{"id":15696,"date":"2013-11-27T00:01:20","date_gmt":"2013-11-26T23:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15696"},"modified":"2022-02-23T05:35:44","modified_gmt":"2022-02-23T04:35:44","slug":"der-schone-27-november","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/27\/der-schone-27-november\/","title":{"rendered":"Der sch\u00f6ne 27. November"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der folgende Text wird aus Thesen bestehen, denn abschlie\u00dfend ist zu Brasch nichts zu sagen. Brasch selbst ist nicht abgeschlossen.\u00a0Ein Gedicht aus dem Nachlass, das eine Replik auf ein anderes seiner bekanntesten Gedichte ist:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der sch\u00f6ne 27. November<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute hat die Post das neue Telefonfreizeichen eingef\u00fchrt<br \/>\nStatt des mir seit meiner Kindheit bekannten T\u00fct t\u00fct t\u00fct,<br \/>\nh\u00f6re ich seit heute Nacht 24.00 Uhr einen endlosen Ton.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sagt noch, hier \u00e4ndere sich nichts<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Original: Der sch\u00f6ne 27. September begegnete mir k\u00fcrzlich auf einer brasilianischen Seite im Internet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O belo 27 de setembro<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eu n\u00e3o li jornal algum.<br \/>\nEu n\u00e3o segui com os olhos mulher alguma.<br \/>\nEu n\u00e3o abri a caixa dos correios.<br \/>\nEu n\u00e3o desejei a qualquer um bom dia.<br \/>\nEu n\u00e3o me olhei ao espelho.<br \/>\nEu n\u00e3o conversei sobre os velhos tempos com ningu\u00e9m,<br \/>\nnem sobre os novos tempos.<br \/>\nEu n\u00e3o pensei sobre mim mesmo.<br \/>\nEu n\u00e3o escrevi qualquer linha.<br \/>\nEu n\u00e3o lancei os dados.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der sch\u00f6ne 27. September: Ich habe keine Zeitung gelesen. \/ Ich habe keiner Frau nachgesehn. \/ Ich habe den Briefkasten nicht ge\u00f6ffnet. \/ Ich habe keinem einen Guten Tag gew\u00fcnscht. \/ Ich habe nicht in den Spiegel gesehn. \/ Ich habe mit keinem \u00fcber alte Zeiten gesprochen \/ und mit keinem \u00fcber neue Zeiten. \/ Ich habe nicht \u00fcber mich nachgedacht. \/ Ich habe keine Zeile geschrieben. \/ Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht. (Thomas Brasch)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ins Portugiesische \u00fcbersetzt hat das Gedicht der brasilianische Dichter Ricardo Domeneck. Er freute sich riesig, als ich ihm von der Brasch-Ausgabe erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn einer nicht nachl\u00e4sst, bildet sich ein kr\u00e4ftiger Nachlass. Vor allem wenn er so fr\u00fch zu leben aufh\u00f6rt. Die Gedichte dieses Bandes, die aus dem Nachlass zusammengesammelt wurden, \u00fcbersteigen jene, die zu Lebzeiten Braschs ver\u00f6ffentlicht worden sind. Das mag daran liegen, dass Braschs Hauptarbeitsfeld die Dramatik war und der Film. Und dass es aktuell meiner Meinung nach keine besseren Shakespeare\u00fcbersetzungen gibt. Sein Umgang mit dem Blankvers ist einzigartig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber um Braschs Gedichte soll es hier gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anhand der Texte l\u00e4sst sich ein Autor rekonstruieren, der vielleicht Brasch ist.<br \/>\nAnhand dieser Texte l\u00e4sst sich einer Zeit rekonstruieren, die vielleicht die Zeit Braschs war.<br \/>\nAnhand dieser Texte l\u00e4sst sich ein Deutschland rekonstruieren (das allerdings nie das Deutschland Braschs war. Sie haben aneinander vorbei existiert.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">SIE SUCHT IM FREMDEN LAND<br \/>\nWAS SIE IM KOPF NICHT FAND<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Piwi fliegt in die andere H\u00e4lfte der Welt<br \/>\n\u00dcber die Mauer \u00fcber den Kopf von Karl Marx<br \/>\nvom neuen Deutschland in das noch \u00e4ltere Deutschland<br \/>\nPiwi landet zwischen Leuchtreklamen<br \/>\nDas war ein Flug!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brasch ist Rock n Roll. Die Generation die unmittelbar zu Kriegsende auf die Welt kam, und die sich auf nichts berufen konnte, schon gar nicht auf ihre Eltern,<br \/>\nGut, bei Brasch trifft das nicht zu. Seine Eltern kamen als j\u00fcdische bzw. der Vater als j\u00fcdischer und kommunistischer Emigrant nach Deutschland zur\u00fcck. In die DDR zumal, die ihnen Heimat werden sollte, die f\u00fcr Brasch aber nicht Heimat wurde, die sein Vater nicht, aber er um einige Jahre \u00fcberlebte.<br \/>\nEin Gedicht erz\u00e4hlt auch von einer Gro\u00dfmutter, die den Krieg in Bayern als Frau eines Katholiken \u00fcberlebte. (Als Nebenlekt\u00fcre sei \u00fcbrigens Marion Braschs Roman Ab jetzt ist Ruhe empfohlen. Hier findet sich die Version in der Erz\u00e4hlung der j\u00fcngeren Schwester.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin der S\u00e4nger nicht das Lied.<br \/>\nIch zieh den Vorhang auf,<br \/>\nleer ist die Szene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So beginnt das Gedicht Jim Morrison. Und gerade in der vom Westen abgekoppelten DDR erlangte die Musik der Doors fast mythische Bedeutung. Einer meiner Klassenkameraden kam immer zum Todestag des S\u00e4ngers mit einem Trauerflor in die Schule. Eines Tages musste er auch sein FDJ-Hemd am gleichen Tag tragen. Seine Trauer wurde ihm als politische Provokation ausgelegt. Aber vielleicht trauerten ja beide, Brasch und Jochen (so hie\u00df der Mitsch\u00fcler) um beides. Um Morrison und ihre verratenen Ideale. Jedenfalls endet das Gedicht folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">geh mit fremden Schritten fremde Wege<br \/>\nwechsel Haut und Hemden<br \/>\nbin ein Bauer, bin ein Pr\u00e4sident<br \/>\nund vergesse, wer ich war.<br \/>\nBin das Lied bin nicht der S\u00e4nger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Buch zieht Lekt\u00fcren an, neue und vergangene neu. Viel Brecht lese ich nebenher. Vor allem im Lesebuch f\u00fcr St\u00e4dtebewohner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Braschs Texte aber beschw\u00f6ren eine historische Situation, die ich als Kind und Jugendlicher erlebte, und lassen mich aus dieser Situation das vergangene Jahrhundert rekonstruieren, zumindest den Teil, der sich in Europa abspielte, denn die Zeiten vergehen verschieden. Jede Region hat ihren Puls.<br \/>\nMit der ersten Zeile, dem ersten Vers katapultiert dieses Buch mich zur\u00fcck in die Zeit der Entstehung der Texte, obwohl ich damals, im Fall des Poesiealbums 1974 erst 8 Jahre alt war und mich mit ganz anderen Gedichten und Spr\u00fcchen besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber:<br \/>\nGerade in den Texten aus dem Poesiealbum: nahezu klassische Balladen, sehe ich das, was subjektive Geschichtsschreibung sein k\u00f6nnte, oder wenigstens damit gemeint.<br \/>\nUnd sp\u00e4ter als ich Brasch zu begreifen begann, war er weg. Viele Helden waren fort bevor sie meine Helden wurden, so auch Brasch. Nur Heiner M\u00fcller sa\u00df verborgen hinter einer Wolke aus Zigarrenrauch und harrte aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Vorsatz des Bandes ein gereimtes Gedicht. Brasch geht au\u00dferhalb der Zeit und trifft sie vielleicht gerade darum. In diesen Gedicht das Wort Fool wird nicht \u00fcbersetzt. Dann die Balladen aus dem Poesiealbum. Bilder eines versehrten Volkes, dem, nachdem der Krieg aus war, des Krieges H\u00e4rte geblieben war. Momentaufnahmen der M\u00f6rder.<br \/>\nUnd es gibt auch Theaterst\u00fccke in den Gedichten, was seine Richtigkeit hat und auf das gemeinsame Muttermal verweist: die gebundene Rede. Und auf Shakespeare.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht waren M\u00fcller und Brasch die beiden Wege, die aus Brecht herausf\u00fchrten. M\u00fcller stieg in den Mythos hinauf in einer Wolke aus Havannarauch, bestellte Single Malt; Brasch trank am Kiosk ein Bier und rauchte eine Filterlose. In gewisser Hinsicht ist Aufstieg also eine Form des Bleibens, Abstieg aber, ist gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Faszinierend ist, dass man erst nach drei\u00dfig Jahren merkt, dass Brasch Brecht gewisserma\u00dfen durchbuchstabiert. Zumindest mir geht das so. Sogar im einzelnen Text tut er das. Aber zentral schien ihm das Lesebuch f\u00fcr St\u00e4dtebewohner zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spuren verwischen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeilen verschwimmen die Zeichen<br \/>\nIch habe sie geschrieben Ich kann<br \/>\nsie nicht mehr entziffern Erst<br \/>\nwenn ich tot liege unter der Erde<br \/>\n\u00fcber die ich gegangen bin Kommt einer<br \/>\nund wei\u00df was ich gemeint habe<br \/>\nDie Zeilen verschwimmen Die Zeichen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brasch treibt Brecht zum \u00c4u\u00dfersten, in dem er ihn wiederbelebt, ihm dabei die arrogante K\u00fchle nimmt, ihn mit Rockmusik anreichert. Weil Brasch z.B. die Frauen ernst nimmt, oder auf eine ganz andere Art ernst nimmt als Brecht. F\u00fcr Brecht gab es nur die Hure und die Courage, beide verehrte er auf die je entsprechende Weise, aber als Typus. Sie sind Theaterfiguren, und Brecht ist sich ihrer Zuneigung sicher. Denn sowohl die Mutter als auch die Hure sind um ihrer selbst Willen auf ihn angewiesen.<br \/>\nBrasch hingegen verzettelt sich, w\u00fcrde Brecht sagen, in romantischer Liebe, nicht nur zu den Frauen im \u00fcbrigen, und wird von ihr aufgezehrt. Brasch f\u00fchrt die Typen zur\u00fcck in Individualit\u00e4t, macht aus Klassenangeh\u00f6rigen wieder Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">DAS F\u00dcRCHTEN NICHT UND NIE DAS W\u00dcNSCHEN<br \/>\ndarf mir abhanden kommen, auch mein t\u00e4glich sterben nicht<br \/>\ndas seellos s\u00fcchtig sein auf keinen fall<br \/>\nnur hirnlos reimen wie ein wicht mu\u00df beendet werden<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">da ist ein gott und setzt sich zwischen alle st\u00fchle<br \/>\ner sieht genauso aus wie ich mich f\u00fchle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Brecht geschult meinten wir Nietzsche, wenn wir Marx sagten, wir wu\u00dften es nicht besser, und Brecht wahrscheinlich auch nicht. Brasch am wenigsten, oder am meisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kranich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du hast den Kranich gesehn<br \/>\nhoch oben<br \/>\nmit weiten Schwingen,<br \/>\nfrei,<br \/>\nunendlich frei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch tr\u00f6ste dich:<br \/>\nauch er mu\u00df sterben,<br \/>\nvielleicht bald.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-18878\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover3-180x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover3-180x300.jpg 180w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Cover3.jpg 385w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>abschlie\u00dfend = offenes Ende<\/strong> von Thomas Brasch, Das Buch ist aufwendig kommentiert und mit Reprints der Handschriften versehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der folgende Text wird aus Thesen bestehen, denn abschlie\u00dfend ist zu Brasch nichts zu sagen. 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