{"id":15879,"date":"2013-06-18T00:01:40","date_gmt":"2013-06-17T22:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15879"},"modified":"2021-07-22T11:25:55","modified_gmt":"2021-07-22T09:25:55","slug":"zeitgenossische-kunstler-aus-polen-und-russland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/18\/zeitgenossische-kunstler-aus-polen-und-russland\/","title":{"rendered":"Zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstler aus Polen und Russland"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit dem Fr\u00fchjahr 2010 hat der Steidl Verlag eine Reihe zur zeitgen\u00f6ssischen Kunst aufgelegt, die repr\u00e4sentative \u00dcberblicke \u00fcber nationale Kunstszenen zu Beginn des 21. Jahrhunderts geben soll. W\u00e4hrend die ersten drei Dokumentationen (Positionen 1 bis 3) sich mit zeitgen\u00f6ssischer Kunst in S\u00fcdafrika, der T\u00fcrkei und China besch\u00e4ftigten, unternehmen die vorliegenden B\u00e4nde (Position 4 und 5) den Versuch, auf der Grundlage von Portr\u00e4ts mit narrativen Interviews, Essays und \u00dcberblicksdarstellungen wesentliche Merkmale der k\u00fcnstlerischen und literarischen Szenerien in Polen und in Russland zu erfassen. Die Vorgehensweise der Herausgeber, die politische, gesellschaftliche und kulturelle Position der befragten K\u00fcnstler in ihren nationalen Kontexten ausleuchten sollen, unterscheidet sich in formaler Hinsicht nur wenig voneinander. In beiden B\u00e4nden geben sie einen \u00dcberblick \u00fcber wesentliche Charakteristika ihrer L\u00e4nder, wobei sie auch Begr\u00fcndungen f\u00fcr die Auswahl ihrer Interview-Partner liefern. Der strengeren formalen Gliederung des Polen-Bandes (Unterteilung nach Musik, Film, Literatur, Theater mit jeweils einem Essay) steht die offenere Konzeption des Russland-Bandes gegen\u00fcber, in dem jedoch drei eingehende Analysen zur Situation der Kunst, des Theaters und des Kinos dem Leser einen kritischen Einblick in eine institutionell aufgebrochene Kulturlandschaft anbieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Einf\u00fchrungen in die jeweiligen nationalen Kunstszenerien unterscheiden sich durch eine Reihe von Zuschreibungen, in denen der Charakter der stark voneinander abweichenden Kulturlandschaften zum Tragen kommt. In Polen sind es Merkmale wie die gesellschaftliche Teilhabe an Prozessen der Stadtentwicklung, die Verdeutlichung sozialer Ungleichheit, Kritik an der Migrationspolitik, das zivilgesellschaftliche Engagement und die Rekonstruktion nationaler Mythen, welche sich in den Werken und Diskursen der neuen Kulturtr\u00e4ger widerspiegeln. In der viel k\u00fcrzeren Einf\u00fchrung in die Situation der russischen zeitgen\u00f6ssischen K\u00fcnstler \u00fcberwiegen hingegen Begriffe wie Mythos Russland und dessen Demystifizierung, Auseinandersetzung mit Traditionen und Marktgesetzen, Zugest\u00e4ndnisse an Politik und Gesellschaft, Arbeitsbedingungen. Sie sind in einen Fragekatalog eingebettet, der sich in den inhaltlichen Leitlinien der Gespr\u00e4che mit den russischen K\u00fcnstlern widerspiegelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Auswahl der K\u00fcnstler orientiert sich in beiden B\u00e4nden an Kriterien wie Offenheit bei der Beschreibung ihrer Schaffensbedingungen, kritische Reflexion ihrer Position in der Gesellschaft wie auch Zugeh\u00f6rigkeit zu verschiedenen Generationen. Dennoch f\u00e4llt auf, dass die Herausgeber der Dokumentation zu Polen, ausgewiesene Fachleute auf dem Gebiet der polnisch-deutschen Kulturbeziehungen, aufgrund der Zuordnung ihrer 26 Protagonisten zu Schaffensprofilen und kulturellen Positionen eine viel st\u00e4rkere Bewertung von \u00e4sthetischen Prozessen im Kontext von Kulturgeschichte vornehmen. Sie wollen mit dieser Darstellungsweise einen Einblick in die j\u00fcngste polnische Geschichte geben, in der die dynamische Entwicklung von Kunst und Literatur unter der Losung <em>Art for social change<\/em> ablaufen werde. Die in Gespr\u00e4chen mit unterschiedlichen Interviewern vorgestellten Pers\u00f6nlichkeiten bilden deshalb ein markantes Spektrum der zeitgen\u00f6ssischen Kunst. Ein besonderes Merkmal zeichnet die im Bereich \u201aBildende Kunst\u2019 ausgew\u00e4hlten Vertreter S\u0142awomir Sierakowski, Wilhelm Sasnal, Artur \u017bmijewski, Miros\u0142aw Ba\u0142ka, Pawe\u0142 Althamer sowie Joanna Rajkowska aus: die radikale kritische Reflexion von Umwelt und Politik. Eine Eigenschaft, die auch dem jungen polnischen Theater im Umgang mit Geschichte zugeschrieben wird. Es habe, nach Maciej Nowak, die Funktion eines Hackers \u00fcbernommen, das sich seit den fr\u00fchen 1990er Jahren \u201ein die heiligsten Server der polnischen Tradition eingehackt\u201c (S. 178) hat und die lieb gewonnenen Erinnerungen umpfl\u00fcge. Ein gleichfalls rhythmischer und semantisch-syntaktischer Umschwung geht von jungen Musik- und Literaturproduzenten wie Tomasz Sta\u0144ko oder Dorota Mas\u0142owska aus, w\u00e4hrend im schwierigen Filmgesch\u00e4ft \u00fcberwiegend die \u00e4ltere Generation mit Regisseuren wie Jerzy Skolimowski, Zbigniew Rybczy\u0144ski und Andrzej Wajda zu Wort kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich einen diskursiv-evaluativen Zugang zur diffusen russischen Kunst-, Theater- und Film\/Kinoszenerie verschaffen will, der sollte mit der Lekt\u00fcre der drei abschlie\u00dfenden Analysen beginnen. Viktor Miziano, renommierter Kurator und Chefredakteur der Zeitschrift <em>Chudo\u017eestvennyj \u017eurnal<\/em>, kommt zu dem deprimierenden Urteil, dass das russische Kunstsystem \u201evielleicht eine Karikatur des westlichen Systems\u201c (S. 300) ist. Marina Dawydowa hingegen, Theaterkritikerin und Dozentin f\u00fcr Theatergeschichte, bescheinigt dem russischen Theater, dass es \u201eTeil der europ\u00e4ischen Kultur\u201c (S. 317) geworden sei, ein Ergebnis, das sich auch auf den st\u00fcrmischen Festivals beim Vergleich mit anerkannten ausl\u00e4ndischen Ensembles widerspiegele. Larissa Maljukowa aber zeichnet der russischen Kinowelt ein d\u00fcsteres Bild, in dem die Spuren einstiger bedeutender Autorenfilme kaum noch sichtbar seien und der Mainstream der patriotisch gesinnten Filmstreifen vorherrsche, von denen auch die junge Generation in der \u201egelenkten Demokratie\u201c nichts mehr wissen wolle. \u201ePure Schwarzmalerei?\u201c lautet ihr Res\u00fcmee, was sie jedoch mit dem Blick auf das seit 2010 entstehende Neue Russische Autorenkino wieder in Frage stellt. Eine partielle Aufl\u00f6sung solcher schwierigen Gemengelagen ist bei der aufmerksamen Lekt\u00fcre der Interviews mit Protagonisten aus der Film- und Kunstszenerie m\u00f6glich, wie z.B. das Gespr\u00e4ch, das Larissa Maljukowa mit dem Regisseur Alexander Rastorgujew, Autor naturalistischer Dokumentarfilme, f\u00fchrt. Unter der \u00dcberschrift \u201eSolange nur der eine Oligarch den anderen auffrisst, guckt das Volk Fernsehen und hat den Eindruck, da bek\u00e4mpfen sich Spinnen im Glas\u201c, entwirft Rastorgujew, Autor zahlreicher schonungsloser Dokumentarfilme, die mal verboten, mal einfach aus dem Verkehr gezogen wurden, ein entlarvendes \u201eBild\u201c eines Systems, in dem \u201edieses passive, f\u00fcgsame Land \u2026 eine Wurst aus Knete (ist), die sich in den H\u00e4nden von ein paar Polittechnologen befindet.\u201c (S. 87). Der Booker-Preistr\u00e4ger Alexander Ilitschewski (\u201eMatiss\u201c, 2007), in dessen Familie f\u00fcnf Menschen durch das Stalin-Regime ermordet wurden, w\u00fcnscht sich f\u00fcr eine zuk\u00fcnftige russische Gesellschaft eine Situation, in der der Schriftsteller nicht mehr die Rolle eines Narren spielen muss. Und die Vertreter der mittleren Generation, die in den 70er und 80er Jahren eine konzeptualistische Poetik entwarfen? Lew Rubinstein sieht sich einer Situation ausgesetzt, in der man wieder wegen Gedichten ermordet werden kann, Wladimir Sorokin, einst das enfant terrible der literarischen \u00d6ffentlichkeit, \u00e4sthetischer Au\u00dfenseiter, lebt mit seinen Figuren von der spezifischen russischen Metaphysik und spricht von einer fruchtbaren fiktionalen Atmosph\u00e4re f\u00fcr einen zeitgen\u00f6ssischen Schriftsteller. Und die K\u00fcnstler der unterschiedlichen Moskauer post-avantgardistischen Richtungen? Igor Makarewitsch, f\u00fcr den die zeitgen\u00f6ssische Kunst \u201efast eine religi\u00f6se Form einer kapitalistischen Kunst\u201c ist, wie auch Jurij Albert, der mit seiner postkonzeptualistischen Kunst sowohl in Russland als auch in der westlichen Hemisph\u00e4re anerkannt ist? Ihre Einsch\u00e4tzungen der russischen zeitgen\u00f6ssischen Szenerie zeugen von einer distanzierten Haltung gegen\u00fcber ihrem Land. Doch macht die Kunst frei, wie Albert in einer Neon-R\u00f6hren-Installation aus dem Jahr 2004 signalisiert? (vgl. S. 266)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Interview-Dokumentationen zur Situation der zeitgen\u00f6ssischen Kunst- und Literaturszenerien in Polen und Russland zeichnen sich durch hoch qualifizierte Fragen und auf der gleichen Diskursebene ablaufende Antworten aus. Die dadurch entstandene Verdichtung \u00e4sthetischer und kulturpolitischer Aussagen \u00fcber zwei ehemalige kommunistische L\u00e4nder, die ihre kulturellen Umbr\u00fcche in sehr unterschiedlicher Weise durchlebt haben, erm\u00f6glicht \u00fcberraschende, intensive Einblicke in Kulturlandschaften, in denen ihre kreativsten Akteure sich (un)-maskiert ihrem Publikum stellen. Die Figuren auf dem Cover der Paperback-B\u00e4nde verdeutlicht dies: Artjom Loskutow als russischer spiderman und Pawel Althamer (Polen), hinter einer Schwei\u00dfbrille verborgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Polen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-15882\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Polen.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"150\" \/><\/a>Zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstler aus Polen\u2028- <\/strong>Positionen 4, Herausgegeben von Tomasz D\u0105browski und Stefanie Peter \u2028im Auftrag von Goethe-Institut, Akademie der K\u00fcnste und Polnisches Institut Berlin. \u2028Steidl Verlag, G\u00f6ttingen, 2012 \u2028400 S., 20,00 \u20ac<\/p>\n<p>und<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstler aus Russland \u2028- <\/strong>Positionen 5, Herausgegeben von Leonid Bazhanow und Wolf Iro \u2028im Auftrag von Goethe-Institut und Akademie der K\u00fcnste. \u2028Steidl Verlag, G\u00f6ttingen, 2012 \u2028349 S., 20, 00 \u20ac<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Seit dem Fr\u00fchjahr 2010 hat der Steidl Verlag eine Reihe zur zeitgen\u00f6ssischen Kunst aufgelegt, die repr\u00e4sentative \u00dcberblicke \u00fcber nationale Kunstszenen zu Beginn des 21. Jahrhunderts geben soll. W\u00e4hrend die ersten drei Dokumentationen (Positionen 1 bis 3) sich mit zeitgen\u00f6ssischer&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/18\/zeitgenossische-kunstler-aus-polen-und-russland\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":15882,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1158],"class_list":["post-15879","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15879","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15879"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15879\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15879"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15879"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15879"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}