{"id":16702,"date":"1990-07-03T00:01:00","date_gmt":"1990-07-02T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16702"},"modified":"2022-03-30T05:39:56","modified_gmt":"2022-03-30T03:39:56","slug":"vor-dem-gesetz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/07\/03\/vor-dem-gesetz\/","title":{"rendered":"Vor dem Gesetz"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem Gesetz steht ein T\u00fcrh\u00fcter. Zu diesem T\u00fcrh\u00fcter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der T\u00fcrh\u00fcter sagt, da\u00df er ihm jetzt den Eintritt nicht gew\u00e4hren k\u00f6nne. Der Mann \u00fcberlegt und fragt dann, ob er also sp\u00e4ter werde eintreten d\u00fcrfen. \u00bbEs ist m\u00f6glich\u00ab, sagt der T\u00fcrh\u00fcter, \u00bbjetzt aber nicht.\u00ab Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der T\u00fcrh\u00fcter beiseite tritt, b\u00fcckt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der T\u00fcrh\u00fcter das merkt, lacht er und sagt: \u00bbWenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin m\u00e4chtig. Und ich bin nur der unterste T\u00fcrh\u00fcter. Von Saal zu Saal stehn aber T\u00fcrh\u00fcter, einer m\u00e4chtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.\u00ab Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zug\u00e4nglich sein, denkt er, aber als er jetzt den T\u00fcrh\u00fcter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine gro\u00dfe Spitznase, den langen, d\u00fcnnen, schwarzen tatarischen Bart, entschlie\u00dft er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der T\u00fcrh\u00fcter gibt ihm einen Schemel und l\u00e4\u00dft ihn seitw\u00e4rts von der\u00a0T\u00fcr sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und erm\u00fcdet den T\u00fcrh\u00fcter durch seine Bitten. Der T\u00fcrh\u00fcter stellt \u00f6fters kleine Verh\u00f6re mit ihm an, fragt ihn \u00fcber seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie gro\u00dfe Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, da\u00df er ihn noch nicht einlassen k\u00f6nne. Der Mann, der sich f\u00fcr seine Reise mit vielem ausger\u00fcstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den T\u00fcrh\u00fcter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: \u00bbIch nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas vers\u00e4umt zu haben.\u00ab W\u00e4hrend der vielen Jahre beobachtet der Mann den T\u00fcrh\u00fcter fast ununterbrochen. Er vergi\u00dft die andern T\u00fcrh\u00fcter, und dieser erste schien ihm das einzige Hindernis f\u00fcr den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den ungl\u00fccklichen Zufall, in den ersten Jahren r\u00fccksichtslos und laut, sp\u00e4ter, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des T\u00fcrh\u00fcters auch die Fl\u00f6he in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Fl\u00f6he, ihm zu helfen und den T\u00fcrh\u00fcter umzustimmen. Schlie\u00dflich wird sein Augenlicht schwach, und er wei\u00df nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen t\u00e4uschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverl\u00f6schlich aus der T\u00fcre des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den T\u00fcrh\u00fcter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden K\u00f6rper nicht mehr aufrichten kann. Der T\u00fcrh\u00fcter mu\u00df sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Gr\u00f6\u00dfenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes ver\u00e4ndert. \u00bbWas willst du denn jetzt noch wissen?\u00ab fragt der T\u00fcrh\u00fcter, \u00bbdu bist uners\u00e4ttlich.\u00ab \u00bbAlle streben doch nach dem Gesetz\u00ab, sagt der Mann, \u00bbwieso kommt es, da\u00df in den vielen Jahren niemand au\u00dfer mir Einla\u00df verlangt hat?\u00ab Der T\u00fcrh\u00fcter erkennt, da\u00df der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Geh\u00f6r noch zu erreichen, br\u00fcllt er ihn an: \u00bbHier konnte niemand sonst Einla\u00df erhalten, denn dieser Eingang war nur f\u00fcr dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schlie\u00dfe ihn.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erstdruck von <em>Vor dem Gesetz<\/em> in: Selbstwehr. Unabh\u00e4ngige J\u00fcdische Wochenschrift (Prag), 9. Jg., Nr. 24, 1915.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99615\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Franz_Kafka-e1645556890422.jpg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"300\" \/>&#8222;Doch wenigstens solange man lebt, ist es nie zu sp\u00e4t f\u00fcr den eigenen Eingang, daf\u00fcr, ein Einzelner zu sein.&#8220;<\/p>\n<p>R\u00fcdiger Safranski<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vor dem Gesetz steht ein T\u00fcrh\u00fcter. Zu diesem T\u00fcrh\u00fcter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der T\u00fcrh\u00fcter sagt, da\u00df er ihm jetzt den Eintritt nicht gew\u00e4hren k\u00f6nne. 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