{"id":16121,"date":"2013-06-29T00:01:04","date_gmt":"2013-06-28T22:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16121"},"modified":"2021-11-22T05:26:53","modified_gmt":"2021-11-22T04:26:53","slug":"ins-paradies-vertrieben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/29\/ins-paradies-vertrieben\/","title":{"rendered":"Ins Paradies vertrieben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die nennen das Schrei \u2013 Die gesammelten Gedichte von Thomas Brasch<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00c4sthetik war \u201eAu\u00dfer Atem\u201c. Thomas Brasch (1945 \u2013 2001) trieb die Abgrenzung bis zur Pose und schrieb Gedichte f\u00fcr die K\u00f6chin im Ganymed bei Gelegenheit. Dann schrie er aus dem Fenster seinen Verdruss. Das h\u00f6rte man nebenan, wo das Berliner Ensemble ist. Das Ende im Blick vor dem Anfang: das ist das erste Gesicht der Gedichte von Thomas Brasch. Der Fatalismus der Geschichte summt darin sein Lied vom Sozialismus. Der Kampf geht immer nur \u201eum eine Niederlage\u201c. \u201eWer unterliegen will, muss siegen\u201c. Der Geschlechterkampf geht \u00fcber den Klassenkampf hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist sofort alles da, schon im ersten Band, einem Poesiealbum aus dem Jahr 1974, die Graphik von Einar Schleef. Das war monatliche Lyrik in der DDR, f\u00fcr neunzig Pfennig am Kiosk. Auch H\u1ed3 Ch\u00ed Minh bekam sein Poesiealbum. Das Leben blutet aus Augen &amp; Ohren, viel ist (wie) f\u00fcr das Theater geschrieben, es gibt Kursivschriftstellen, die sich als Regieanweisungen lesen lassen. \u201eWir k\u00f6nnen erst weiter, wenn wieder geschossen wird\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Braschs Krieg fand ohne Schlachten statt, er war sich nicht zu schade, Potenz vorzut\u00e4uschen. Heiner M\u00fcller schrieb ihm einen Hass zu, \u201eder in dieser Welt den V\u00e4tern zukommt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am letzten Morgen von Neunzehnhundert76 verlie\u00df Brasch die DDR, mit Katharina und Anna Thalbach gemeinsam. Er reagierte so auch auf sechzig \u00c4nderungsw\u00fcnsche, die einer Ver\u00f6ffentlichung von \u201eVor den V\u00e4tern sterben die S\u00f6hne\u201c im neuen Deutschland entgegen standen. In M\u00fcllers Besprechung von \u201eVor den V\u00e4tern sterben die S\u00f6hne\u201c und \u201eKargo\u201c erkennt der Rezensent die eigene Versteinerung. Au\u00dferdem sagt er: \u201eIch wei\u00df nicht, was sie dort (in der Bundesrepublik) f\u00fcr Folgen haben werden, in der DDR wird nach dem Erscheinen seiner B\u00fccher Vor den V\u00e4tern sterben die S\u00f6hne und Kargo niemand mehr so schreiben k\u00f6nnen, als ob er sie nicht geschrieben h\u00e4tte. Wie es ist, bleibt es nicht\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKargo\u201c ist viel Prosa, im Band der gesammelten Brasch-Gedichte f\u00fcrsorglich untergebracht von den Herausgeberinnen Martina Hanf und Kristin Schulz, damit er nicht verschwindet. Drei Jahre Editionsarbeit steckt in der Versammlung, die alles Unfertige und Entw\u00fcrfe au\u00dfen vor lie\u00df \u2013 und einer kritischen Ausgabe trotzdem nahe liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Notizen zum Vortrag \u201eDu kannst DDR zu mir sagen\u201c von Kristin Schulz<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLeben im Material\u201c &#8211; das ist die Verbindung einer Biografie mit der Geschichte eines Landes. Das ist Heiner M\u00fcller, der sein Bleiben in der DDR nie ex positivo begr\u00fcndet. M\u00fcller bleibt im Material, anders als Brasch. Er ist siebenundvierzig, als der J\u00fcngere geht, und steht schon fest als wichtigster DDR-Dramatiker. \u201eDie Freir\u00e4ume in der BRD\u201c erscheinen ihm k\u00fcnstlich. M\u00fcller erkl\u00e4rt Braschs \u201eLand-Wechsel:\u201c \u201eDie Generation der heute Drei\u00dfigj\u00e4hrigen in der DDR hat den Sozialismus nicht als Hoffnung auf das Andere erfahren, sondern als deformierte Realit\u00e4t. Nicht das Drama des Zweiten Weltkriegs, sondern die Farce der Stellvertreterkriege (gegen Jazz und Lyrik, Haare und B\u00e4rte, Jeans und Beat, Ringelsocken und Guevara-Poster, Brecht und Dialektik). Nicht die wirklichen Klassenk\u00e4mpfe, sondern ihr Pathos\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darin steckt ein Vorwurf der Uneinsichtigkeit, M\u00fcller \u00fcberzieht damit auch \u201eKargo:\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Ungeduld, zu warten, bis der Schock Erfahrung wird\u201c, entdeckt er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fcllers Termine mit der Geschichte: dreiunddrei\u00dfig, der Vater wird verhaftet, Heiner stellt sich schlafend. Neunundvierzig, die Staatsgr\u00fcndung findet statt: \u201eIch war vier als mein Vater verhaftet wurde und 1949 war ich zwanzig\u201c. Einundsechzig f\u00e4llt M\u00fcller in Ungnade. Achtundsechzig ist das Jahr der Panzer und das Lied vom \u201ePanzer als Geburtshelfer der Republik\u201c zu Ende. \u201ePrag nicht als Trauma, sondern als das Ende eines Traumas\u201c, schreibt M\u00fcller auf seiner Baustelle. Die Baustelle: das ist die DDR.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas Elend des Vergleichens ist das Elend der Ideologie\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHat er Hitler nicht sabotiert, wird er auch den Aufbau (der neuen Gesellschaft) nicht sabotieren\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch ist nicht neunundachtzig und die Rede nicht von \u201eder Besch\u00e4digung der Literatur durch ihre Urheber\u201c. Noch nicht: \u201eWelches Grab sch\u00fctzt mich vor meiner Jugend\u201c. M\u00fcllers \u201eBau\u201c nimmt die \u201eSpur der Steine\u201c auf. Der Autor nennt \u201edie BRD eine gesundgeschrumpfte Firma\u201c und beschreibt \u201edie DDR als Kaiserschnitt durch Klassen\u201c. Das ist sein fester Stand, als er Brasch beim Weggegangensein zusieht so wie man sich nach seinem Schatten umdreht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Katharina Thalbach und Martin Wuttke lesen aus den gesammelten Gedichten im Berliner Ensemble<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wuchtigste Ereignis der elisabethanischen Renaissance, so sagt es Heiner M\u00fcller, war die Zerschlagung der Armada als Signatur der Marginalisierung einer Gro\u00dfmacht. Kein anderer Vorgang wirkte sich so stark auf die Zeit aus, in der Shakespeare wirkte. Trotzdem ist an keiner Stelle seines Werks davon direkt die Rede. Es sind die Spiegelungen der Gro\u00dfwetterlagen einer Epoche, \u201edie das Material eines Schriftstellers bilden\u201c. Heiner M\u00fcller erkl\u00e4rte mit Shakespeare und dem Niedergang des spanischen Weltreichs seine Unzust\u00e4ndigkeit f\u00fcr explizite Wendeliteratur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch bin \u00fcberhaupt nicht verpflichtet, jetzt hier das gro\u00dfe Licht anzumachen\u201c, schreibt Rolf Dieter Brinkmann &#8211; wenn ich Thomas Brasch lese, h\u00f6re ich ein Reibeisen. Das ist die Stimme von Katharina Thalbach, die im Verlauf der Jahrhunderte zum Kobold wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Das ist nur der Alkohol<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wenn man bei Tageslicht noch vern\u00fcnftig wird<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und den Arsch nicht in der Hose hat<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">sie auf die Knie fallen zu lassen, dann<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">setzt eine Kr\u00e4he sich aufs Fensterbrett<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">spuckt Eisen in deinen Hals.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich konntest du aus dem Vollen sch\u00f6pfen, singt Katharina Thalbach dem heimlichen Vernehmen nach: Ins Paradies vertrieben\/ morgen will ich mir eine neue Religion erfinden\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Katharina Thalbach frisst die Gedichte in sich ein, sie nimmt sich den Mann daf\u00fcr jedes Mal, wenn sie mit ihm auftritt, vor so als k\u00f6nnte er ihre M\u00f6se noch schmatzen lassen: \u201eWie das sch\u00f6ne Moos aus Dankbarkeit ihn ein wenig Witterung aufnehmen l\u00e4sst\u201c. Man h\u00f6rt den libidin\u00f6sen Grund der Angelegenheit, die DDR erschien Brasch als Heimat \u201eder Verstellungsakrobaten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich finde, der Kapitalismus verstellt die Leute auch nicht schlecht. \u201eEndlich verbr\u00fcdern sich die Schwestern\/ zwei Hexen unter Apfelbaum\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Baustelle ist bei Thomas Brasch eine Mischung aus Knast und Irrenhaus. Aus Hohensch\u00f6nhausen rufen sie: \u201eWir sind drau\u00dfen, ihr seid drin\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie nennen das Schrei<\/strong>, Gesammelte Gedichte von Thomas Brasch. Hrsg. v. Martina Hanf u. Kristin Schulz. Suhrkamp, Berlin. 1030 S., 49,95 \u20ac.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-69273 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-181x300.jpg 181w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-260x431.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-160x265.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei.jpg 301w\" sizes=\"auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die nennen das Schrei \u2013 Die gesammelten Gedichte von Thomas Brasch 1. Die \u00c4sthetik war \u201eAu\u00dfer Atem\u201c. Thomas Brasch (1945 \u2013 2001) trieb die Abgrenzung bis zur Pose und schrieb Gedichte f\u00fcr die K\u00f6chin im Ganymed bei Gelegenheit. Dann schrie&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/29\/ins-paradies-vertrieben\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":99,"featured_media":69273,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1213,1241],"class_list":["post-16121","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-jamal-tuschick","tag-thomas-brasch"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16121","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/99"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16121"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16121\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16121"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16121"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16121"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}