{"id":15550,"date":"2023-10-07T00:01:51","date_gmt":"2023-10-06T22:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15550"},"modified":"2022-02-26T07:46:27","modified_gmt":"2022-02-26T06:46:27","slug":"glosse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/07\/glosse\/","title":{"rendered":"Glosse"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da in fr\u00fcheren Jahren der mir feindselige Kretinismus zu dem Argumente gegriffen hat, da\u00df es meine Besch\u00e4ftigung sei, die Druckfehler der Tagespresse zu korrigieren, so will ich diese Meinung einmal ins Recht setzen und mitteilen, da\u00df ich bei der Lekt\u00fcre eines Aufsatzes \u00fcber Edgar Poe im \u201aFremdenblatt\u2018 den folgenden Satz gefunden habe:\u00a0\u00bbPoe, der Instinktmensch, Poe, der ehrliche Phantast im ehrlichen Trance Kleipert, sein ber\u00fchmtestes Gedicht mit handwerksm\u00e4\u00dfig k\u00fchler Berechnung\u00ab. Nach der Lekt\u00fcre dieses Satzes hatte ich sofort eine grauenhafte Poe\u2019sche Vision. Ich stellte mir den Bildungszuwachs vor, der beim Normalleser in solchem Falle eintritt. Dieser Kleipert beginnt ihn zu interessieren. Wer ist Kleipert? Ein Instinktmensch, ein ehrlicher Phantast im Stile Poes? Nein, sagt ein anderer, der Satz ist zwar unklar, aber dar\u00fcber kann kein Zweifel sein, da\u00df Kleipert kein Autor ist, sondern blo\u00df der Titel eben jenes Poe\u2019schen Gedichtes. Aber er sucht, und findet es in den Werken Poes nicht. So mu\u00df es doch wohl der Name eines ollen ehrlichen Phantasten sein, den das Konversationslexikon aus irgend einem Grunde nicht nennt? Wer ist Kleipert? Man wei\u00df es nicht; aber die Frage wird so oft gestellt werden, da\u00df der Name bleibt. Europa wird sich an den Namen gew\u00f6hnen und gerade weil niemand wei\u00df, wen er vorstellt,\u00a0werden sich viele dadurch hervortun, da\u00df sie es zu wissen behaupten. Und wenn man das Problem dieses neuen Ruhmes behorcht, so mu\u00df man sich fragen, wie viele Meinungen in der Welt durch Druckfehler entstanden sein m\u00f6gen, und ob nicht die Druckfehler \u00fcberhaupt der verl\u00e4\u00dflichere Teil dessen sind, was die Tagespresse bietet. Man sagt viel zu wenig, wenn man einen Autor, der sich der Druckpresse anvertraut, mit dem Troste beruhigt, das Publikum merke Druckfehler nicht. Das Publikum beachtet gerade sie und zieht aus ihnen den besten Gewinn an Bildung. Ich erinnere mich an meine erste kritische Arbeit. Sie erschien und enthielt den Satz:\u00a0\u00bbDie Inhaltsangabe des ersten Aktes sollte etwas weniger d\u00fcrftig sein\u00ab. Es war eine schlichte Bemerkung, die der Redakteur zu dem Zwecke ins Manuskript geschrieben hatte, um mir eine Erg\u00e4nzung zu empfehlen. Das Manuskript wurde aber vorschnell gedruckt, und ich glaube, da\u00df die Leser einen starken Eindruck von dieser kritischen Bemerkung empfangen haben. In derselben Zeitschrift, die sich damals infolge ihrer originellen Druckfehler ein Publikum erobert hatte, erschien einmal die Kritik einer Burgtheaterauff\u00fchrung, in der die Schauspielerin Stella Hohenfels nicht mit jener Anerkennung bedacht wurde, die sie verdiente. Das scheint auch der Redakteur empfunden zu haben. Denn an die Reihe kritischer Bemerkungen des Autors schlo\u00df sich der Satz:\u00a0\u00bbW\u00e4re mir unangenehm wegen meiner Verbindung mit Berger\u00ab. Ich bin davon \u00fcberzeugt, da\u00df gerade dieser Satz seine Wirkung auf die Leser nicht verfehlt hat. Die Druckfehler sind die Opposition des Setzers gegen L\u00fcge und Unverstand, und der Setzer ist der erste Leser. Schon deshalb ist es t\u00f6richt, sie zu korrigieren. Sie sind das, was von einem Artikel bleibt. Ich warf einem Moralisten einen\u00a0\u00bbSalto morale\u00ab\u00a0vor. Das gibts nicht, sagte der Setzer, der den Standpunkt der Intelligenz vertrat, und wollte einen Salto mortale daraus machen. Ich telegraphierte an die Druckerei, es solle nicht Salto mortale, sondern Salto morale hei\u00dfen. Der Telegraphenbeamte, der der zweite intelligente Leser war, fragte mich, ob ich das nicht umgekehrt habe sagen wollen, und als ich dabei blieb, ergab er sich mit einem Kopfsch\u00fctteln in seinen schweren Dienst. Der Leser hat immer recht, also auch der Setzer. Als ich einmal aus der Sprache des Herrn Harden die Wendung \u00fcbersetzen wollte:\u00a0\u00bbInnerer Hader, der sich an die Stelle des Festens dr\u00e4ngt\u00ab, sagte der Setzer nein und behauptete, es\u00a0m\u00fcsse hei\u00dfen: Immer der Harden, der sich an die Stelle des Fechters dr\u00e4ngt. Hat er nicht recht gehabt? Und als einer sich verma\u00df, zu sagen, da\u00df Poe, der ehrliche Phantast, sein ber\u00fchmtestes Gedicht mit Berechnung klempnert, half sich der Setzer und sagte: Kleipert. Denn es ist besser, da\u00df sich bei den Lesern des \u201aFremdenblatts\u2018 der Glaube an diesen als ein Mi\u00dftrauen gegen Poe festsetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_11320\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Edgar_Allan_Poe_2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-11320\" class=\"size-full wp-image-11320\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Edgar_Allan_Poe_2.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"275\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11320\" class=\"wp-caption-text\">Edgar Allan Poe 1848 (Daguerreotypie)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Da in fr\u00fcheren Jahren der mir feindselige Kretinismus zu dem Argumente gegriffen hat, da\u00df es meine Besch\u00e4ftigung sei, die Druckfehler der Tagespresse zu korrigieren, so will ich diese Meinung einmal ins Recht setzen und mitteilen, da\u00df ich bei der&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/07\/glosse\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":102,"featured_media":100060,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[202],"class_list":["post-15550","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-karl-kraus"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15550","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/102"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15550"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15550\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100748,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15550\/revisions\/100748"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100060"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15550"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15550"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15550"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}