{"id":16765,"date":"2022-09-18T00:01:00","date_gmt":"2022-09-17T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16765"},"modified":"2022-09-17T14:32:29","modified_gmt":"2022-09-17T12:32:29","slug":"9","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/18\/9\/","title":{"rendered":"9"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nekropole. Abydos ist der Hauptkultort des Osiris. Sie sind mit der Karawane unterwegs. Die Augen sind geblendet von der Weite der Landschaft, der Mund versiegelt von der Sch\u00f6nheit, die Ohren verschlossen von der Stille. Sie schlafen auf Pritschen. Leben in Lehmh\u00fctten oder in einem Zelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Speicher der Vergangenheit. Ein schwer zug\u00e4nglicher Bilderkosmos erwartet sie in diesem Ged\u00e4chtnisraum. Verlorene Seelen ohne Eigentum und pers\u00f6nliche Bindungen, sogar ohne Namen. Viertausend Jahre sind dahingegangen, seit eines Menschen Fuss den Boden betrat, auf dem Nataly steht, dennoch <em>vermeint<\/em> sie, es sei gestern gewesen, als sie die Spuren des Lebens sieht: Vor der T\u00fcr den halb gef\u00fcllten Eimer mit M\u00f6rtel, eine berusste Lampe, den Abdruck von Fingern auf der frisch gemalten Wand oder ein als letzter Gruss auf die Schwelle gelegtes Blumengebinde. Sogar die Luft, die sie einatmet, blieb durch all die Jahrhunderte die Gleiche; Nataly hat sie mit denen gemein, die einst die Mumie zu ihrer letzten Ruhe bestatteten. Derlei kleine intime Einzelheiten schalten den Begriff Zeit aus und zwingen ihr das Gef\u00fchl auf, Eindringling zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWann ist eine Leiche ein Toter, den man betrauert, und wann findet der \u00dcbergang zum Objekt statt?\u201c, sinniert Nataly. Bei ihrer Arch\u00e4ologie der Kommunikation erkennt sie eine Schrift, die den Charakter der Bildlichkeit noch nicht verloren hat. Diese Schrift macht einen Teil des Raums der Sprache aus, deren Sph\u00e4re insgesamt dem unendlichen Raum des Unartikulierten abgewonnen wird. Nataly versp\u00fcrt das Bed\u00fcrfnis, Fl\u00fcchtiges festzuhalten und Unsichtbares sichtbar zu machen, von einem Trieb nach geistiger Kolonisierung. Schrift umgibt alles, Menschen und Dinge, sie erscheint als Stempel auf Gef\u00e4ssen, in Schriftb\u00e4ndern gibt sie den Truhen Kontur, den Figuren Namen und Stimme. Die \u00e4gyptische Kunst spricht ununterbrochen. Diese Schrift symbolisiert keine Sprache, diese Hieroglyphen entstr\u00f6men nicht den Lippen\u2026 der K\u00f6rper selbst ist Schrift, der Tote selber Sinn. Die Mythen und Mysterien kreisen an diesem Ort um den get\u00f6teten und wiederauferstandenen Osiris, der als Totenrichter die Herzen der Verstorbenen pr\u00fcft und von dem die Gl\u00e4ubigen sich ein neues, osirisgleiches Leben erhoffen, um die Verg\u00e4nglichkeit des Seins zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nataly hat die sieben Pforten der Arrits hinter sich gelassen und betritt das Innere des Tempels. F\u00fcr die \u00c4gypter gab es keinen Tod. Jeder Mensch konnte versichert sein, auf der anderen Seite der Erde eine neue Existenz vorzufinden, die der hier befindlichen \u00e4hnlich war und er konnte sich der verheissenen Ewigkeit erfreuen, ohne dass er im mindesten seine materiellen Reicht\u00fcmer h\u00e4tte aufgeben m\u00fcssen, wenn er ein <em>Gerechtfertigter<\/em> inmitten der Planeten geworden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn es Gott gibt\u2026 besteht er aus Licht\u00ab, versteht Nataly mehr Dinge im Leben als nur das, was sie sieht und h\u00f6rt. Licht gibt ihr den Fokus. Ohne Licht gibt es f\u00fcr sie keinen Raum. Licht ist Abstraktion, sie kann es nur anhand seiner Wirkungen erkl\u00e4ren. Es bestimmt die Atmosph\u00e4re, den Platz der Menschen in der Welt. Natalys Licht essender K\u00f6rper besteht aus gespeicherter Lichtenergie. Angesichts ihrer Sterblichkeit fasst Nataly den Gedanken des \u00dcbernat\u00fcrlichen. Der Tod bringt sie falkengleich auf die Spur weiterer Mysterien; erhebt ihr Denken vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, vom Verg\u00e4nglichen zum Ewigen, vom Menschlichen zum G\u00f6ttlichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbImmer wenn man glaubt, vor der Welt geflohen zu sein, wird man wieder von ihr eingeholt\u00ab, verzichtet Max auf abrufbare Chiffren und stimmt ihr zu, dass Licht alles ist. Ohne Licht ist alles nichts. Der eigentliche Sand ist reiner Quarzsand. Und Quarz ist transparent. Die Farbe des Sandes geht auf einen hauchzarten \u00dcberzug zur\u00fcck, eine Patina, die nur ein tausendstel Millimeter dick ist und aus Eisenmineralien besteht. Der \u00dcberzug entsteht mit den Jahren. Je \u00e4lter die Sande werden, je mehr sie in den D\u00fcnen ruhen, desto dunkler werden sie. Durch den Verwitterungsprozess bilden sich im Lauf der Zeit r\u00f6tliche \u00dcberz\u00fcge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gezeitenwechsel der Wirklichkeit. Die Stille verdeutlicht, was Nataly und Max f\u00fcrchten. Es gelingt ihnen nicht, das Alte vom Neuen zu unterscheiden, sie wissen nicht einmal, dass dies kein Geschichtsunterricht mehr ist, sondern eine Lehrstunde f\u00fcr die Zukunft. Wahrnehmungsschw\u00e4che ist eine Knacknuss der hypermodernen Menschen, die Wirklichkeit, ihre Wahrnehmungen und ihre Worte, sie finden nicht zusammen. Nataly und Max sind Nischenbewohner zwischen Wort und Wirklichkeit. Wer redet, erkl\u00e4rt nicht, sondern <em>klingt<\/em> in einem ganz eigentlichen Sound. Die Weggef\u00e4hrten erproben ein Leben, in dem sie sich kaum wieder erkennen und doch ganz zu sich selbst gekommen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbersinnliche Suchbewegung. Nataly h\u00e4lt jeden Splitter eines Gedankens fest. \u00c4gyptische Hieroglyphen sind eine auf Bildern basierende Kombination aus Konsonanten\u2013 und Sinnzeichen. Die Schrift erscheint ihr unver\u00e4nderlich, sie versucht den Text durch synkopische Versetzungen aufzubrechen, doch lebt das Ergebnis mehr denn je von Gnaden dieses Textes, ohne dessen heimlich vorausgesetzte Pr\u00e4senz das vor Augen und Ohr gebrachte auseinander f\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brunnen der Vergangenheit. Menschheitsgeschichte l\u00e4sst sich in die Stadien mythisch, religi\u00f6s und metaphysisch aufteilen. Die Ungeheuer der Evolution k\u00e4mpfen gegen die Monster der Mythologie. Nataly hat die Wahl zwischen der Umkehr zum wiederverzauberten Menschen der verkl\u00e4rten Vormoderne oder den gewaltbereiten Durchbruch zum \u00dcbermenschen. Sie fragt sich, inwieweit sie mythische Symbolbedeutungen aktuell gesellschaftskritisch deuten kann. Die Sonne symbolisiert das m\u00e4nnliche, rationale Prinzip. Sonneng\u00f6tter traten im alten \u00c4gypten als weltenferne Sch\u00f6pferg\u00f6tter auf, sp\u00e4ter als zentrale Figuren von Fruchtbarkeitskulten, worin sich solarische und vegetarische Elemente verbanden. Und schliesslich wird die Sonne zum Symbol der Auferstehung. Der mythische Sonnenhengst soll dem Reitpferd ebenso vorausgegangen sein, wie das Totenschiff den Schiffen der Lebenden. So besehen, k\u00f6nnen Mythen durchaus technische Utopien enthalten. Heutigentags freilich ist die Technik selber Mythos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Metaphysisches Rollenspiel. Nataly z\u00f6gert, sich auf solch&#8216; abstrakte Wege zu begeben, weil sie sich auf nichts Substantielles beziehen, sie kann ebenso gut verstehen, dass sie in ihrem Inneren nichts kennt, was unsichtbar ist und sich fortentwickelt, ohne dass sich der Gang dieser Entwicklung ihrem Verstand oder Gef\u00fchl einpr\u00e4gt. Im Verlauf der t\u00e4glichen Sonnenbahn findet sie das Bild f\u00fcr ihre eigene Seelenwanderung. Sie flieht den Ort mit dem Wissen, dass auch dem Leben mit Logik und klarer Vernunft manchmal nicht beizukommen ist. Es gibt im Leben Momente, denen man nur mit Gef\u00fchl n\u00e4her kommt. Sie ist froh, dass sie mit der Karawane abseits der eingetrampelten Pfade an der lang gestreckten Niloase inmitten einer unendlichen W\u00fcste auf der Durchreise ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2009.<\/p>\n<div id=\"attachment_47142\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-image-47142 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-47142\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv, Schreibstab von Peter Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nekropole. Abydos ist der Hauptkultort des Osiris. Sie sind mit der Karawane unterwegs. Die Augen sind geblendet von der Weite der Landschaft, der Mund versiegelt von der Sch\u00f6nheit, die Ohren verschlossen von der Stille. Sie schlafen auf Pritschen. 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