{"id":15548,"date":"1999-06-12T00:01:57","date_gmt":"1999-06-11T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15548"},"modified":"2021-01-12T13:43:48","modified_gmt":"2021-01-12T12:43:48","slug":"tina-blau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/06\/12\/tina-blau\/","title":{"rendered":"Die Kenner. \u2013 Tina Blau."},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Herr Klimt und das revolutionierte Kunstempfinden des Herrn von Dumba<\/span><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man ist ja an Vieles gew\u00f6hnt. Von Zeit zu Zeit aber hat man doch den Wunsch, diesen oder jenen sublimen Ausspruch ein wenig festzunageln. Schreibt da unl\u00e4ngst der Kunstkritiker der\u00a0\u00bbNeuen Freien\u00ab\u00a0(die \u00fcbrigens von jeher in diesem Fache einen Record nach unten behauptet hat) anl\u00e4sslich der\u00a0<em>Tina Blau<\/em>-Ausstellung etwa Folgendes: Man finde da recht h\u00fcbsche Sachen, m\u00fcsse aber der K\u00fcnstlerin den Rath geben, sie m\u00f6ge sich die modernen Mittel der Malerei mehr zu eigen machen, wenn sie den Anspruch erheben wolle u.\u00a0s.\u00a0w., u.\u00a0s.\u00a0w. Man wird schwerlich die beiden oben erw\u00e4hnten Eigenschaften des Kunstkritikers in einer reineren Form darstellen k\u00f6nnen, als sie in diesem Ausspruch eines edlen G\u00f6nners\u00a0zu finden sind. Tina Blau, die bis jetzt von Kritik und Publicum eben wegen ihres modernen Empfindens\u00a0<em>vernachl\u00e4ssigt<\/em>\u00a0worden war, und die vor zwanzig Jahren schon \u2013 in ihrer Weise nat\u00fcrlich \u2013 die Principien der Worpsweder und Glasgower Schule angewendet hat!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind aber die meisten Kunstkritiker schon in puncto einfachen Tadels oder Lobes unzuverl\u00e4ssig, so wird die Sache gar possierlich, wenn sie sich aufs Prophezeien verlegen oder die Dinge sub specie aeternitatis zu betrachten anfangen. Der Aristoteles unserer\u00a0\u00bbZeit\u00ab<span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-size: 11px;\">\u00a0<\/span>leistet bekanntlich hierin Hervorragendes. Man erinnert sich noch, wie er von den in einem l\u00e4cherlichen Deutsch abgefassten und auf B\u00fcttenpapier gedruckten Pubert\u00e4tsempfindungen eines Kalksburger Gymnasiasten feierlich erkl\u00e4rte: In vierzehn Tagen wird Europa von diesem Buche sprechen! Das Wort bekam Fl\u00fcgel, aber das Buch ist l\u00e4ngst von der Oberfl\u00e4che verschwunden. Jetzt erkl\u00e4rt derselbe Herr ein Bild von\u00a0<em>Klimt<\/em>\u00a0in der Secession (den\u00a0\u00bbSchubert\u00ab) schlankweg f\u00fcr das beste Bild, das je ein \u00d6sterreicher gemalt hat. Nun, so schlecht ist das Bild wieder nicht, und der gute Herr von\u00a0<em>Dumba<\/em>, der auf seine alten Tage seine Wohnzimmer secessionistisch ausschm\u00fccken l\u00e4sst, braucht es nur ein bischen ins Dunkle zu h\u00e4ngen. Herr von Dumba als Secessionist ist \u00fcberhaupt sehr am\u00fcsant. Das kam n\u00e4mlich so. Er hatte die Bilder f\u00fcr sein Musikzimmer bei Klimt bestellt, als dieser noch in der braven Art der Laufberger-Schule arbeitete und sich h\u00f6chstens ein paar Makart\u2019sche Extravaganzen gestattete. In der Zwischenzeit war aber dem Maler der Khnopff aufgegangen, und jetzt ist er, damit die Geschichte nicht ohne Pointe bleibt, Pointillist geworden. Und das muss nat\u00fcrlich der Besteller alles auch mitmachen. So ward Herr von Dumba ein Moderner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuerst erschienen in:<em> <strong>Die Fackel, Nr. 1<\/strong>, zuerst erschienen im April 1899. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/220px-Fackel_Kraus_1899_1_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-16321\" title=\"220px-Fackel_Kraus_1899_(1)_Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/220px-Fackel_Kraus_1899_1_Cover-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/220px-Fackel_Kraus_1899_1_Cover-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/220px-Fackel_Kraus_1899_1_Cover.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a><em>W\u00e4hrend ich am \u201eKraus\u2013Projekt\u201c arbeitete, war ich mir bewusst, dass seine Form der des Online\u2013Diskurses \u00e4hnelt, zumal zu vielen der Fussnoten ja das (via Internet gef\u00fchrte!); ich hatte die leise Hoffnung, dass sorgf\u00e4ltige Leser schon merken w\u00fcrden, dass das Buch das Internet selbst dann affirmiert, wenn es das Netz eigentlich angreift. Aber der Hauptgrund f\u00fcr die Anmerkungen ist, dass Kraus selbst der grosse Anmerker war, der grossartige fr\u00fche postmoderne Meister des Zitats und der Glosse, der direkte Vorfahr der Blogger von heute.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Jonathan Franzen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Klimt und das revolutionierte Kunstempfinden des Herrn von Dumba Man ist ja an Vieles gew\u00f6hnt. Von Zeit zu Zeit aber hat man doch den Wunsch, diesen oder jenen sublimen Ausspruch ein wenig festzunageln. 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