{"id":15672,"date":"2022-11-01T00:01:02","date_gmt":"2022-10-31T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15672"},"modified":"2022-02-24T17:34:35","modified_gmt":"2022-02-24T16:34:35","slug":"vom-tode","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/01\/vom-tode\/","title":{"rendered":"Vom Tode"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wir Ehrfurcht vor dem Tode nennen, die Mischung von Schauder, Beklemmung, Wehmut und Jenseitsgef\u00fchl, die wir beim Hinsterben eines Mitmenschen empfinden, sollte uns deutlich bewu\u00dft sein als Ehrfurcht vor dem Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Trauer um einen Toten ist die Bejahung seines Lebens, ist das Bekenntnis zum Diesseits als allein Erlebniswertem. Die Hoffnung auf ein Fortleben nach dem Tode ruht immer nur auf Glauben oder Spekulation. Keinem, der in der \u00dcberzeugung von Seelenwanderung, Wiedergeburt, Fortwirkung irgendwelcher Art Trost und Sicherheit findet, soll Skepsis oder gar Spott begegnen.\u00a0Aber alle, die zu innerer Klarheit \u00fcber ihren Verbleib nach dem Abscheiden gelangt sind \u2013 das gilt auch f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen mit dem Kindertraum von Himmel und Paradies \u2013, sollten sich erinnern, da\u00df diese Klarheit ihr Glaube und daher ihr Eigentum ist, nur f\u00fcr sie g\u00fcltig und als sichere Wahrheit nur von ihnen beansprucht und also nur auf sie selbst anwendbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kriegszeiten, Epochen, in denen der Tod \u00fcber alle Vorstellung Opfer empf\u00e4ngt, verf\u00fchren viele zu leichtfertiger Einsch\u00e4tzung des Lebens. Sie beruhigen ihre Bedenken und ihr Grauen mit der Erinnerung an die eigene Zuversicht auf ein Weiterleben nach dem Tode. Sie begehn schweres Unrecht an denen, die ihrer Weisheit nicht glauben, die f\u00fcr sich zu keiner L\u00f6sung des d\u00fcstern R\u00e4tsels kommen konnten, die des nat\u00fcrlichen Ablaufs ihres Lebens bedurft h\u00e4tten, um \u00fcberlegen und ausges\u00f6hnt die \u00fcberstandene Welt mit einer neu beginnenden vertauschen zu m\u00f6gen. Ja, der Trost der eigenen Seele wird Grausamkeit gegen die fremde, weil er das Mitgef\u00fchl am fremden Leid verdr\u00e4ngt und den Sterbenden eines Teils der Trauer beraubt, auf die er um seines Todes willen Anspruch hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich ist von keinem Menschen zu verlangen, er m\u00fcsse dem Tode jedes andern Menschen nachtrauern. Das Sterben einer Person besch\u00e4ftigt niemanden in h\u00f6herem Ma\u00dfe, als es ihr Leben getan hat. So ist uns der Tod der meisten Menschen v\u00f6llig gleichg\u00fcltig. Aber wir sollten uns h\u00fcten vor einem summarischen Bedauern, wenn das Los eines gewaltsamen Endes viele zugleich trifft. Es ist eine Frivolit\u00e4t, zu klagen: Schrecklich! In der oder jener Schlacht sind wieder zehntausend Mann gefallen &#8230; und dabei die Zahl der Leichen statt die Summe der zerst\u00f6rten Schicksale zu meinen. Einmal zehntausend ist leicht zu denken; der Phantasie wird dabei keine Aufgabe gestellt. Zehntausend mal eins aber ist ein Gedanke von furchtbarem Gewicht, denn er enth\u00e4lt die Vorstellung von zehntausend Einzelerlebnissen mit aller Qual jedes\u00a0Betroffenen, mit allen Tr\u00e4nen und Klagen, die jedem der zehntausend nachweinen \u2013 nicht der zehntausend Mann, sondern der zehntausend M\u00e4nner. Hat uns das Leben dieser Menschen bek\u00fcmmert und bewegt, so haben sie ein Anrecht darauf, mit allen Empfindungen, die das Ereignis des Todes erweckt, betrauert zu werden. Der Tod kann nicht korporativ erfa\u00dft werden. Daher kann keine Trauer aufrichtig sein, die ihren Schmerz an der Zahl weidet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je gr\u00f6\u00dfer unsre Achtung vor dem Leben ist, je st\u00e4rker unser eigener Lebenswille uns zwingt, den fremden Lebenswillen anzuerkennen, um so ehrf\u00fcrchtiger werden wir das Ph\u00e4nomen des Todes begreifen: als Mahnung des irdischen Lebens, bis zu seiner Grenze lebendigen Geistes zu sein und die Aufgaben des Lebens zu erf\u00fcllen. Welche Aufgaben jenseits der Grenze gestellt sind, ist das Geheimnis, das der Tod dem Leben verborgen h\u00e4lt. Wer da glaubt, das Geheimnis des Jenseits entr\u00e4tselt zu haben, der st\u00f6rt mit seinem Glauben vom Tode nicht das Diesseits, dessen Recht das Leben ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98331\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam-160x171.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, dass sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4sst sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. Daher stellen wir in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Was wir Ehrfurcht vor dem Tode nennen, die Mischung von Schauder, Beklemmung, Wehmut und Jenseitsgef\u00fchl, die wir beim Hinsterben eines Mitmenschen empfinden, sollte uns deutlich bewu\u00dft sein als Ehrfurcht vor dem Leben. 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