{"id":16139,"date":"2013-07-27T00:01:46","date_gmt":"2013-07-26T22:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16139"},"modified":"2021-07-22T13:51:13","modified_gmt":"2021-07-22T11:51:13","slug":"reif-fur-die-ewigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/27\/reif-fur-die-ewigkeit\/","title":{"rendered":"Reif f\u00fcr die Ewigkeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Verfasser zahlreicher Biographien deutscher Philosophen, darunter zuletzt \u201eSchopenhauer oder die Erfindung der Altersweisheit\u201c (2010), der Autor von Erz\u00e4hlungen und Romanen wie auch Radiobiografien zu Herder, Kant, Schiller und Novalis hat sich in der vorliegenden philosophischen und biographischen Studie zu S\u00f6ren Kierkegaard (1813-1855) ungew\u00f6hnlicher analytischer und beschreibender Verfahren bedient. Bereits der erste pr\u00fcfende Blick auf das Inhaltsverzeichnis verdeutlicht seine Intention. In der einleitenden Studie unter der \u00dcberschrift <em>Er oder Ich<\/em> geht es um die Kl\u00e4rung von zwei Arten der Selbstfindung, die Therapie am ungl\u00fccklichen Bewusstsein und, hier z\u00f6gert der Autor in seiner Zuweisung, die Frage danach, \u201ewer das Selbst, das da sucht und findet, \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht hat.\u201c (S. 14) F\u00fcr Kierkegaard habe es nur eine Antwort gegeben: \u201eEs ist Gott, der hinter allem steht; er kommt zum Vorschein, wenn das Ich sich durchschaut hat und begreift, dass es sich im Normalbetrieb zwar ganz bei sich selbst sein kann, in Erst- und Letztbegr\u00fcndung jedoch an seiner Urheberschaft h\u00e4ngt, die sich der Einsichtnahme entzieht.\u201c Und der Ausweg aus dem Dilemma? Selbstfindung verlange eine Entscheidung: \u201eGen\u00fcgt mir mein Ich, oder \u00f6ffne ich mich f\u00fcr das <em>Umgreifende <\/em>(Karl Jaspers)\u201c (S. 14) Und dieses \u201eUmgreifende\u201c, das bei B\u00f6hmer nur eine vage Umschreibung erf\u00e4hrt, komme von weit her und brauche keinen Namen, um anwesend zu sein. Der an dieser Stelle folgende Verweis auf Exodus 3,13 verwirrt insofern, als er keine Deutung des biblischen Zitats liefert, sondern wieder auf Kierkegaard zur\u00fcckf\u00fchrt, f\u00fcr den der Weg der Selbstfindung \u201ebeschwerlich\u201c gewesen sei, der aber die Gewissheit besessen habe, dass es einen Gott g\u00e4be. Und wir armen, meist gottlosen\u00a0 Zweifler zu Beginn des 21. Jahrhunderts? B\u00f6hmer hat f\u00fcr uns einen kleinen Trost bereit. Er besteht darin, dass Selbstfindung auch f\u00fcr uns noch lohnend sei. Und dann folgen noch zwei Texte: ein biografisch orientierter aus dem Nachlass einer guten Bekannten aus dem Hause Agerskov, Henriette Lund, die den kleinen S\u00f6ren oft getr\u00f6stet hat, und ein Text von Kierkegaard, in dem dieser die Ausweglosigkeit im Ergebnis von Handlungen in einer Art Reuebekenntnis beklagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind beide Texte ein hinl\u00e4nglicher Nachweis f\u00fcr das dialogische Prinzip, mit dessen Hilfe sich der deutsche Philosoph dem Kernbereich der Kierkegaardschen Selbstfindung n\u00e4hern will? Zun\u00e4chst gibt uns die Zeittafel (S. 17-20), in der die zweiundvierzig Lebensjahre von S\u00f6ren Kierkegaard, unterteilt nach biografischen Daten und der Liste seiner Werke, aufgelistet sind, Auskunft \u00fcber den d\u00e4nischen Philosophen, dessen Werk erst am Ende des 19. Jahrhunderts nach \u00dcbersetzungen ins Deutsche und Englisch zur Kenntnis genommen wurde. W\u00e4re es nicht die Aufgabe der vorliegenden philosophischen Schrift gewesen, mit dieser versp\u00e4teten Rezeption einzusetzen, die j\u00e4he Anerkennung des Werkes von Kierkegaard als Beginn der Existenzphilosophie zu kommentieren und dann erst mit der dialogischen Auseinandersetzung zu beginnen? Stattdessen setzt die in vierzehn Abschnitte unterteilte Abhandlung unter der \u00dcberschrift <em>Bis zur Unsichtbarkeit entfernt<\/em> mit einer Reflexion ein, in der die unsichtbare Pr\u00e4senz Gottes als zentrales Problem im Denken von Kierkegaard aus dessen schuldbeladenen Verh\u00e4ltnis zum Vater und dem Widerwillen gegen\u00fcber der d\u00e4nischen Staatskirche abgeleitet wird. Es sind vielmehr zwei Denkfelder, auf denen der meist unter Pseudonym publizierende Philosoph sein frei von Abstraktionen entwickeltes offenes Konzept ausbreitet: die Anthropologie und der christliche Glaube, in der \u201edie Menschen jenseits der Menge wieder zu Einzelnen werden, aber nicht zu Einzelnen f\u00fcr sich, sondern zu \u201aEinzelnen vor Gott\u2019. (Hans Joachim St\u00f6rig) Erst im Abschnitt <em>Ein Zeichen von Liebe <\/em>setzt sich B\u00f6hmer mit der spezifischen Auslegung des Christentums Bei Kierkegaard auseinander. Es sei eine scharf gew\u00fcrzte Speise, das auf keiner Speisekarte aufgef\u00fchrt sei, \u201eum in seinen Genuss zu kommen, muss man ausgehundert sein, ergeben und willig wie ein Kleinkind, das, ohne (es) zu wissen \u2026, in die Kunst der geregelten Nahrungsaufnahme eingef\u00fchrt wird.\u201c (S. 61) An dieser Stelle erfolgt ein gedanklicher Sprung in den Zweifel, der als Bedarfsw\u00fcrze einer Speise definiert wird, bei deren Herstellung man keine Kompromisse eingehen sollte. B\u00f6hmers Erkenntnis, dass Kierkegaards Christentum nur echt sei, \u201ewenn es nach der von ihm lizensierten Originalrezeptur angerichtet wird\u201c (S. 62), erweist sich als kulinarischer Trick, der den Leser ebenso wenig \u00fcberzeugt wie der angef\u00fcgte Kierkegaard-Text \u00fcber ein unvergessliches Kinderm\u00e4dchen, eine stille Nymphe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere Passagen in der biografisch-philosophischen Schrift, wie der Bericht \u00fcber Kierkegaards beide einzige Auslandsaufenthalte in Berlin (1841 und 1843), die erhellende Beschreibung des gro\u00dfst\u00e4dtischen Milieus, der Besuch der Schellingschen Vorlesungen, die wertende Betrachtung der junghegelianischen Schriften aus der Sicht von Kierkegaard und dessen Interpreten erweisen sich als \u00fcbersichtlich und folgerichtig in der Argumentation, selbst der diesem Abschnitt zugeh\u00f6rige Originaltext \u00fcber das Unverm\u00f6gen Schellings (vgl. S. 117f.) f\u00fcgt sich in diesen Abschnitt ein. Er ist ein Beispiel f\u00fcr eine gelungene dialogische Auseinandersetzung zwischen dem denkenden Subjekt und dessen Interpreten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die immer wieder thematisierte Aktualit\u00e4t des Kierkegaardschen Denkens, wie sie seit den 1990er Jahren in zahlreichen Biographien und Einf\u00fchrungen hervorgehoben werden? B\u00f6hmer thematisiert sie vor allem in dem Abschnitt <em>In Ferne und Verborgenheit<\/em> (vgl. S. 119-137). Dort spricht er von Hektik und Schnelllebigkeit, die Kierkegaard als Kennzeichen der vorausgeahnten Moderne erkannte, dem Verlust elementarer menschlicher F\u00e4higkeiten, die, so B\u00f6hmer, den Menschen\u00a0 gleichsam in eine Kunstfigur verwandele. Diese Urteile untermauernd setzt er sich auch mit dem Stellenwert des bereits verflossenen Existenzialismus auseinander, der angesichts der sich abzeichnenden Revolte des Individuums durchaus eine Wiederauferstehung erleben k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz solcher in sich \u00fcberzeugender Passagen bleibt ein vager Gesamteindruck von einer Publikation, in der die Grundz\u00fcge des Denkens von S\u00f6ren Kierkegaard weniger \u201eplastisch und klar\u201c, wie auf dem Klappentext angek\u00fcndigt, als dialogisch verwirrend nachgezeichnet werden. Sind die Ursachen daf\u00fcr in der Verinnerlichung des Kierkegaardschen dialogischen Denkens zu entdecken, von dem der Autor sich nur dann l\u00f6sen kann, wenn er die biografischen Fakten und einige der Texte \u201eseines\u201c Philosophen stringent mit dem Konzept der Selbstfindung b\u00fcndelt. In solchen Passagen zeichnet sich f\u00fcr den Leser auch ein Zugang zu einem Werk ab, das in den letzten drei Jahrzehnten eine so differenzierte Rezeption erfahren hat, wie die repr\u00e4sentative Auswahl der Biografien und der Sekund\u00e4rliteratur (vgl. S. 168f.) nachweist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Cover4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-16642 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Cover4-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Cover4-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Cover4-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Cover4.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Reif f\u00fcr die Ewigkeit,<\/strong> von Otto A. B\u00f6hmer. S\u00f6ren Kierkegaard und die Kunst der Selbstfindung. M\u00fcnchen (Diederichs) 2013, 173 S., 17,99 \u20ac, ISBN 978-3-424-35075-3.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Verfasser zahlreicher Biographien deutscher Philosophen, darunter zuletzt \u201eSchopenhauer oder die Erfindung der Altersweisheit\u201c (2010), der Autor von Erz\u00e4hlungen und Romanen wie auch Radiobiografien zu Herder, Kant, Schiller und Novalis hat sich in der vorliegenden philosophischen und biographischen Studie&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/27\/reif-fur-die-ewigkeit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":16642,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1258,1158],"class_list":["post-16139","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-otto-a-bohmer","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16139","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16139"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16139\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16139"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16139"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16139"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}