{"id":16040,"date":"2013-07-06T00:01:18","date_gmt":"2013-07-05T22:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16040"},"modified":"2021-07-22T11:31:49","modified_gmt":"2021-07-22T09:31:49","slug":"der-korper-als-wahrzeichen-unserer-endlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/06\/der-korper-als-wahrzeichen-unserer-endlichkeit\/","title":{"rendered":"Der K\u00f6rper als Wahrzeichen unserer Endlichkeit?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wesentliche Ph\u00e4nomene unserer K\u00f6rperwelt sind seit mehr als drei\u00dfig Jahren einem beunruhigenden Wandel ausgesetzt. Gesichtsplantationen, Geschlechtsumwandlungen, Eingriffe in die \u00e4u\u00dferen Konturen unserer Leiber. sogar das Clonen des Menschen ist m\u00f6glich geworden \u2013 ist der K\u00f6rper des modernen Menschen, wie Michela Marzano behauptet, zu einem risikoreichen Spielplatz unseres Willens geworden? Die seit 2010 an der Universit\u00e9 Paris Descartes lehrende Moralphilosophin mit den Forschungsschwerpunkten \u201aMenschlicher K\u00f6rper und sein ethischer Status\u2019, \u201aSexuelle Ethik\u2019 und \u201amedizinische Ethik\u2019 wirft der abendl\u00e4ndischen Philosophie vor, sie habe sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mit der Realit\u00e4t des K\u00f6rpers nur aus sehr fragmentierten Perspektiven auseinandergesetzt. Erst die Ph\u00e4nomenologie (Jean-Paul Sarte \u201eDas Sein und das Nichts\u201c, Paris 1943) habe eine \u201eechte Revolution\u201c eingeleitet, indem sie die klassische Sicht des K\u00f6rpers einem Modell gegen\u00fcberstellt, das zwar noch instrumentale Ziele verfolge, aber die dualistische Betrachtung des K\u00f6rpers \u00fcberwinde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie der zweipolige Status des menschlichen K\u00f6rpers, begrifflich gefangen in seiner Existenz als materielles Objekt und als dessen Erscheinungsform, nach Marzano aufgel\u00f6st werden kann, erfolgt in f\u00fcnf konzeptionellen Schritten. Der Dualismus und seine Etappen bilden den Auftakt, in dem die tradierten, philosophisch begr\u00fcndeten Vorstellungsinhalte vom K\u00f6rper skizziert werden. Sie m\u00fcnden in die operativ durchgef\u00fchrte Ver\u00e4nderung der Oberfl\u00e4che eines obsoleten K\u00f6rpers, der nach Orlan \u201eeine neue Identit\u00e4t ausdr\u00fccken kann, der nicht mehr von den \u201aEntscheidungen der Natur\u2019 abh\u00e4ngt oder von denen des \u201aZufalls\u2019\u201c. (S. 34) F\u00fcr die franz\u00f6sische Konzept-K\u00fcnstlerin Orlan, die sich zwischen 1990 und 1993\u00a0 einer Reihe von Sch\u00f6nheitsoperationen unterzog, ist die Haut nach Ansicht von Marzano \u201enur ein Hindernis, das es aufzurei\u00dfen gilt, um anderen Menschen den Zugang zu dem zu erlauben, das normalerweise nicht zu sehen ist.\u201c (S. 35) Doch Orlan ginge es nicht nur um das Niederrei\u00dfen der Barrieren zwischen Innen- und Au\u00dfenwelten. Ihr eigentliches Ziel sei, \u201enach der Dekonstruktion, die Rekonstruktion ihres Bildes und die Schaffung einer neuen Identit\u00e4t.\u201c (S. 37) Das damit verbundene Risiko definiert Marzano mit dem Verweis darauf, dass Orlan sich gegen die Diktatur der Gene wende und dem Glauben an deren Vorherbestimmtheit abschw\u00f6re. Andererseits pflege sie die Logik des \u201esowohl \u2013 als auch\u201c, wonach eine Entscheidung auch reversibel sei. Eine weitere Implikation ihres waghalsigen Handelns bestehe in der Leugnung eines \u00e4u\u00dferen Spiegels, der durch ihren eigenen Blick ersetzt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die folgende historische R\u00fcckblende unter dem Titel \u201aVom Monismus zur Ph\u00e4nomenologie\u2019 erfasst eingangs den metaphysischen Monismus Spinozas. Er betrachtete den K\u00f6rper als komplexes, gut organisiertes Instrument, f\u00fcr das zum Beispiel der Affekt sich in einer sogleich k\u00f6rperlichen und psychischen Realit\u00e4t entfalte. Eine ganz andere Auspr\u00e4gung fand der K\u00f6rper des Menschen in der materialistisch ausgerichteten Philosophie von La Mettrie. In \u201eL\u2019homme-Machine\u201c (1747) wurden psychische Ph\u00e4nomene unter k\u00f6rperliche Prozesse subsumiert. La Mettrie sah sich nach Marzano als konsequenter Cartesianer, der den Descartes\u2019schen Mechanismus folgerichtig zu Ende gedacht habe. Einen radikalen Bruch mit der philosophisch dualistischen Tradition von K\u00f6rper und Seele habe Friedrich Nietzsche vollzogen, f\u00fcr den jede Erkenntnis von den Sinnen ausgehen m\u00fcsse. Somit betrachtete er den lebendigen Leib als Ausgangspunkt f\u00fcr sein philosophisches Denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parallel zur Entfaltung der Lebensphilosophie zeichnet Marzano die Entwicklung der Phrenologie nach, die am Ende des 19. Jahrhunderts erste Erfolge bei der Erforschung des Gehirns aufweisen konnte. Sie schlugen sich in den nobelpreisw\u00fcrdigen Ergebnissen von Golgi und Cajal mit der Entdeckung der Zellen des Nervensystems nieder. Die Herausstellung der ph\u00e4nomenologischen Arbeiten von Edmund Husserl, der \u201eeine wahrhafte Philosophie des Fleisches\u201c(Marzano) entwarf, \u00fcberrascht insofern, als er in seinen \u201eCartesianischen Meditationen\u201c das System des transzendentalen Idealismus in den Mittelpunkt seines Denkens stellt und ungeachtet dessen den K\u00f6rper als Subjekt bewertete. Auf der Grundlage von Maurice Merleau-Pontys Vorstellung von der gegenseitigen Durchdringung von K\u00f6rper und Welt und Emmanuel Levinas origineller Sicht auf den K\u00f6rper als unabl\u00f6sbare Verbindung von K\u00f6rperlichkeit und Affekten setzt sich Marzano mit Krankheit als Fehlfunktion des K\u00f6rpers auseinander. Auf die damit aufgeworfene Frage nach der Reaktion des K\u00f6rpers auf Transplantationen von Organen, die als Eindringlinge in den k\u00f6rperlichen Organismus die Suche des Ich nach Identit\u00e4t ausl\u00f6sen, antwortet die Autorin im dritten Kapitel. Es handelt sich dabei um die Stellung des K\u00f6rpers zwischen Natur und Kultur, eine schwierige Positionsbestimmung, die Marzano so definiert: \u201cEinerseits leben die K\u00f6rper, sterben, essen, schlafen und empfinden Schmerz oder Freude, v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von ihrer gesellschaftlichen Funktion. Andererseits sind sie Teil einer sozialen und kulturellen Wirklichkeit und ihre Bewegung wird nicht zuletzt von Erziehung und Gesellschaft bestimmt.\u201c (S. 81) Wesentliche Einfl\u00fcsse auf die theoretische Festlegung des K\u00f6rpers erzielte der Konstruktivismus durch die Arbeiten von Michel Foucault, der den K\u00f6rper als Text definierte, und durch Donna Haraway, die in ihrem \u201eManifest f\u00fcr Cyborgs\u201c (Frankfurt a.M. 1995) den K\u00f6rper als Hybride von Maschine und Organismus sieht, die das Geschlecht transzendierend den Text aller beherrschten, ausgebeuteten \u201eNatur\u201c-K\u00f6rper neu schreibe. Solche immaterielle Kunstwesen sind seit den sp\u00e4ten 1970er Jahren auch in Spielfilmen von David Cronenberg (\u201eu.a. \u201cSpider\u201c, \u201eParasiten-M\u00f6rder\u201c) als transformierte K\u00f6rper pr\u00e4sent. Die sich versch\u00e4rfende theoretische Debatte zwischen Reduktionisten (Mensch als Naturwesen) und Konstruktivisten (Mensch als Konstrukt der Kultur) beleuchtet Marzano am Beispiel von Sexus und Gender, um mit Verweisen auf Judith Butlers These vom aufgezwungenen Geschlecht und Teresa de Lauretis\u2019 <em>queer theory<\/em> \u2013 als Dekonstruktion des Systems vom biologischen bzw. sozialen Geschlecht \u2013 das am Ende des 20. Jahrhunderts breite Spektrum von K\u00f6rperdefinitionen zu erl\u00e4utern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der K\u00f6rper als Wahrzeichen unserer Endlichkeit? Die Reduktion des Menschen auf seinen K\u00f6rper geh\u00f6rt f\u00fcr Marzano zu \u201eden dunklen Seiten der Materie\u201c. Sie sind auch verbunden mit den Vorstellungen von Abschaum und Unreinheit, die sadistische Einzelt\u00e4ter wie auch rassistische und terroristische Regime zur Unterwerfung ihrer Opfer unter ihre Menschen und Rassen ausl\u00f6schende Ziele stellen. Mit Begriffen wie Ausl\u00f6schung der Identit\u00e4t, Qual des Daseins, eisiger Blick und zerst\u00fcckelte K\u00f6rper umrei\u00dft die Philosophin die Auswirkungen des k\u00f6rperlichen und psychischen Martyriums, dem Millionen von Menschen w\u00e4hrend des nationalsozialistischen Terrorregimes ausgesetzt waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das abschlie\u00dfende Kapitel ist dem sicherlich kompliziertesten Bereich menschlicher Existenz gewidmet: der Sexualit\u00e4t und der Subjektivit\u00e4t. Es m\u00fcndet in die an Sigmund Freud orientierte psychoanalytische Bewertung des menschlichen Begehrens, \u201edas uns begrifflich macht, was es hei\u00dft, auf die Antwort des Anderen zu warten und dabei im K\u00f6rper dieses tiefe Gef\u00fchl des Unvollst\u00e4ndigeins und der Ohnmacht zu empfinden.\u201c (S. 115) Marzano gelingt es, ausgehend von der tradierten Vorstellung einer herrschaftlichen Objektivierung im Umgang mit dem\/der Anderen &#8211; dem Objekt der Begierde &#8211;\u00a0 ein intersubjektives Beziehungsgef\u00fcge zu schaffen, in dem die Nacktheit, die Preisgabe des K\u00f6rpers zu einer gegenseitigen Anerkennung f\u00fchren kann. Vorausgesetzt, die an diesem sexuellen Verh\u00e4ltnis Beteiligten sind sich ihres doppelten Empfindens bewusst: dem Lustgewinn und ihrer Verlorenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie unauslotbar dieses Wechselverh\u00e4ltnis ist, verdeutlichen nicht nur ihre abschlie\u00dfenden Ausf\u00fchrungen zu Entfremdung und gegenseitiger Achtung, in denen die \u00c4ngste der Sexualpartner in der st\u00e4ndigen Dialektik zwischen Haben und Nicht-Haben virulent werden. Ganz zu schweigen von den homosexuellen und transsexuellen Beziehungsfeldern, auf die sich Michela Marzano (noch) nicht hinauswagt. Fu\u00dfend auf ihren tradierten psychonalytisch und ph\u00e4nomenologisch verankerten Betrachtungen, legt sie mit ihrer historisch argumentierenden, hochsensiblen Bewertung der gegenw\u00e4rtigen k\u00f6rperlichen Transformationen ein in jeglicher Hinsicht verst\u00e4ndliches und spannendes Werk \u00fcber unseren K\u00f6rper vor. Dabei verbindet sie hochkomplexe theoretische Konstrukte mit empirischen Fakten und poetischen Visionen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Ko\u0308rper.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-16043\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Ko\u0308rper.jpg\" alt=\"\" width=\"278\" height=\"420\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Ko\u0308rper.jpg 278w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Ko\u0308rper-198x300.jpg 198w\" sizes=\"auto, (max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/><\/a>Philosophie des K\u00f6rpers <\/strong>von Michela Marzano, aus dem Franz\u00f6sischen von Elisabeth Liebl. M\u00fcnchen (Diederichs) 2012. 142 S., 16,99 \u20ac. ISBN 978-3-424-35080-7.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wesentliche Ph\u00e4nomene unserer K\u00f6rperwelt sind seit mehr als drei\u00dfig Jahren einem beunruhigenden Wandel ausgesetzt. 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