{"id":16183,"date":"2013-07-09T00:15:41","date_gmt":"2013-07-08T22:15:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16183"},"modified":"2022-02-23T05:39:08","modified_gmt":"2022-02-23T04:39:08","slug":"spuren-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/09\/spuren-3\/","title":{"rendered":"Spuren"},"content":{"rendered":"<p>zu:<\/p>\n<p><em>Thomas Brasch<\/em><\/p>\n<p><em>Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 20. Mai erscheinen im Suhrkamp Verlag die gesammelten Gedichte von Thomas Brasch. Ein Ereignis. Zumindest f\u00fcr mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der folgende Text wird aus Thesen bestehen, denn abschlie\u00dfend ist zu Brasch nichts zu sagen. Brasch selbst ist nicht abgeschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Gedicht aus dem Nachlass, das eine Replik auf ein anderes seiner bekanntesten Gedichte ist:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der sch\u00f6ne 27. November<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Heute hat die Post das neue Telefonfreizeichen eingef\u00fchrt<\/em><\/p>\n<p><em>Statt des mir seit meiner Kindheit bekannten T\u00fct t\u00fct t\u00fct,<\/em><\/p>\n<p><em>h\u00f6re ich seit heute Nacht 24.00 Uhr einen endlosen Ton.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wer sagt noch, hier \u00e4ndere sich nichts<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn einer nicht nachl\u00e4sst, bildet sich ein kr\u00e4ftiger Nachlass. Vor allem wenn er so fr\u00fch zu leben aufh\u00f6rt wie Brasch. M\u00fc\u00dfig hier die Metapher des Getriebenen zu bem\u00fchen. M\u00fc\u00dfig und langweilig. Es geht nicht um den Mythos einer Person, die Thomas Brasch hie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Anzahl der Gedichte des Bandes, die aus dem Nachlass zusammengesammelt wurden, \u00fcbersteigt allerdings jene, die zu Lebzeiten Braschs ver\u00f6ffentlicht worden sind. Das sagt allerdings etwas \u00fcber die Person in ihrer Zeit und es mag daran liegen, dass Braschs Hauptarbeitsfeld die Dramatik war und der Film. Und dass es aktuell meiner Meinung nach keine besseren Shakespeare\u00fcbersetzungen neben denen Braschs. Sein Umgang mit dem Blancvers ist einzigartig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber um Braschs Gedichte soll es hier gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anhand der Texte l\u00e4sst sich ein Autor rekonstruieren, der vielleicht Brasch ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anhand dieser Texte l\u00e4sst sich einer Zeit rekonstruieren, die vielleicht die Zeit Braschs war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anhand dieser Texte l\u00e4sst sich ein Deutschland rekonstruieren (das allerdings nie das Deutschland Braschs war. Sie haben aneinander vorbei existiert. Und wahrscheinlich existiert jedes Land neben und trotz der Texte von Braschscher Qualit\u00e4t. Nur einmal, aus Portugal wurde berichtet, dass ein Lied eine Revolution ausl\u00f6ste. Aber diese Aktion war abgesprochen, nicht spontan, so sch\u00f6n das Lied auch ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>SIE SUCHT IM FREMDEN LAND<\/em><\/p>\n<p><em>WAS SIE IM KOPF NICHT FAND<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Piwi fliegt in die andere H\u00e4lfte der Welt<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcber die Mauer \u00fcber den Kopf von Karl Marx<\/em><\/p>\n<p><em>vom neuen Deutschland in das noch \u00e4ltere Deutschland<\/em><\/p>\n<p><em>Piwi landet zwischen Leuchtreklamen<\/em><\/p>\n<p><em>Das war ein Flug!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brasch ist Rock n Roll. Die Generation die unmittelbar zu Kriegsende auf die Welt kam, und die sich auf nichts berufen konnte, schon gar nicht auf ihre Eltern, suchte ihr Heil in der Musik. Man kann es verstehen. Das wei\u00df gefilterte Erbe afrikanischer Sklaven (Negermusik wie Adorno es nannte) war frei von faschistischem Schmutz. Die Nachkriegsjugend suchte Wahlverwandte jenseits verdreckter deutscher Folklore.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gut, bei Brasch war es anders. Er selbst entstammte keiner T\u00e4terfamilie. Seine Eltern kamen als j\u00fcdische bzw. der Vater als j\u00fcdischer und kommunistischer Emigrant nach Deutschland zur\u00fcck. In die DDR zumal, die ihnen Heimat werden sollte, die f\u00fcr Brasch aber nicht Heimat wurde, die sein Vater nicht, aber er um einige Jahre \u00fcberstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Gedicht erz\u00e4hlt auch von einer Gro\u00dfmutter, die den Krieg in Bayern als Frau eines Katholiken \u00fcberlebte. (Als Nebenlekt\u00fcre sei \u00fcbrigens Marion Braschs Roman <em>Ab jetzt ist Ruhe <\/em>empfohlen. Hier findet sich die Version in der Erz\u00e4hlung der j\u00fcngeren Schwester.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Ich bin der S\u00e4nger nicht das Lied.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich zieh den Vorhang auf,\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>leer ist die Szene.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So beginnt das Gedicht Jim Morisson. Und gerade in der vom Westen abgekoppelten DDR erlangte die Musik der Doors fast mythische Bedeutung. Einer meiner Klassenkameraden kam immer zum Todestag des S\u00e4ngers mit einem Trauerflor in die Schule.Eines Tages musste er auch sein FDJ-Hemd am gleichen Tag tragen. Seine Trauer wurde ihm als politische Provokation ausgelegt. Vielleicht trauerten ja beide, Brasch und Jochen (so hie\u00df der Mitsch\u00fcler) um beides. Um Morisson und ihre verratenen Ideale. Jedenfalls endet das Gedicht folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>geh mit fremden Schritten fremde Wege<\/em><\/p>\n<p><em>wechsel Haut und Hemden<\/em><\/p>\n<p><em>bin ein Bauer, bin ein Pr\u00e4sident<\/em><\/p>\n<p><em>und vergesse, wer ich war.<\/em><\/p>\n<p><em>Bin das Lied bin nicht der S\u00e4nger.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Buch zieht Lekt\u00fcren an, neue und vergangene neu. Viel Brecht lese ich nebenher. Vor allem im Lesebuch f\u00fcr St\u00e4dtebewohner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Braschs Texte aber beschw\u00f6ren eine andere historische Situation, eine, die ich als Kind und Jugendlicher erlebte, und l\u00e4sst mich aus dieser Situation das vergangene Jahrhundert rekonstruieren, zumindest den Teil, der sich in Europa abspielte, denn die Zeiten vergehen verschieden. Jede Region hat ihren Puls.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der ersten Zeile, dem ersten Vers katapultiert dieses Buch mich zur\u00fcck in die Zeit der Entstehung der Texte, obwohl ich damals, im Fall des Poesiealbums 1974 erst 8 Jahre alt war und mich mit ganz anderen Gedichten und Spr\u00fcchen besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade in den Texten aus dem Poesiealbum: nahezu klassische Balladen, sehe ich das, was subjektive Geschichtsschreibung sein k\u00f6nnte, oder wenigstens damit gemeint sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Sp\u00e4ter als ich Brasch zu begreifen begann, ich muss 18 oder 19 gewesen sein, war er weg. Die DDR blutete kulturell aus. Viele Helden waren fort bevor sie meine Helden wurden, so auch Brasch. Nur Heiner M\u00fcller sa\u00df\u00a0 verborgen hinter einer Wolke aus Zigarrenrauch und harrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Vorsatz des Bandes ein gereimtes Gedicht. Brasch geht au\u00dferhalb der Zeit und trifft sie vielleicht gerade darum. In diesen Gedicht das Wort Fool wird nicht \u00fcbersetzt. Dann die Balladen aus dem Poesiealbum. Bilder eines versehrten Volkes, dem nachdem der Krieg aus war, des Krieges H\u00e4rte geblieben war. Momentaufnahmen der M\u00f6rder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es gibt auch Theaterst\u00fccke in den Gedichten, was seine Richtigkeit hat und auf das gemeinsame Muttermal verweist: die gebundene Rede. Und auf Shakespeare.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht waren M\u00fcller und Brasch die beiden gangbaren Wege, die aus Brecht herausf\u00fchrten. M\u00fcller stieg in den Mythos hinauf in einer Wolke aus Havannarauch, bestellte Single Malt; Brasch trank am Kiosk ein Bier und rauchte eine Filterlose. In gewisser Hinsicht ist Aufstieg also eine Form des Bleibens, Abstieg aber, ist gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Faszinierend ist, dass man erst nach drei\u00dfig Jahren merkt, dass Brasch Brecht gewisserma\u00dfen durchbuchstabiert. Zumindest mir geht das so. Sogar im einzelnen Text, tut er das. Aber zentral schien ihm das Lesebuch f\u00fcr St\u00e4dtebewohner zu sein.<\/p>\n<p><strong><em>Spuren verwischen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Die Zeilen verschwimmen die Zeichen<\/em><\/p>\n<p><em>Ich habe sie geschrieben Ich kann<\/em><\/p>\n<p><em>sie nicht mehr entziffern Erst<\/em><\/p>\n<p><em>wenn ich tot liege unter der Erde<\/em><\/p>\n<p><em>\u00fcber die ich gegangen bin Kommt einer<\/em><\/p>\n<p><em>und wei\u00df was ich gemeint habe<\/em><\/p>\n<p><em>Die Zeilen verschwimmen Die Zeichen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brasch treibt Brecht zum \u00c4u\u00dfersten, in dem er ihn wiederbelebt, ihm dabei die arrogante K\u00fchle nimmt, ihn mit Rockmusik anreichert. Weil Brasch z.B. die Frauen ernst nimmt, oder auf eine ganz andere Art ernst nimmt als Brecht. F\u00fcr Brecht gab es nur die Hure und die Courage, beide verehrte er auf die ihr entsprechende Weise, aber als Typus. Aber sie sind Theaterfiguren, und Brecht ist sich ihrer Zuneigung sicher. Denn sowohl die Mutter als auch die Hure sind um ihrer Selbst Willen auf ihn angewiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brasch hingegen verzettelt sich, w\u00fcrde Brecht sagen, in romantischer Liebe, nicht nur zu den Frauen im \u00fcbrigen, und wird von ihr aufgezehrt. Brasch f\u00fchrt die Typen zur\u00fcck in Individualit\u00e4t, macht aus Klassenangeh\u00f6rigen wieder Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>DAS F\u00dcRCHTEN NICHT UND NIE DAS W\u00dcNSCHEN<\/em><\/p>\n<p><em>darf mir abhanden kommen, auch mein t\u00e4glich sterben nicht<\/em><\/p>\n<p><em>das seellos s\u00fcchtig sein auf keinen fall<\/em><\/p>\n<p><em>nur hirnlos reimen wie ein wicht mu\u00df beendet werden<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>da ist ein gott und setzt sich zwischen alle st\u00fchle<\/em><\/p>\n<p><em>er sieht genauso aus wie ich mich f\u00fchle.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Brecht geschult meinten wir Nietzsche, wenn wir Marx sagten, wir wu\u00dften es nicht besser, und Brecht wahrscheinlich auch nicht. Brasch am wenigsten, oder am meisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Kranich<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Du hast den Kranich gesehn<\/em><\/p>\n<p><em>hoch oben<\/em><\/p>\n<p><em>mit weiten Schwingen,<\/em><\/p>\n<p><em>frei,<\/em><\/p>\n<p><em>unendlich frei.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Doch tr\u00f6ste dich:<\/em><\/p>\n<p><em>auch er mu\u00df sterben,<\/em><\/p>\n<p><em>vielleicht bald.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie nennen das Schrei<\/strong>, Gesammelte Gedichte von Thomas Brasch. Hrsg. v. Martina Hanf u. Kristin Schulz. Suhrkamp, Berlin. 1030 S., 49,95 \u20ac.<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-69273 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-181x300.jpg 181w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-260x431.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-160x265.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei.jpg 301w\" sizes=\"auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zu: Thomas Brasch Die nennen das Schrei. 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