{"id":15708,"date":"2021-10-29T00:01:00","date_gmt":"2021-10-28T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15708"},"modified":"2022-02-20T19:45:11","modified_gmt":"2022-02-20T18:45:11","slug":"der-grose-wurf-eine-sprechblasenoperette","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/10\/29\/der-grose-wurf-eine-sprechblasenoperette\/","title":{"rendered":"Der gro\u00dfe Wurf, eine Sprechblasenoperette"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oh Lord, won&#8217;t you buy me\u2026&#8220;, s\u00e4uselt die Vocalise aus dem blechern t\u00f6nenden Lautsprecher des Autoradios. &#8222;\u2026 my friends all drive Porsche\u2026&#8220;. Genau das w\u00fcrde der Taxifahrer Fridolin Fleppe lieber tun, als eine abgeschriebene Droschke durch die Stadt zu gondeln und Fahrg\u00e4ste auf der k\u00fcrzesten Verbindung von der Innenstadt in die Aussenbezirke zu chauffieren. Seine Fahrgastzelle erlebt er als Druckkammer, Zwischenreich, eine Zeit\u2013Blase.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb42 f\u00fcr Zentrale. 42 bitte melden\u00ab, st\u00f6rt Rosalinde Ruckes aus der Zentrale wie h\u00e4ufig, wenn Spott \u00fcber das Establishment l\u00e4uft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbCazzo\u2026 Joline, jetzt hast&#8217;e &#8217;n R\u00fcckspiegel verstellt\u00ab, mault Fridolin die Beifahrerin an. Sie vervollst\u00e4ndigt ihre Pers\u00f6nlichkeit und zieht den Schwung ihres Mundrands nach. Ihre Selbsterforschung weicht einer Selbstverliebtheit. Ihre Beine sind so lang, dass sie zu beschreiben jeder Satz zu kurz w\u00e4re. Ihre blauen Lider und ihre prallen Lippen doppeln die Farben der Bluse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbTut mir furchtbar traurig, Schatz! Aber irgendwo muss ich mir die Lippen nachziehen. Der Spiegel am Sonnenschutz ist immer noch zersplittert\u00ab, textet sie in Sprechblasen und l\u00e4sst w\u00e4hrend der kontrollierten Image\u2013Steuerung kein Blubberlativ aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbM\u00fcsste mal jemand reparieren\u00ab, merkt er selbstkritisch an und dringt in die graue Leere seines Lebens ein, in die totale Sinnlosigkeit und Entsinnlichung. Ein Spiegel geh\u00f6rt zum Service, seitdem sich die Weiber einen scharfen Strich um den Lippenstift ziehen, kontrollieren sie den Effekt vor einem Termin. Jede.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn&#8217;de so weitermachs&#8216;, wirs&#8217;te zum S\u00e4ufer und bis&#8217;tn F\u00fchrerschein los. Die kommt nit wieder. Die Alte vom Radio kanns&#8217;te abschreiben\u2026\u00ab, subtrahiert Anouk seine Krise f\u00fcr das Ganze, das mehr als die Summe der Teile ist. Sie lebt am ausgesch\u00f6pften Ende der sexuellen Revolution und changiert zwischen schnippisch, cool oder hysterisch, Flintenweib, Schlampe oder Zickendiva.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWahrscheinlich\u00ab, liebt Fridolin ohne Hoffnung auf Erf\u00fcllung. Die Liebe ist eine Krankheit, ohne die hypermoderne Menschen nicht leben k\u00f6nnen, sie k\u00f6nnen nicht treu sein, aber sie k\u00f6nnen die Treue auch nicht vergessen, weil es nicht Sex war, was sie eigentlich wollten. In der globalisierten Welt herrscht ein Menschenbild vor, das zu sehr auf das \u00c4ussere, auf Attraktivit\u00e4t und Erfolg auch auf sexueller Ebene fixiert ist. Dies beginnt in der Werbung, geht \u00fcber Model\u2013Castingshows und endet bei der Pornografie. Und die hypermodernen Menschen haben sich daran gew\u00f6hnt. Noch in der tiefsten Dem\u00fctigung leben sie ihren Narzissmus aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbM\u00e4nner t\u00f6ten, was sie lieben, Frauen t\u00f6ten, was sie hassen\u00ab, betrachtet sie sich illusionslos als Humankapital. Hart gegen eigene Gef\u00fchle zu sein erscheint ihr als ein Zeichen von St\u00e4rke. Anouk versucht das Andenken von k\u00f6rperlichen Empfindungen zu l\u00f6sen. Dieses Erinnern erschafft ihre pers\u00f6nliche Identit\u00e4t und damit ein Subjekt. Es gibt keine Gegenwart jenseits dieser Erinnerung. Zukunft pr\u00e4sentiert sich ihr als retrofuturistisches Gebilde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Cyberspasz, a real virtuality<\/strong>, Novellen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2012.<\/p>\n<div id=\"attachment_44223\" style=\"width: 204px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-image-44223 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg 194w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg 657w\" sizes=\"auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-caption-text\">Covermonatge: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO \u00fcbernimmt Artikel von Jo Wei\u00df aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a>, von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/09\/alles-klappt-in-ihrem-leben-doch-nichts-gluckt\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Christine Kappe<\/span><\/span> <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">aus der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/01\/ein-buch-ist-eine-stadt\/\">fixpoetry<\/a>. Betty Davis sieht in <em>Cyberspasz<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/26\/eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa\/\">pr\u00e4zise Geschichtsprosa<\/a>. Margaretha Schnarhelt erkennt in der <em>real virtuality<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/30\/cyberzomb\/\">hybride Prosa<\/a>. Enrik Lauer deutet diese Novellen als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/01\/der-cyberspace-als-wille-und-vorstellung\/\">Schopenhauer<\/a>s Nachwirken im Internet. In einem Essay betreibt KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/16\/dystopische-zukunftsforschung\/\">dystopische Zukunftsforschung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Oh Lord, won&#8217;t you buy me\u2026&#8220;, s\u00e4uselt die Vocalise aus dem blechern t\u00f6nenden Lautsprecher des Autoradios. &#8222;\u2026 my friends all drive Porsche\u2026&#8220;. 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