{"id":1703,"date":"2008-12-29T00:01:00","date_gmt":"2008-12-28T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=1703"},"modified":"2022-02-27T18:41:54","modified_gmt":"2022-02-27T17:41:54","slug":"blutenpapierprosa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/12\/29\/blutenpapierprosa\/","title":{"rendered":"Bl\u00fctenpapierprosa"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin Schriftsteller, nach meinem Geschmack, mu\u00df ein Fremder sein\u201c, hat der alte George Tabori vor seinem Tod gesagt. In diesem Sinn funkeln die Helden in Francisca Ricinski Buch <em>Zug ohne R\u00e4de<\/em>r wie Splitter eines Spiegels vom schreibenden Ich. Ihre Figuren sind Erz\u00e4hlende, die in ihren Wirklichkeitsbez\u00fcgen fremdeln, gerade so, als m\u00fcssten sie sich auf nichts einlassen, als seien sie sich selbst schon Sprache genug, Anrufung eines Daseins, das nirgends ankommen will. Es scheint, als w\u00fcrden diese Texte reflektieren, wie sich der Verlust der sprachlichen Heimat beim Spracherwerb im \u201aGastland\u2018 auswirkt, wie die M\u00e4ngel in der neu erworbenen Sprache lyrisch \u201akompensiert\u2018\u00a0 werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Dichter sind Heimatlose und suchen ein Leben lang nach Wohnung und Nest, in dem sie sich, stundenweise wenigstens, zuhause f\u00fchlen d\u00fcrfen, und auch ich frage mich, ob Ulysses je sein Ithaka verlie\u00df oder alles nur Einbildung war. Denn die echten Landschaften sind diejenigen, die wir selber erschaffen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">schrieb der Theo Breuer im <a href=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/theo-breuer-francisca-ricinski.htm\">Nachwort<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schon ist man mitten drin in den Wahlverwandschaften. Das lyrische und das reflektierende Ich sind bei Francisca Ricinski eins. Sie haben sich gemeinsam aus dem Korsett der Konvention gel\u00f6st. Anders als diese m\u00f6chte, widersprechen sie einander nicht. Sie best\u00e4rken einander. Wo Heidegger noch fragen konnte, warum denn \u00fcberhaupt etwas sei und nicht vielmehr Nichts, lernt die Gegenwart dieses Nichts noch einmal ganz anders zu buchstabieren, indem sie sich mit der Frage konfrontiert sieht: Wieso sollte da nichts (oder, was es nicht besser macht: fast nichts) mehr sein, wo eben gerade noch etwas war?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wozu sollte die Literatur gut sein?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einzig vielleicht dazu, da\u00df wir uns erinnern und da\u00df wir begreifen lernen, da\u00df es sonderbare, von keiner Kausallogik zu ergr\u00fcndende Zusammenh\u00e4nge gibt. Es sind die Details, an die man sich zuerst erinnert. Das ist ein Zeichen daf\u00fcr, da\u00df es gegl\u00fcckt ist, beim Lesen jene willfull dispension of disbelief herzustellen. Ein Roman, hat Georg Luk\u00e1cs behauptet, ist &#8222;die Epop\u00f6e der gottverlassenen Welt &#8222;. In der Sprache m\u00fcssen die Widerst\u00e4nde, Unsicherheiten und Vorl\u00e4ufigkeiten sichtbar bleiben \u2013 und das unterscheidet sie von der mathematischen oder chemischen Formel, in der es genau diese Attribute nicht gibt. Wie die Sprache eines von Illusionen abr\u00fcckenden wissenschaftlichen Denkens aussieht, kann man \u00fcberpr\u00fcfen: in der Prosa Charles Darwins, der keinem Problem, das sich seiner Theorie stellt, ausweicht, sondern es behutsam formuliert und jeder \u00fcbereilten Kompromissl\u00f6sung widersteht. Oder eben bei Freud, der sich durch die fragmentarische Empirie seiner Patienten immer wieder in seiner wissenschaftlichen Einbildungskraft bremsen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Was bleibet aber, stiften die Dichter<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">T\u00f6richt, sagt Hebbel, wer vom Dichter Vers\u00f6hnung der Dissonanzen verlangt. \u00bbAber allerdings kann man fordern, da\u00df er die Dissonanzen selbst gebe.\u00ab Sprachdichte hat noch eine andere Dimension, eine tiefer gehende Eindr\u00fccklichkeit, kann durch scheinbar unlogisches Ineinanderschieben von Erlebnis\u2013, Gedanken\u2013 und Klage\u2013Ebenen das Lot tiefer senken. Da erreicht es uns, \u201emagisches Spiel in einem magischen Raum\u201c \u2013 uns, die wir trotz aller Warnungen des Romanciers eben doch annehmen, Literatur sei wichtiger als eine Aktie. Francisca Ricinskis Bl\u00fctenpapierprosa kennt wohl die Frage, aber nicht die Antwort, es sei denn H\u00f6lderlins \u201eWas bleibet aber, stiften die Dichter\u201c. Manches mag dann weniger werden und vieles uns abhandenkommen, die Dichtung aber bewahrt es, indem das Verlorene zur Kunst wird. Verkl\u00e4rung ist nicht die Sache von Francisca Ricinski, jedoch die Entdeckung von Sch\u00f6nheit noch in den winzigsten Gegenst\u00e4nden und Gesten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zug ohne R\u00e4der \/ Trenul fara roti,<\/b> lyrische Prosa, rum\u00e4nisch und deutsch. Nachwort von Theo Breuer, Editura Fundatiei Culturale Poezia, Iasi\/Rum\u00e4nien 2008.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Zug.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1704\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Zug.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"258\" \/><\/a><\/b><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>&#8220; <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eEin Schriftsteller, nach meinem Geschmack, mu\u00df ein Fremder sein\u201c, hat der alte George Tabori vor seinem Tod gesagt. In diesem Sinn funkeln die Helden in Francisca Ricinski Buch Zug ohne R\u00e4der wie Splitter eines Spiegels vom schreibenden Ich. 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