{"id":16846,"date":"2019-10-21T00:01:36","date_gmt":"2019-10-20T22:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16846"},"modified":"2019-10-07T20:18:42","modified_gmt":"2019-10-07T18:18:42","slug":"auswanderung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/21\/auswanderung\/","title":{"rendered":"Auswanderung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Despot des Absolutismus schlug gegen den Holzrahmen der T\u00fcr. Es war noch hell, daher war der Spalt zwischen Wimpern und Gesicht gr\u00f6\u00dfer. Man h\u00f6rte ein eindringliches Klopfen des Windes ans Fenster. Das blutunterlaufene Auge triefte vor N\u00e4sse, zuckte vor Wut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es begann zu regnen, als das Wettrennen seinen Anfang nahm. Irgendwo auf einer Insel der Verspotteten. Sie war ein junges Zigeunerm\u00e4dchen, das \u00fcber die Grenze, gemeinsam mit drei Geschwistern, dem Vater und seinen zwei Frauen wollte. Nach einem langem Aufenthalt in Polen grenzte es an ein Wunder, dass sie \u00fcberhaupt die Geduld und die Kr\u00e4fte nicht verloren hatten. Die Zwillinge, die Nesth\u00e4kchen, hatten aufgeh\u00f6rt zu weinen und vegetierten nur noch vor sich hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An der Grenze zu Deutschland sammelten sich die Auswanderer in einem engen Raum, dessen W\u00e4nde nass und korrodiert waren. Die Zigeuner aus Rum\u00e4nien trafen in der engen Zoll-H\u00fctte auf Zigeuner aus Rum\u00e4nien. Sie fielen sich gegenseitig in die Arme und torpedierten die fremde Umgebung mit leidenschaftlichen Konversationen, gef\u00fchrt in ihrer Muttersprache. Das M\u00e4dchen setzte sich auf den Boden neben einem Jungen nieder. Er war vierzehn. Es war f\u00fcnfzehn. Die Buben qu\u00e4lten mit Genuss die Babys, diese schrien, die Erwachsenen f\u00f6rderten die Stimmen um den L\u00e4rm zu \u00fcbertrumpfen, das Geschrei umging wie ein Handschuh eine knappe Zeitzone, die Schallwellen stiegen konvulsivisch zu Decke empor. Ein Grenzw\u00e4chter schmiss die T\u00fcr gegen die Wand und rief aus allen Kr\u00e4ften \u201eRuhe!\u201c. Die Laute verstummten f\u00fcr einen Augenblick. Die Familienoberh\u00e4upter standen auf und n\u00e4herten sich dem Wachmann. Die entstandene Gruppierung bestand aus drei gestandenen M\u00e4nnern, davon verstanden zwei die Sprache des Dritten nicht und umgekehrt. Die Zigeuner dr\u00e4ngelten: \u201eCat vrei, ma? Cat sa-ti dau?\u201c Einer zog aus der Hosentasche einen Ledergeldbeutel mit beneidenswert vielen Euroscheinen, die er dem Wachmann unter die Nase hielt, ihn einladend sie einzuatmen, ihn zwingend, sie anzunehmen. Der Wachmann trat \u00fcberfordert zur\u00fcck, sch\u00fcttelte den Kopf als h\u00e4tte er L\u00e4use und rief noch einmal, fast ohne Puste: \u201eRuhe!\u201c. Es wurde still. Der W\u00e4chter sprach etwas aus und verlie\u00df den Raum wieder. Ein spritziger Regen prasselte metallisch gegen die Fenster, hie und da bildeten sich kleine Wasserf\u00e4lle, die auf die weiten R\u00f6cke der Frauen rollten. Die Nacht brach ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag wurden sie wie Kisten auf einen Lastwagen aufgeladen. Der Fahrer kam, wie versprochen, sie abholen. Die Kinder tobten in dem Wagen, Unartigkeit f\u00fcr die sie bedenkenlos gehauen wurden. Das junge M\u00e4dchen gab dem Jungen einen ersten Kuss. Unter der dicken Plane, roch es schwer nach menschlichen Substanzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einem bepflanzten Feld, rechts auf der Fahrbahn, rastete der Wagen \u00fcber Nacht. Die Kinder und deren M\u00fctter schliefen ein. Das junge M\u00e4dchen wachte mitten in der Nacht auf und suchte das Feld mit einem bestimmten Bed\u00fcrfnis. Es h\u00f6rte in Vorbeigehen dem Fahrer beim Telefonieren zu. Es verstand nichts von dem, was er sagte. Das neue Land, das neue Leben versetzte es in Euphorie. Es war froh, es war verliebt. Es konnte der Versuchung nicht widerstehen, so pickte sich ein W\u00f6rtchen, das w\u00e4hrend des Telefonats ausgesprochen wurde aus und wiederholte es stolz, wie ein Papagei. In der Tiefe der Nacht, beim Urinieren, sprach eine junge Zigeunerin aus Rum\u00e4nien den Busch vor ihr mit dem einfachen Begriff: \u201evielleicht\u201c an.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Nicoleta-Craita-Teno_Foto-150x1501.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-16877\" title=\"Nicoleta-Craita-Teno_Foto-150x150\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Nicoleta-Craita-Teno_Foto-150x1501.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Nicoleta Craita Ten\u2019o\u00a0 ist eine deutsch-rum\u00e4nische Schriftstellerin. Sie besuchte die Schule von 1989 bis 1996 in ihre Heimatstadt Gala\u021bi. Im Alter von 13 Jahren beendete sie abrupt ihre Ausbildung, und es wurde bei ihr Schizophrenie und Autismus diagnostiziert. Ihre Ausbildung blieb bei den ersten 7 Grundschuljahren. Im Jahr 2000 erschien Nicoletas erster rum\u00e4nischsprachiger Gedichtband Durerea \u00een durere piere. 2001 zog Nicoleta Craita Ten\u2019o mit ihrer Familie nach Deutschland. Ihr Gesundheitszustand blieb unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2002 erschien im Verlag Editura Pro Transilvania aus Bukarest, Rum\u00e4nien, Nicoletas Deb\u00fct-Roman Pe urmele Fefelegei\u2026 Im Oktober 2002 erschien der Gedichtband C\u00e2ntece la moara timpului. Im Februar 2003 erschien Nicoletas viertes Buch, und zweiter Roman Rebel. F\u00fcr Rebel erhielt Nicoleta Craita Ten\u2019o 2003 den ersten Preis der jungen Autoren Prima Verba vom Verein der Rum\u00e4nischen Schriftsteller. Im April 2010 ver\u00f6ffentlichte sie ihren ersten deutschsprachigen Lyrikband Haruka&#8230;, im August 2011 erschien der Gedichtband Drei K\u00f6pfe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Despot des Absolutismus schlug gegen den Holzrahmen der T\u00fcr. Es war noch hell, daher war der Spalt zwischen Wimpern und Gesicht gr\u00f6\u00dfer. Man h\u00f6rte ein eindringliches Klopfen des Windes ans Fenster. 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