{"id":16810,"date":"2013-12-15T00:01:48","date_gmt":"2013-12-14T23:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16810"},"modified":"2021-12-29T13:35:35","modified_gmt":"2021-12-29T12:35:35","slug":"diktatoren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/15\/diktatoren\/","title":{"rendered":"Diktatoren"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war toll! Und die Betonung auf das Wort \u201edas\u201c, dreistelliges Wort mit wenig Lebenserfahrung, fiel m\u00fcder als sonst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich reimte die Tassen mit den Gassen und fotografierte meine Fingerspitzen mit einer ausgedachten Kamera aus Luft und aus W\u00fcnschen. Die Luft legte sich weich auf meine Schulter, die W\u00fcnsche klopften an meine Schl\u00e4fen, doch meine haarigen Schl\u00e4fen machten nicht auf. Eine undankbare L\u00fccke in der Wand saugte an den Fingern der Zeitbegrenzung. Die verspannten Schattengebilde tunkten das Zimmer in eine marmorierte, delikate Oberfl\u00e4che. Der Schimmer lebloser Gegenst\u00e4nde verst\u00e4rkte sich durch das Heranziehen eines schmalen Tisches, auf dem eine letzte Cognacpraline wie ein Klunker funkelte. Ich wollte zur\u00fcck ins Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nein, das Leben an sich war unmodich, schal auf meiner Zunge sein Geschmack und bitter seine Kuchen, die verschimmelte Mandeln, die abgelaufene Sahne, der Pudding-Geruch und wackelige Mauern, die asketische Neigung, alles zu ertragen. Ich h\u00e4tte gern einen Weg gefunden. Einen Weg durch einen Wald, den ich sowieso f\u00fcrchtete, weil sie \u2013 die B\u00e4ume &#8211; in \u00dcberzahl waren, ich in Unterzahl. Die Zahlen waren der ausschlaggebende Grund, wieso ich zu denken aufgeh\u00f6rt habe. Jedes Mal, wenn ich einen Gedanke an die Leine nehmen wollte, trug er auf der Stirn eine Zahl: der erste Gedanke, oder der f\u00fcnfte Gedanke&#8230; Diese Gedanken drehten sich um einen festen Punkt herum, bewegten die H\u00fcften, zeichneten Quadrate, deren Kanten sie brachen, Vierecke, deren Kanten sie brachen, winzige Tupfen, die sie ertranken im Speck. Ich brachte diese Zahlen durcheinander und wusste nicht mehr, welchen Gedanke ich noch nicht aufgegeben habe. Bei dem Einblick fallender Bl\u00e4tter kam es mir so vor, als w\u00e4ren meinen Armen Zweige entrissen worden, die diffusen Nuancereflexe der freiz\u00fcgigen Sonne unterstrichen meine Bef\u00fcrchtungen \u2013 ja, ich verlor an Gewicht, jedoch nicht durch den Einbruch des Herbstes, sondern durch das Ablegen, aufgrund des Verfallsdatums, jener monstr\u00f6sen Sorgen \u2013 das Ende der Welt war nicht eingetroffen, wie ich es vermutet hatte. Ich habe eine Entr\u00fcmpelung der Gedankenr\u00e4ume gewagt, dennoch abgebrochen. Es waren diese scharfen Kanten der Luftlosigkeit, die mein Durchkommen verhindert hatten. Die abstrusen und gepaarten Merkmale meiner Unsicherheit. Ich stand vor Gebirgen mit unerforschten Gipfeln, Vulkane der Wut, Verzweiflung, der Sinnlosigkeit. Hinter dieser Kette \u2013 meine Gedankenr\u00e4ume. Der Weg zu sich selbst ist manchmal die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung im Leben. Ich habe schlie\u00dflich die Luft zum Atmen zweigeteilt. Eine H\u00e4lfte rutschte aus Versehen \u00fcber das Eigenfleisch, entlang meines Unterarms verdichtete sich die Spur des Blutes, das nun ungenie\u00dfbar sich in die L\u00e4nge zog. Es stank und es tat weh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wahrnehmung des k\u00f6rperlichen Schmerzes befreite mich von Tr\u00e4umen, bewahrte mich vor Hoffnungen und Lieben. Die Lieben in meinem Leben galten als verscheuchte Stra\u00dfenk\u00f6ter, als unbesiegbare Gegner und namenlose Kreuzungen eines Ger\u00fcsts. Ich liebte das Chaos in seiner Vielf\u00e4ltigkeit. Die Gr\u00f6\u00dfe des Abgrunds und die Last der abgelegenen guten Manieren harmonierten gut zusammen. Ergreifend der Untertitel eines Erinnerungsbuch: \u201eDie Gabe, die jegliche Zweifel beseitigt\u201c. \u201eGabe\u201c &#8211; ein Wort aus einzelnen aneinander gereihten Buchstaben, \u201eZweifel\u201c &#8211; meine Religion. \u201eDie\u201c und \u201ejegliche\u201c, die L\u00fcckenf\u00fcller, blieben beim Aussprechen zwischen den Z\u00e4hnen stecken. Meine Z\u00e4hne haben schon immer nach Zwiebel geschmeckt. Ich stach meinen Blick mit einem Taschenlampenlicht. Die Lichtstr\u00f6men drangen durch meinen Sch\u00e4del durch. Meine Augen\u00e4pfel hatten keinen Schatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schloss das Erinnerungsbuch mit einer Hand in der Hose. Es juckte mich nicht, doch ich wollte daf\u00fcr sorgen, dass die Ablenkung einer draufg\u00e4ngerischen Heldentat \u2013 der Unzucht \u2013 glich.\u00a0 Ich kratze mich in fahrigem Tempo, die g\u00e4hnende Leere in meinem Magen dr\u00fcckte meinen Bauch gegen die Wirbels\u00e4ule. Der Brechreiz wurde unertr\u00e4glich. Ich rieb K\u00f6rperteile an K\u00f6rperteilen ohne Vernunft. Es sei nicht zwingend, meinte eine Stelle entnommen aus einem gef\u00fchrten Gespr\u00e4ch \u2013 es sei nicht zwingend erforderlich, der Sinn des Lebens zu begreifen um die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht zu verlieren. Diesen Satz empfand ich als eine stumpfsinnige Reiberei der Wortorgane an Wortorganen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zukunft enth\u00e4lt keine Ballaststoffe, die Darmt\u00e4tigkeit w\u00fcrde bei dem Umgang mit der Zukunft nicht angeregt werden. Ohne die M\u00f6glichkeit, einen Teil dieses Daseins auszuscheiden, entf\u00e4llt das Bed\u00fcrfnis, Informationen, Sichtweisen aufzunehmen. Von mir aus, soll es keine schnelle und h\u00e4ufige Ausscheidung von d\u00fcnnfl\u00fcssigem Stuhl sein. Es reicht wenn es regelm\u00e4\u00dfig passiert. Die por\u00f6se Haut dieser Existenz braucht die Entgiftung. Der Fluss der kontinuierlichen Ereignisse\u00a0 braucht einen standardisierten, leistungsstarken Abwassersystem. Sonst verstauen sich die Elemente und die Einfl\u00fcsse der t\u00e4glichen Lappalien wachsen zu Diktatoren, die den eigenen Willen zu unterdr\u00fccken versuchen. Wie an vielen Orten dieser Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Nicoleta-Craita-Teno_Foto-150x1501.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-18797\" title=\"Nicoleta-Craita-Teno_Foto-150x1501\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Nicoleta-Craita-Teno_Foto-150x1501.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Nicoleta Craita Ten\u2019o\u00a0 ist eine deutsch-rum\u00e4nische Schriftstellerin. Sie besuchte die Schule von 1989 bis 1996 in ihre Heimatstadt Gala\u021bi. Im Alter von 13 Jahren beendete sie abrupt ihre Ausbildung, und es wurde bei ihr Schizophrenie und Autismus diagnostiziert. Ihre Ausbildung blieb bei den ersten 7 Grundschuljahren. Im Jahr 2000 erschien Nicoletas erster rum\u00e4nischsprachiger Gedichtband Durerea \u00een durere piere. 2001 zog Nicoleta Craita Ten\u2019o mit ihrer Familie nach Deutschland. Ihr Gesundheitszustand blieb unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2002 erschien im Verlag Editura Pro Transilvania aus Bukarest, Rum\u00e4nien, Nicoletas Deb\u00fct-Roman Pe urmele Fefelegei\u2026 Im Oktober 2002 erschien der Gedichtband C\u00e2ntece la moara timpului. Im Februar 2003 erschien Nicoletas viertes Buch, und zweiter Roman Rebel. F\u00fcr Rebel erhielt Nicoleta Craita Ten\u2019o 2003 den ersten Preis der jungen Autoren Prima Verba vom Verein der Rum\u00e4nischen Schriftsteller. Im April 2010 ver\u00f6ffentlichte sie ihren ersten deutschsprachigen Lyrikband Haruka&#8230;, im August 2011 erschien der Gedichtband Drei K\u00f6pfe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das war toll! 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