{"id":15948,"date":"2013-06-17T00:01:42","date_gmt":"2013-06-16T22:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15948"},"modified":"2021-10-20T14:39:55","modified_gmt":"2021-10-20T12:39:55","slug":"ein-hochamt-der-poesie-im-alten-westen-von-berlin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/17\/ein-hochamt-der-poesie-im-alten-westen-von-berlin\/","title":{"rendered":"Ein Hochamt der Poesie im alten Westen von Berlin"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist schw\u00fcl in Charlottenburg, fast tropisch. Die Leute tropfen in die Autorenbuchhandlung. Sie dient einer S-Bahn als Untergrund und wird st\u00e4ndig ersch\u00fcttert wie eine Blues Brothers-Absteige. Der alte Westen findet sich ein mit seinen siebzigj\u00e4hrigen Jungfrauen in Minir\u00f6cken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Elisabeth-Nora-Jan-und-Bjo\u0308rn-in-Charlottenburg-29.05.2013-013.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-15967\" title=\"Elisabeth, Nora, Jan und Bjo\u0308rn in Charlottenburg - 29.05.2013 013\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Elisabeth-Nora-Jan-und-Bjo\u0308rn-in-Charlottenburg-29.05.2013-013-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Elisabeth-Nora-Jan-und-Bjo\u0308rn-in-Charlottenburg-29.05.2013-013-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Elisabeth-Nora-Jan-und-Bjo\u0308rn-in-Charlottenburg-29.05.2013-013-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Hanser Berlin-Chefin Elisabeth Ruge macht den Abend auf mit launischen Bemerkungen, in denen Erinnerungen an Vertreterkonferenzen abgesch\u00f6pft werden. Sie sagt: \u201eDie Vorauszahlungen f\u00fcr Lyrikb\u00e4nde sind besch\u00e4mend\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erinnert an ihren Vater, der zu Gedichten als etwas Auswendigem riet. \u201eWenn du denn ins Gef\u00e4ngnis kommst, Kind,\u201c so sagte der Vater zur Elisabeth, \u201ewird dir das nutzen\u201c. &#8211; Zur geistigen Druckbetankung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Elevin h\u00f6rte Richard Burton Thomas Dylan aufsagen, die Konserve war noch Schallplatte, sie pr\u00e4gte sich ein auf einer Rille im Gehirn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elisabeth Ruge ist ja nie ins Gef\u00e4ngnis gekommen &#8211; und jetzt sitzt sie so da in dieser Buchhandlung als seien die Dichter ihre d\u00fcrftig alimentierten Z\u00f6glinge. Nein, so sehen die Dichter nicht aus. Sie sehen gut aus, so wie Motoren der Poesie aussehen m\u00fcssen, so ein bisschen ausgefallen, aber nicht zu sehr. Jan Wagner beschw\u00f6rt die lyrische Potenz einer Nase, er wei\u00df: \u201eDie Grille kratzt kein Krieg\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, Gedichte machen gl\u00fccklich. Sie sind Grund f\u00fcr Festivals. Man k\u00f6nnte mit Gedichten noch einmal von vorn anfangen \u2013 und Nora Bossong sagt: \u201eEs gibt keine Gedichte, es gibt sie nur zuf\u00e4llig\u201c. In ihrem \u201eH\u00fcgelgew\u00e4chs\u201c \u201ef\u00fcllen sich T\u00e4ler mit Dorffesten\u201c. Sie liest auch ein Auberginengedicht, Obst und Gem\u00fcse in einem Raum, der bebt unter seiner Bahn. Eine \u201evergreiste Putte war so grau, als h\u00e4tte Luther selbst sie noch gekannt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIn der Prosa bleibt die Sprache auf der Strecke\u201c, sagt Nora Bossong.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs gibt keine Grabenk\u00e4mpfe mehr zwischen narrativ und abstrakt\u201c, sagt Jan Wagner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVielleicht fehlen die, sonst kriegt man doch nur Lyrikminestrone\u201c, sagt Bj\u00f6rn Kuhligk. Elisabeth Ruge sagt ihm eine \u201eRebellion beim Besingen der Apfelbl\u00fcten\u201c nach. Bj\u00f6rn Kuhligk schreibt jetzt Naturgedichte, als Entdecker erdgeschichtlicher Selbstverst\u00e4ndlichkeiten. Er versendet Gr\u00fc\u00dfe aus dem Hochmoor, erz\u00e4hlt von \u201eschnellen Ameisen\u201c, die sich als \u201erasende Bl\u00e4tter\u201c tarnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVon einem deutschen Acker darf nie wieder ein Wie-Vergleich ausgehen\u201c meldet Bj\u00f6rn Kuhligk in \u201eDie Stille zwischen null und eins\u201c. Darin wird M\u00fcll auf den Mount Everest geschafft, Tote, so wie \u201eder blaue Bill\u201c markieren den Weg zum Gipfel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Natur als Reservat f\u00fcr den sp\u00e4ten Kuhligk \u2013 und Jan Wagner hantiert mit b\u00e4urischen Begriffen. Er bringt W\u00f6rter in Umlauf, die aus unserer Zeitzone geglitten sind. Im Sortiment erfundener Dichter finden sie eine neue Heimat: Gickel, Gosche, Wamsen, aber mit Schmackes und ohne zu Zimpern. &#8211; \u201eIch Muse und Melkerin\u201c hei\u00dft eine ausgedachte Biografie: \u201eDer Vater wurde noch gewamst\/ das Schulbuch war seine Rechte\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jan Wagner n\u00f6tigt \u201eden sanften Zwang zur Form:\u201c ihn zu befreien. Andere streben zur Formlosigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAlles geht\u201c, sagt Bj\u00f6rn Kuhligk. Der Dichter f\u00e4hrt fort: \u201eEs gibt keinen Markt und kein Publikum, dessen Erwartungen erf\u00fcllt werden k\u00f6nnten\u201c. &#8211; Als Einladung zur Korruption. Jan Wagners Sonettunterwanderungen koinzidieren mit Kuhligks Wanderungen in der Mark Brandenburg und dem subtropischen Schenkelfleisch an Ort und Stelle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-86249 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/01\/Satyr-mit-Lyra-300x250.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/01\/Satyr-mit-Lyra-300x250.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/01\/Satyr-mit-Lyra-260x216.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/01\/Satyr-mit-Lyra-160x133.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/01\/Satyr-mit-Lyra.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es ist schw\u00fcl in Charlottenburg, fast tropisch. Die Leute tropfen in die Autorenbuchhandlung. Sie dient einer S-Bahn als Untergrund und wird st\u00e4ndig ersch\u00fcttert wie eine Blues Brothers-Absteige. Der alte Westen findet sich ein mit seinen siebzigj\u00e4hrigen Jungfrauen in Minir\u00f6cken.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/17\/ein-hochamt-der-poesie-im-alten-westen-von-berlin\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":99,"featured_media":86249,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[749,1213,1249,322],"class_list":["post-15948","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-bjorn-kuhligk","tag-jamal-tuschick","tag-jan-wagner","tag-nora-bossong"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15948","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/99"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15948"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15948\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}