{"id":16720,"date":"2013-07-28T00:01:11","date_gmt":"2013-07-27T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16720"},"modified":"2022-02-19T16:50:11","modified_gmt":"2022-02-19T15:50:11","slug":"inhaltism","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/28\/inhaltism\/","title":{"rendered":"inhaltism"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Vorbemerkung der Redaktion: <\/span>Mit diesem <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> gilt es ein weiteres Vers\u00e4umnis nachzuholen. Damals fehlte die Sparte <em>Performance<\/em> im Projekt <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kollegen.htm\">Kollegengespr\u00e4che<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">A.J. Weigoni: War mich immer schon irritiert hat, sind Ank\u00fcndigungen auf Plakaten mit dem Wortlaut: &#8222;Dichter*In X liest&#8220;. Dass ein Schriftsteller lesen kann, sollte man eigentlich voraussetzen, sonst k\u00f6nnte er nicht schreiben. Ich habe meine Auftritte als \u201aPoetische Performances\u2019 verstanden, gem\u00e4ss der Definition: \u201eEine Performance entsteht, indem sie verschwindet.\u201c &#8211; Wie h\u00e4ltst Du es mit dem \u201eAuftritt\u201c?<\/p>\n<div id=\"attachment_16725\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Tonverbrechung-Bandfoto-300x225.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16725\" class=\"size-full wp-image-16725\" title=\"Tonverbrechung-Bandfoto-300x225\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Tonverbrechung-Bandfoto-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16725\" class=\"wp-caption-text\">Tonverbrechung: Elisabeth F\u00fcgemann, Lukas Truniger, Nicola Hein, Sophie Reyer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sophie Reyer: Tats\u00e4chlich sehe ich meine Arbeiten immer auch als Partituren. Was soviel bedeutet wie: \u201eIch schreibe mit dem Ohr.\u201c Wer seine Texte h\u00f6ren kann, der kann sie auch lesen. Das Fl\u00fcchtige an der Performance reizt mich sehr. Dass sie nicht versucht, ein Werk zu konservieren, sondern vielmehr das lyrische Destillat im Moment selbst zug\u00e4nglich machen m\u00f6chte, und dem Text gleichzeitig dabei hilft, sich aufzul\u00f6sen. Mich erinnert das ein bisschen an manche indianische St\u00e4mme, die viele Wochen lange Bilder aus Sand streuen, nur, um diese dann in einem einzigen Moment wieder zu verwischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Zur Beziehung unter den Performern. F\u00fcr mich waren die gl\u00fccklichsten Momente, wenn wir nicht nur miteinander gespielt haben, sondern zugleich auch mit dem Material und wenn das Publikum das auch noch mitbekommen hat, war\u2019s ein perfekter Abend. Gibt es f\u00fcr Dich \u00e4hnliche \u201eWohlf\u00fchl\u201c-Momente?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reyer: Besonders gern habe ich Auftritte, in denen eine Art Dialog, sei es mit Musikern, sei es mit anderen Schreibenden, sei es mit Visuals- wenn sie nicht zu sehr illustrierend arbeiten- oder Live- Elektronik, stattfindet. Klassische Lesesituationen hingegen finde ich immer wahnsinnig unspannend. Ich kenne meine Texte ja schon und habe sie hunderte Male durchgeh\u00f6rt. Warum sie also noch einmal vorlesen?<\/p>\n<div id=\"attachment_16726\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/praegnarien-13-300x200.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16726\" class=\"size-full wp-image-16726\" title=\"praegnarien-13-300x200\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/praegnarien-13-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16726\" class=\"wp-caption-text\">A.J. Weigoni \/ Philipp Bracht, Photo: Dieter Meth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Es geh\u00f6rt anscheinend zur Wiederholkultur. Bei meinen poetischen Performances habe ich mit den Kollegen nie geprobt, sondern mich auf die Musiker, den Ort, und nicht zuletzt die Zuschauer eingelassen. Sicherlich sind dabei Fehler entstanden, aber Fehler verzeiht das Publikum am ehesten, weil diese Ausrutscher menschlich sind. &#8211; Eine der sch\u00f6nsten Auftritte hatte ich mit dem Posaunisten <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/praegnarien.htm\">Philipp Bracht<\/a>, den ich f\u00fcnf Minuten vor dem Auftritt kennen lernte und im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=57\">Rheintor<\/a> einen der begl\u00fcckensten Auftritte hinlegte. &#8211; Darf man Poesie in dem entdecken, was man in sich selbst entdeckt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reyer:\u00a0 Ich denke, sp\u00e4testens seit John Cage stellt sich diese Frage nicht mehr. Wenn alles Musik sein kann, dann kann auch alles Poesie sein. Sei es, dass sie einem als kaputte Bierdose auf der Stra\u00dfe begegnet, und, ja, sei es, dass sie als Gef\u00fchlswellen im inneren Erleben auf und ab schwappt. Wer mit den Augen eines Dichters schaut, der kann \u00fcberall Poesie entdecken. Und gleichzeitig kann er auch \u00fcber diese Poesie lachen, sie entlarven, sie umdrehen, aber z\u00e4rtlich und liebevoll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Nuja, ein Jeder ist nur dann ein K\u00fcnstler, wenn er dann denne danach lebt. Du verzeihst, wenn ich insistiere: Darf das innere psychische Geschehen nach aussen verbracht und Gegenstand der Poesie sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reyer: Ich denke, dass es bei der Produktion k\u00fcnstlerischer Arbeiten immer beides braucht: Die absolute, schonungsloseste Art der Innerlichkeit und gleichzeitig das k\u00fchle betrachtende Auge von Au\u00dfen. \u00a0Zwischen diesen beiden Punkten oszilliert das schreibende Subjekt. Gegenstand wird dabei immer das innere psychische Geschehen sein. Wir kennen ja nur uns selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: \u00d6m&#8217;et auf Neudeutsch zu sagen: Inner-space; es sollte zumindest so sein. Und selbstverst\u00e4ndlich das, was sich nach aussen st\u00fclpt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reyer: Erleben ist immer subjektiv. Meiner Meinung nach ist es besser, diese Subjektivit\u00e4t zu thematisieren, sie auch zu hinterfragen, als ein Konstrukt objektiver Wahrheit vorzuschieben, das so nicht existiert und nie existieren wird. Denn wir Menschen nehmen das Leben immer durch die Filter unserer eigenen Wahrnehmung auf. Andersrum aber sind wir auch nie ganz wir selbst- was auch immer das hei\u00dft-, denn wir haben Programme und Verhaltensweisen erlernt, sind sozial gepr\u00e4gt, gesellschaftlich gepr\u00e4gt und so fort. Diese Tatsache wiederum macht eine Distanzierung zur eigenen inneren Welt im k\u00fcnstlerischen Werk meiner Meinung nach notwendig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Ein weiteres Nachhaken: Soll ausschliesslich das sprachliche Geschehen, die Chemie des Sprachmaterials Gegenstand der Poesie sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reyer: Das Sprachmaterial hat sowieso immer auch ein Eigenleben. Zum Gl\u00fcck. In meiner Arbeit ist es eine Gratwanderung. Wie z\u00e4hmt man die Worte, und wie l\u00e4sst man sie gleichzeitig frei?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Nach meiner Erfahrung mit dem so genanneten Medium \u201eH\u00f6rbuch\u201c. \u201eWenn es Videoclips gibt muss auch die Literatur auf die ver\u00e4nderten medialen Verh\u00e4ltnisse reagieren.\u201c, hatten wir in den 1990-ern postuliert. Es sind <em>Literaturclips<\/em> entstanden, die Sounds, Musikminiaturen, und Wortfelder beinhalten. Poetische Momente treffen auf industriellen L\u00e4rm, Licks auf Lyrik, Grooves auf Gebrummel. Gefragt ist die Idee pur ohne chemische Zus\u00e4tze, der fl\u00fcchtige Moment und kein bombastischer Furz. K\u00fcnstler aus verschiedenen Sparten trafen aufeinander und arbeiteten zusammen, aber auch gegeneinander. Daraus entstehen Werkgruppen, die ineinander verflochten sind: H\u00f6rspiel als Bagatelle, Triviale Maschinen, Streetsounds, H\u00f6rspiel als Rough&#8217;n&#8217;Roll und das H\u00f6rspiel als Spiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reyer: Das ist wie in einer Beziehung, ein Dialog eben zwischen dem Schreibenden und seiner Spielwiese aus Worten, Kl\u00e4ngen, Bildern. Wenn der Dialog aufh\u00f6rt, wird es f\u00fcr mich umspannend. Wenn ich nur noch mein eigenes Konzept durchziehe, ohne auf das zu h\u00f6ren, was im Sprachmaterial angelegt ist, was es also in gewissem Sinne von mir &#8222;will&#8220;, dann verliert die Kunst ihre Spannung und ist nur noch Mittel zum Zweck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Ist das dichtende Wort ein Produkt der Weigerung des Menschen gegen\u00fcber den Menschen wie der Herrschaft des Menschen \u00fcber den Menschen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reyer: Das dichtende Wort bestimmter Dichter bestimmt. (Dieser Satz ist auch schon so was wie Dichtung, oder?)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Nie <em>em L\u00e4we<\/em> w\u00fcrde ich mich als Dichter bezeichnen; eher als VerDichter!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reyer: Was die Weigerung des Menschen gegen\u00fcber den Menschen betrifft, so wei\u00df ich nicht, ob ich das in meiner eigenen Arbeit ausdr\u00fccken m\u00f6chte. Ich denke, es ist eher umgekehrt: Ich m\u00f6chte \u00fcber meine Sprachversuche mit Menschen in Beziehung treten. Aber dass ich gegen die Herrschaft des Menschen \u00fcber den Menschen anschreiben m\u00f6chte, gegen jede Art der Herrschaft \u00fcberhaupt &#8211; da steckt Herr drin, das ist mir alles zu stark m\u00e4nnlich konnotiert und hat zuviel mit Macht zu tun &#8211; m\u00f6chte ich unterstreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Die Vorlage f\u00fcr eine Gender*Diskussion lasse ich mir als <span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Cis-Mann<\/span><\/span> entgehen und m\u00f6chte abschliessend zum eigentlichen Thema <em>Performance<\/em> zur\u00fcckkommen. Eine gute Performance hatte immerschon einen pflanzlichen Charakter, sie w\u00e4chst im Kopf des Betrachters. Literatur ist somit nie abgeschlossen. L\u00e4sst sich so die <em>Sinnfrage<\/em> zwischen B\u00fchne und Zuschauerraum im 21. Jahrhundert neu aufteilen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reyer: Auf jeden Fall, wie viele Beispiele im Theater-, Musik- und Performancebereich ja bereits gezeigt haben. Prickelnd und spannend finde ich es, wenn Sinn oder Bedeutung erst durch die Kommunikation zwischen Schauspieler und Zuschauer entsteht. Das skurrile Strategietheater Mimamusch beispielsweise thematisiert die Prostitution des Schauspielers direkt, indem es diesen im Rahmen eines Festivals jeweils nur einen Zuschauer &#8222;fangen&#8220; l\u00e4sst, vor dem dann gespielt wird. Fein finde ich auch Formate, die zum Mitbasteln anregen. In Moment arbeite ich mit der Gruppe &#8222;Sisyphos, der Flugelefant&#8220; an dem Kindertheaterst\u00fcck &#8222;Alle f\u00fcr Sarah&#8220;. Je nachdem, ob die jungen Zuschauer sich beteiligen oder nicht, \u00e4ndert sich das Schicksal der Hauptfigur. Aber ich lasse mich auch von ganz klassischen, hierarchisch strukturierten Theaterabenden gern verzaubern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Bedanke mich f\u00fcr das nachgeholte Kollegengespr\u00e4ch. Bussi, Baba!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong>Pr\u00e6gnarien<\/strong>, H\u00f6rbuch von Philipp Bracht, Frank Michaelis und A.J. Weigoni. Eine limitierte Auflage von 50 Exemplaren ist versehen mit einem Original von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, M\u00fchleim an der Ruhr 2013<\/p>\n<div id=\"attachment_98556\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98556\" class=\"wp-image-98556 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Praegnarien_Cover-212x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98556\" class=\"wp-caption-text\">Auf dem Cover finden wir pa\u00dfgenau hingetuschte Portr\u00e4ts.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>H\u00f6rproben \u2192 <\/strong>Probeh\u00f6ren kann man die <em>Pr\u00e6gnarien<\/em> auf <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/clips\/prae_last7.mp3\">MetaPhon<\/a>. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_xE7BPCey68\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch die W\u00fcrdigung von Jens Pacholsky: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\">H\u00f6rb\u00fccher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters<\/a>.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong>Jeder Band aus dem <em>Schuber<\/em> von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk. KUNO fa\u00dft die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42570\">Stimmen<\/a> zu dieser verlegerischen Gro\u00dftat zusammen. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/div>\n<div><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">PS: Nach dem Kollegengespr\u00e4ch \u00fcber die Sparte <em>Performance<\/em> hat Sophie Reyer ihrerseits den Ball aufgenommen und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19055\">hier<\/a> zur\u00fcckgespielt.<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Mit diesem Kollegengespr\u00e4ch gilt es ein weiteres Vers\u00e4umnis nachzuholen. Damals fehlte die Sparte Performance im Projekt Kollegengespr\u00e4che. A.J. Weigoni: War mich immer schon irritiert hat, sind Ank\u00fcndigungen auf Plakaten mit dem Wortlaut: &#8222;Dichter*In X liest&#8220;. 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