{"id":15756,"date":"2023-10-27T00:01:38","date_gmt":"2023-10-26T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15756"},"modified":"2022-02-26T08:27:22","modified_gmt":"2022-02-26T07:27:22","slug":"de-finito","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/27\/de-finito\/","title":{"rendered":"DE-FINITO"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Netzer kam aus der Tiefe des Raumes.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Karl Heinz Bohrer am 27. Oktober 1973 in der FAZ<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, Aufkl\u00e4rungsarbeit wolle er durchaus nicht leisten, versichert er mir dann beim eigentlichen Einstieg in seine Geschichte, seine Position hinsichtlich dieses Projektes damit beschreibend. Er wolle sich auch nicht der endzeitlichen Stimmung der ersten W\u00f6rter unserer Arbeit anschlie\u00dfen, s\u00e4he er nun doch erste M\u00f6glichkeiten eines Neuanfanges, sein gesamtes Leben betreffend. Sein Scheitern w\u00e4re nun einmal eine konsequente Folge best\u00e4ndiger Fehleinsch\u00e4tzungen, aber er wolle es trotz aller Trostlosigkeit mit Humor tragen und er sei bem\u00fcht, sich mit dieser Erz\u00e4hlung aller Verluste zu entledigen. Er sei schlie\u00dflich Co- Autor und Hauptperson dieses Possenst\u00fcckes, dem er zugleich als Zuschauer beiwohne, und das ihm dabei hinter all den bunten Bildern seine Traurigkeit auff\u00fchre. Aber das Leben sei ja selten eindeutig und kein Grund f\u00fcr irgendein Tun zuweilen so einleuchtend, wie seine sp\u00e4tere Bewertung. Und, dies m\u00f6chte er explizit hier einf\u00fcgen, er sei ja in den Bildern gescheitert, und nicht an ihnen, also an ihrer irgendwie gearteten Verwertung. Was dies bedeute, w\u00fcrde sich erst in der Schilderung dieses Umstandes erhellend darstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sei folglich erst in der Mitte seines Tuns an die R\u00e4nder seiner Sprachlosigkeit geraten, welches er hier begr\u00fcnden wolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm sei also mehr daran gelegen, die Zeit aufzuf\u00fcllen, um nicht von totschlagen zu sprechen, die ihm nun bleibe, da er mit der Kunst geendet sei. Was mit diesem Schrift-Bild dann geschehe, interessiere ihn zuvorderst nicht so sehr, erfolgloser k\u00f6nne er eh nicht mehr sein. Mehr sei er daran interessiert, nun ein Bild zu schreiben, welches sich dem ehemaligen Bildermachen widme und ihm zugleich eine \u00fcberpr\u00fcfbare Lebenslinie aufzeige, an deren Leine er die Umst\u00e4nde seines Scheiterns heften k\u00f6nne, um sie dann in einer Art \u00dcbersicht zu begreifen. Es w\u00e4re allemal einfacher zu lagern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Und da Sie, der Erz\u00e4hler dieser Geschichte, augenblicklich von \u00e4hnlicher Ratlosigkeit verfolgt und mir zudem nicht nur namentlich verbunden sind, liegt es doch nahe, sich zusammenzutun und uns mit dieser gemeinsamen Arbeit wieder die Luft zu verschaffen, die uns beiden im mangelhaften Tun respektive tatenlosen Warten ausgegangen ist. Dabei sollten wir uns in keinem Fall dem allgemeinen Missmut des unheilahnenden Heeres von Zeitgenossen anschlie\u00dfen, sondern selbst im Fluchen der Welt in ihrer prismatischen Farbigkeit zuwenden. Sie also nicht mit jenem Grauschleier \u00fcberziehen, der uns nicht nur bei Gardinen Missmut bereitet, sondern auch die prim\u00e4re Sichtweise des ganz und gar Heutigen zu bestimmen scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewiss fehlt uns augenblicklich jene Blau\u00e4ugigkeit, die hinter jeder Gewitterfront stets bereits ein Hochdruckgebiet zu sehen in der Lage ist. Doch ist der Verlust unserer Klarheit bereits so grau umw\u00f6lkt, dass jedes Bem\u00fchen, ihre Umst\u00e4nde zu begreifen, fast automatisch erhellend sein wird. Daher sollten wir bem\u00fcht sein, uns in die N\u00e4he jenes Zaubers zu bringen, der jedem Anfang innewohnt und am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen, wie weiland Herr M\u00fcnchhausen, der Phantasiebaron. Gewiss auch ein K\u00fcnstler.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gut, denke ich mir und f\u00fcge meinerseits hinzu, dass uns im Dahind\u00fcmpeln unserer augenblicklichen Gem\u00fctslage auch die Erkenntnis bestimmt, dass jedes erfolglose Tun allemal besser sein kann als ein dem Erfolg nachsinnendes Warten. So tun wir etwas und f\u00fcllen damit die Zeit an. Dabei lernen wir t\u00e4tig zu warten oder uns im Warten zu bewegen. Wir winden uns sprachlich durch unser Ausharren, um uns im praktischen Leben wieder auf den Weg zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie alles anfing, frage ich den K\u00fcnstler Meinen, um die Chronologie der Ereignisse an ihren Anfang zu f\u00fchren. Nat\u00fcrlich ist mir bewusst, dass die Frage, ob man als K\u00fcnstler sozusagen geboren werde, allein bereits fragw\u00fcrdig ist. Und da ich im Verfolgen dieser \u00dcberlegung auch nicht die Historie bem\u00fchen wollte &#8211; diese verkl\u00e4rt mehr als dass sie erhellt und nichts ist im Leben allgemein langweiliger und nutzloser als der Vergleich- beginne ich bei meinen Nachforschungen mit einer eher schlichten Frage, wann er dann zum ersten Male seine Begabung festgestellt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wort Begabung wirft hier ein erstes schmales Licht in unsere Erz\u00e4hlung und wir werden bald von dessen Undurchsichtigkeit so geblendet sein, dass wir uns ihm n\u00e4her widmen m\u00fcssen. Denn hinter ihm versteckt sich ein noch strahlenderer Bruder: das Wort Berufung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist der K\u00fcnstler Meinen einer jener beneidenswerten jungen Menschen gewesen, die, wie wir sagen, in einem beh\u00fcteten Zuhause aufgewachsen sind. Dies schlie\u00dft durchaus ein, dass das Haus einen H\u00fcter hatte und eine, selbst \u00fcber diesen, h\u00fctende Mutter. So beh\u00fctet hat man die Chance zugrundezugehen oder eben auch aufrecht gehen zu lernen. Die Entscheidung zu einer der beiden M\u00f6glichkeiten trifft man zwar gerne selbst, jedoch wird man meist ohne direkten Widerspruch in eine der beiden gedr\u00e4ngt, gezogen, erzogen etc.. Wer kennt in unserer allzu analytischen Zeit nicht jenes konjunktivistische Wenn und Aber oder den Verlust eines alles kl\u00e4renden \u00dcberblicks. Im Scho\u00dfe der Familie oder Gesellschaft kann man nett ertrinken oder sich mit einem fast unbarmherzigen Lebenswillen aus selbigem herauswinden, wie weiland Oskar Matzerath mit bekannt b\u00f6sem Blick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wir betreiben hier ja kein sprachliches Re-Birthing und \u00fcberlassen jene um Aufkl\u00e4rung bem\u00fchte R\u00fcckbetrachtung den Zeitgenossen, die in der Wiedergeburt ihr augenblickliches Unheil aufzukl\u00e4ren w\u00fcnschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe mir vorgenommen, mit zwischenzeitlichen Einw\u00fcrfen Lebensumst\u00e4nde des K\u00fcnstlers Meinen anzusprechen, die ich auch f\u00fcr ma\u00dfgeblich halte, um ihn in einer Art Gesamtbewertung zu erfassen. Zudem kann ich mir in meiner Schilderung eine Distanz zu Erlebnissen und Erfahrungen leisten, die dem K\u00fcnstler Meinen ob seiner pers\u00f6nlichen Betroffenheit nicht m\u00f6glich ist und die er, seine Arbeit betreffend, f\u00fcr nicht erw\u00e4hnenswert h\u00e4lt, um damit vielleicht auch den Voraussetzungen seines Scheiterns zu entgehen. Diese Einw\u00fcrfe werden sich auf Erz\u00e4hlungen berufen, mit denen er seine Ausf\u00fchrungen, die Kunst betreffend, zeitweilig unterbricht respektive sich auf meiner Kenntnis seiner Biographie gr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders begabt sei er wohl nicht gewesen, meint er, meine Frage beantwortend, jedenfalls nicht erkennbar oder ausgewiesen, keine Zeugnisnote im Fach Kunst h\u00e4tte ihm eine verhei\u00dfungsvolle Karriere in Aussicht gestellt. Ich verkniff mir die Frage nach dem Zusammenhang mit dem nun unr\u00fchmlichen Ende seiner Nicht-Karriere, wohl wissend, dass zahllose Unbegabte gerade deshalb heute Karriere machen, weil sie unbegabt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, vielmehr sei er zun\u00e4chst der zutiefst sicheren Berufung zum<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verwaltungsangestellten gefolgt. Was im Klartext bedeutet, die Eltern wollten sein Bestes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da wuchs er nun auf und schlich, ein Geschobener seiner Sch\u00fcchternheit (seine erkennbarste Eigenschaft zu diesem Zeitpunkt), durch die Welt der Formulare und Beamten, deren abenteuerliche Komponente sich im Abrei\u00dfen des Kalenderblattes ersch\u00f6pft; und erste zarte literarische Ber\u00fchrungen beim Lesen des r\u00fcckseitigen Spruches r\u00fcckten ihn t\u00e4glich in die N\u00e4he zu dem, was man ganz allgemein Kunst nennen m\u00f6chte (bei aller gebotenen Vorsicht vor Kalenderspr\u00fcchen). Nun sind Amtsstuben nicht gerade museale Orte, an denen einem die undurchsichtige Welt des Bildermachens sozusagen bildhaft und vor allem lebhaft vor die Augen tritt. Vielmehr ersch\u00f6pft sich sich das Bildhafte im Bemerken merkw\u00fcrdiger Arbeitsvorg\u00e4nge, die ihre Logik meist verschl\u00fcsseln und gerade deshalb jene Mischung aus Geheimnis und Langeweile aufkommen lassen, die uns zuweilen in ihren trockenen Bann zieht. Sollte man tats\u00e4chlich eines Bildes gewahr werden, schm\u00fcckt es jenen angesprochenen Kalender oder beweist als gerahmter Familiensinn auf einem Sicherheit behauptenden Schreibtisch nachdr\u00fccklich die Tatsache, dass es ein Leben nach dem Ende der Arbeit gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Welt diverser Grauabstufungen und sich best\u00e4ndig wiederholender T\u00e4tigkeiten entwickelt sich die Sehnsucht nach Farbigkeit und der vermuteten Lebendigkeit von irgendetwas anderem fast automatisch. Der K\u00fcnstler Meinen (zu diesem Zeitpunkt also der Verwaltungsangestellte Meinen) begann bald \u00fcber sich, seinen Beruf und seine Lebensumst\u00e4nde nachzudenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun haben Gedanken, bekannterweise, ihre eigene Macht und tragen den, den sie durchwandern, an so manchen Ort. Nur weg von dem, an dem man sie sich gerade macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So durchschritt der Verwaltungsangstellte Meinen manche Gefilde und die Gedankenkarawanen zogen im Laufe der Jahre immer weitere Kreise. Und er folgte ihnen folgsam. Denn je lebhafter er sich davondachte, desto bunter wurde die Welt. Man kennt jedoch die Folge, die mit der R\u00fcckkehr in die Welt der Tatsachen verbunden ist, st\u00fcrzt man doch immer h\u00e4rter aus dem Himmel seiner Sehns\u00fcchte auf die Erde seiner Best\u00e4nde. Wir wissen aber auch, dass St\u00fcrze, die nicht zur Bewusstlosigkeit f\u00fchren, uns wachzur\u00fctteln verm\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Verwaltungsangstellte Meinen begann aus dem Schlaf seiner Kindheit (so muss man seine Befindlichkeit zu dieser Zeit wohl beschreiben) zu erwachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun bat der K\u00fcnstler Meinen diesen Teil seiner Biographie hier abzuk\u00fcrzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/CoverSchimpfen1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-15768\" title=\"CoverSchimpfen\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/CoverSchimpfen1.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" \/><\/a>Schimpfen<\/strong>, von Peter Meilchen, Edition Das Labor, Linz, Neheim, M\u00fclheim an der Ruhr 2013 &#8211; Der Erstauflage ist limitiert und mit einem Stempel versehen. Da Freunde und F\u00f6rderer sich bereits im Vorfeld ihr Exemplar gesichert habe, r\u00e4t KUNO nicht zu z\u00f6gern und sich ein Restexemplar zu sichern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitere Werke sind\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=208\">erh\u00e4ltlich<\/a>\u00a0\u00fcber die Edition Das Labor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Netzer kam aus der Tiefe des Raumes. Karl Heinz Bohrer am 27. 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