{"id":16203,"date":"2013-07-10T05:58:28","date_gmt":"2013-07-10T03:58:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16203"},"modified":"2023-05-23T10:52:24","modified_gmt":"2023-05-23T08:52:24","slug":"zwitschern-und-zirpen-lautpoetische-lyrismen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/10\/zwitschern-und-zirpen-lautpoetische-lyrismen\/","title":{"rendered":"Lautpoetische Lyrismen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>An die Zikade \u2026\u2028 Dich ergreifet nie das Alter,\u2028 Weise,\u00a0 Zarte, Dichterfreundin<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Johann Wolfgang von Goethe<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\">Mit <em style=\"text-align: justify;\">die gezirpte Zeit<\/em> stellt sich Sophie Reyer in eine Tradition, bei der Zikaden eine bedeutende Rolle spielen. Meist wird auf die Zikaden als S\u00e4nger oder als Sinnbilder f\u00fcr Musik und Kunst aber auch als L\u00e4rmverursacher. Die sogenannten Singzikaden und ihre Ges\u00e4nge werden bereits in den fr\u00fchesten schriftlichen Werken, der <em>Ilias<\/em> von Homer erw\u00e4hnt. Die Aspekte der griechischen <em>Zikaden-Mythologie<\/em> sind in dem Gedicht <em>An die Zikade<\/em> von Anakreon verarbeitet. Der melodische Rhythmus von\u00a0 Reyers <em>Gezwitscher<\/em> spannt sich von den russischen Konstruktivisten um Majakowski zur Wiener Schule bis zum Hip-Hop.<\/p>\n<p align=\"right\"><span style=\"color: #888888;\">Z<em>u der Tulpe F\u00fc\u00dfen spielte\/ der tonkundigen Zikaden\/ auserw\u00e4hlte Kapelle\/ St\u00fccke von den besten Meistern&#8230;<\/em><\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><span style=\"color: #888888;\">Karl Leberecht<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einem Titel wie <em>die gezirpte Zeit<\/em> liegt eine onomatopoetischer Assoziation nahe, besonders in diesen Tagen, da ein neuer Zikadensommer anbricht. Analog zu ihrer Arbeit auf der B\u00fchne versucht Reyer die Sprache nicht in abbildender beziehungsweise inhaltlich-bezeichnender Funktion, sondern auch als Lautmaterial anzuwenden. Bei allen Vorg\u00e4ngern bedient sich Reyer mit der Ungeniertheit des Naturtalents und macht daraus etwas ganz eigenes. Sie experimentiert quasi mit ihren eigenen Erfahrungen. Im Prozess des Ausformulierens kann sich Reyer schon mal verlieren, daher holt sie sich f\u00fcr ihre Live-Auftritte auch G\u00e4ste hinzu. Wie in der Lautpoesie, die gleichzeitig die T\u00f6ne aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, macht sie in ihren Gedichten Techniken aus, die nach dem Prinzip des Collagierens und der Simultaneit\u00e4t verfahren. Ihre Lyrik n\u00e4hert sich in dem Ma\u00dfe, in dem Semantik verschwindet und der Klang in den Vordergrund tritt, der Musik an.<\/p>\n<p align=\"right\"><em>\u00a0<span style=\"color: #888888;\">Dem Gesang der Zikaden aber kann sich auf jenem Eiland keiner entziehen.<\/span><\/em><\/p>\n<p align=\"right\"><span style=\"color: #888888;\">Ingeborg Bachmann<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Dichtung spricht \u00fcber die Situation ihrer Herkunft. Das Schreiben wird durch das schreibende Analysieren gebrochen. Wie jeder Lyriker erschafft Reyer eine ganz eigene Wahrnehmung, eine Beobachtung, die sich sowohl aus dem kollektivem wie auch individuellem Bewu\u00dftsein speist. Sie bricht die Idee vom objektiven Ich und vom subjektiven Ich auf und thematisiert in ihrer Poesie Verletztheit, es ist eine wohltuend unsentimentale Sichtweise auf die Welt und ihre Mechanik. Auch die Mechanik der Liebe. Sie mi\u00dftraut dabei jedoch den Heilversprechungen ebenso, wie den Momenten des aufrichtigen Gl\u00fccks. Reyer hat einen charmanten Spleen, ein Gef\u00fchl f\u00fcr schr\u00e4ge Situationen und einbrechende Absurdit\u00e4ten. Mit ihrer Wahrnehmungslyrik werden die existentiellen Abgr\u00fcnde durch ein absurdes Element geradezu abgemildert und dem Intellekt ertr\u00e4glich gemacht. In diesem Kontext wirken ihre Liebesgedichte fragil, ber\u00fchrend, beinahe tr\u00f6stlich. <em>die gezirpte Zeit<\/em> ist eine feinziselierte Sprachpartitur mit \u00fcberraschenden \u00dcberlappungen und \u00dcberlagerungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>die gezirpte Zeit<\/strong>, von Sophie Reyer Neue Lyrik aus \u00d6sterreich Band 2., 64 Seiten, 12 x 19 cm, franz. Broschur. 1. Auflage 2013<\/p>\n<p>Lesen Sie gleichfalls \u2192 <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15102\">Abheben.<\/a><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104706 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Zirpen-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Zirpen-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Zirpen-160x254.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Zirpen.jpg 228w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p>\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p>\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p>\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An die Zikade \u2026\u2028 Dich ergreifet nie das Alter,\u2028 Weise,\u00a0 Zarte, Dichterfreundin Johann Wolfgang von Goethe Mit die gezirpte Zeit stellt sich Sophie Reyer in eine Tradition, bei der Zikaden eine bedeutende Rolle spielen. 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