{"id":16369,"date":"2013-07-21T00:01:41","date_gmt":"2013-07-20T22:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16369"},"modified":"2022-02-20T12:47:50","modified_gmt":"2022-02-20T11:47:50","slug":"der-mann-im-aufzug-eine-nachdenklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/21\/der-mann-im-aufzug-eine-nachdenklichkeit\/","title":{"rendered":"Der Mann im Aufzug \u2013 Eine Nachdenklichkeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Ich bin zu weit gefahren oder ich habe mehr als die H\u00e4lfte der Strecke noch vor mir<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Cover1-183x3001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-16378\" title=\"Cover1-183x300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Cover1-183x3001.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" \/><\/a>Heiner M\u00fcllers \u201eAuftrag \u2013 Erinnerung an eine Revolution\u201c \u00f6ffnet in karibischen Farben. Krokodile tauchen aus Verw\u00fcnschungen auf: \u201eDie Schlangen sollen deine Schei\u00dfe fressen, deinen Arsch die Krokodile, die Piranhas deine Hoden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zu schreiben, hat bestimmt Spa\u00df gemacht. Diese subtropisch tr\u00fcbe Pracht garantiert einem Einschub die Verlegenheit seiner Farblosigkeit. Der Einschub ist eine Vergegenw\u00e4rtigung des \u201eAuftrags\u201c auf der Leiste seiner Niederschrift. Die Welt, in der M\u00fcller den \u201eAuftrag\u201c schreibt, sieht an Ecken und Kanten aus wie hier beschrieben. Ein realistischer Rahmen f\u00fcllt sich mit surrealem Schaum. Man k\u00f6nnte \u00fcber einen Traum reden, auf einer psychologischen Kreuzung zwischen Franz Kafka und Wilhelm Genazino, insofern man von einem Angestellten-Alptraum reden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das w\u00e4re naheliegend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Handlung: Das erz\u00e4hlende Ich steht zwischen M\u00e4nnern \u201ein einem alten Fahrstuhl\u201c. Das ist eine Klapperkiste, ein Seelenverk\u00e4ufer von einem Lift. Der Erz\u00e4hler beschreibt sich: \u201eIch bin gekleidet wie ein Angestellter oder wie ein Arbeiter am Feiertag. Ich habe mir sogar einen Schlips umgebunden, der Kragen scheuert am Hals, ich schwitze. Wenn ich den Kopf bewege, schn\u00fcrt mir der Kragen den Hals ein.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erz\u00e4hler hat einen Termin beim Chef, \u201ein Gedanken nenne ich ihn Nummer Eins\u201c \u2013 und vergessen, in welcher Etage der Chef regiert. Es k\u00f6nnte die vierte sein. Noch vermutlicher, die zwanzigste. Der Erz\u00e4hler geht davon aus, wo auch immer, nur eben an der richtigen Stelle \u201eeinen Auftrag\u201c zu kriegen, denn sonst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Auftrag\u201c im Ganzen als ein St\u00fcck aus dem Jahr 1984 handelt von drei tempor\u00e4r republikanischen Brandstiftern, ihren Namen nach hei\u00dfen sie Debuisson, Galloudec und Sasportas. Debuisson, Galloudec und Sasportas sollen in revolution\u00e4rer Absicht einen Aufstand der unter Zwang eingef\u00fchrten Bev\u00f6lkerung von Britisch-Jamaika lostreten. Die Delegierten des franz\u00f6sischen Konvents erfahren dann, dass die Revolution von Napoleon f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt wurde. Nach dem 18. Brumaire 1799 steht fest: \u201eUnsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Freiheit tr\u00e4gt jetzt Uniform\u201c und Debuisson, Galloudec und Sasportas haben keinen Auftrag mehr. Das f\u00fchrt zu interessanten Gespr\u00e4chen \u00fcber das \u201eJoch der Freiheit\u201c und ein \u201eHeimweh nach dem Gef\u00e4ngnis\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erz\u00e4hler in der Gegenwart des Autors trabt bei weitem nicht so hoch. Wie gesagt, er k\u00f6nnte sein Desaster nur tr\u00e4umen hinter einem Fenster aus Marzahn. \u201eDie Lebensl\u00fcge des Zusammenhangs\u201c, so M\u00fcller, \u201efindet im Traum nicht statt\u201c, so die M\u00fcller-Spezialistin Kristin Schulz. Das ist eine Spur, doch ist der Leser so frei wie der Autor und sollte aus seiner Autonomie etwas machen. Also, nicht immer nur Traum und verfremdete Wirklichkeit und surreale Allusion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Fahrstuhl ger\u00e4t die Zeit ins Schlingern. Der Erz\u00e4hler verpasst den Ausstieg im vierten Stock. Schon l\u00e4uft er Gefahr, zu sp\u00e4t zu kommen. Er erw\u00e4gt, bei n\u00e4chster Gelegenheit auszusteigen \u2013 und im Treppenhaus zur Rechtzeitigkeit aufzuschlie\u00dfen. Sein Dilemma: \u201eIch kann beim n\u00e4chsten m\u00f6glichen Halt aussteigen und die Treppe hinunterlaufen, drei Stufen auf einmal, bis zur vierten Etage. Wenn es die falsche Etage ist, bedeutet das nat\u00fcrlich einen vielleicht uneinholbaren Zeitverlust. Ich kann bis zur zwanzigsten Etage weiterfahren und, wenn sich das B\u00fcro des Chefs dort nicht befindet, zur\u00fcck in die vierte Etage, vorausgesetzt der Fahrstuhl f\u00e4llt nicht aus, oder die Treppe hinunterlaufen (drei Stufen auf einmal), wobei ich mir die Beine brechen kann oder den Hals, gerade weil ich es eilig habe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Auftrag w\u00e4chst sich in den Spekulationen des Erz\u00e4hlers ins Riesenhafte aus.\u00a0 Schlie\u00dflich verl\u00e4sst er den Fahrstuhl: Ich \u201estehe ohne Auftrag, den nicht mehr gebrauchten Schlips immer noch l\u00e4cherlich unter mein Kinn gebunden, auf einer Dorfstra\u00dfe in Peru.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Fahrstuhl als Flugzeug in die Freiheit. Der Lift als Legitimation. Der Aufzug als Umzug. Zu denken ist an die Limitierung der Reisefreiheit f\u00fcr die Sterblichen der DDR.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erz\u00e4hler entdeckt sich in einer Max Ernst-Landschaft. Die Gegend greift nach dem Himmel, M\u00fcller schreibt wie J\u00fcnger, wenn dieser Ernst seine \u201eIlluminationen\u201c im Text konzentriert, um das letzte Wort zu behalten. Heimweh nach dem Fahrstuhl kommt auf, das variiert das \u201eHeimweh nach dem Gef\u00e4ngnis\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erz\u00e4hler ger\u00e4t in eine Krise. Er hat nichts Unerlaubtes getan und ist doch im Unerlaubten gelandet, \u201eohne Flugzeug und Fallschirm.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer kann mir glauben, da\u00df ich aus einem Fahrstuhl nach Peru gelangt bin?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Staatssicherheit bestimmt nicht. Der Erz\u00e4hler beschw\u00f6rt seine Legitimationskrise, er hat keinen Auftrag, den Chef w\u00e4hnt er im Selbstmord verschieden. Eine Frau kreuzt seinen Weg, selbstverst\u00e4ndlich \u201eentbl\u00f6\u00dft (sie) ihre Br\u00fcste\u201c. Kinder sitzen mit vergeblicher M\u00fche im Genick einer Schienenmaschine: \u201eArbeit ist Hoffnung\u201c \u2013 und \u201eZeit ist Frist\u201c. Jetzt kann nur noch der andere kommen, \u201eder Doppelg\u00e4nger mit meinem Gesicht aus Schnee\u201c,\u00a0 und es darauf ankommen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fcller holt den Gegenstand des \u201eAuftrags\u201c in seine Gegenwart und verwandelt seine Gegenwart in einen utopischen Raum. In diesem Raum k\u00f6nnen Fahrst\u00fchle fliegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-98705 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-047_Berlin_Demonstration_Rede_Heiner_Mu\u0308ller-209x300.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"300\" \/><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich bin zu weit gefahren oder ich habe mehr als die H\u00e4lfte der Strecke noch vor mir Heiner M\u00fcllers \u201eAuftrag \u2013 Erinnerung an eine Revolution\u201c \u00f6ffnet in karibischen Farben. 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