{"id":16797,"date":"2013-08-08T00:01:38","date_gmt":"2013-08-07T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16797"},"modified":"2021-07-22T11:33:30","modified_gmt":"2021-07-22T09:33:30","slug":"maitre-de-plaisir","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/08\/maitre-de-plaisir\/","title":{"rendered":"ma\u00eetre de plaisir"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die Beschreibung einer gleichsam reflexartigen Alltagsgeste f\u00fcr den Einstieg in eine turbulente Geschichte benutzt, den Leser mit unerwarteten Situationen so in Spannung h\u00e4lt, dass er nicht erwarten kann, wie die verr\u00fcckte story ausgeht, der ist ein <em>ma\u00eetre de plaisir<\/em>. Franz Hohler, der gerade seinen 70. Geburtstag feierte, hat \u00a0mit Fug und Recht diesen Titel als ein raffinierter Erz\u00e4hler verdient, der die Dauer zwischen der Signalisierung eines Ereignisses und dessen mentale Verarbeitung bei seinen Lesern abzusch\u00e4tzen wei\u00df. Wie auch im Fall seiner Protagonistin, der Pflegefachfrau Isabelle, die auf dem Wege zum Z\u00fcrcher Flughafen sich von einem \u00e4lteren Mann ihren Koffer tragen l\u00e4sst, der am Ende einer Treppe angekommen, pl\u00f6tzlich umf\u00e4llt. Alle ihre Versuche, ihn durch Massage zu reanimieren, scheitern, selbst die medizinische Soforthilfe muss den Tod des Passanten registrieren. F\u00fcr Isabelle, die durch diesen Zwischenfall ihren Flug nach Neapel verpasst hat, von wo aus sie f\u00fcr zwei Wochen mit ihrer Freundin ihren Urlaub auf Stromboli verbringen wollte, beginnt nun eine ganz andere fast abenteuerliche Entdeckungsreise: der Suche nach der Herkunft des so j\u00e4h Verstorbenen. Dabei kommen geschickt arrangierte Ereignisse ihr zu Hilfe. Das Handy des Verstorbenen, das Isabelle zuf\u00e4llig eingesteckt hat und das unerwartet klingelt und die Recherchen der Z\u00fcrcher Polizeidienststelle, die zu dem Ergebnis f\u00fchren, dass es sich um gewissen Martin Blancpain, einen Kanadier aus Montreal handelt. Es sind zwei Handlungsstr\u00e4nge, die den plot von nun an vorantreiben: Isabelles Suche nach dem mysteri\u00f6sen Anrufer, der mitteilt, dass Marcel auf keinen Fall zu der Beerdigung auf dem Friedhof in Nordheim kommen soll, und die Nachricht der Polizei, dass die Witwe des Verstorbenen Veronique nach Z\u00fcrich kommen werde, um Abschied zu nehmen von ihrem Marcel. Ob sie denn die Witwe treffen wolle? Sp\u00e4testens zu diesem Zeitpunkt konzentriert sich die Geschichte, in die Sarah, die Tochter von Isabelle in der Zwischenzeit involviert ist, auf die Herkunft von Marcel. \u00dcber sie informiert die in der Zwischenzeit in Z\u00fcrich angekommene Witwe, die in einem langen, auf franz\u00f6sisch gef\u00fchrten Gespr\u00e4ch Isabelle in die Hintergr\u00fcnde der Schweizer Herkunft des Verstorbenen informiert. So weit, so klar, k\u00f6nnte an dieser Stelle ein routinierter Leser sagen: eine vertrackte Familiengeschichte, nichts Wesentliches. Doch Hohlers Erz\u00e4hler ist viel raffinierter als vermutet. Er setzt nun auf Sarah, die dunkelh\u00e4utige 22-j\u00e4hrige Jurastudentin, Frucht einer Liaison, die ihre Mutter mit einem afrikanischen Arzt aus Mali hatte. Sie k\u00fcmmert sich von nun an &#8211; gemeinsam mit ihrer Mutter &#8211; um Veronique, betreut sie auf deren Dienstwegen durch die Schweizer Beh\u00f6rden auf der Suche nach der Herkunft von Marcel. Und der ist, soviel sei hier verraten, in einer betreuten Familie aufgewachsen, deren Angeh\u00f6rige es verhindern wollten, dass Marcel Abschied nehmen wollte von seiner Pflegemutter. Und der geheimnisvolle Fremde, der Isabelle auf das Handy des bereits Verstorbenen angerufen hatte? Auch er taucht auf und stellt sich zu einem kl\u00e4renden Gespr\u00e4ch mit Isabelle. Dieser Albert Meier, der den Toten mit allen Mitteln in ein \u00fcbles Licht stellen will, erweist sich als einer Trauerg\u00e4ste auf dem Friedhof von Nordheim, auf dem die Pflegemutter von Marcel beerdigt wurde. Ein Sachverhalt, der Isabelle misstrauisch macht und sie in ihren nunmehr kriminalistischen Bem\u00fchungen anspornt. Auch die anderen beiden Spurensucherinnen sind in der Zwischenzeit auf der Suche nach jenem Wyssbrod, alias Blancpain, f\u00fcndig geworden. Nun h\u00e4ufen sich die \u00dcberraschungen und die Enth\u00fcllungen \u00fcber die unbarmherzige schweizerische Gesellschaft und deren Amtstr\u00e4ger. Und nicht nur diese Einblicke in die puritanischen Regeln und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten seines Vaterlands erlaubt der Erz\u00e4hler. Er beleuchtet auch die komplizierten Beziehungen zwischen den Einheimischen und den farbigen Einwanderern am Beispiel von Sarahs Haltung gegen\u00fcber ihren afrikanischen \u201eHalbschwestern\u201c. Zun\u00e4chst konstatiert der Erz\u00e4hler Sarahs Mangel an Solidarit\u00e4t mit ihnen, dann aber ver\u00e4ndert sich ihre Einstellung. Sie lernt die dunkelh\u00e4utige Nubi kennen, deren Vater, Jo, augenscheinlich \u00fcber magische telepathische F\u00e4higkeiten verf\u00fcgt. Und wieder gewinnt die Handlung an Fahrt. Eine Gefahr, so Jo in seinem auf Englisch gef\u00fchrten Gespr\u00e4ch mit Sarah, lauere auf die Frauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch das Finale entfaltet sich weniger dramatisch als vermutet, wenngleich die Aufdeckung der mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nde, unter denen Marcel aufgewachsen war, von immer neuen \u00dcberraschungen begleitet ist. Auch diese Peripetien zeichnen einen Roman aus, der noch im Schlussteil mit der Entdeckung des Tagebuchs von Marcel den Leser verbl\u00fcfft. Doch nicht nur das spannungsgeladene Sujet mit seinen zahlreichen Wendungen und Windungen machen die mehr 200 Druckseiten zu einer vergn\u00fcglichen Lekt\u00fcre. Es ist auch die geschickte Dialogf\u00fchrung, die begleitet von den Kommentaren des Erz\u00e4hlers dem Leser die F\u00e4higkeit erlaubt, mit den Protagonistinnen zu denken, zu f\u00fchlen und zu handeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Cover2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-16801\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Cover2.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"312\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Cover2.jpg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Cover2-187x300.jpg 187w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a>Gleis 4, <\/strong>Roman von Franz Hohler,\u00a0M\u00fcnchen (Luchterhand) 2013, 220 S., 19,99 \u20ac. ISBN 978-3-630-87420-3<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer die Beschreibung einer gleichsam reflexartigen Alltagsgeste f\u00fcr den Einstieg in eine turbulente Geschichte benutzt, den Leser mit unerwarteten Situationen so in Spannung h\u00e4lt, dass er nicht erwarten kann, wie die verr\u00fcckte story ausgeht, der ist ein ma\u00eetre de&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/08\/maitre-de-plaisir\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":16801,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1167,1158],"class_list":["post-16797","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-franz-hohler","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16797","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16797"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16797\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}