{"id":15875,"date":"2013-12-22T00:01:20","date_gmt":"2013-12-21T23:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15875"},"modified":"2022-02-20T13:58:18","modified_gmt":"2022-02-20T12:58:18","slug":"weltall-im-krahwinkel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/22\/weltall-im-krahwinkel\/","title":{"rendered":"Weltall im Kr\u00e4hwinkel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>O Du geliebtes Bayreuth, in das ich wie in einen Himmel fuhr.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer Jean Paul (1763 \u2013 1825), diesen ketzerisch-romantischen \u00dcberflieger f\u00fcr die deutschsprachige literarische \u00d6ffentlichkeit im 21. Jahrhundert \u201everst\u00e4ndlich\u201c machen will, der sollte in der, wie stets im Lilienfeld Verlag anschaulich gestalteten Publikation mit dem als Nachwort abgedruckten Beitrag von Ulrich Holbein beginnen. Er titelt seinen provokanten Beitrag \u201eWarum sein schleichend Volk noch immer nicht hinterherhumpelt\u201c, in dem er den Kulturbeflissenen attestiert, sie w\u00fcrden, wenn man Ihnen etwas \u00fcber Jean Paul erz\u00e4hlen m\u00f6chte, irritiert zur\u00fcckfragen: \u201eSartre?\u201c Woran liege es, dass der St\u00f6rfaktor Jean Paul sich nicht in der deutschen Bildungspalette angesiedelt habe? Lag es etwa daran, wie Holbein provokant vermutet, dass sich weder die Klassiker noch die Romantiker \u00fcber Milliardenl\u00f6cher, Welthunger oder Rettungsschirme ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tten? Schlimmer noch: wenn die Literaten des 18. Jahrhunderts sich schon mit Multimedia, Dschungelcamps und SMS herumgeschlagen h\u00e4tten, dann w\u00fcrden wir sie im 21. Jahrhundert kaum noch lesen. Gibt es, so Holbein weiter, vielleicht auch bildungsimmanente Gr\u00fcnde, die es verhindern, dass wir bei der Nennung: Jean Paul in Jubelrufe ausbrechen. Das Hauslehrersystem des sp\u00e4ten 18. Jahrhundert sei zu allgemeiner Schulpflicht und damit zu Kaisertreue und Kadavergehorsam mutiert. Die allseitige Pers\u00f6nlichkeitsentfaltung sei in industrielles Fachidiotentum gem\u00fcndet und die klassischen Satzperioden h\u00e4tten dem Altmeister den Garaus gebracht. Man w\u00fcrde ihre Texte als verkopft empfinden und \u201eihre S\u00e4tze als zu lang und verschachtelt.\u201c (S. 297) Dass man \u00fcberhaupt noch um die Romantiker kreise und sie da und dort immer noch verst\u00e4ndlich finde, liege daran, dass sich \u201eauch in Kunst und Kultur Betonblocks und Behindertenparkpl\u00e4tze \u2026ausbreiten und seitdem Altst\u00e4dte und Gem\u00e4lde mit unverschandelten Landschaften noch zehnmal romantischer als zuvor\u201c wirkten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auch immer diese \u00fcberraschenden Bewertungsma\u00dfst\u00e4be zustande kommen, ehemalige Antipoden wie Paul und Goethe seien zu Bundesbr\u00fcdern zusammengeschmolzen und eins geworden in ihrem r\u00fccksichtslosen Gebrauch von Fremdw\u00f6rtern und irreparabel fortschreitender Schwerverst\u00e4ndlichkeit. Gibt es noch eine M\u00f6glichkeit sie zu retten, bevor sie ultimativ als Moorleichen noch einmal aufleuchten und dann verschwinden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Harter Tobak! Doch wenn ein Ketzer \u00fcber die \u201eUngerechtigkeiten\u201c in der Rezeption seines Lieblingsautors Jean Paul, nicht Sartre (!), schreibt, dann geht es vegetarisch und geisteswissenschaftlich zu. Zuerst der Blick ins Treibhaus der deutschen Literaturgeschichte: \u201eParadox changiert Jean Paul zwischen Fisch und Fleisch und Pilz, ein in summa sehr janus- oder hydrak\u00f6pfiger Mutant, stabiler gebaut als die leichtverderblichen fr\u00fchromantischen Treibhauss\u00e4mlinge, aber wieder nicht ganz so kaputtbar wie der erschr\u00f6cklich langlebige Dichterf\u00fcrst Goethe.\u201c (S. 300). Und dann f\u00e4llt der philosophisch geschulte Blick auf die zeitgen\u00f6ssischen Geistesgr\u00f6\u00dfen: \u201eJean Paul schaute sogar, wie Lichtenberg, den Denkkorsetten und spezifischen Defekten damaliger Systemphilosophen aufs ungen\u00fcgende Haupt.\u201c (301). Und \u00fcber die kognitive Begrenztheit der Philosophen hinaus konnte das Genie aus Wunsiedel noch viel mehr: \u201eEr versuchte\u00a0 sich \u00fcber das Erheben zu erheben, \u00fcblichen Transzendenztendenzen ein Schnippchen zu schlagen.\u201c Und dennoch blieb er, so Holbein, \u201eim brodelnden Haifischbecken der Weltliteratur \u2026 ein Clownsfisch.\u201c Denn humorlose Instanzen h\u00e4tten ihn zum gr\u00f6\u00dften Humoristen der Deutschen gek\u00fcrt, eine Zuschreibung, die falsch sei. Welche Merkmale aber k\u00f6nnten seine Rezeption bef\u00f6rdern? Sein exorbitanter Wortschatz, der weit \u00fcber dem der anerkannten Vertreter der Weltliteratur liegt? Wohl kaum. Seine anspruchsvollen Romane, die den Leser nach vollzogener Lekt\u00fcre nach einer gleichwertigen literarischen Speise lechzten? Eine Behauptung, die aufgrund der fehlenden linearen Erz\u00e4hlweise von Paul kaum nachvollziehbar ist. Bleibt also das Fazit: \u201eLeider mu\u00df ernstlich damit gerechnet werden, dass Jean Pauls g\u00f6ttliche Unlesbarkeit \u2026 noch weiter ansteigt.\u201c (305)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Rolf Simon, Mitherausgeber der Jahrb\u00fccher der Jean-Paul-Gesellschaft? Sein \u201eVortrab\u201c setzt mit einer Beschreibung der Figuren in Jean- Pauls Roman \u201eDie unsichtbare Loge\u201c ein, ohne allerdings dem Leser vermitteln zu k\u00f6nnen, ob dies denn eine komische Geschichte sei. Er kommt zu dem vorl\u00e4ufigen Ergebnis, dass diesen Autor lesen zu k\u00f6nnen, eine besondere Kunst sei. Um diese Kunst zu vermitteln, gibt er eine Reihe von Hinweisen und Empfehlungen. Am Ende des 18. Jahrhunderts seien seine Romane sogar \u201ef\u00fcr eine gewisse Zeit Bestseller\u201c gewesen. Da gab es \u201eAnthologien mit seinen sch\u00f6nsten empfindsamen Stellen\u201c (S. 11). Und dann diese F\u00fclle an skurrilen Figuren, Wutz, Fixlein, Fibel. Mehr noch: die vielfachen Stilm\u00f6glichkeiten. Doch wie dies in einer Anthologie umsetzen? Nach Ansicht von Simon in einer \u201eArt von \u00dcberredungskunst: Man lese jetzt, um dann noch mehr zu lesen.\u201c (S. 12) Und diese \u00dcberredung sei in der vorliegenden Anthologie umgesetzt. Denn der humoristische Paul stehe hier im Zentrum. Und die Beispiele? \u201eExtrabl\u00e4ttchen: Sind die Weiber P\u00e4pstinnen?\u201c wie auch \u201eLeben nach dem Scheintod\u201c (Beide aus: \u201eDie unsichtbare Loge\u201c, 1793). Dort gehe es um die Verdoppelung des Selbstbewusstseins oder ob man von einer Hypnose satt werden k\u00f6nne. Doch auch hier wieder die Einschr\u00e4nkung des Herausgebers: \u201eEs sind dies alles nur im oberfl\u00e4chlichen Sinne Witze.\u201c Also geht es um tiefgr\u00fcndige Witze, um eine Art von Lebenskunst, wie sie Jean Paul in \u201eFlegeljahre\u201c (1804\/05) an den Figuren Walt und Vult entwickelt hat?\u00a0 Vielleicht ist es auch diese lebensweltliche Mischung aus Schlauigkeit und ein wenig Bl\u00f6dheit, wie sie der Apotheker Nikolaus in \u201eDer Komet\u201c entwickelt. Er erzeugt k\u00fcnstliche Diamanten und kauft sich einen Hofstaat, bleibt aber ein \u201eFall f\u00fcr f\u00fcrsorgliche Betreuung\u201c. Auf jeden Fall ziemlich <em>sophisticated<\/em>. Und die Sache mit der fehlenden Linearit\u00e4t des Erz\u00e4hlens, wie sie auch die g\u00e4ngige Jean-Paul-Forschung behauptet? Simon setzt mit dem Blick auf diese Anthologie dagegen: \u201eJean Paul ist ein Meister der literarischen Szene ebenso wie der erz\u00e4hlerischen Durchf\u00fchrung. Allerdings: Sein narrativer Atem h\u00e4lt vielleicht f\u00fcnf bis sechs Seiten durch, dann ist ein Wechsel der Register notwendig.\u201c (S. 20) Eine solche Passage habe ich in \u201eLetzte Fahrt\u201c (S. 173ff.) entdeckt, eine skurrile Reise durch die Innenwelt einer Schweizer Au\u00dfenwelt. Doch fesselt eine solche kurze Passage aus \u201eKomischer Anhang aus dem Titan\u201c die arg strapazierte narrative Geduld des Lesers? Ein Vorschlag zur G\u00fcte: Wie w\u00e4re es mit einer Hinf\u00fchrung auf das narrative Werk? \u00a0Zwei oder drei exemplarische Texte, die mit Hinweisen auf die Textstrategien des Autors und Verweisen auf die Rezeptionssch\u00fcbe ausgestattet sind. Eine Art von Prop\u00e4deutikum also f\u00fcr Leser mit humoristischen Neigungen und narrativer Geduld. Und wie w\u00e4re es mit H\u00f6rb\u00fcchern, die in der Zwischenzeit ein stattliches Angebot an Titeln bereithalten (\u201eDr. Katzenbergers Badereise\u201c, \u201eLiteratur(ver)f\u00fchrer\u201c, \u201eHesperus\u201c, \u201eDas Leben des vergn\u00fcgten Schulmeisterlein Maria Wutz\u201c)? Auf jeden Fall ein verlockendes Angebot, das erg\u00e4nzend zu der so liebevoll zusammengestellten Anthologie \u201eWeltall im Kr\u00e4hwinkel\u201c dem Jean-Paul-Leser viele Anregungen geben k\u00f6nnte!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Jean-Paul-Lesebuch_Lilienfeld_Verlag_Cover_Norm-173x3001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-18546 alignleft\" title=\"Jean-Paul-Lesebuch_Lilienfeld_Verlag_Cover_Norm-173x300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Jean-Paul-Lesebuch_Lilienfeld_Verlag_Cover_Norm-173x3001.jpg\" alt=\"\" width=\"173\" height=\"300\" \/><\/a>Weltall im Kr\u00e4hwinkel. <\/strong>Ein Jean-Paul-Lesebuch. Herausgegeben von Ulrich Holbein und Ralf Simon. D\u00fcsseldorf (Lilienfeld Verlag) 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>O Du geliebtes Bayreuth, in das ich wie in einen Himmel fuhr. Wer Jean Paul (1763 \u2013 1825), diesen ketzerisch-romantischen \u00dcberflieger f\u00fcr die deutschsprachige literarische \u00d6ffentlichkeit im 21. 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