{"id":16569,"date":"2013-07-03T00:01:11","date_gmt":"2013-07-02T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16569"},"modified":"2024-04-22T05:32:25","modified_gmt":"2024-04-22T03:32:25","slug":"ein-bericht-fur-eine-akademie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/03\/ein-bericht-fur-eine-akademie\/","title":{"rendered":"Ein Bericht f\u00fcr eine Akademie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Hohe Herren von der Akademie!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht \u00fcber mein \u00e4ffisches Vorleben einzureichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen. Nahezu f\u00fcnf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am Kalender gemessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren, so wie ich es getan habe, streckenweise begleitet von vortrefflichen Menschen, Ratschl\u00e4gen, Beifall und Orchestralmusik, aber im Grunde allein, denn alle Begleitung hielt sich, um im Bilde zu bleiben, weit von der Barriere. Diese Leistung w\u00e4re unm\u00f6glich gewesen, wenn ich eigensinnig h\u00e4tte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen der Jugend festhalten wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot, das ich mir auferlegt hatte; ich, freier Affe, f\u00fcgte mich diesem Joch. Dadurch verschlossen sich mir aber ihrerseits die Erinnerungen immer mehr. War mir zuerst die R\u00fcckkehr, wenn die Menschen gewollt h\u00e4tten, freigestellt durch das ganze Tor, das der Himmel \u00fcber der Erde bildet, wurde es gleichzeitig mit meiner vorw\u00e4rtsgepeitschten Entwicklung immer niedriger und enger; wohler und eingeschlossener f\u00fchlte ich mich in der Menschenwelt, der Sturm, der mir aus meiner Vergangenheit nachblies, s\u00e4nftigte sich; heute ist es nur ein Luftzug, der mir die Fersen k\u00fchlt; und das Loch in der Ferne, durch das er kommt und durch das ich einstmals kam, ist so klein geworden, da\u00df ich, wenn \u00fcberhaupt die Kr\u00e4fte und der Wille hinreichen w\u00fcrden, um bis dorthin zur\u00fcckzulaufen, das Fell vom Leib mir schinden m\u00fc\u00dfte, um durchzukommen. Offen gesprochen, so gerne ich auch Bilder w\u00e4hle f\u00fcr diese Dinge, offen gesprochen: Ihr Affentum, meine Herren, soferne Sie etwas Derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine. An der Ferse aber kitzelt es jeden, der hier auf Erden geht: den kleinen Schimpansen wie den gro\u00dfen Achilles. In eingeschr\u00e4nktestem Sinn aber kann ich doch vielleicht Ihre Anfrage beantworten und ich tue es sogar mit gro\u00dfer Freude. Das erste, was ich lernte, war: den Handschlag geben; Handschlag bezeugt Offenheit; mag nun heute, wo ich auf dem H\u00f6hepunkte meiner Laufbahn stehe, zu jenem ersten Handschlag auch das offene Wort hinzukommen. Es wird f\u00fcr die Akademie nichts\u00a0wesentlich Neues beibringen und weit hinter dem zur\u00fcckbleiben, was man von mir verlangt hat und was ich beim besten Willen nicht sagen kann \u2013 immerhin, es soll die Richtlinie zeigen, auf welcher ein gewesener Affe in die Menschenwelt eingedrungen ist und sich dort festgesetzt hat. Doch d\u00fcrfte ich selbst das Geringf\u00fcgige, was folgt, gewi\u00df nicht sagen, wenn ich meiner nicht v\u00f6llig sicher w\u00e4re und meine Stellung auf allen gro\u00dfen Variet\u00e9b\u00fchnen der zivilisierten Welt sich nicht bis zur Unersch\u00fctterlichkeit gefestigt h\u00e4tte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stamme von der Goldk\u00fcste. Dar\u00fcber, wie ich eingefangen wurde, bin ich auf fremde Berichte angewiesen. Eine Jagdexpedition der Firma Hagenbeck \u2013 mit dem F\u00fchrer habe ich \u00fcbrigens seither schon manche gute Flasche Rotwein geleert \u2013 lag im Ufergeb\u00fcsch auf dem Anstand, als ich am Abend inmitten eines Rudels zur Tr\u00e4nke lief. Man scho\u00df; ich war der einzige, der getroffen wurde; ich bekam zwei Sch\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen in die Wange; der war leicht; hinterlie\u00df aber eine gro\u00dfe ausrasierte rote Narbe, die mir den widerlichen, ganz und gar unzutreffenden, f\u00f6rmlich von einem Affen erfundenen Namen Rotpeter eingetragen hat, so als unterschiede ich mich von dem unl\u00e4ngst krepierten, hie und da bekannten, dressierten Affentier Peter nur durch den roten Fleck auf der Wange. Dies nebenbei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Schu\u00df traf mich unterhalb der H\u00fcfte. Er war schwer, er hat es verschuldet, da\u00df ich noch heute ein wenig hinke. Letzthin las ich in einem Aufsatz irgendeines der zehntausend Windhunde, die sich in den Zeitungen \u00fcber mich auslassen: meine Affennatur sei noch nicht ganz unterdr\u00fcckt; Beweis dessen sei, da\u00df ich, wenn Besucher kommen, mit Vorliebe die Hosen ausziehe, um die Einlaufstelle des Schusses zu zeigen. Dem Kerl sollte jedes Fingerchen seiner schreibenden Hand einzeln weggeknallt werden. Ich, ich darf meine Hosen ausziehen, vor wem es mir beliebt; man wird dort nichts finden als einen wohlgepflegten Pelz und die Narbe nach einem \u2013 w\u00e4hlen wir hier zu einem bestimmten Zwecke ein bestimmtes Wort, das aber nicht mi\u00dfverstanden werden wolle \u2013 die Narbe nach einem frevelhaften Schu\u00df. Alles liegt offen zutage; nichts ist zu verbergen; kommt es auf Wahrheit an, wirft jeder Gro\u00dfgesinnte die allerfeinsten Manieren ab. W\u00fcrde dagegen jener Schreiber die Hosen ausziehen, wenn Besuch kommt, so h\u00e4tte dies allerdings ein anderes Ansehen, und ich will es als Zeichen der\u00a0Vernunft gelten lassen, da\u00df er es nicht tut. Aber dann mag er mir auch mit seinem Zartsinn vom Halse bleiben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach jenen Sch\u00fcssen erwachte ich \u2013 und hier beginnt allm\u00e4hlich meine eigene Erinnerung \u2013 in einem K\u00e4fig im Zwischendeck des Hagenbeckschen Dampfers. Es war kein vierwandiger Gitterk\u00e4fig; vielmehr waren nur drei W\u00e4nde an einer Kiste festgemacht; die Kiste also bildete die vierte Wand. Das Ganze war zu niedrig zum Aufrechtstehen und zu schmal zum Niedersitzen. Ich hockte deshalb mit eingebogenen, ewig zitternden Knien, und zwar, da ich zun\u00e4chst wahr scheinlich niemanden sehen und immer nur im Dunkel sein wollte, zur Kiste gewendet, w\u00e4hrend sich mir hinten die Gitterst\u00e4be ins Fleisch einschnitten. Man h\u00e4lt eine solche Verwahrung wilder Tiere in der allerersten Zeit f\u00fcr vorteilhaft, und ich kann heute nach meiner Erfahrung nicht leugnen, da\u00df dies im menschlichen Sinn tats\u00e4chlich der Fall ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daran dachte ich aber damals nicht. Ich war zum erstenmal in meinem Leben ohne Ausweg; zumindest geradeaus ging es nicht; geradeaus vor mir war die Kiste, Brett fest an Brett gef\u00fcgt. Zwar war zwischen den Brettern eine durchlaufende L\u00fccke, die ich, als ich sie zuerst entdeckte, mit dem gl\u00fcckseligen Heulen des Unverstandes begr\u00fc\u00dfte, aber diese L\u00fccke reichte bei weitem nicht einmal zum Durchstecken des Schwanzes aus und war mit aller Affenkraft nicht zu verbreitern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich soll, wie man mir sp\u00e4ter sagte, ungew\u00f6hnlich wenig L\u00e4rm gemacht haben, woraus man schlo\u00df, da\u00df ich entweder bald eingehen m\u00fcsse oder da\u00df ich, falls es mir gelingt, die erste kritische Zeit zu \u00fcberleben, sehr dressurf\u00e4hig sein werde. Ich \u00fcberlebte diese Zeit. Dumpfes Schluchzen, schmerzhaftes Fl\u00f6hesuchen, m\u00fcdes Lecken einer Kokosnu\u00df, Beklopfen der Kistenwand mit dem Sch\u00e4del, Zungenblecken, wenn mir jemand nahekam \u2013 das waren die ersten Besch\u00e4ftigungen in dem neuen Leben. In alledem aber doch nur das eine Gef\u00fchl: kein Ausweg. Ich kann nat\u00fcrlich das damals affenm\u00e4\u00dfig Gef\u00fchlte heute nur mit Menschenworten nachzeichnen und verzeichne es infolgedessen, aber wenn ich auch die alte Affenwahrheit nicht mehr erreichen kann, wenigstens in der Richtung meiner Schilderung liegt sie, daran ist kein Zweifel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte doch so viele Auswege bisher gehabt und nun keinen mehr. Ich war festgerannt. H\u00e4tte man mich angenagelt, meine\u00a0Freiz\u00fcgigkeit w\u00e4re dadurch nicht kleiner geworden. Warum das? Kratz dir das Fleisch zwischen den Fu\u00dfzehen auf, du wirst den Grund nicht finden. Dr\u00fcck dich hinten gegen die Gitterstange, bis sie dich fast zweiteilt, du wirst den Grund nicht finden. Ich hatte keinen Ausweg, mu\u00dfte mir ihn aber verschaffen, denn ohne ihn konnte ich nicht leben. Immer an dieser Kistenwand \u2013 ich w\u00e4re unweigerlich verreckt. Aber Affen geh\u00f6ren bei Hagenbeck an die Kistenwand \u2013 nun, so h\u00f6rte ich auf, Affe zu sein. Ein klarer, sch\u00f6ner Gedankengang, den ich irgendwie mit dem Bauch ausgeheckt haben mu\u00df, denn Affen denken mit dem Bauch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe Angst, da\u00df man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg verstehe. Ich gebrauche das Wort in seinem gew\u00f6hnlichsten und vollsten Sinn. Ich sage absichtlich nicht Freiheit. Ich meine nicht dieses gro\u00dfe Gef\u00fchl der Freiheit nach allen Seiten. Als Affe kannte ich es vielleicht und ich habe Menschen kennengelernt, die sich danach sehnen. Was mich aber anlangt, verlangte ich Freiheit weder damals noch heute. Nebenbei: mit Freiheit betr\u00fcgt man sich unter Menschen allzuoft. Und so wie die Freiheit zu den erhabensten Gef\u00fchlen z\u00e4hlt, so auch die entsprechende T\u00e4uschung zu den erhabensten. Oft habe ich in den Variet\u00e9s vor meinem Auftreten irgendein K\u00fcnstlerpaar oben an der Decke an Trapezen hantieren sehen. Sie schwangen sich, sie schaukelten, sie sprangen, sie schwebten einander in die Arme, einer trug den anderen an den Haaren mit dem Gebi\u00df. \u203aAuch das ist Menschenfreiheit\u2039, dachte ich \u203aselbstherrliche Bewegung.\u2039 Du Verspottung der heiligen Natur! Kein Bau w\u00fcrde standhalten vor dem Gel\u00e4chter des Affentums bei diesem Anblick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg; rechts, links, wohin immer; ich stellte keine anderen Forderungen; sollte der Ausweg auch nur eine T\u00e4uschung sein; die Forderung war klein, die T\u00e4uschung w\u00fcrde nicht gr\u00f6\u00dfer sein. Weiterkommen, weiterkommen! Nur nicht mit aufgehobenen Armen stillestehen, angedr\u00fcckt an eine Kistenwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute sehe ich klar: ohne gr\u00f6\u00dfte innere Ruhe h\u00e4tte ich nie entkommen k\u00f6nnen. Und tats\u00e4chlich verdanke ich vielleicht alles, was ich geworden bin, der Ruhe, die mich nach den ersten Tagen dort im Schiff \u00fcberkam. Die Ruhe wiederum aber verdanke ich wohl den Leuten vom Schiff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind gute Menschen, trotz allem. Gerne erinnere ich mich noch\u00a0heute an den Klang ihrer schweren Schritte, der damals in meinem Halbschlaf widerhallte. Sie hatten die Gewohnheit, alles \u00e4u\u00dferst langsam in Angriff zu nehmen. Wollte sich einer die Augen reiben so hob er die Hand wie ein H\u00e4ngegewicht. Ihre Scherze waren grob, aber herzlich. Ihr Lachen war immer mit einem gef\u00e4hrlich klingenden aber nichts bedeutenden Husten gemischt. Immer hatten sie im Mund etwas zum Ausspeien und wohin sie ausspien war ihnen gleichg\u00fcltig. Immer klagten sie, da\u00df meine Fl\u00f6he auf sie \u00fcberspringen; aber doch waren sie mir deshalb niemals ernstlich b\u00f6se; sie wu\u00dften eben, da\u00df in meinem Fell Fl\u00f6he gedeihen und da\u00df Fl\u00f6he Springer sind; damit fanden sie sich ab. Wenn sie dienstfrei waren, setzten sich manchmal einige im Halbkreis um mich nieder; sprachen kaum, sondern gurrten einander nur zu; rauchten, auf Kisten ausgestreckt, die Pfeife; schlugen sich aufs Knie, sobald ich die geringste Bewegung machte; und hie und da nahm einer einen Stecken und kitzelte mich dort, wo es mir angenehm war. Sollte ich heute eingeladen werden, eine Fahrt auf diesem Schiffe mitzumachen, ich w\u00fcrde die Einladung gewi\u00df ablehnen, aber ebenso gewi\u00df ist, da\u00df es nicht nur h\u00e4\u00dfliche Erinnerungen sind, denen ich dort im Zwischendeck nachh\u00e4ngen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ruhe, die ich mir im Kreise dieser Leute erwarb, hielt mich vor allem von jedem Fluchtversuch ab. Von heute aus gesehen scheint es mir, als h\u00e4tte ich zumindest geahnt, da\u00df ich einen Ausweg finden m\u00fcsse, wenn ich leben wolle, da\u00df dieser Ausweg aber nicht durch Flucht zu erreichen sei. Ich wei\u00df nicht mehr, ob Flucht m\u00f6glich war, aber ich glaube es; einem Affen sollte Flucht immer m\u00f6glich sein. Mit meinen heutigen Z\u00e4hnen mu\u00df ich schon beim gew\u00f6hnlichen N\u00fcsseknacken vorsichtig sein, damals aber h\u00e4tte es mir wohl im Lauf der Zeit gelingen m\u00fcssen, das T\u00fcrschlo\u00df durchzubei\u00dfen. Ich tat es nicht. Was w\u00e4re damit auch gewonnen gewesen? Man h\u00e4tte mich, kaum war der Kopf hinausgesteckt, wieder eingefangen und in einen noch schlimmeren K\u00e4fig gesperrt; oder ich h\u00e4tte mich unbemerkt zu anderen Tieren, etwa zu den Riesenschlangen mir gegen\u00fcber fl\u00fcchten k\u00f6nnen und mich in ihren Umarmungen ausgehaucht; oder es w\u00e4re mir gar gelungen, mich bis aufs Deck zu stehlen und \u00fcber Bord zu springen, dann h\u00e4tte ich ein Weilchen auf dem Weltmeer geschaukelt und w\u00e4re ersoffen. Verzweiflungstaten. Ich rechnete nicht so menschlich, aber unter dem Einflu\u00df meiner Umgebung verhielt ich mich so, wie wenn ich gerechnet h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich rechnete nicht, wohl aber beobachtete ich in aller Ruhe. Ich sah diese Menschen auf und ab gehen, immer die gleichen Gesichter, die gleichen Bewegungen, oft schien es mir, als w\u00e4re es nur einer. Dieser Mensch oder diese Menschen gingen also unbehelligt. Ein hohes Ziel d\u00e4mmerte mir auf. Niemand versprach mir, da\u00df, wenn ich so wie sie werden w\u00fcrde, das Gitter aufgezogen werde. Solche Versprechungen f\u00fcr scheinbar unm\u00f6gliche Erf\u00fcllungen werden nicht gegeben. L\u00f6st man aber die Erf\u00fcllungen ein, erscheinen nachtr\u00e4glich auch die Versprechungen genau dort, wo man sie fr\u00fcher vergeblich gesucht hat. Nun war an diesen Menschen an sich nichts, was mich sehr verlockte. W\u00e4re ich ein Anh\u00e4nger jener erw\u00e4hnten Freiheit, ich h\u00e4tte gewi\u00df das Weltmeer dem Ausweg vorgezogen, der sich mir im tr\u00fcben Blick dieser Menschen zeigte. Jedenfalls aber beobachtete ich sie schon lange vorher, ehe ich an solche Dinge dachte, ja die angeh\u00e4uften Beobachtungen dr\u00e4ngten mich erst in die bestimmte Richtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war so leicht, die Leute nachzuahmen. Spucken konnte ich schon in den ersten Tagen. Wir spuckten einander dann gegenseitig ins Gesicht; der Unterschied war nur, da\u00df ich mein Gesicht nachher reinleckte, sie ihres nicht. Die Pfeife rauchte ich bald wie ein Alter; dr\u00fcckte ich dann auch noch den Daumen in den Pfeifenkopf, jauchzte das ganze Zwischendeck; nur den Unterschied zwischen der leeren und der gestopften Pfeife verstand ich lange nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meiste M\u00fche machte mir die Schnapsflasche. Der Geruch peinigte mich; ich zwang mich mit allen Kr\u00e4ften; aber es vergingen Wochen, ehe ich mich \u00fcberwand. Diese inneren K\u00e4mpfe nahmen die Leute merkw\u00fcrdigerweise ernster als irgend etwas sonst an mir. Ich unterscheide die Leute auch in meiner Erinnerung nicht, aber da war einer, der kam immer wieder, allein oder mit Kameraden, bei Tag, bei Nacht, zu den verschiedensten Stunden; stellte sich mit der Flasche vor mich hin und gab mir Unterricht. Er begriff mich nicht, er wollte das R\u00e4tsel meines Seins l\u00f6sen. Er entkorkte langsam die Flasche und blickte mich dann an, um zu pr\u00fcfen, ob ich verstanden habe; ich gestehe, ich sah ihm immer mit wilder, mit \u00fcberst\u00fcrzter Aufmerksamkeit zu; einen solchen Menschensch\u00fcler findet kein Menschenlehrer auf dem ganzen Erdenrund; nachdem die Flasche entkorkt war, hob er sie zum Mund; ich mit meinen Blicken ihm nach bis in die Gurgel; er nickte, zufrieden\u00a0mit mir, und setzt die Flasche an die Lippen; ich, entz\u00fcckt von allm\u00e4hlicher Erkenntnis, kratze mich quietschend der L\u00e4nge und Breite nach, wo es sich trifft; er freut sich, setzt die Flasche an und macht einen Schluck; ich, ungeduldig und verzweifelt, ihm nachzueifern, verunreinige mich in meinem K\u00e4fig, was wieder ihm gro\u00dfe Genugtuung macht; und nun weit die Flasche von sich streckend und im Schwung sie wieder hinauff\u00fchrend, trinkt er sie, \u00fcbertrieben lehrhaft zur\u00fcckgebeugt, mit einem Zuge leer. Ich, ermattet von allzu gro\u00dfem Verlangen, kann nicht mehr folgen und h\u00e4nge schwach am Gitter, w\u00e4hrend er den theoretischen Unterricht damit beendet, da\u00df er sich den Bauch streicht und grinst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun erst beginnt die praktische \u00dcbung. Bin ich nicht schon allzu ersch\u00f6pft durch das Theoretische? Wohl, allzu ersch\u00f6pft. Das geh\u00f6rt zu meinem Schicksal. Trotzdem greife ich, so gut ich kann, nach der hingereichten Flasche; entkorke sie zitternd; mit dem Gelingen stellen sich allm\u00e4hlich neue Kr\u00e4fte ein; ich hebe die Flasche, vom Original schon kaum zu unterscheiden; setze sie an und \u2013 und werfe sie mit Abscheu, mit Abscheu, trotzdem sie leer ist und nur noch der Geruch sie f\u00fcllt, werfe sie mit Abscheu auf den Boden. Zur Trauer meines Lehrers, zur gr\u00f6\u00dferen Trauer meiner selbst; weder ihn noch mich vers\u00f6hne ich dadurch, da\u00df ich auch nach dem Wegwerfen der Flasche nicht vergesse, ausgezeichnet meinen Bauch zu streichen und dabei zu grinsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allzuoft nur verlief so der Unterricht. Und zur Ehre meines Lehrers: er war mir nicht b\u00f6se; wohl hielt er mir manchmal die brennende Pfeife ans Fell, bis es irgendwo, wo ich nur schwer hinreichte, zu glimmen anfing, aber dann l\u00f6schte er es selbst wieder mit seiner riesigen guten Hand; er war mir nicht b\u00f6se, er sah ein, da\u00df wir auf der gleichen Seite gegen die Affennatur k\u00e4mpften und da\u00df ich den schwereren Teil hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr ein Sieg dann allerdings f\u00fcr ihn wie f\u00fcr mich, als ich eines Abends vor gro\u00dfem Zuschauerkreis \u2013 vielleicht war ein Fest, ein Grammophon spielte, ein Offizier erging sich zwischen den Leuten \u2013 als ich an diesem Abend, gerade unbeachtet, eine vor meinem K\u00e4fig versehentlich stehengelassene Schnapsflasche ergriff, unter steigender Aufmerksamkeit der Gesellschaft sie schulgerecht entkorkte, an den Mund setzte und ohne Z\u00f6gern, ohne Mundverziehen, als Trinker vom Fach, mit rund gew\u00e4lzten Augen, schwappender Kehle, wirklich und wahrhaftig leer trank; nicht mehr als\u00a0Verzweifelter, sondern als K\u00fcnstler die Flasche hinwarf; zwar verga\u00df den Bauch zu streichen; daf\u00fcr aber, weil ich nicht anders konnte, weil es mich dr\u00e4ngte, weil mir die Sinne rauschten, kurz und gut \u00bbHallo!\u00ab ausrief, in Menschenlaut ausbrach, mit diesem Ruf in die Menschengemeinschaft sprang und ihr Echo: \u00bbH\u00f6rt nur, er spricht!\u00ab wie einen Ku\u00df auf meinem ganzen schwei\u00dftriefenden K\u00f6rper f\u00fchlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wiederhole: es verlockte mich nicht, die Menschen nachzuahmen; ich ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen Grund. Auch war mit jenem Sieg noch wenig getan. Die Stimme versagte mir sofort wieder; stellte sich erst nach Monaten ein; der Widerwille gegen die Schnapsflasche kam sogar noch verst\u00e4rkter. Aber meine Richtung allerdings war mir ein f\u00fcr allemal gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich in Hamburg dem ersten Dresseur \u00fcbergeben wurde, erkannte ich bald die zwei M\u00f6glichkeiten, die mir offenstanden: Zoologischer Garten oder Variet\u00e9. Ich z\u00f6gerte nicht. Ich sagte mir: setze alle Kraft an, um ins Variet\u00e9 zu kommen; das ist der Ausweg; Zoologischer Garten ist nur ein neuer Gitterk\u00e4fig; kommst du in ihn, bist du verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ich lernte, meine Herren. Ach, man lernt, wenn man mu\u00df; man lernt, wenn man einen Ausweg will; man lernt r\u00fccksichtslos. Man beaufsichtigt sich selbst mit der Peitsche; man zerfleischt sich beim geringsten Widerstand. Die Affennatur raste, sich \u00fcberkugelnd, aus mir hinaus und weg, so da\u00df mein erster Lehrer selbst davon fast \u00e4ffisch wurde, bald den Unterricht aufgeben und in eine Heilanstalt gebracht werden mu\u00dfte. Gl\u00fccklicherweise kam er bald wieder hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich verbrauchte viele Lehrer, ja sogar einige Lehrer gleichzeitig. Als ich meiner F\u00e4higkeiten schon sicherer geworden war, die \u00d6ffentlichkeit meinen Fortschritten folgte, meine Zukunft zu leuchten begann, nahm ich selbst Lehrer auf, lie\u00df sie in f\u00fcnf aufeinanderfolgenden Zimmern niedersetzen und lernte bei allen zugleich, indem ich ununterbrochen aus einem Zimmer ins andere sprang. Diese Fortschritte! Dieses Eindringen der Wissensstrahlen von allen Seiten ins erwachende Hirn! Ich leugne nicht: es begl\u00fcckte mich. Ich gestehe aber auch ein: ich \u00fcbersch\u00e4tzte es nicht, schon damals nicht, wieviel weniger heute. Durch eine Anstrengung, die\u00a0sich bisher auf der Erde nicht wiederholt hat, habe ich die Durchschnittsbildung eines Europ\u00e4ers erreicht. Das w\u00e4re an sich vielleicht gar nichts, ist aber insofern doch etwas, als es mir aus dem K\u00e4fig half und mir diesen besonderen Ausweg, diesen Menschenausweg verschaffte. Es gibt eine ausgezeichnete deutsche Redensart: sich in die B\u00fcsche schlagen; das habe ich getan, ich habe mich in die B\u00fcsche geschlagen. Ich hatte keinen anderen Weg, immer vorausgesetzt, da\u00df nicht die Freiheit zu w\u00e4hlen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich weder, noch bin ich zufrieden. Die H\u00e4nde in den Hosentaschen, die Weinflasche auf dem Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster. Kommt Besuch, empfange ich ihn, wie es sich geb\u00fchrt. Mein Impresario sitzt im Vorzimmer; l\u00e4ute ich, kommt er und h\u00f6rt, was ich zu sagen habe. Am Abend ist fast immer Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde Erfolge. Komme ich sp\u00e4t nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften, aus gem\u00fctlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine halbdressierte Schimpansin und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat n\u00e4mlich den Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich, und ich kann es nicht ertragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte. Man sage nicht, es w\u00e4re der M\u00fche nicht wert gewesen. Im \u00fcbrigen will ich keines Menschen Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte nur, auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Quelle<\/span>: Nach der Erstver\u00f6ffentlichung im Jahr 1917 in der Zeitschrift <i>Der Jude<\/i> erschien <b>Ein Bericht f\u00fcr eine Akademie<\/b> 1920 im Rahmen des Bandes <i>Ein Landarzt.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104727 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Affen-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" \/>Eingefangen von einer Jagdexpedition der Firma Hagenbeck, monatelang gehalten in einem bedr\u00fcckend engen K\u00e4fig auf einem Dampfer, sucht der Affe einen Ausweg und hat bald erkannt, dass ihm neben dem Leben in einem K\u00e4fig im Zoologischen Garten ein zweiter Weg offenstand: Der des Variet\u00e9s, um nach mehreren Jahren \u201eabsoluter Selbstverleugnung und Anpassung\u201c<sup id=\"cite_ref-ORF-T-2013_2-0\" class=\"reference\"><\/sup> dort ein \u201eMensch\u201c zu werden. Er ahmt die Menschen nach, weil er so \u201eunbehelligt\u201c sein will, wie sie es offensichtlich sind. Scheinbar leicht lernt er sinnvolle Gesten und auch das Sprechen. Gr\u00f6\u00dfte Probleme hat er damit, Schnaps zu trinken. Ein Schiffspassagier erteilt ihm \u201ezu den verschiedensten Stunden\u201c theoretischen und praktischen Unterricht. So lernt er auch das unter gr\u00f6\u00dfter M\u00fche. Mehrfach betont er, dass er nur deshalb Menschen nachahmt, weil er einen Ausweg sucht, nicht jedoch weil er die Freiheit erhofft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor die Alternativen zoologischer Garten oder Variet\u00e9 gestellt, strebt er eine Arbeit im Variet\u00e9 an und hat dabei \u201ekaum noch zu steigernde Erfolge\u201c. Sein Leben verl\u00e4uft erfolgreich zwischen Banketten, wissenschaftlichen Gesellschaften und geselligem Beisammensein. Er hat erreicht, was er erreichen wollte, und er bescheinigt sich selbst die Durchschnittsbildung eines Europ\u00e4ers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Grenzg\u00e4ngertum zwischen Mensch und Tier beherrscht er offensichtlich virtuos. Nicht so zwei andere Wesen in seiner Umgebung. Sein erster Dresseur, mit dem er wie \u201er\u00fccksichtslos\u201c lernt, wird selbst fast \u00e4ffisch und muss zeitweise in eine Heilanstalt. Die kleine halbdressierte Schimpansin, bei der er es sich nachts \u201enach Affenart wohlergehen l\u00e4sst\u201c, hat den \u201eIrrsinn des verwirrten dressierten Tieres im Blick\u201c, den er tags\u00fcber nicht ertragen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>Bereits <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62917\">zum zehnten Todestag<\/a> erkannte Walter Benjamin die Bedeutung dieses Autors.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hohe Herren von der Akademie! Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht \u00fcber mein \u00e4ffisches Vorleben einzureichen. In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen. 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