{"id":16197,"date":"1989-02-17T00:01:00","date_gmt":"1989-02-16T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16197"},"modified":"2022-02-17T14:03:07","modified_gmt":"2022-02-17T13:03:07","slug":"die-libelle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/02\/17\/die-libelle\/","title":{"rendered":"Die Libelle"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es tanzt die sch\u00f6ne Libelle<br \/>\nWohl auf des Baches Welle;<br \/>\nSie tanzt daher, sie tanzt dahin,<br \/>\nDie schimmernde, flimmernde Gauklerin.<\/p>\n<p>Gar mancher junge K\u00e4fertor<br \/>\nBewundert ih Kleid\u00a0von blauem Flor,<br \/>\nBewundert des Leibchens Emaille<br \/>\nUnd auch die schlanke Taille.<\/p>\n<p>Gar mancher junge K\u00e4fertor<br \/>\nSein bi\u00dfchen K\u00e4ferverstand verlor;<br \/>\nDie Buhlen sumsen von Lieb und Treu,<br \/>\nVersprechen Holland und Brabant dabei.<\/p>\n<p>Die sch\u00f6ne Libelle\u00a0lacht und spricht:<br \/>\n\u00bbHolland und Brabant brauch ich nicht,<br \/>\nDoch sputet Euch, Ihr Freier,<br \/>\nUnd holt mir ein F\u00fcnkchen Feuer.<\/p>\n<p>Die K\u00f6chin kam in Wochen,<br \/>\nMu\u00df selbst mein S\u00fcpplein kochen;<br \/>\nDie Kohlen des Herdes erloschen sind &#8211;<br \/>\nHolt mir ein F\u00fcnkchen Feuer\u00a0geschwind.\u00ab<\/p>\n<p>Kaum hat die Falsche gesprochen das Wort,<br \/>\nDie K\u00e4fer\u00a0flatterten eilig fort.<br \/>\nSie suchen Feuer, und lassen bald<br \/>\nWeit hinter sich den Heimatwald.<\/p>\n<p>Sie sehen Kerzenlicht, ich glaube<br \/>\nIn einer erleuchteten Gartenlaube;<br \/>\nUnd die Verliebten, mit blindem Mut<br \/>\nSt\u00fcrzen sie sich in die Kerzenglut.<\/p>\n<p>Knisternd verzehrten die Flammen der Kerzen<br \/>\nDie K\u00e4fer und ihre liebenden Herzen;<br \/>\nDie einen b\u00fc\u00dften das Leben\u00a0ein,<br \/>\nDie andern nur die Fl\u00fcgelein.<\/p>\n<p>O wehe dem K\u00e4fer, welchem verbrannt<br \/>\nDie Fl\u00fcgel sind! Im fremden Land<br \/>\nMu\u00df er wie ein Wurm am Boden kriechen,<br \/>\nMit feuchten Insekten, die h\u00e4\u00dflich riechen.<\/p>\n<p>Die schlechte Gesellschaft, h\u00f6rt man ihn klagen,<br \/>\nIst im Exil die schlimmste der Plagen.<br \/>\nWir m\u00fcssen verkehren mit einer Schar<br \/>\nVon Ungeziefer, von Wanzen sogar,<\/p>\n<p>Die uns behandeln als Kameraden,<br \/>\nWeil wir im selben Schmutze waten &#8211;<br \/>\nDrob klagte schon der Sch\u00fcler\u00a0Virgils,<br \/>\nDer Dichter der H\u00f6lle\u00a0und des Exils.<\/p>\n<p>Ich denke mit Gram an die bessere Zeit,<br \/>\nWo ich mit befl\u00fcgelter Herrlichkeit<br \/>\nIm Heimat\u00e4ther gegaukelt,<br \/>\nAuf Sonnenblumen geschaukelt,<\/p>\n<p>Aus Rosenkelchen Nahrung sog<br \/>\nUnd vornehm war, und Umgang pflog<br \/>\nMit Schmetterlingen von adligem Sinn,<br \/>\nUnd mit der Zikade, der K\u00fcnstlerin &#8211;<\/p>\n<p>Jetzt sind meine armen Fl\u00fcgel verbrannt;<br \/>\nIch kann nicht zur\u00fcck ins Vaterland,<br \/>\nIch bin ein Wurm, und ich verrecke<br \/>\nUnd ich verfaule im fremden Drecke.<\/p>\n<p>O, da\u00df ich nie gesehen h\u00e4tt<br \/>\nDie Wasserfliege, die blaue Kokett<br \/>\nMit ihrer feinen Teille\u00a0&#8211;<br \/>\nDie sch\u00f6ne, falsche Kanaille!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/Heinrich_Heine_1837-scaled-e1610465735884.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-75865 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/Heinrich_Heine_1837-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" \/><\/a>Heinrich Heine gilt als einer der letzten Vertreter und zugleich als \u00dcberwinder der Romantik. Er machte die Alltagssprache lyrikf\u00e4hig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Literatur eine zuvor nicht gekannte, elegante Leichtigkeit. Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war Heine ebenso bewundert wie gef\u00fcrchtet. Im Deutschen Bund mit Publikationsverboten belegt, verbrachte er seine zweite Lebensh\u00e4lfte im Pariser Exil. Antisemiten und Nationalisten feindeten Heine wegen seiner j\u00fcdischen Herkunft und seiner politischen Haltung \u00fcber den Tod hinaus an. Die Au\u00dfenseiterrolle pr\u00e4gte sein Leben, sein Werk und dessen Rezeptionsgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es tanzt die sch\u00f6ne Libelle Wohl auf des Baches Welle; Sie tanzt daher, sie tanzt dahin, Die schimmernde, flimmernde Gauklerin. Gar mancher junge K\u00e4fertor Bewundert ih Kleid\u00a0von blauem Flor, Bewundert des Leibchens Emaille Und auch die schlanke Taille. 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