{"id":16733,"date":"2003-02-12T00:01:30","date_gmt":"2003-02-11T23:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16733"},"modified":"2024-08-31T14:52:15","modified_gmt":"2024-08-31T12:52:15","slug":"die-arbeit-als-leidenschaft-die-fortgesetzte-partitur-als-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/02\/12\/die-arbeit-als-leidenschaft-die-fortgesetzte-partitur-als-leben\/","title":{"rendered":"Die Arbeit als Leidenschaft, die fortgesetzte Partitur als Leben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Die Welt ist zweifellos das gr\u00f6sste Erlebnis, aber zum Grossteil ersch\u00f6pft sie sich doch in einer entsetzlichen Anstrengung. Die Welt ist mehr und mehr ein enger Kerker, in welchem jener Untersuchungsh\u00e4ftling, der man ist, doch lebensl\u00e4nglich die schlechtest denkbare Luft einatmet und auf einen Freispruch nicht hoffen kann<\/em>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Cover6.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-16735\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Cover6.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"294\" \/><\/a>Bei diesen Worten Thomas Bernhards sollte ich es in der Erinnerung an jenen un\u00fcbertroffenen alten Gro\u00dfmeister <em>eigentlich<\/em> belassen, denn <em>naturgem\u00e4\u00df<\/em> kann jedes Wort, das ich \u00fcber den atemberaubenden, brillanten, charismatischen, denkw\u00fcrdigen, eigenwilligen, faszinierenden, genialen, hyperbolischen, irrwitzigen, jovialen, kategorischen, liebenswerten, monomanischen, naturgem\u00e4\u00df \u00f6sterreichisch provozierenden, qu\u00e4lenden, radikalen, sensiblen, totalen, universalen, versatilen, wahr\u00adhaftigen, z\u00e4hne\u00adflet\u00adschenden Thomas Bernhard (den Arnold Stadlers Erz\u00e4hler in <em>Eines Tages, vielleicht auch nachts<\/em> \u00bbBeschuldigungsvirtuose\u00ab nennt) und dessen vollkommen musikalisch komponierte B\u00fccher \u00e4u\u00dfere, nichts als ein ganz und gar unangebrachtes Wort sein, das auf <em>gleichsam<\/em> infame Art jeden Sinn dessen, was ich zum Ausdruck zu bringen beabsichtige, ja, hoffe, verk\u00fcrzt und verdunkelt, wodurch jedes der von mir gew\u00e4hlten W\u00f6rter den Charakter eines \u00fcber jeden Zweifel erhabenen Autors und dessen im besten Sinne durch und durch komischen, wahrhaft vielseitigen Werks auf stumpfsinnigste und absto\u00dfendste Weise verzerrt und besch\u00e4digt. Ich fasse mich also kategorisch kurz und lasse den Erz\u00e4hler aus <em>Beton<\/em>, Thomas Bernhards Roman von 1982, best\u00e4tigen, was ich, einleitend, mehr oder weniger m\u00fchsam, in W\u00f6rter zu fassen versucht habe:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Der Geist wird, wo immer er auftaucht, fertig\u00adgemacht und eingesperrt und er wird naturgem\u00e4\u00df immer sofort zum Ungeist gestempelt, sagte er, dachte ich, w\u00e4hrend ich die Gastzimmer\u00addecke betrachtete. Aber es ist alles Unsinn, was wir reden, sagte er, dachte ich, gleich, was wir sagen, es ist Unsinn und unser ganzes Leben ist eine einzige Unsinnigkeit. Das habe ich fr\u00fch begriffen, kaum habe ich zu denken angefangen, habe ich das begriffen, wir reden nur Unsinn, alles, was wir sagen, ist Unsinn, aber auch alles, was uns gesagt wird, ist Unsinn, wie alles, was \u00fcberhaupt gesagt wird, es ist in dieser Welt nur Unsinn gesagt worden bis jetzt und, sagte er, tats\u00e4chlich und naturgem\u00e4\u00df, nur Unsinn geschrieben worden, was wir an Geschrie\u00adbenem besitzen, ist nur Unsinn, wie die Geschichte beweist, sagte er, dachte ich.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zehn weitere mit diesen in schwindelerregende H\u00f6hen geschwungenen, konzentrisch um ein Wort, einen Gedanken, ein Bild, eine Klage kreisenden, immer wieder zum im Halse stecken bleibendem Lachen zwingenden S\u00e4tzen gef\u00fcllten, monologischen, absurdes, groteskes, skurilles Menschsein in aber\u00adwitzigen W\u00f6rter\u00adfilmen dar\u00adstellenden, das erdig Banale und himmlisch Erhabene amalgamierenden, von Alltag und Philosophie gleicherma\u00dfen durchdrungenen Bernhard-B\u00fccher, in denen Menschen nach beispielloser Voll\u00adkommenheit in <em>Ars<\/em> und <em>Vita<\/em> streben (woran sie \u2013 natur\u00adgem\u00e4\u00df \u2013 scheitern m\u00fcssen), f\u00fchre ich mir im Februar 2010 zu Gem\u00fcte, gerate nach der Lekt\u00fcre des volumin\u00f6sen <em>Briefwechsels<\/em> (mit Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld) erwartungsgem\u00e4\u00df in einen neuerlichen Thomas-Bernhard-Leserausch, in dem die B\u00fccher <em>Meine Preise \u00b7 Korrektur \u00b7<\/em> \u00bb<em>Ich bin ein Geschichten\u00adzer\u00adst\u00f6rer\u00ab \u00b7 Na\u00adtur\u00adgem\u00e4\u00df \u00b7 Meine \u00dcbertrei\u00adbungs\u00adkunst \u00b7 Die Eheh\u00f6lle \u00b7 \u00bbDie Ursache bin ich\u00ab \u00b7 Heldenplatz \u00b7 Eine Begeg\u00adnung<\/em> mir wieder Wort f\u00fcr Wort, Satz f\u00fcr Satz, Buch f\u00fcr Buch vor Augen f\u00fchren, auf welch gigantischem Gipfel die nichts weniger als gro\u00dfartigen Werke jenes furios formu\u00adlierenden Menschen thronen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Nach einer anf\u00e4nglich leichten, durch Ver\u00adschlep\u00adpung und Verschlampung aber pl\u00f6tzlich zu einer schweren gewordenen Lungen\u00adentz\u00fcndung, die meinen ganzen K\u00f6rper in Mitleidenschaft gezogen und die mich nicht weniger als drei Monate in dem bei meinem Heimatort gelegenen, auf dem Gebiete der sogenannten Inneren Krankheiten ber\u00fchmten Welser Spital festgehalten hatte, war ich, nicht<\/em> Ende Oktober, <em>wie mir von den \u00c4rzten angeraten, sondern schon<\/em> Anfang Oktober, <em>wie ich unbedingt wollte und in sogenannter Eigen\u00adverantwortung, einer Einladung des sogenannten Tier\u00adpr\u00e4parators H\u00f6ller im Aurachtal Folge leistend, gleich in das Aurachtal und in das H\u00f6llerhaus, ohne Umweg nach Stocket zu meinen Eltern,<\/em> gleich <em>in die sogenannte H\u00f6llersche Dachkammer, um den mir nach dem Selbst\u00admord meines Freundes Roithammer, der auch mit dem Tierpr\u00e4parator H\u00f6ller befreundet gewesen war, durch eine sogenannte letzt\u00adwillige Ver\u00adf\u00fcgung zugefallene, aus Tausenden von Roithammer beschriebenen Zetteln, aber auch aus dem umfangreichen Manuskript mit dem Titel<\/em> \u00dcber Altensam und alles, das mit Altensam zusammenh\u00e4ngt, unter besonderer Ber\u00fcck\u00adsich\u00adtigung des Kegels, <em>zusammen\u00adgesetz\u00adten Nachla\u00df zu sichten, m\u00f6glicher\u00adweise auch gleich zu ordnen.<\/em> <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Thomas Bernhard \u00b7 <em>Korrektur<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1981 ver\u00fcbt der lebens\u00adl\u00e4nglich Land und Menschen \u00fcberaus liebende, dagegen Politiker, Preise, Regierung, Schmutz (<em>\u00dcberhaupt, so Reger, sind die Wiener schmutzig, es gibt keine europ\u00e4ischen Gro\u00dfst\u00e4dter, die schmutziger sind, wie es ja bekannt ist, da\u00df die schmutzigsten europ\u00e4\u00adischen Wohnungen die Wiener Wohnungen sind, die Wiener Wohnungen sind noch viel schmutziger als die Wiener Toiletten<\/em>), Staat, Titel, Zeugnisse \u2013 <em>usw.<\/em> \u2013 abgrundtief hassende virtuose Wortk\u00fcnstler Thomas Bernhard, dessen die Erz\u00e4hlerfinger fanatisch in Wunden legende unerh\u00f6rt musikalische Prosa die Literatur im deutschen Sprach\u00adraum (und wahrscheinlich weit dar\u00fcber hinaus) seit dem Erschei\u00adnen des bereits auf rundweg grandiose Weise den <em>einzigartigen<\/em> Bernhard-Ton anschlagenden ersten Romans <em>Frost<\/em> von 1963 auf gleichsam ungeheure Weise beeinflu\u00dft, denke ich, w\u00e4hrend ich B\u00fccher wie Hans Peter Hoffmanns <em>Der Nichtstuer<\/em> oder Bodo Morsh\u00e4users <em>Liebeserkl\u00e4rung an eine h\u00e4\u00dfliche Stadt<\/em> lese, erstmals einen solchen Gewalt\u00adstreich auf mich: Nach der Lekt\u00fcre der auto\u00adbiogra\u00adphischen Romane <em>Die Ursache. Eine Andeutung<\/em> \u00b7 <em>Der Keller. Eine Entziehung<\/em> sowie <em>Der Atem. Eine Entscheidung<\/em> ist&#8217;s ein f\u00fcr allemal um mich geschehen, und ich ergebe mich willenlos und endg\u00fcltig in mein folgenschweres Leserschicksal. Bis zu Bernhards Todesjahr 1989 \u2013 <em>Ich glaube, der Tod eines K\u00fcnstlers sollte nicht von der Kette seiner sch\u00f6pfe\u00adrischen Errungen\u00adschaften losgel\u00f6st, sondern als ihr letztes, abschlie\u00ad\u00dfendes Glied betrachtet werden<\/em> (Ossip Mandelstam) \u2013 folgen <em>Frost<\/em> \u00b7 <em>Amras<\/em> \u00b7 <em>Verst\u00f6rung<\/em> \u00b7 <em>Ungenach<\/em> \u00b7 <em>Watten<\/em> \u00b7 <em>Das Kalkwerk<\/em> \u00b7 <em>Die K\u00e4lte. Eine Isolation<\/em> \u00b7 <em>Ein Kind<\/em> \u00b7 <em>Ja<\/em> \u00b7 <em>Beton<\/em> \u00b7 <em>Wittgensteins Neffe<\/em> \u00b7 <em>Hozf\u00e4llen<\/em> \u00b7 <em>Der Untergeher<\/em> \u00b7 <em>Alte Meister<\/em> sowie der am Ende alles, ja, alles \u00fcberragende letzte, mit 651 Seiten auch bei weitem umfang\u00adreichste Roman <em>Ausl\u00f6schung<\/em>. Die B\u00fccher <em>Gehen<\/em> \u00b7 <em>Der Stimmen\u00adimitator<\/em> \u00b7 <em>In der H\u00f6he<\/em> und <em>Gesammelte Gedichte<\/em> sind in den Jahren danach an der Reihe. Bernhards tiradische Theater\u00adst\u00fccke lese ich bis 2010 nie, verfolge jedoch, gebannt und begeistert, die St\u00fccke <em>Minetti<\/em> und <em>Ein Fest f\u00fcr Boris<\/em> vor Jahren im Fern\u00adsehnacht\u00adprogramm.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Nach der Unterredung mit dem Sch\u00fcler Gambetti, mit welchem ich mich am Neunundzwanzigsten auf dem Pincio getroffen habe, schreibt Murau, Franz-Josef, um die Mai-Termine f\u00fcr den Unterricht zu vereinbaren und von dessen hoher Intelligenz ich auch jetzt nach meiner R\u00fcckkehr aus Wolfsegg \u00fcberrascht, ja in einer derart erfrischenden Weise begeistert gewesen bin, da\u00df ich ganz gegen meine Gewohnheit, gleich durch die Via Condotti auf die Piazza Minerva zu gehen, auch in dem Gedanken, tats\u00e4chlich schon lange in Rom und nicht mehr in \u00d6sterreich zuhause zu sein, in eine zunehmend heitere Stimmung versetzt, \u00fcber die Flaminia und die Piazze del Popolo, den ganzen Corso entlang in meine Wohnung gegangen bin, erhielt ich gegen ein Uhr Mittag das Telegramm, in welchem mir der Tod meiner Eltern und meines Bruders Johannes mitgeteilt wurde.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Thomas Bernhard \u00b7 <em>Ausl\u00f6schung<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Oktober und November 2010 lese ich die in f\u00fcnf B\u00e4nden im Schuber neu aufgelegten auto\u00adbiogra\u00adphischen Romane <em>Der Atem<\/em> \u00b7 <em>Der Keller<\/em> \u00b7 <em>Die Ursache<\/em> \u00b7 <em>Die K\u00e4lte<\/em> \u00b7 <em>Ein Kind<\/em> zum zweiten Mal. Es ist eine leiden\u00adschaftliche Wieder\u00adbegegnung, die mehr als best\u00e4tigt, was ich einst w\u00e4hrend der ersten Lekt\u00fcre dachte, empfand. Wie meint Claus Peymann: <em>Bernhard ist wie eine Droge<\/em>. Und ich bin offenbar schwerstabh\u00e4ngig \u2013 wie wohl auch Marcel Reich-Ranicki, der in <em>Der doppelte Boden<\/em> im Gespr\u00e4ch mit Peter von Matt res\u00fcmiert: <em>Das Manische bei Bernhard, das Insistierende, das sich in Sprache umsetzt, das in seinem Tonfall, in seinem Satzbau sp\u00fcrbar wird, sein bitterer, grimmiger Humor, sein Katastrophismus \u2013 das alles ist einzigartig.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stadt ist, von zwei Menschenkategorien bev\u00f6lkert, von Gesch\u00e4ftemachern und ihren Opfern, dem Lernenden und Studierenden nur auf die schmerzhafte, eine jede Natur st\u00f6rende, mit der Zeitver<em>st\u00f6rende und<\/em> zer<em>st\u00f6rende, sehr oft nur auf die heimt\u00fcckisch-t\u00f6dliche Weise bewohnbar.<\/em> (Thomas Bernhard \u00b7 <em>Die Ursache. Eine Andeutung<\/em>)<br \/>\n<em><br \/>\n<\/em>In diesen au\u00dferordentlich milden und sonnenbeschienenen Tagen im fr\u00fchen Februar 2011, eingedenk des sich zum 80. Mal j\u00e4hrenden Geburtstag Thomas Bernhards am 9. Februar 1931 (oder war&#8217;s der 10. Februar? Bernhard wu\u00dfte es nicht, in einer von ihm selbst verfa\u00dften Vita hei\u00dft es: <em>geboren am 9. oder 10. Februar 1931 in Heerlen, Holland, zwischen Maastricht und Aachen. \u00d6sterreichische Eltern, die fr\u00fch verstorben sind, der Vater 1943 w\u00e4hrend eines Luftangriffs auf Frankfurt\/Oder, die Mutter 1950 an Krebs<\/em>), lerne ich das anhand des Gesamtwerks gestaltete, aus einem Bernhardschen Gu\u00df edierte Lesebuch <em>Aus Opposition gegen mich<\/em> <em>selbst<\/em> sowie die Reden, Leserbriefe, Interviews und Feuilletons in <em>Der Wahrheit auf der Spur<\/em> kennen<em>.<\/em> Am 9. Februar 2011 folgt das kurze Prosa-Fragment <em>Der Italiener<\/em>. Direkt im Anschlu\u00df an die zutiefst bedr\u00fcckende Lekt\u00fcre lasse ich mich von Ferry Radax&#8216; gleichnamigem d\u00fcsteren Schwarz-Wei\u00df-Film, zu dem Bernhard das Drehbuch schrieb und der 1971 im WDR ausgestrahlt wurde, gefangen nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Nein, ich tue alles nur f\u00fcr mich selbst. Alle Menschen tun alles f\u00fcr sich selbst. Ob sie seiltanzen oder Brot backen oder Schaffner bei der Eisenbahn sind oder Kunstflieger. Nur bei Kunstfliegern gibt es Veranstaltungen, wo die Leute halt hinaufschauen. W\u00e4hrend er sch\u00f6n fliegt, warten die darauf, da\u00df er runterfliegt. Bei Schriftstellern ist das auch so. Im Unterschied zum Kunstflieger, der nur einmal herunterfliegt und dann meistens kaputt und tot ist, ist der Schriftsteller auch kaputt und tot, aber er wird immer wieder lebendig. Es gibt immer wieder eine Veranstaltung. Je \u00e4lter er wird, je h\u00f6her fliegt er. Bis man ihn eines Tages nicht mehr sieht und sich fragt: \u00bbKomisch, warum f\u00e4llt er nicht mehr runter?\u00ab<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Gespr\u00e4ch mit Asta Scheib am 17. Januar 1987<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcnftigen Thomas-Bernhard-Attacken (f\u00fcr die der schlitzohrige Misanthrop Bernhard, der 1957 mit dem Gedichtband <em>Auf der Erde und in der H\u00f6lle<\/em> deb\u00fctierte und dessen <em>Werke<\/em> in 22 B\u00e4nden seit 2003 bei Suhrkamp erscheinen) nichts als bei\u00dfenden Spott \u00fcbrighat: <em>Der lesende Mensch ist wie der fleischfressende auf die widerw\u00e4rtigste Weise gefr\u00e4\u00dfig und verdirbt sich wie der fleischfressende den Magen und die gesamte Gesundheit, den Kopf und die ganze geistige Existenz<\/em>) steht erfreulicherweise angesichts einer ganzen Reihe zum Gl\u00fcck noch nicht gelesener B\u00fccher nichts im Wege: <em>An der Baumgrenze \u00b7 Claus Peymann kauft sich eine Hose \u00b7 Der deutsche Mittagstisch \u00b7 Die Billigesser \u00b7 Der Kulterer<\/em> <em>\u00b7 Der Theatermacher \u00b7 D\u00fcsseldorf oder M\u00fcnchen oder Hamburg \u00b7 Ereignisse \u00b7 Erz\u00e4hlungen<\/em> und <em>St\u00fccke 1 \u2013 4<\/em> harren, mit den Hufen scharrend, der Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Er sei Buchh\u00e4ndler geworden, weil er genug Masochist sei zu diesem Zwecke einerseits, weil ihm ein Onkel, ein Bruder seiner Mutter, die Buchhandlung \u00fcberlassen habe andererseits. Er empfinde nat\u00fcrlich an jedem Tage und im Grunde solange er die Buchhandlung unterhalte, den mit einem solchen Gesch\u00e4ft auf Gedeih und Verderb verbundenen Geschichts- und Geisterleerlauf, er habe sich aber damit abgefunden und wenn er sich an den Produkten, die er jetzt schon \u00fcber drei Jahrzehnte verkaufe, genug geekelt habe, finde er dann immer wieder in einem jener historischen S\u00e4tze Zuflucht, die ein verr\u00fcckter sogenannter Dichter oder Denker zur Beglaubi\u00adgung seiner Verr\u00fccktheit geschrieben habe. Es seien aber schon lange keine B\u00fccher mehr, die ihn retten k\u00f6nnten, sondern nurmehr noch S\u00e4tze, einzelne S\u00e4tze von Novalis beispielsweise, von Montaigne, von Spinoza, von Pascal, an welchen er sich von Zeit zu Zeit anklammern m\u00fcsse, um nicht unterzugehen. Die Buchh\u00e4ndler seien von allen die Bedauerns\u00adwertesten, weil auf ihnen wie auf nichts sonst die ganze Scheu\u00dflichkeit und Gemeinheit der Menschen\u00adgeschichte und die ganze Hilflosigkeit und Erbarmungsw\u00fcrdigkeit der Kunst laste und sie sich immer zu f\u00fcrchten haben, von dieser antimensch\u00adlichen Last erdr\u00fcckt zu werden. Der Buchh\u00e4ndler, der sein Gesch\u00e4ft ernst nimmt, ist der Bedauernswerteste des ganzen Menschen\u00adgeschlechts, weil er tagt\u00e4glich und ununter\u00adbrochen mit der absoluten Sinnlosigkeit des jemals Geschrie\u00adbenen konfrontiert ist und wie kein zweiter die Welt als H\u00f6lle erlebt, so Goldschmidt zu Koller. Goldschmidt sei aber einer der allerwenigsten Buchh\u00e4ndler, auf die der Begriff des Buch\u00adh\u00e4ndlers \u00fcberhaupt noch anwendbar sei, denn die Buchh\u00e4ndler wie Goldschmidt, die ihren Buchhandel ernst nehmen und die den Buchhandel nicht als gemeines Gesch\u00e4ft, sondern tats\u00e4chlich noch als eine der Geschichte und Literatur dienende Geistesarbeit und -liebe auffa\u00dften, seien beinahe g\u00e4nzlich ausgestorben. Die Geistfeindlichkeit, die heute alles beherrsche, so Koller, sei auch oder gerade \u00fcber die Buchh\u00e4ndler in Europa und wahrscheinlich auch in der ganzen \u00fcbrigen Welt gegangen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Thomas Bernhard \u00b7 <em>Die Billigesser<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Seit einiger Zeit bin ich total begeistert von Thomas Bernhard. So verr\u00fcckt, wie der auch manchmal ist. Aber sein Wahn richtet sich immer gegen sich selbst, und das ist ein Konzept, das mich fasziniert. Und au\u00dferdem ist er komisch. Herz\u00adzerrei\u00dfend komisch<\/em>, betont William Gaddis in einem Interview, das Klaus Modick mit dem amerikanischen (1998 verstorbenen) Autor des monumentalen Romans <em>The Recognitions<\/em> f\u00fchrte. <em>Es ist<\/em> [ja auch] <em>alles l\u00e4cherlich, wenn man an den Tod denkt,<\/em> antwortet Thomas Bernhard \u2013 und was w\u00e4re dem noch hinzuzuf\u00fcgen \u2013 \u2013 \u2013 au\u00dfer: <strong>NICHTS.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192 <\/strong>Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/02\/12\/der-der-aus-verzweiflung-hinausrennt-wird-nachher-noch-betitelt-den-habn-wir-los-jetzt\/\">Nachruf<\/a> auf Thomas Bernhard.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103948 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Thomas_Bernhard-203x300.jpg\" alt=\"\" width=\"203\" height=\"300\" \/><strong>\u2192 <\/strong>Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, die Redaktion entdeckt die Keimzelle des Nonkonformismus in der die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/10\/die-keimzelle-des-nonkonformismus\/\">Romantiker-WG in Jena<\/a>. Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt ist zweifellos das gr\u00f6sste Erlebnis, aber zum Grossteil ersch\u00f6pft sie sich doch in einer entsetzlichen Anstrengung. 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