{"id":1616,"date":"2012-02-17T00:45:31","date_gmt":"2012-02-16T23:45:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=1616"},"modified":"2018-03-16T18:36:37","modified_gmt":"2018-03-16T17:36:37","slug":"gedichte-mit-arsch-in-der-hose","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/02\/17\/gedichte-mit-arsch-in-der-hose\/","title":{"rendered":"Gedichte mit Arsch in der Hose"},"content":{"rendered":"<div><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/tbrsemann-200.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1617\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/tbrsemann-200-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/tbrsemann-200-192x300.jpg 192w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/tbrsemann-200.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><\/a>Das Lyrikdeb\u00fct des Berliners Tom Bresemann vor einigen Jahren wurde als das eines \u201ezornigen jungen Mannes\u201c bezeichnet. Die Wut scheint noch nicht verflogen und hilft offenbar, inhaltliche Belang\u00adlosigkeit zu vermeiden. In seinem zweiten Band \u201eBerliner Fenster\u201c h\u00e4lt Bresemann weiterhin Ohrfeigen und nasse Handt\u00fccher bereit. \u201estellt angestellte aus \/ und aufsteller ein! \/\u00a0<em>karma kapitalismus:<\/em>\/ wieder so ein ohrwurm. \/ reclaim the claims. \/\/ im fernsehen grassieren fl\u00fcchtlings- \/ camps, supported by\u00a0<em>Reebok<\/em>. \/\/ du auf der couch, mit deinen tele- \/ prompteraugen, und ich \/ nebenan, als host- \/ age eines realityformats.\u201c<\/div>\n<p>Anglophilie mag bei manchem Stilmittel sein, um Texte auf\u00adzuh\u00fcbschen oder jugendliches Sprach\u00addrauf\u00adg\u00e4ngertum zu beweisen. Brese\u00admann dagegen entlarvt mit dem Denglisch-Sprech allt\u00e4g\u00adliche Phrasen, sucht immer die Ironie als Spitze der geballten Faust, um mit jener seinen Unmut am Heute deutlich zu machen. Das belebt und reinigt das innere Ohr; die Mischung aus sinnigem Aus\u00adsage\u00adsatz gepaart mit Wort\u00adneusch\u00f6p\u00adfungen \u00e1 la \u201eclip\u00admoppge\u00adklapper\u201c, \u201eassimi\u00adlations\u00adinschallah\u201c oder \u201ekirmes\u00adzicke\u00adzacke\u201c tut dann ihr \u00fcbriges, um immer wieder aufzu\u00adr\u00fctteln. In ihrer Art haben die Gedichte gesellschaftliche Funktion, weil sie dazu auffordern, mitzu\u00addenken, Fragen zu stellen, Realit\u00e4t zu reflektieren. Das ist eben auch Kunst: Sie piekt und bietet wenig Erquickung f\u00fcr Schutz\u00adsuchende oder Mondanbeter.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t im Allgemeinen und die Berliner Realit\u00e4t im besondern ist Bresemanns Referenz\u00admaterial: sozialer Abstieg, Werbeflut, Migration, Gated Communities, happy Gleichg\u00fcltigkeit \u2013 der Autor spricht den Leser an und spricht ihn wach. Das ist erkl\u00e4rtes poetologisches Ziel. In den Anmer\u00adkungen nennt er seine Gedichte \u201eunverhohlene Gespr\u00e4chs\u00adangebote\u201c, die unbequem sein m\u00fcssen, die \u201eArsch in der Hose haben\u201c sollen. Da fliegt das nasse Handtuch nach Berlin, ins \u201ehappy- \/ endantlitz der innenstadt\u201c, in der man das \u201emediasexuelle topevent aus der deckung\u201c betrachten kann. Oder es fliegt in entgegen\u00adgesetzte Richtung: \u201eOh gro\u00dfe Bleiche West\u00addeutschland \/ mit deinen a.D.-Nazim\u00fcllern, \/ deinen Vor\u00adgarten\u00adrinkm\u00e4nnern! \/ O faule Leiche West\u00addeutschland, \/ riechst aus dem Dortmund \/ wie aus dem Darmstadt\u201c. Leider \u00fcber\u00adschl\u00e4gt sich Bresemann manchmal vor lauter Spott und schickt seine Gedichte ins Kalauerhafte. Wenn sich der Autor zu sehr aufregt und dadurch sein Feingef\u00fchl f\u00fcr Kritik verlorengeht, kann es schon mal m\u00f6chte-gern-poetisch werden (\u201edie karotten \/ unserer geschlechts\u00adorganik verrei\u00dfen \/ den stammwuchs im eiswald\u201c) oder eben reibungsarm, ergo platt (\u201edie welt war ein schei\u00dfhaus\u201c).<\/p>\n<p>Generell \u00fcbertreibt Bresemann gern mit dem Griff unter die G\u00fcrtel\u00adlinie. Er mag genervt sein vom Lyrik-Lange\u00adweile\u00adschreiberling, vom Selbst\u00adbespiege\u00adlungs\u00admonster deutscher Dichter\u00adst\u00e4tten, vom Wahnsinn der Welt: Seinem Protest verleiht man nicht mehr Ausdruck, indem man sprachlich in unteren Kategorien wandert. Je mehr Penisse, vaginale Erg\u00fcsse oder Sperma am Anus, desto weniger gl\u00fcht der Leser mit. Dennoch \u00fcberwiegt ein posi\u00adtives Fazit, denn Bresemanns Gedichte haben oft unschlagbares Stichelpotenzial. Und auch, wenn es wieder sexuell wird, ein wenig davon steht den Gedichten des Wutschreiberlings Bresemann ganz gut zu Gesicht: \u201eheute (\u2026) putz ich meine schuhe, \/ fahr zum zoo und lass mir einen blasen \u2013 \/\/ so beginnt ein tag wohl \/ -gesetzten epigonentums, \/ und wenn schon \u2013 \/ wenigstens\u00a0<em>well dressed<\/em>\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/tom-bresemann.htm\">Tom Bresemann<\/a><br \/>\nBerliner Fenster<br \/>\nGedichte<br \/>\nBerlin Verlag 2011<br \/>\n94 S., 16 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Lyrikdeb\u00fct des Berliners Tom Bresemann vor einigen Jahren wurde als das eines \u201ezornigen jungen Mannes\u201c bezeichnet. Die Wut scheint noch nicht verflogen und hilft offenbar, inhaltliche Belang\u00adlosigkeit zu vermeiden. 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