gesicht zu lesen, bis es ihm gelang, die Schrift der Fratze, die schwarz auf schwarz im Dunkeln stand, zu entziffern:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Proletarier aller L\u00e4nder, vereinigt euch!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudnikow wurde schwarz vor Augen, er riss den Mund auf und schrie, was er las, aus dem Staub, in dem er versank. In der Maschinenhalle, wo er mit seinen Recherchen begann, kam Rudnikow langsam wieder zu sich. Er h\u00f6rte die Maschinen. Der L\u00e4rm belebte ihn. Er h\u00f6rte die Stimmen der Studierenden und der Arbeiter. Der Schichtmeister beugte sich \u00fcber Rudnikow, als ihm die Augen aufgingen, und sagte: Die Wahrheit ist ein b\u00f6ses Gift. Dann gab er dem Arzt einen Wink. Wo gehen wir denn hin?, fragte Rudnikow. \u2013 Immer nach Hause.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesenswert zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.\u00a0Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; W\u00e4hrend seines Literaturstudiums an der Universit\u00e4t von Alma-Ata absolvierte Rudnikow ein Praktikum in einer Brikettfabrik bei Karaganda. Die Literaturstudenten wurden auf die Bergwerke und Brikettfabriken des Steinkohlenkombinats verteilt. 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