{"id":15629,"date":"1995-01-03T00:01:19","date_gmt":"1995-01-02T23:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15629"},"modified":"2022-02-21T14:50:07","modified_gmt":"2022-02-21T13:50:07","slug":"uber-gedichte-notizen-eines-zugereisten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/03\/uber-gedichte-notizen-eines-zugereisten\/","title":{"rendered":"\u00dcber Gedichte \/ Notizen eines Zugereisten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Die in den Schuljahren entstehende Aversion gegen Gedichte bleibt den meisten Menschen zeitlebens erhalten. Gedichte sind peinlich, \u00fcberfl\u00fcssig und l\u00e4cherlich, je nachdem oder alles zusammen. Die Lyrophobie ist weitgehend unabh\u00e4ngig vom Erziehungs- \u00a0und Bildungshintergrund des Einzelnen und Gottfried Benns ber\u00fchmte Dame aus besseren Kreisen zu zitieren unvermeidlich: <em>Ich mache mir nichts aus Gedichten, aber schon gar nichts aus Lyrik.<\/em> Die Gedichte lesen, sich f\u00fcr Lyrik interessieren, bilden eine winzige Minderheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. Die Lekt\u00fcre eines Gedichts erfordert immer eine positive Erwartungshaltung, einen \u203aVertrauensvorschuss\u2039 des Lesers; anders funktioniert es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. Mit etwas \u00dcbung kann man \u00a0ein Gedicht so lesen, dass man nur den Rhythmus, die Klangfarben: die Musik des Gedichts, wahrnimmt, aber nicht den Sinn. Dann \u00e4ndert man den Rezeptionsmodus und nimmt jetzt Inhalt und Sinn der Verse auf. Dass das funktioniert, ist eine einfache Leseerfahrung, und sie l\u00e4sst es als berechtigt und sinnvoll erscheinen zwischen dem \u203aKlangraum\u2039 und dem \u203aBedeutungsraum\u2039 eines Gedichts zu unterscheiden. Manchmal \u00a0st\u00f6\u00dft man auf Gedichte, in deren \u00a0\u203aKlangraum\u2039 man sich unbehaglich f\u00fchlt aber im \u203aBedeutungsraum\u2039 vieles findet, was interessant und \u00fcberraschend ist oder macht die umgekehrte Erfahrung: starkes Erlebnis im \u203aKlangraum\u2039, Ratlosigkeit im \u203aBedeutungsraum\u2039. Urteile \u00fcber die literarische Qualit\u00e4t der Gedichte lassen sich aus solchen subjektiven Erfahrungen selten ableiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4. Die Wirkung des Rhythmus eines Gedichts kann so stark, so \u203aberauschend\u2039 sein, dass der Leser gar kein besonderes Verlangen hat, den \u203aKlangraum\u2039 des Gedichts zu verlassen. Der Sinn der Verse ist nicht von Interesse. Der Leser rezipiert das Gedicht als reine Musik. Was den Sinn oder Unsinn der Verse angeht, herrscht in solchen F\u00e4llen gro\u00dfe Gutwilligkeit beim Rezipienten. Nietzsche hat den Sachverhalt so beschrieben: \u2026<em>wird auch der Weiseste von uns gelegentlich zum Narren des Rhythmus, sei es auch nur darin, dass er einen Gedanken als \u203awahrer\u2039 empfindet, wenn er eine metrische\u00a0 Form hat und mit einem g\u00f6ttlichen Hopsasa daherkommt.<\/em> Dass das ein gef\u00e4hrlicher Sachverhalt ist, da er nicht nur f\u00fcr Gedichte sondern f\u00fcr jede Art von Texten gilt, ist kaum \u00fcbersehbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5. Nun gibt es \u00a0viele Gedichte, in denen der Rhythmus sich h\u00e4ufig \u00e4ndert und dies oft ohne erkennbares Muster. Brecht hat seine Art von reimlosen Gedichten mit unregelm\u00e4\u00dfigen Rhythmen \u203agestisch\u2039 genannt. Der Rhythmus der Verse ist durch deren Gestik bestimmt. Zwischen Gestik und Sinn der Verse besteht eine wechselseitige Beziehung. Bei Brechts Gedichten versteht man die \u203aGestik\u2039 der Verse, wenn man deren Sinn erkannt hat. Aber auch die Umkehrung gilt, vor allem bei den sogenannten \u203aschwierigen Gedichten\u2039: Man begreift den Sinn der Verse (bekommt zumindest eine Ahnung ihres Sinns), wenn man ihre \u203aGestik\u2039 erkannt hat. Es gibt eine \u00a0in diesem Zusammenhang interessante Bemerkung von Daniel Falb: <em>Ich ziele in meiner Textproduktion ununterbrochen auf genau das: auf Gestiken der Unmittelbarkeit jenseits irgendeiner Konkretion. <\/em>Das Charakteristische der Falbschen \u203aGesten\u2039 ist ihre \u203aUnmittelbarkeit\u2039. Dunkel und einsehbar zugleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6. Die Wirkung eines Gedichts wird durch eine ad\u00e4quate Rezitation verst\u00e4rkt. Manche Autoren sind brillante Rezitatoren ihrer Gedichte. Die \u203aB\u00fchnenwirksamkeit\u2039 eines Gedichts ist oft erheblich gr\u00f6\u00dfer als seine inh\u00e4rente poetische Qualit\u00e4t (aber ob diese wertende Unterscheidung besonders sinnvoll ist, bleibt fraglich). \u00dcber eine Lesung von Benn notierte R\u00fchmkorf:<em> Er las seine Sachen herunter, als ob er sie selbst nicht verstanden h\u00e4tte.<\/em> Vielleicht wollte Benn etwas anderes zu verstehen geben als das, was R\u00fchmkorf erwartet hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erfahrene Lyrikleser beherrscht die Technik der \u203ainneren Rezitation\u2039. Er rezitiert das \u00a0Gedicht stumm, f\u00fcr sich selbst, ist Rezitator und Publikum zugleich. Je nachdem ob er den \u203aKlang\u2039 &#8211; oder den \u203aBedeutungsraum\u2039 des Gedichts aufgesucht hat, nimmt er das Gedicht auf unterschiedliche Weise wahr. Im Laufe der Jahre setzt sich diese Art Gedichte zu lesen so fest, dass man gar nicht mehr f\u00e4hig ist, sie anders zu lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">7. Nat\u00fcrlich gibt es schwierige Gedichte. Sch\u00f6ne schwierige und weniger sch\u00f6ne. Manchmal hat man den Eindruck, dass \u203aSchwierigkeiten\u2039 im Gedicht durch handwerkliche Schw\u00e4chen des Autors zustande gekommen sind, insbesondere wenn er sich \u203aharte\u2039 Randbedingungen auferlegt hat (z.B. Endreim oder gleichbleibendes Metrum). Das Resultat sind Defekte im Gedicht, die vom Leser meist nicht als solche identifiziert werden; vielmehr vermutet er \u203adahinter\u2039 Tiefe und Geheimnis, auch Innovation, oder R\u00e4tsel, die ihm das Gedicht zu l\u00f6sen aufgibt. Seine \u203aGutwilligkeit\u2039 und seine sch\u00f6pferische Phantasie korrigieren das Gedicht und vollenden es, gelegentlich sogar im zweifachen Sinne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">8. In seinem Beitrag zu dem von \u00a0Joachim Sartorius herausgegebenen Sammelband \u203aMinima Poetica\u2039\u00a0 stellt Cees Nooteboom fest, dass das Schreiben von \u00a0Lyrik eine <em>Spezialdisziplin <\/em>ist,\u00a0 <em>bei der es merkw\u00fcrdigerweise nur ein Gesetz gibt, das der Authentizit\u00e4t und inneren Logik. <\/em>Zu der Frage nach Qualit\u00e4tskriterien f\u00fcr Gedichte sind viele Vorschl\u00e4ge gemacht worden. Nootebooms hat \u00a0den Vorzug einer gewissen Strenge und Eindeutigkeit, die \u00a0das Gedicht sch\u00fctzt vor schlecht \u00a0definierten \u00a0Anspr\u00fcchen aus der \u203aAnything-Goes\u2039-Welt, vor Beliebigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorgelagert der Frage nach dem \u203aWie\u2039 von Versen ist die Frage nach dem \u203aWarum\u2039. <em>Warum dr\u00fccken wir etwas aus, <\/em>fragt Benn,\u00a0 <em>warum reimen wir <\/em>&#8230;\u00a0 und ruft sieben Verse weiter sich selber zu: <em>\u00dcberw\u00e4ltigend unbeantwortbar!\u00a0\u00a0 <\/em>Um dann aber doch in seinem Gedicht einen Vorschlag zu machen: <em>Es ist ein Antrieb in der Hand, \/ ferngesteuert, eine Gehirnlage \u2026 <\/em>Und das ist es wohl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-15637\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/minimaCover.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"295\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; 1. Die in den Schuljahren entstehende Aversion gegen Gedichte bleibt den meisten Menschen zeitlebens erhalten. Gedichte sind peinlich, \u00fcberfl\u00fcssig und l\u00e4cherlich, je nachdem oder alles zusammen. Die Lyrophobie ist weitgehend unabh\u00e4ngig vom Erziehungs- \u00a0und Bildungshintergrund des Einzelnen und Gottfried&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/03\/uber-gedichte-notizen-eines-zugereisten\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":31,"featured_media":99196,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[259,1239,173],"class_list":["post-15629","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-gottfried-benn","tag-joachim-sartorius","tag-maximilian-zander"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15629","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/31"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15629"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15629\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99216,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15629\/revisions\/99216"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99196"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15629"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15629"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15629"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}