{"id":16904,"date":"2013-08-02T00:01:17","date_gmt":"2013-08-01T22:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16904"},"modified":"2022-02-27T16:44:23","modified_gmt":"2022-02-27T15:44:23","slug":"die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Die Tradition der hard-boiled school"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das Triviale im Erhabenen und das Erhabene im Trivialen zu sehen, das ist bei mir fast zwanghaft.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Stefan Bachmann<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verbrechen ist auch ein Produkt der Gesellschaft, es legt ihr Wesen offen. Jacqueline, die Hauptfigur in <em>Massaker<\/em>, ist die Manifestation eines &#8218;Verbrechertypus&#8216;, der erst durch die Globalisierung entstehen konnte: ein sich selbst entfremdeter Mensch, der in der Anonymit\u00e4t des Ballungsraums seine Psychopathien auslebt. Gewalt ist f\u00fcr Jaqueline eine Notwendigkeit. Es geht in ihrer Natur um den Kreislauf von Vernichtung und Erneuerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Impotenz des Herzens veranla\u00dft die Protagonistin Jackie, eine psychopathische Serienm\u00f6rderin, sich selbst als Parasit und Vampir zu sehen. Sie kann nichts f\u00fcr die Zerst\u00f6rung, die sie verursacht, denn Jackie ist letztlich ihr eigenes Opfer, damit \u00e4hnelt sie vielen Gestalten der expressionistischen Literatur, eine <em>Fremde<\/em> unter ihren Mitmenschen. Der psychologische Proze\u00df, den man in der Entwicklung des Vampirismus, der sich im Werk <em>Massaker<\/em> als Serienmord manifestiert, beobachten kann ist folgender: Die Flucht vor einer unertr\u00e4glichen Wirklichkeit erzeugt ein Gef\u00fchl der Unwirklichkeit, des Substanzmangels, der inneren Leere. Dieses Gef\u00fchl ruft wiederum das verzweifelte Bed\u00fcrfnis nach einem starken, edlen und substanzhaften Menschen hervor, auf den sich die Leere st\u00fcrzen, den er ausbeuten, dessen Kraft er und Vitalit\u00e4t er sich aneignen kann; schlie\u00dflich vernichtet er ihn, um sich selbst am Leben zu erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Massaker<\/em> erz\u00e4hlt vom Niedergang des Individualismus im 21. Jahrhundert an philosophiegeschichtlicher Bedeutung. Anhand des `Sprachrealismus`, dem sich A.J. Weigoni und seine c\/o Autorin Barbara Ester verpflichten, implizieren sie gesellschaftspolitische Vorbehalte gegen die konventionelle Literatursprache, so da\u00df man von der dargebotenen Sprachproduktion als Sprachkritik und Gesellschaftskritik sprechen kann. Es ist die umgangssprachliche Beschreibung von Allt\u00e4glichem, welche eine st\u00e4rkere Dialektik auf moralisch-ethischer Ebene beherbergt, als jede elaborierte Abhandlung h\u00e4tte evozieren k\u00f6nnen. Da\u00df spannende Unterhaltungslekt\u00fcre das soziale Engagement im Leser hervorrufen kann, beweist <em>Massaker<\/em> durch die Nachdenklichkeit, die es zur\u00fcckl\u00e4\u00dft, wenn man den Trubel des Geschehens, n\u00e4mlich der Cranger Kirmes hinter sich gelassen hat: dann blickt man auf den hysterischen Trubel einer viel gr\u00f6\u00dferen Kirmes:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der atomisierenden Maschinerie der modernen Gesellschaft, die das Individuum ermordet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker<\/strong>, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001 &#8211; Da dieses Gossenheft vergriffen ist und &#8211; wie die anderen Gossenhafte zu \u00fcberteuerten Preisen im sogenannten modernen Antiquariat gehandelt werden &#8211; k\u00f6nnen es als <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/tag\/massaker\/\">Fortsetzungsroman<\/a><\/span> auf KUNO nachlesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a class=\"image-anchor\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-17074\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Massaker-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/06\/09\/groschenhefte\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> <\/a>von A.J. Weigoni mit dem <em>echten<\/em> Bastei L\u00fcbbe-Autor Dieter Walter.\u00a0Eine W\u00fcrdigung von <em>Massaker<\/em> durch Betty Davis lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/02\/die-atomisierende-maschinerie-der-modernen-gesellschaft\/\">hier<\/a>. Die H\u00f6rfassung unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/blutrausch.htm\"><em>Blutrausch<\/em><\/a> h\u00f6ren Sie in der Reihe MetaPhon. Als Tag f\u00fcr die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/09\/11\/9-11\/\">11. September 2001<\/a> vorgesehen. Wer den Original-Schauplatz besichtigen m\u00f6chte, die Cranger Kirmes in Wanne-Nord beginnt heute und dauert bis zum 11. August 2013.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Triviale im Erhabenen und das Erhabene im Trivialen zu sehen, das ist bei mir fast zwanghaft. Stefan Bachmann Verbrechen ist auch ein Produkt der Gesellschaft, es legt ihr Wesen offen. 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