{"id":16338,"date":"2023-10-31T00:01:25","date_gmt":"2023-10-30T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16338"},"modified":"2023-02-12T15:57:34","modified_gmt":"2023-02-12T14:57:34","slug":"anmerkungen-eines-ketzers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/31\/anmerkungen-eines-ketzers\/","title":{"rendered":"Anmerkungen eines Ketzers"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mag Science Fiction. Vor allem so Leute, die sich frei durchs halbe Universum bewegen, von Captain Kirk bis Perry Rhodan. Mit Raumschiffen und durch Wurml\u00f6cher oder Stargates.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun geht das nicht so einfach. Die Physik hat \u2013 zumindest bislang \u2013 etwas dagegen. Schneller als das Licht geht es nun mal nicht mit der materiellen Fortbewegung. Und man k\u00f6nnte auf die Idee kommen, dass das gut ist. Denn die Menschheit in ihrer jetzigen Verfassung k\u00e4me einem Heuschreckenschwarm gleich, der auf den Kosmos losgelassen w\u00fcrde. Daneben n\u00e4hme sich das von den Fundamentalisten geplante Armageddon aus wie eine Kindergartenparty.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen anfangen, planetarisch zu denken. Alle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn wir sind mit der Endlichkeit unserer materiellen Ressourcen konfrontiert. Unwiderruflich. Wir konstruieren unsere Welt, behauptet der Radikale Konstruktivismus. Ist daran auch nur ein Qu\u00e4ntchen wahr, dann ist zu folgern, dass wir f\u00fcr unsere Konstruktionen auch die Verantwortung \u00fcbernehmen sollten. Und f\u00fcr alles, was davon betroffen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stattdessen nehmen wir es hin, dass unsere Lebensgrundlagen von finanziellen Massenvernichtungswaffen bedroht sind. Der Kabarettist Georg Schramm f\u00fcgt mit Blick auf Warren Buffett hinzu: <em>\u201eDer Krieg Reich gegen Arm ist immer ein Angriff auf die Menschenw\u00fcrde.\u201c<\/em>[604] Immer wieder. Die sogenannte Menschenw\u00fcrde verbleibt dabei als hohles Etikett, solange Mitmenschen weiter erschlagen, vergewaltigt, gequ\u00e4lt oder durch moderne Formen der Sklaverei ausgebeutet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben damit zwar einen prominenten Begriff erfunden, der es bis nach ganz vorn in viele Nationalverfassungen geschafft hat, allerdings ist es uns nicht wirklich gelungen, ihn mit Leben zu f\u00fcllen. Die finanziellen Massenvernichtungswaffen aber gewinnen ihre Gef\u00e4hrlichkeit aus zwei Elementen, dem der Bl\u00f6dheit und dem der Habgier, bzw. der Boshaftigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwa seit Ronald Reagan beobachten wir eine epidemische Vermehrung der vulg\u00e4ridealistischen Wirtschaftsapologeten, f\u00fcr die Welt ein simples Input-Output-System darstellt im Sinne einer Blackbox, wo nur das Verh\u00e4ltnis von dem, was hinten raus kommt, zu dem, was vorne rein geht, z\u00e4hlt. Monokontextural und auf monet\u00e4rer Basis. R\u00fcckkopplungen und Selbstreferenzen existieren in deren betriebswirtschaflich kontaminiertem Lineardenken schlicht nicht. Da hilft es auch nicht, dass \u201eDenktanks\u201c selbsternannter sogenannter Eliten wie Pilze aus dem Boden schie\u00dfen. Unsere Probleme werden nicht f\u00fcr uns von Gruppen gel\u00f6st, deren Mitglieder sich bei Schampus und Canap\u00e9s treffen. Um Problemhorizont zu entwickeln, muss man schon selber hinlangen. Deren Erfolge, die Erfolge unserer Eliten, sind die Erfolge von gestern, die die heutigen Probleme erst verursacht haben, folglich taugen deren Denk- und Handlungsgrundlagen nicht f\u00fcr das Morgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders signifikant f\u00fcr unsere Zeit ist dieses Heer an ebenfalls selbsternannten Beratern. Diese Symptome unserer Krise des Denkens scheinen genau zu wissen, erstens welches das wichtigste Problem ist \u2013 nat\u00fcrlich immer das der eigenen Interessenlage und Marktposition \u2013 und zweitens, wie dieses zu behandeln ist. Man erkennt die Scharlatane und verbalen Hohldonnerer [605] ziemlich genau an der verarmten Problemstruktur. Fast immer gibt es ein und nur ein Problem, dass so dringend ist und an dem alle anderen dranh\u00e4ngen, dass es unbedingt sofort, am besten gestern, in Angriff zu nehmen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Beispiel ist es f\u00fcr den Neurologen Manfred Spitzer die digitale Demenz, der die Menschheit \u00fcber kurz oder lang anheim fallen wird, wenn sie ihre Kinder weiter vor Bildschirme setzt und Smartphones benutzen l\u00e4sst. Mittlerweile gibt es auch eine ganze Reihe von Digitaltherapeuten, die uns von der Gei\u00dfel Email bis hin zur Plage Facebook befreien wollen. Die M\u00f6glichkeit konstruktiver Transformationen wird nicht einmal im Ansatz diskutiert. Psychotherapie und Psychoanalyse sind ohne Zweifel Sp\u00e4tfolgen von Buchdruck und Wissenschaft. W\u00e4re dem nicht so, dann h\u00e4tte es sicher schon zur Einf\u00fchrung des Buchdrucks Lese- oder gar Bildungssuchttherapeuten gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neue Technologien und Kulturtechniken gehen immer einher mit Pro &amp; Contra-Spielchen, die seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch das Fernsehen, das ja nun in hochaufgel\u00f6ster Farbe und bald auch in 3D erh\u00e4ltlich ist, eine Polarisierung gewinnen, die jedoch eher an die Schwarzwei\u00df-Bildtechnik erinnert. Da gehen die leiseren T\u00f6ne und komplexeren Inhaltsmelodien unter, z.B. die \u2013 hier stellvertretend f\u00fcr sehr Viele genannt \u2013\u00a0 eines Noam Chomsky, eines Erwin Chargaff oder die eines Richard Sennett, die er nicht nur in seinem letzten Werk \u201eZusammenarbeit\u201c [606] \u2013 anschl\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kennzeichen f\u00fcr diese Ratgeber oder Wissenschaftler oder meinetwegen Ratgeberwissenschaftler ist die Gesamtschau, das Eingebettetsein des jeweils beschriebenen Problems oder Teilproblems in das Gewebe eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen, das Beschreiben und transparent Machen von Zusammenh\u00e4ngen innerhalb eines ganzen Beziehungsfeldes. Und das ohne den Anspruch, eine Heilslehre zum besten geben zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Leute und viele andere wissen, dass Erkenntnis eben nicht von heute auf morgen so einfach auf Abruf oder Mausklick zu haben ist. Denn die Tatsache, dass irgendwo in einem Buch oder im Internet sich jemand zu einem Problem sehr kompetent ge\u00e4u\u00dfert hat, hei\u00dft noch lange nicht, dass man diese \u00c4u\u00dferung erstens gefunden und zweitens auch verstanden hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verstehen ist Anstrengung, Denken ist Anstrengung. Wir brauchen eine neue Kultur der Anstrengung, die das Denken mitber\u00fccksichtigt. Eine, die sich vielleicht auch aus der Erkenntnis motiviert, dass der Genuss eines Glases Limonade oder eines k\u00fchlen Biers an einem Sommerabend um ein Mehrfaches gr\u00f6\u00dfer ist, wenn man vorher eine Weile geschwitzt hat. Die H\u00fcrde, die genommen wurde, ist im Posterlebnis oft umso befriedigender, je h\u00f6her sie wahrgenommen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der Rest? Er handelt und publiziert getreu dem Motto: \u201eBescheidenheit ist eine Zier, doch besser geht es ohne ihr &#8230;\u201c Das f\u00fchrt unmittelbar in ein leistungsunabh\u00e4ngiges Selbstwertgef\u00fchl und \u00fcber kurz oder lang in die Depression. [607,608]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daneben gibt es noch Leute, durchaus bewegte und sympathische Leute, in deren K\u00f6pfen die Maus Frederik, die M\u00f6we Jonathan, der kleine Prinz und viele Andere seltsame Partys feiern. Partys, deren Getr\u00e4nke aus sozialromantischen Vorstellungen und dem unverbr\u00fcchlichen Glauben an die apriorische Existenz einer h\u00f6heren Wertestruktur gebraut sind. Aber moralische Entr\u00fcstung allein hilft nicht. Denn <em>\u201emoralische Sollensforderungen an die Realit\u00e4t markieren [\u2026] genau die Stellen, an denen eine Gesellschaft nicht lernbereit ist\u201c<\/em>, wie Norbert Bolz einmal geschrieben\u00a0 hat. [609]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werte \u2013 im besten Sinne \u2013 sind aber das, worauf wir Menschen uns dank unserer Kommunikationsgaben und -m\u00f6glichkeiten verst\u00e4ndigen, bzw. verst\u00e4ndigen sollten. Wer Werte verabsolutiert und nicht hinterfragt, leistet fundamentalistischen Denkverboten Vorschub. Und das in einer Zeit, in der wir vielleicht nichts so sehr brauchen, wie unsere Rationalit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Voraussetzung daf\u00fcr bedarf es nicht allzu viel, wir m\u00fcssen uns nur mit offenen Sinnen in der Welt umsehen. Und dann unser Denken und unsere Arithmetik ver\u00e4ndern und weiterentwickeln. Und unsere Maschinen effizient nutzen. Im Interesse eines Gemeinwohls. Und was wir unter Gemeinwohl verstehen wollen, dar\u00fcber m\u00fcssen wir uns unterhalten. Dringend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie und ich, WIR sind das NETZ.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zehn Jahren erschien: <strong>TRANS- <\/strong>Reflexionen \u00fcber Menschen, Medien, Netze und Maschinen, Aufs\u00e4tze 1996 &#8211; 2013 von Joachim Paul.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Trans.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-16343\" title=\"Trans\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Trans.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"284\" \/><\/a><\/strong><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192 <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16147\">Ein Pirat entert das Denken<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich mag Science Fiction. 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