{"id":17093,"date":"2013-11-10T00:29:59","date_gmt":"2013-11-09T23:29:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17093"},"modified":"2022-02-23T05:36:58","modified_gmt":"2022-02-23T04:36:58","slug":"siege-und-niederlagen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/10\/siege-und-niederlagen\/","title":{"rendered":"Siege und Niederlagen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zwanzigste Jahr\u00adhundert stirbt scheibchen\u00adweise. Und mit jedem St\u00fcck, das mir schwer schien, bedeut\u00adsam und erhaben, und das die Leichtig\u00adkeit der Ver\u00adg\u00e4ngnis angenommen hat, und fortgeweht ist, wird eine weitere Schicht sichtbar. Ein Jahr\u00adhundert aus Bl\u00e4tter\u00adteig, gef\u00fcllt zuweilen mit Senf, manchmal mit Marme\u00adlade aber zwischen\u00addrin unglaub\u00adlich viel Luft. Aufge\u00adplusterte Bedeut\u00adsamkeit, vor allem am Ende, geliehen aus anderen Jahrhunderten und das Konzept Zeit in Frage stellend. Abl\u00e4ufe. Die R\u00e4nder des Jahr\u00adhunderts auch, sind kaum aus\u00adzumachen, sind m\u00fcrbe, por\u00f6s und abge\u00adsto\u00dfen. Man bekommt es nicht zu fassen. Immer nur Fetzen, immer nur Kr\u00fcmel. Und manchmal schon w\u00fcnschte ich mir, es w\u00fcrde in eine Faust passen, um endlich entsorgt zu sein. Ein frommer Wunsch. Es will ein\u00adfach nicht vergehen, dieses Jahr\u00adhundert, so wie es auch nicht beginnen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lew Isaakowitsch Schestow, der eigentlich Jehuda Leib Schwarzmann hie\u00df, geh\u00f6rt diesem Jahrhundert an, obwohl er bereits 1866 in Kiew geboren wurde. Er starb 1936 in Paris und er war\u00a0&#8230;<br \/>\nJa was war er? In seinen Schrif\u00adten ent\u00adzieht er sich der Be\u00adstimmung, weil er die Kate\u00adgo\u00adrien einfach nicht er\u00adf\u00fcllt. Er war Phil\u00adosoph, Reli\u00adgions\u00adphilo\u00adsoph, Lite\u00adratur\u00adwissen\u00adschaft\u00adler und Kriti\u00adker, und er war nichts von alldem. Viel\u00adleicht trifft auf Schestow das Wort Literat noch am besten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Felix Filipp Ingold, der Schestow \u00fcber\u00adsetzt und heraus\u00adge\u00adgeben hat, schreibt in sei\u00adnem Vor\u00adwort:<br \/>\n\u201eMit Nietzsche ging Schestow, der als philo\u00adsophi\u00adscher Auto\u00addi\u00addakt gleich\u00adsam na\u00adtur\u00adge\u00adm\u00e4\u00df zum Frei- und Quer\u00addenker\u00adtum neigte, einig nicht nur in seiner Funda\u00admental\u00adkritik an der euro\u00adp\u00e4ischen Schul\u00adphilo\u00adsophie, sondern auch in seiner Vor\u00adliebe f\u00fcr Musik und Tanz, von der sein sprunghafter Stil \u2013 im Denken nicht anders als in der Schreib\u00adbe\u00adwegung \u2013 deut\u00adlich gepr\u00e4gt war.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das ist f\u00fcrs erste das bemer\u00adkens\u00adwerte an Schestows Texten, die in diesem Band: \u201eSiege und Nieder\u00adlagen\u201c zu\u00adsam\u00admen\u00adgefasst sind. So wie er nicht einzu\u00adord\u00adnen ist, ordnet er nicht ein. \u00dcber\u00adtritt jeg\u00adliche Gat\u00adtungs\u00adgrenze, macht aus phi\u00adlo\u00adsophi\u00adschen Texten lite\u00adrarische und aus lite\u00adrari\u00adschen solche der Er\u00adkennt\u00adnis\u00adtheorie. Und: noch einmal aus Ingolds Vorwort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan k\u00f6nnte den Eindruck gewinnen, Schestow lasse &#8217;seine&#8216; Autoren durchweg und bedenken\u00adlos in <em>seinem<\/em> Namen, an <em>seiner<\/em> Stelle argumentieren. Er selbst hat dieses wissen\u00adschaft\u00adlich unhaltbare Vorgehen als \u203aSeelen\u00adwan\u00adderung\u2039 gerecht\u00adfer\u00adtigt, sein Freund und Kollege Berdjajew fand daf\u00fcr den passenden, leicht ironi\u00adschen Aus\u00addruck \u201eSchestowi\u00adsierung\u201c, was f\u00fcr eine ver\u00adein\u00adnahmende \u201e\u00dcber\u00adschrei\u00adtung\u201c oder f\u00fcr eine Art von synthe\u00adtisie\u00adrender Nach\u00adschrift stehen mag.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Philosophieprofessor Alfred Schmidt, Horkheimer\u00adsch\u00fcler und Theo\u00adretiker des Kriti\u00adschen Materia\u00adlis\u00admus, sagte uns immer wieder vor allem in Hinblick auf die franz\u00f6\u00adsische Tra\u00addition, wir sollten die Werke nicht wie einen Stein\u00adbruch benutzen und uns nicht nach Gut\u00add\u00fcnken einzelne Gedanken heraus\u00adbrechen, sondern ein Denken in G\u00e4nze rekon\u00adstruieren. Nur so w\u00fcrden wir den Texten gerecht. Und er hatte wohl recht, wenn es darum ginge, den Texten gerecht zu werden in philo\u00adsophischer Red\u00adlich\u00adkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wenn die Zeit schon derart zerfasert, wie soll dann der Gedanke auf den Punkt kommen? Schmidts einge\u00adfor\u00adderte Red\u00adlich\u00adkeit f\u00fchrte immer weiter weg in einen fremden Kopf hinein und von dem, was wir Realit\u00e4t nennen, und was viel\u00adleicht auch eine Rea\u00adlit\u00e4t ist. Nat\u00fcr\u00adlich hat das seinen Reiz, aber was Schestow macht, ist ein Aben\u00adteuer auf unge\u00adsichertem Gel\u00e4nde. In dem er die Texte um sich selbst herum grup\u00adpiert, setzt er sich ihnen aus. Und dieses Abenteuer lesend mitzu\u00aderleben ist gleich\u00adfalls abenteuer\u00adlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Schestow sich zum Beispiel Hamlet zuwendet, dann also der Figur Hamlet, den vor\u00adgestell\u00adten Menschen, nicht vorder\u00adgr\u00fcndig dem St\u00fcck als Lite\u00adratur aber \u00fcber das St\u00fcck:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr nahm diese ganze gelehrte Nah\u00adrung zu sich, erweiterte seine theo\u00adretische Er\u00adfah\u00adrung, doch je mehr er aus seinen B\u00fcchern erfuhr, desto weniger begriff er die reale konkrete Bedeutung der gewal\u00adtigen Lebens\u00adwelt, mit ihrer endlosen Ver\u00adgan\u00adgen\u00adheit und ihrer weit\u00adreichenden Gegen\u00adwart.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Text, aus dem dieses Zitat stammt (Versuch \u00fcber Hamlet), findet sich viel der moder\u00adnen und zeit\u00adgen\u00f6s\u00adsischen Sprach- und Wissen\u00adschafts\u00adskepsis. Als schl\u00fcge sich um 1900 der Posi\u00adtivismus end\u00adg\u00fcltig auf die Seite der Maschinen, und die Men\u00adschen als Ma\u00adschinen\u00adbauer bleiben ratlos dahinter zur\u00fcck. Einige wenige von ihnen werden wie Hamlet zu Enzy\u00adklop\u00e4\u00addisten. Und einer davon begegnet uns 30 Jahre sp\u00e4ter in Sartres \u201cDer Ekel\u201c wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch interessanter aber fand ich die Wendung \u201eendlose Vergangenheit\u201c. Endlos hei\u00dft auch: un\u00ad\u00fcber\u00adschau\u00adbar, nicht aus\u00adzuloten. der End\u00adlosig\u00adkeit ist kein tech\u00adnisches Kraut gewachsen. Nur der Begriff Fort\u00adschritt versucht diesem Mate\u00adrial einen Sinn einzublasen, tut dieses aber auf Basis einer Selektion: was nicht in sein Schema passt, ist dem Untergang anheim\u00adgegeben. Aber wenn uns die endlose Ver\u00adgangen\u00adheit nicht ein\u00adsch\u00fcchtert, setzt sie uns frei. (kann sie uns frei setzen.) Ge\u00adschichte. Hat Geschichte, wenn sie keinen Anfang hat, dennoch ein ende? Schestow spricht von \u201eendloser Ver\u00adgangen\u00adheit und weitreichender Gegenwart\u201c. kein Wort von Zukunft. als sch\u00fcfe Geschichte sich im ver\u00adgangenen Jahr\u00adhundert sich selber ab. Wer aber sind wir dann? Die Hinter\u00adbliebenen?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Der Zeitgenosse <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch<em> Siege und Niederlagen<\/em> wird durch ein Reihe Philosophischer Frag\u00admente beschlos\u00adsen. Einige da\u00advon f\u00fch\u00adren Gedan\u00adken an, beginnen mit deren Ent\u00adwicklung, andere verhalten sich eher apho\u00adris\u00adtisch. Ein Lese\u00adver\u00adgn\u00fc\u00adgen bergen sie alle. Das Frag\u00admenta\u00adrische scheint mir ein genuiner Aus\u00addruck von Schestows Den\u00adkens zu sein, dabei l\u00e4sst er die Roman\u00adtik aller\u00addings hinter sich, man k\u00f6nnte sagen: im Orkus ver\u00adschwin\u00adden. Das R\u00e4tsel ist hier kein Zauber und auch kein Unver\u00adm\u00f6gen des Erken\u00adnens, sondern struk\u00adturel\u00adles Moment und Resultat der Welt\u00adzu\u00adwendung. Unter den Fragmenten findet sich auf 330 Folgendes:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die moderne wissen\u00adschaftl\u00adiche Philo\u00adsophie hat sich von den Mythen los\u00adgesagt, um so h\u00e4u\u00adfiger muss sie Zuflucht zu Meta\u00adphern nehmen, doch was ist eine Meta\u00adpher anderes, als ein kost\u00fcmierter Mythos? Kost\u00fc\u00admiert mit All\u00adtags\u00adklei\u00addung.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese S\u00e4tze sind erstaunlich, stellen sie Schestow doch als post\u00adstruktu\u00adralis\u00adti\u00adschen Zeit\u00adgenos\u00adsen dar. Aller\u00addings ist mit der\u00adgleichem Label dem Autor nicht beizu\u00adkommen. Wir werden an anderer Stelle an Schestows Rettung der Ratio zu\u00adr\u00fcck\u00adkom\u00admen. Aber das ist ein philo\u00adsophi\u00adsches Problem, das mir eine andere Diszi\u00adplin abver\u00adlangt, als dieses Flanieren durchs Schestows, dass ich an dieser Stelle unter\u00adnehme und durch das ich gewisser\u00adma\u00dfen erst einmal Geruch aufnehme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selten habe ich kompromiss\u00adlosere und auf eine gewisse Weise respekt\u00adlosere Art \u00fcber Dostojewski gelesen wie bei Schestow, Dostojewski, der nicht nur in Russ\u00adland, sondern gerade auch in Nord\u00adamerika eine Ikone ist. Er stellt ihn in einen narziss\u00adtisch-politi\u00adschen Kon\u00adtext, wie wir es heute nur von der Selbst\u00adbeleuch\u00adtung eines G\u00fcnter Grass kennen. Und er nimmt damit etwas von dem vorweg, wie ein Schrift\u00adsteller durch den medialen Diskurs der \u00d6ffent\u00adlich\u00adkeit geistert:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mit Begeisterung greift er die Idee der Eigen\u00adst\u00e4ndigkeit auf. Tats\u00e4chlich sollte man die Tataren, sagt er, aus politi\u00adschen, staatlichen und anderen der\u00adartigen Er\u00adw\u00e4gun\u00adgen (ich wei\u00df nicht, was es mit den \u203aanderen\u2039 auf sich hat, doch wenn ich von Dostojewski Worte wie \u203astaatlich\u2039, \u203apolitisch\u2039 u. dgl. h\u00f6re, kann ich nur noch unge\u00adhemmt kichern) unbedingt hinaus\u00addr\u00e4ngen und auf ihrem Grund und Boden Russen ansiedeln.\u00a0&#8230; Aus diesen lachhaften und hoffnungslos wider\u00adspr\u00fcchlichen Behauptungen l\u00e4\u00dft sich nur eins heraus\u00adsp\u00fcren: Dostojewski hat von Politik keine, aber wirklich keine Ahnung, er versteht nicht das geringste davon, und au\u00dferdem hat er mit Politik auch gar nichts am Hut. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Passagen stammen aus dem Essay \u00fcber Fjodor Dostojewski, dessen Titel mich in eine ganz andere Richtung f\u00fcrchten lie\u00df. Nach\u00addem Schestow also in <em>Dosto\u00adjewski \u2013 Propheten\u00adgabe<\/em> den Autoren in der Talkshow hat beo\u00adbach\u00adten k\u00f6nnen, und ihn verab\u00adschie\u00addet hat als Rat\u00adgeber in Sachen Politik, finden wir ihn jetzt (Dosto\u00adjewski aber auch den Autor selbst) im Zwie\u00adge\u00adspr\u00e4ch mit Hegel, Kant oder besser mit der Ver\u00adnunft und der Vernunft\u00adphilo\u00adsophie, an deren Grenzen die Erfah\u00adrung uns immer wieder f\u00fchrt. Von beiden Sei\u00adten \u00fcbri\u00adgens. Schestow zeigt, wie Dosto\u00adjewski der Hegelschen Philo\u00adso\u00adphie miss\u00adtraut, wie Kierke\u00adgaard sich ihr entwindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Unsere Vernunft strebe, sagt Kant, begierig nach dem Allgemeinen und Notwendigen, Dostojewski wiederum, inspiriert von der Schrift, verwendet all seine Kr\u00e4fte darauf, sich der Macht des Wissens zu ent\u00adwinden. Ver\u00adzweifelt bek\u00e4mpft er, wie Kierke\u00adgaard, spekulative Wahrheit und mensch\u00adliche Dia\u00adlektik, f\u00fcr die \u201eOffen\u00adbarung\u201c blo\u00dfe Erkennt\u00adnis ist. Wenn Hegel von \u201eLiebe\u201c spricht \u2013 und Hegel spricht von \u201eLiebe\u201c nicht weniger als von Einheit der g\u00f6tt\u00adlichen und mensch\u00adlichen Natur \u2013, sieht Dostojewski darin einen Verrat: Verraten werde das g\u00f6ttliche Wort. \u201eIch behaupte,\u201c so schreibt er in seinen letzten Lebens\u00adjahren im \u201eTagebuch eines Schrift\u00adstel\u00adlers\u201c, \u201cdass das Bewusst\u00adsein des eigenen voll\u00adkommenen Unver\u00adm\u00f6gens, der leidenden Mensch\u00adheit zu helfen oder ihr zumindest irgend\u00adwie n\u00fctzlich zu sein \u2013 und dies bei gleich\u00adzeitiger voll\u00adkommener Einsicht in ihre Leiden \u2013, in unserem Herzen die Liebe zur Mensch\u00adheit sogar in Hass verwandeln kann.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Markige Worte an der Schwelle zum 20. Jahr\u00adhundert. Aber die Geschichte lie\u00df auf das philosophisch zumindest in Kon\u00adtinental\u00adeuropa durch Vernunftsglauben und Hegelia\u00adnismus dominierte 19. Jahr\u00adhundert das 20. folgen. in dem sich die indus\u00adtriell entfalteten produk\u00adtiven Kr\u00e4fte in die zerst\u00f6\u00adreri\u00adschst\u00aden ver\u00adwandel\u00adten, die die Erde bis dahin kannte. Dar\u00fcber hinaus ist die hier zitierte Arbeit Schestows eine zwingende Einf\u00fchrung der Existenz\u00adphilo\u00adsophie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wie bei Belinskij wird also auch hier Rechenschaft gefordert f\u00fcr jedes einzelne Opfer des Zufalls in der Geschichte, d.h. f\u00fcr etwas, das in seiner Ereig\u00adnishaftigkeit und Endlich\u00adkeit in der speku\u00adlativen Phi\u00adlo\u00adsophie prinzi\u00adpiell keine Bedeu\u00adtung erh\u00e4lt, f\u00fcr etwas, dem niemand in der Welt \u2013 das wei\u00df die speku\u00adlative Philo\u00adso\u00adphie mit Bestimmtheit \u2013 abzuhelfen vermag.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da sind wir auf Freiheit noch gar nicht zu sprechen gekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Schestows Freiheit<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wir m\u00fcssen auf Freiheit zu sprechen kommen, wenn wir uns einem Autor wie Schestow zuwenden. Und zwar in doppelter Hinsicht: Einerseits scheint es mir noch immer Aufgabe des Denkens zu sein, die Antinomie zu \u00fcber\u00adwinden, nach der Freiheit zwar m\u00f6glich ist, der Zwang aber all\u00adgegen\u00adw\u00e4rtig, und wir werden unser eigenes Frei\u00adheits\u00adkonzept befra\u00adgen m\u00fcssen, das eine Garantie be\u00adinhaltet, eine r\u00e4um\u00adliche Be\u00adgren\u00adzung im Grunde nach dem Vorbild einer Ge\u00adf\u00e4ngnis\u00adzelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Freiheit wird garantiert und abgesichert durch Vefassungs\u00adpara\u00adgraphen und Gesetze, und das ist gut so; im Grunde aber wird sie dadurch erst her\u00advor\u00adge\u00adbracht, ist also ein Reflex auf Un\u00adfrei\u00adheit. Denn nichts ande\u00adres machen Para\u00adgra\u00adphen, als die Frei\u00adheit zu be\u00adschneiden oder eben ein Gatter zu er\u00adrichten, in welchem sie gilt. Mag sein, dass das etwas dras\u00adtisch formu\u00adliert und das Gatter notwendig ist, um mir, also dem einzelnen seine (kl\u00e4gliche?) Rest\u00adfrei\u00adheit zu sichern. Ein Beige\u00adschmack bleibt immer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Freiheitskonzepte sind im Grunde Ergebnis der klassischen speku\u00adlativen Philo\u00adsophie und Aus\u00adfl\u00fcsse Hegel\u00adscher Dialektik. Sie sind ver\u00adn\u00fcnftig, jeder versteht sie (um an dieser Stelle Brechts Lob des Kom\u00admunis\u00admus ein wenig abzu\u00adwandeln.) Und sie sind im Ursprung Reli\u00adgi\u00f6se Konzepte.<br \/>\nDas letzte Kapitel von Schestows Buch <em>Athen und Jerusalem. Versuch einer religi\u00f6sen Philo\u00adso\u00adphie. e<\/em>nth\u00e4lt unter pr\u00e4g\u00adnanten Zwischen\u00ad\u00fcber\u00adschriften wie wir es etwa von Adornos <em>Minima Moralia <\/em>her kennen, eine Reihe Kurz\u00adessays. Unter dem Titel <em>Speku\u00adlation <\/em>schreibt Schestow:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026 <em>Darum beginnen alle spekulativen Systeme bei der Freiheit und enden bei der Not\u00adwendig\u00adkeit, wobei sie, da ja die Not\u00adwendigkeit allgemein gesprochen keinen guten Ruf genie\u00dft, gew\u00f6hn\u00adlich zu beweisen bem\u00fcht sind, dass jene letzte h\u00f6chste Not\u00adwen\u00addig\u00adkeit, zu der man ver\u00admittelst der Speku\u00adlation gelangt, sich in nichts von der Frei\u00adheit unterscheide, mit anderen Worten, dass vern\u00fcnftige Freiheit und Not\u00adwendig\u00adkeit ein und das selbe sei. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schestow bl\u00e4st also hier im Posaunenchor mit Nietzsche und Kierkegaard zum Angriff auf Kant und Hegel. Und es ist eine Freude, diesem Konzert zuzuh\u00f6ren, auch wenn man sich der Gefahr bewusst ist, die mit den T\u00f6nen mit\u00adklingt. Denn was sich so verlockend nach Eman\u00adzipation anh\u00f6rt, \u00f6ffnet auch eine T\u00fcr in den Totali\u00adtaris\u00admus. Schestow aller\u00addings war schon aus per\u00ads\u00f6n\u00adlicher Verfol\u00adgungs\u00adgeschichte, als Jude und russischer Emigrant, wenig geneigt, diesen Weg zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lekt\u00fcren ziehen Lekt\u00fcren nach an. Diesen f\u00fcr einen solchen Text eher un\u00adtypi\u00adschen Frei\u00adheits\u00adexkurs habe ich einem Text Schestows \u00fcber Ibsen zu ver\u00addanken. Ibsen ist mir selbst einer der liebsten Drama\u00adtiker, schon in der Schule hat mich die <em>Nora<\/em> unge\u00adheuer be\u00adeindruckt, und vor ein paar Jahren befand ich mich im Theater\u00adhimmel, als ich eine Insze\u00adnierung des Bau\u00admeister Solne\u00df sah. In beiden St\u00fccken werden Frei\u00adheit und Ausbruch aus b\u00fcrger\u00adlicher Enge verhandelt, aber ganz anders, als im folgenden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im titelgebenden Essay des Bandes <em>Siege und Niederlagen <\/em>stellt Schestow Ibsens prophetisches Versdrama <em>Brand<\/em> vor. Es war ein Text Ibsens, den ich nicht kannte, und den er vor seinen gro\u00dfen Emanzi\u00adpations\u00addra\u00admen schrieb. Zum Gl\u00fcck war in einer \u00dcber\u00adset\u00adzung von Christian Mor\u00adgen\u00adstern zum kosten\u00adlosen Download im Netz zu finden, so dass ich die Lek\u00adt\u00fcren Parallel fortsetzen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das St\u00fcck mag Schestow sehr nahe gegangen sein, da es jenen Punkt szenisch sichtbar macht, an dem er selbst steht und arbeitet. Er beschreibt die Schnitt\u00adstelle zwischen Ver\u00adnunft und Religion. Zwischen Prophe\u00adtie und falscher Prophe\u00adtie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brand (ein suchender, aber religi\u00f6s schon fanatisiert, trifft auf seinem Aufstieg ins Hoch\u00adgebirge (zu Gott?) ein paar, dass sich auf dem Weg hinab (in die Zivili\u00adsation) befindet. Und dieser Moment des Zu\u00adsammen\u00adtref\u00adfens scheint das zu sein, was Schestow erheblich interessiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der falsche Prophet, auch wenn er dem echten Propheten in jeder anderen Beziehung \u00e4hn\u00adlich w\u00e4re, traut sich selbst nicht und kann also auch nicht wissen, wohin er gehen soll. Er wird ewig schwan\u00adken, ewig seine Ent\u00adschei\u00addungen \u00e4ndern: all seine seelischen Kr\u00e4fte veraus\u00adgabt er f\u00fcr den Kampf mit sich selbst, sodass f\u00fcr die Hauptsache nichts mehr \u00fcbrig bleibt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hier einen fundamentalistischen Anklang hat, ist im Grunde das Gegenteil von Funda\u00admenta\u00adlis\u00admus, denn wer sich seiner Sache sicher ist, be\u00adn\u00f6tigt keine Ge\u00adwalt. Und wer sich seiner Sache nicht sicher ist, wie wir wohl alle, sollte sich vor Pro\u00adphetie h\u00fcten. Auch hier findet sich etwas von Schestows Aktua\u00adlit\u00e4t ange\u00adsichts der sich geb\u00e4r\u00addenden neo\u00adlibe\u00adralen und neoreligi\u00f6s-fundamentalistischen Positionen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/SchwestowCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-17096\" title=\"SchwestowCover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/SchwestowCover-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/SchwestowCover-195x300.jpg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/SchwestowCover.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a>Siege und Niederlagen<\/strong>, von Lew Schestow<br \/>\n\u00dcbersetzt und heraus\u00adgegeben und mit einem Vorwort versehen von Felix Fillipp Ingold<br \/>\nMatthes &amp; Seitz 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das zwanzigste Jahr\u00adhundert stirbt scheibchen\u00adweise. Und mit jedem St\u00fcck, das mir schwer schien, bedeut\u00adsam und erhaben, und das die Leichtig\u00adkeit der Ver\u00adg\u00e4ngnis angenommen hat, und fortgeweht ist, wird eine weitere Schicht sichtbar. Ein Jahr\u00adhundert aus Bl\u00e4tter\u00adteig, gef\u00fcllt zuweilen mit&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/10\/siege-und-niederlagen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":99677,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3342,924,3341],"class_list":["post-17093","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-felix-fillipp-ingold","tag-jan-kuhlbrodt","tag-lew-schestow"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17093","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17093"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17093\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99687,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17093\/revisions\/99687"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99677"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17093"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17093"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17093"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}