{"id":16519,"date":"2013-07-26T00:02:24","date_gmt":"2013-07-25T22:02:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16519"},"modified":"2013-07-26T09:42:21","modified_gmt":"2013-07-26T07:42:21","slug":"planungssicherheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/26\/planungssicherheit\/","title":{"rendered":"Planungssicherheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Da sehnt sich der gew\u00f6hnliche Arbeitnehmer viele Arbeitsjahre lang nach der gro\u00dfen Freiheit. Wunsch- und Traum-Projekte, die er bisher aufschob, da ihm die Gelegenheiten fehlten, sollten mit Rentenbeginn endlich Realit\u00e4t werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_17082\" style=\"width: 208px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/397px-Mick_Jagger_2008.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-17082\" class=\"size-medium wp-image-17082\" title=\"397px-Mick_Jagger_(2008)\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/397px-Mick_Jagger_2008-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/397px-Mick_Jagger_2008-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/397px-Mick_Jagger_2008.jpg 397w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-17082\" class=\"wp-caption-text\">Sir Mick, Photo von Siebbi<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders in den letzten Berufsjahren keimte die Hoffnung, ab dem ersten Ruhestandstag, von Arbeitspflicht und Termindruck befreit, genussvoll und vor allem planlos zu tun, was des Senioren Lust verlangt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch dann muss er ich ern\u00fcchtert feststellen: Die Planerei geht unvermindert weiter \u2013 nur unter erschwerteren Bedingungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was aber noch \u00e4rgerlicher ist, wie im Berufsleben vor Betreten des vermeintlich Ruhestandsparadieses haben jene Pl\u00e4ne &#8211; wie zu Arbeitszeiten schon &#8211; die gewohnt fatale Neigung, teilweise oder g\u00e4nzlich fehl zu schlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein zum Zweck des notwendigen \u00dcberblicks st\u00e4ndig die Brille suchen zu m\u00fcssen, ist eine jener Pl\u00e4ne zerst\u00f6rerischen Alterserscheinungen. Allzu gern vergisst der Senior ihren gew\u00f6hnlichen Aufenthaltsort, um schlie\u00dflich doch festzustellen, dass sie auf der Nase sitzt. Bei jeder Suchaktion muss er geplante Handlungen aufschieben. Zum Beispiel das Zeitunglesen oder das Essen eines leckeren Fischgerichts, dessen Gr\u00e4ten er ohne Sehhilfe nicht zu entfernen vermag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbstverst\u00e4ndlich musste es einst im Arbeitsleben zu fr\u00fcher Stunde im h\u00e4uslichen Bad auch schon planvoll zugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Aufstehen bis zum Verlassen der Wohnung blieb kaum Zeit f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck. Und um p\u00fcnktlich zu Beginn der Kernarbeitszeit im B\u00fcro zu erscheinen, war gew\u00f6hnlich nach Verlassen der Wohnung bis zur Gararge besondere Eile oder zu \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln gar Laufschritt angesagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch dort, wo vor Renteneintritt die elektrische Zahnb\u00fcrste in ihrer Halterung zu finden war, steht nach Renteneintritt pl\u00f6tzlich ein neuer Elektro-Rasierer, den gekauft zu haben, alterman sich nicht erinnern kann. Und dabei passt dieser futuristisch anmutende Apparat nicht einmal in die Zahnb\u00fcrstenhalterung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Rasierwasser findet sich unerwartet in jenem Fach des Badezimmerschranks, in dem zuvor immer das Deo auf seinen Schwei\u00dfgeruch unterbindenden Gebrauch wartete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, und gelegentlich benetzt der Deo-Roller sogar die frisch rasierten Wangen, w\u00e4hrend das Aftershave unter den nicht ausrasierten Achseln brennende Frische und angenehmen Wohlgeruch verbreitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach hastigem Fr\u00fchst\u00fcck beginnt der Kontrollgang durch die Wohnung. Sind der Elektro-Herd, das Radio und der Fernseher abgeschaltet? Brennen keine Kerzen mehr? Sind alle Lampen gel\u00f6scht? L\u00e4uft da nicht der Wasserhahn im Bad?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zumeist brennt noch das Licht im Schlafzimmer. Nein, diesmal ist es die Beleuchtung auf dem Balkon, die er am Abend des Vortages bereits verga\u00df\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Verlassen der Wohnung zwingt beinahe regelm\u00e4\u00dfig der seit Jahren zunehmende Druck auf ein Verdauungsorgan, das der geplagte Senior zu entleeren verga\u00df, zu schleuniger Umkehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Verrichtung des notd\u00fcrftigen Gesch\u00e4fts findet sich beim erneuten Kontrollrundgang in der K\u00fcche jene Box mit diversen Tabletten, die der alternde Organismus nach Ansicht der \u00c4rzte und der gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Pharma-Industrie dringend einnehmen muss. Die Box liegt bereits seit dem vorangegangenen Abend unber\u00fchrt auf dem Regal mit dem Arzneimittelnachschub.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also ran an den K\u00fchlschrank und nach der Mineralwasserflasche gegriffen, um mit einem kr\u00e4ftigen Schluck aus der Pulle die Tabletten hinunterzusp\u00fclen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Flasche mit dem Beruhigungsschnaps, die erstaunlicher Weise stets am gewohnten Platz in der K\u00fchlschrankt\u00fcr steht, m\u00fcsste jetzt eigentlich nach der ganzen Aufregung zum Einsatz kommen. Doch es ist noch fr\u00fch am Tag und alterman trinkt gew\u00f6hnlich nicht vor dem Mittagessen. Also widersteht er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Blick zur K\u00fcchenuhr best\u00e4tigt allerdings, dass es bereits drei Uhr ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei genauerem Hinsehen durch die noch nicht geputzte Brille \u2013 er konnte vor dem ersten Verlassen der Wohnung die Brillenputzt\u00fccher nicht finden \u2013 stellt er entt\u00e4uscht fest, dass sich der Sekundenzeiger der Uhr nicht bewegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo sind jetzt die Batterien?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Armbanduhr ist es leider noch Vormittag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Zeit ist so fortgeschritten, dass er sich beeilen muss, rechtzeitig zum Seniorenstammtisch zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal in der Wochen freitags treffen sich Nachbarn, Freunde und einehemaliger Kollege zur Mittagszeit, essen Deftiges, um eine Grundlage f\u00fcr jenes K\u00f6lsch zu schaffen, das sie ab 14 Uhr in geringen Ma\u00dfen zu trinken pflegen. Immer nur Null-Zweier-Gl\u00e4ser. Keine Null-Dreier, da die sich genauso schnell leeren, wie die kleineren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach 16 Uhr &#8211; alterman g\u00f6nnt sich ja sonst nichts \u2013 \u00fcberstimmen ihn die Stammtischbr\u00fcder, endlich einmal die Gesundheit zu vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und einmal w\u00f6chentlich die Gesundheit zu vergessen, verga\u00dfen sie noch nie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenigstens das gibt einmal in der Woche Planungssicherheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Anmerkung der der Redaktion:<\/span> Gerne verweisen wir in diesem Zusammenhang <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7831\">noch einmal<\/a> auf den <strong>Vorruhestandswahn<\/strong>, von Karl Feldkamp. Erschienen bei Satzweiss.com \u2013 Chichilli-Agency, 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da sehnt sich der gew\u00f6hnliche Arbeitnehmer viele Arbeitsjahre lang nach der gro\u00dfen Freiheit. Wunsch- und Traum-Projekte, die er bisher aufschob, da ihm die Gelegenheiten fehlten, sollten mit Rentenbeginn endlich Realit\u00e4t werden. 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