{"id":15535,"date":"2023-04-28T00:01:39","date_gmt":"2023-04-27T22:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15535"},"modified":"2022-02-25T14:34:49","modified_gmt":"2022-02-25T13:34:49","slug":"die-demolirte-literatur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/28\/die-demolirte-literatur\/","title":{"rendered":"Die demolirte Literatur"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wien wird jetzt zur Grossstadt demolirt. Mit den alten H\u00e4usern fallen die letzten Pfeiler unserer Erinnerungen, und bald wird ein respectloser Spaten auch das ehrw\u00fcrdige Caf\u00e9 Griensteidl dem Boden gleichgemacht haben. Ein hausherrlicher Entschluss, dessen Folgen gar nicht abzusehen sind. Unsere Literatur sieht einer Periode der Obdachlosigkeit entgegen, der Faden der dichterischen Production wird grausam abgeschnitten. Zu Hause m\u00f6gen sich Literaten auch fernerhin froher Geselligkeit hingeben; das Berufsleben, die Arbeit mit ihren vielfachen Nervosit\u00e4ten und Aufregungen spielte sich in jenem Kaffeehause ab, welches wie kein zweites geeignet schien, das literarische Verkehrscentrum zu repr\u00e4sentiren. Mehr als ein Vorzug hat dem alten Locale seinen Ehrenplatz in der Literaturgeschichte gesichert. Wer gedenkt nicht der schier erdr\u00fcckenden F\u00fclle von Zeitungen und Zeitschriften, die den Besuch unseres Kaffeehauses gerade f\u00fcr diejenigen Schriftsteller, welche nach keinem Kaffee verlangten, zu einem wahren Bed\u00fcrfniss gemacht hatte? Braucht es den Hinweis auf s\u00e4mmtliche B\u00e4nde von Meyer\u2019s Conversationslexikon, die, an leicht zug\u00e4nglicher Stelle angebracht, es jedem Literaten erm\u00f6glichten, sich Bildung anzueignen? Auf das reiche Schreibmaterial, das f\u00fcr unvorhergesehene Einf\u00e4lle stets zur Hand war? Namentlich die j\u00fcngeren Dichter werden das intime, altwienerische Interieur schmerzlich entbehren, welches, was ihm an Bequemlichkeit gefehlt, jederzeit durch Stimmung zu ersetzen vermocht hat. Nur der grosse Zug, der hin und wieder durch diese Kaffeehausidylle ging, wurde von den sensiblen Stammg\u00e4sten als Stilwidrigkeit empfunden, und in der letzten Zeit h\u00e4uften sich die F\u00e4lle, dass junge Schriftsteller angestrengte Productivit\u00e4t mit einem Rheumatismus bezahlten. Dass in einem so exceptionellen Caf\u00e9 auch die Kellnernatur einen Stich ins Literarische aufweisen musste, leuchtet ein. Hier haben sich die Marqueure in ihrer Entwicklung dem Milieu angepasst. Schon in ihrer Physiognomie dr\u00fcckte sich eine gewisse Zugeh\u00f6rigkeit zu den k\u00fcnstlerischen Bestrebungen der G\u00e4ste, ja das stolze Bewu\u00dftsein aus, an einer literarischen Bewegung nach Kr\u00e4ften mitzuarbeiten. Das Verm\u00f6gen, in der Individualit\u00e4t eines jeden Gastes aufzugehen, ohne die eigene Individualit\u00e4t preiszugeben, hat diese Kellner hoch \u00fcber alle ihre Berufscollegen emporgehoben, und man mochte nicht an eine Kaffeesiedergenossenschaft glauben, die ihnen die Posten vermittle, sondern stellte sich vor, die deutsche Schriftstellergenossenschaft habe sie berufen. Eine Reihe bedeutender Kellner, welche in diesem Kaffeehause gewirkt haben, bezeichnet die Entwicklung des heimischen Geisteslebens. Eine \u00fcberholte Dichtergeneration sah Franz, den W\u00fcrdigen, dessen Andenken noch in zahlreichen Anekdoten festgehalten wird. Es lag Stil und Gr\u00f6sse darin, wenn er einem Passanten, der nach zwanzig Jahren wieder einmal auftauchte, dieselbe Zeitung unaufgefordert in die Hand gab, die jener als J\u00fcngling begehrt hatte. Franz, der k. k. Hof-Marqueur, hat eine Tradition geschaffen, welche heute von den Jungen \u00fcber den Haufen geworfen ist. Mit dem Tode des alten Kellners, dessen hofr\u00e4thliche W\u00fcrde schlecht zu dem Sturm und Drang der Neunzigerjahre gepasst h\u00e4tte, begann eine neue Aera. Franz, der mit Grillparzer und Bauernfeld verkehrt hatte, erlebte es noch, wie der Naturalismus seinen Siegeslauf von Berlin in das Caf\u00e9 Griensteidl nahm und als kr\u00e4ftige Reaction gegen ein sch\u00f6ngeisterndes Epigonenthum von einigen Stammg\u00e4sten mit Jubel aufgenommen ward. Seit damals geh\u00f6rt das Caf\u00e9 Griensteidl der modernen Kunst, eine neue Kellnergeneration stand bereit, sich mit dem complicirten Apparat von Richtungen, die in der Folge einander abl\u00f6sten, vertraut zu machen; die bis dahin als Zutr\u00e4ger einer veralteten Literatur gedient hatten, waren nun als Zahlmarqueure einer modernen Bewegung mit der Umwerthung aller Werthe besch\u00e4ftigt; sie verstanden es, mit der Zeit zu gehen, und gen\u00fcgten bald den Anforderungen einer gesteigerten Sensitivit\u00e4t. Die Stimmungsmenschen, die jetzt wie die Pilze aus dem Erdboden schossen, verlangten seltsame Farbencompositionen f\u00fcr Gefrorenes und Melange, es machte sich die gebieterische Forderung nach inneren Erlebnissen geltend, so dass die Einf\u00fchrung des Absynths als eines auf die Nerven wirkenden Getr\u00e4nkes nothwendig wurde. Sollte die heimische Literatur aus Paris und Deutschland ihre Anregungen erhalten, so musste das Kaffeehaus sich die Einrichtungen von Tortoni und Kaiserhof zum Muster nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald war man mit dem consequenten Realismus fertig, und Griensteidl stand im Zeichen des Symbolismus. \u201eHeimliche Nerven!\u201c lautete jetzt die Parole, man fing an, \u201eSeelenst\u00e4nde\u201c zu beobachten und wollte der gemeinen Deutlichkeit der Dinge entfliehen. Eines der wichtigsten Schlagworte aber war \u201eDas Leben\u201c, und alln\u00e4chtlich kam man zusammen, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen oder, wenn\u2019s hoch ging, das Leben zu deuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ganze Literaturbewegung einzuleiten, die zahlreichen schwierigen Ueberwindungen vorzunehmen, nicht zuletzt, dem Kaffeehausleben den Stempel einer Pers\u00f6nlichkeit aufzudr\u00fccken, war ein Herr aus Linz berufen worden, dem es in der That bald gelang, einen entscheidenden Einfluss auf die Jugend zu gewinnen und eine dichte Schaar von Anh\u00e4ngern um sich zu versammeln. Eine Linzer Gewohnheit, Genialit\u00e4t durch eine in die Stirne baumelnde Haarlocke anzudeuten, fand sogleich begeisterte Nachahmer, \u2013 die Modernen wollten es betont wissen, dass ihnen der Zopf nicht hinten hing. Alsbald verbot der verwegene Sucher neuer Sensationen aus Linz seinen J\u00fcngern, von dem \u201eKaiserfleisch des Naturalismus\u201c zu essen, empfahl ihnen daf\u00fcr die \u201egebackenen Ducaten des Symbolismus\u201c und wusste sich durch derlei zweckm\u00e4ssige Einf\u00fchrungen in seiner Position als erster Stammgast zu behaupten. Seine Schreibweise wurde von der literarischen Jugend spielend erlernt. Den j\u00fcngsten Kritikern \u00f6ffnete er die Spalten seines neugegr\u00fcndeten Blattes, welches allw\u00f6chentlich den Bahnbrecher und seine Epigonen in engster Nachbarschaft sehen liess und noch heute eine nur durch die Verschiedenartigkeit der Chiffren gest\u00f6rte Stileinheit aufweist. Damals, als er noch nicht die abgekl\u00e4rte Ruhe des weimarischen Goethe besass, war es f\u00fcr die Anf\u00e4nger noch schwer, ihm durch das Gestr\u00fcpp seines seltsam verschn\u00f6rkelten und kunstvoll verzweigten Undeutsch zu folgen. Heute, wo er Goethe copirt, findet er die meisten Nachahmer. Kaum einen seiner Sch\u00fcler gibt es, der um den Unterschied zwischen einem \u201eKenner\u201c und einer \u201eMenge\u201c verlegen w\u00e4re. Ein jeder, der das Buch eines tadelnswerthen Autors zu besprechen hat, weiss, dass man diesem nicht ein gewisses K\u00f6nnen, sondern \u201eimmerhin eine gewisse Macht\u201c zusprechen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier eine der Wirklichkeit nahekommende Stilprobe aus der Zeit, da die franz\u00f6sirende Art des Meisters noch nicht mit Goetheischen Sprachelementen durchsetzt war. Ueber das Werk eines Griensteidl-Gastes und seine Auff\u00fchrung im \u201eDeutschen Volkstheater\u201c mag er sich etwa ge\u00e4ussert haben:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs ist, je \u00f6fter man in dieses \u201eDeutsche Volkstheater\u201c mit den Anf\u00fchrungszeichen um jeden Preis hineingeht, ein gewaltsamer Aerger, \u00fcber die Darstellung, \u00fcber diesen Herrn Kadelburg mit der Eleganz vom Tapezierer und \u00fcber dieses Publicum mit den Ansichten vom Wurstlprater. Man kennt den Schnitzler. Ich habe, wie ich neulich die Dr\u00e4nge des j\u00fcngsten Oesterreich zeigte, die besondere Art des Schnitzler gelehrt. Es passt das herbe Wort des heimlichen und geflissentlich komischen Julius Bauer, dort, wo er eigentlich schon mehr Isidor Fuchs heisst: \u201eEin kleiner Beamter hat nichts, aber das hat er sicher.\u201c Er will den Viveur, aber mit der wienerischen Note, nicht in der Technik der Franzosen, wie ihn etwa Pierre Blanchard gezeichnet haben w\u00fcrde oder ein anderer franz\u00f6sischer Eigenname, den nur ich kenne, wenn ich von Ferry Beraton absehen will, der ihn dann aber auch von mir hat, auch nicht in der Art dieses Herrn Fulda, der die letzten W\u00fcnsche des Banquiers aus der Rauch- und Thiergartenstrasse in jenen schleimigen und schnodderigen Weisen des Schunkelwalzers ablauschte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist die Kunst der Nerven, von den Nerven auf die Nerven, und man muss dabei an Berti Goldschmidt denken und an die psychologie blas\u00e9e der Stendhal und Huysmans, von den Goncourt\u2019s \u00fcber Lavedan bis zu Loris und Maurice Barr\u00e8s und nach Portoriche, die mit der feinen Nase f\u00fcr den Geruch der Dinge, die wie ein letzter Rest von Champagner ist und sich wie die z\u00e4he Schmeichelei verblasster alter Seide f\u00fchlt, aber immer ein bischen in dem lieben, traulichen Wienerisch des Canaletto. Er gibt m\u00fcde Stimmungen, die um die Kunst der Watteau und Fragonard sind, mit der weichen Grazie der Formen und mit den halben, heimlichen Contouren, die sich nur noch nicht recht trauen. Aber es g\u00e4hrt noch. Seine Kunst sucht Harmonie. Ein Rest bleibt. Das sind die kurzen S\u00e4tze. Ich kann nichts daf\u00fcr. Es sind verwegene, ungest\u00fcme und verworrene Triebe, die dr\u00e4ngen. Aber der zuversichtliche Gestalter des intimen Erlebnisses, das Kunst verlangt, setzt sich bald durch. Und nun die Darstellung. Da will Vieles nicht. Manches gelingt. Die Sandrock war wieder ein k\u00f6stliches Wunder an reiner Kraft und Sch\u00f6nheit. Aber ihre f\u00fcrstliche Kunst war allein. Nur Herr Nhil darf sich noch an ihr messen, allenfalls auch der sicher wachsende Giampietro und Tewele, wenn er sich die Nase abgew\u00f6hnen m\u00f6chte. Bei den Anderen musste ich an Iglau denken, dort, wo es schon Leitomischl ist. Es war sch\u00e4ndlich und beleidigend. Freilich fehlt die Regie. K\u00fcnstlerische Triebe zerfahren. Ein besserer Tapezierer und Kadelburg kann nicht helfen. Die sichere Weise des spitzen Martinelli w\u00e4re da mehr am Platze gewesen, seine nachdenkliche und w\u00e4gende Technik, die trifft. Herr Kutschera l\u00e4sst als Gigerl seine Helden vergessen. Fr\u00e4ulein Hell, die immer so heult, werde ich nie vergessen und verwinden k\u00f6nnen. Darum spielen sie jetzt auch die junge, begabte Bauer gegen die \u00e4ltere Collegin aus, jenes liebe, blasse M\u00e4dchen, das r\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie Herr Broda den Moritzky gab, muss man sehen. Ganz Wien sollte hin. Das ist \u00fcber den Spanier Vico und den Holl\u00e4nder Boomeester etwas ganz Neues, wie er in diesen Moritzky hineinkriecht, ohne Rest. Er gab die Erl\u00f6sung und Weihe des Abends. Es ist ein halber Kainz in ihm und eine heimliche Duse. Mir fehlen die Worte. Aber man m\u00fcsste die Formel suchen f\u00fcr die vagen und wirren Empfindungen um das grosse Unerh\u00f6rte der Kunst des Broda.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jedem seiner Referate ergoss sich eine Sturzfluth neuer Eigennamen ins Land. Die Kunstgr\u00f6ssen, die er einf\u00fchrte, waren einzig und allein ihm dem Namen nach bekannt; oft hatte er sie von spanischen Theaterzetteln oder gar portugiesischen Strassentafeln abgelesen. Noch heute versteht er es, uncontrolirbaren Thatsachen den Schein des Erlebten zu geben, Dinge, die er gerade anbringen will, tiefurs\u00e4chlich zusammenzuh\u00e4ngen. Es ist \u2013 um in seinem Stil mit Goethe zu sprechen \u2013 ein ungemeiner Zettelkasten, den nicht er, sondern der ihn hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Kritiker hatte er bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Er interessirte. Mochte man auch nicht immer mit dem Ton einverstanden sein, man sagte sich doch, da ist Einer, der Kl\u00e4rung bringt, der, auf das Unverst\u00e4ndniss Anderer nicht angewiesen, jederzeit sein selbstst\u00e4ndiges Vorurtheil hat. Der seichte Impressionismus, dem sich dieser kritische Bummler \u00fcberliess, ber\u00fchrte anheimelnd; der Mangel an Humor, der eine seltene Standpunktlosigkeit verkleidete, aber doch discret durchblicken liess, gefiel, der Tadel, der kein zielbewusster Angriff, sondern vages Anrempeln war. Man klatschte Beifall, wenn er in seiner Weise Protest gegen den guten Geschmack erhob und an das dionysische Bed\u00fcrfniss des Studenten erinnerte, Gew\u00f6lberolll\u00e4den mit dem Spazierstocke zu streifen. Dermassen hat er oft sich ausgelebt und die Wachleute der \u00f6ffentlichen Literaturordnung geuzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sturm und Drang wurden eines Tages von weimarischer Vornehmheit abgel\u00f6st. Die Zeit der Reife brach f\u00fcr ihn an, blasirte Behaglichkeit trug seine Worte, und aus den Weisungen, die er von seiner H\u00f6he an die Jugend des Landes ergehen liess, sprach \u201esch\u00f6ne G\u00fcte\u201c. Aber sogleich fasste dieselbe Jugend den Entschluss, ihm nachzureifen, die j\u00fcngsten sprachen von den \u201ejungen K\u00fcnstlern\u201c, und als eines Tages das Erstlingswerk eines Neunzehnj\u00e4hrigen erschienen war, rief ein zwanzigj\u00e4hriger G\u00f6nner aus: \u201eEs ist mir nicht unlieb, dass die jungen Leute jetzt ein bischen emporkommen!\u201c Auch jene Menge von Kennern, welche die Posen erst aus zweiter Hand haben und auf die Affectationen subabonnirt sind, bekannte sich jetzt zur olympischen Weltanschauung, und das ruhige K\u00fcnstlerauge, mit dem einige reine K\u00fcnstler \u00fcber \u00f6konomische Thatsachen hinwegsahen, verrieth nur zu deutlich die Goethe-Naturen. Kurz, Alles, was im Caf\u00e9 Griensteidl die Zeche schuldig bleibt, war jetzt abgekl\u00e4rt. Wer nicht eigentlich zur Literatur geh\u00f6rte, aber den Gespr\u00e4chen lauschen und Stichworte bringen durfte, begann sich als Eckermann zu f\u00fchlen. Der F\u00fchrer aber, der so that, als ob Weimar und nicht Urfahr die Vorstadt von Linz w\u00e4re, weitete seinen Blick immer mehr und wurde so vielseitig, dass man allgemein bef\u00fcrchtete, er werde sich am Ende noch mit Farbenlehre und Optik besch\u00e4ftigen. Denn nicht zufrieden damit, eine ungef\u00e4hre Kenntniss des Theaters zu besitzen, fing er jetzt an, bildende Kunst misszuverstehen, ja abstract philosophische Themen eingehender zu verflachen. F\u00fcr den wohlwollenden Ton, in welchem dieser erste Kenner zu seiner Menge sprach, sind die Worte charakteristisch, die er unl\u00e4ngst in einer Abhandlung \u00fcber den Werth k\u00f6rperlicher Uebungen geschrieben hat: \u201e\u2026 und so kann man mich jetzt, gegen meine sonst lieber sitzende und meditativ herumliegende Art, fleissig in unserer lieben Stadt spazieren sehen, ganz wie Vater Horaz, behaglich schlendernd, Schw\u00e4nke im Sinn, ohne Plan.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ueber den Verkehr mit seinen Sch\u00fclern ist bekannt, dass der Herr aus Linz sich jederzeit mit Selbstent\u00e4usserung f\u00fcr sie eingesetzt hat. Ohne ihn w\u00e4re manche junge Talentlosigkeit fr\u00fchzeitig zugrunde gegangen und vergessen worden. Es sind nicht Wenige, die sich r\u00fchmen k\u00f6nnen, von ihm entdeckt zu sein. Sie tragen das unverl\u00f6schliche Brandmal seiner Prophezeiung, Europa werde in vier Wochen von ihnen sprechen. \u201eWie ich Europa kenne\u201c &#8211; denn, sagte er einmal, \u201eEuropa zwischen Wolga und Loire hat kein Geheimniss vor mir\u201c. Nun schien es aber selbst in dieser bescheidenen Einschr\u00e4nkung doch ein Geheimniss vor ihm zu haben. Es wollte sich, selbst als man den Termin der vier Wochen erheblich prolongirt hatte, zu einer Aeusserung \u00fcber die im Caf\u00e9 Griensteidl gemachten Entdeckungen nicht bewegen lassen. Aber vielleicht hat gerade der Umstand, dass sie nach so l\u00e4rmender Inscenirung unbekannt blieben, diesen j\u00fcngsten Dichtern einen Namen gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine der zartesten Bl\u00fcthen der Decadence sprosste dem Caf\u00e9 Griensteidl in einem jungen Freiherrn, der, wie man erz\u00e4hlte, seine Manierirtheit bis auf die Kreuzz\u00fcge zur\u00fcckleitet. Die Art des jungen Mannes, der sich einst zuf\u00e4llig in das Kaffeehaus verirrte, gefiel dem Herrn aus Linz. Als jener sich vollends zu der enthusiastischen Bemerkung hinreissen liess: \u201eDer Goethe is ganz g\u2019scheit\u201c, da f\u00fchlte dieser: hier lag eine F\u00fclle von Manierirtheit, die der Literatur nicht verloren gehen durfte. So ward in dem J\u00fcngling das Bewusstsein seiner Sensitivit\u00e4t geweckt, welches ausgereicht h\u00e4tte, ihn zu productivem Schaffen anzuregen. Dazu kam eine mit Kalksburg \u00fcbert\u00fcnchte Phantasie, und als das Product jener geistigen Beschr\u00e4nktheit, welche, von den sich an das Wort \u201ewienerisch\u201c kn\u00fcpfenden Vorstellungen ausgef\u00fcllt, unter dem Namen: reines K\u00fcnstlerthum gel\u00e4ufig ist, entstand eine Novelle, \u201eDer Kindergarten der Unkenntniss\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Wunder, dass sie dem Entdecker gefiel. Er stellte den Autor neben Goethe, den neuerlich zu feiern er Gelegenheit fand, und freute sich, dass ihm das Verst\u00e4ndniss f\u00fcr den ihm unbekannten Meister aus der Uebersch\u00e4tzung des ihm bekannten Dilettanten so sch\u00f6n aufgegangen war. Goethe hatte die Bausteine f\u00fcr einen jungen Ruhm und die Phraseologie einer neuen Kunst f\u00fcr das Caf\u00e9 Griensteidl zu liefern. In der That erschien das kunstphilosophische Grundprincip von dem \u201eBesondern, aus dem das Allgemeine zu ziehen\u201c und dem \u201eEinzelfall, der in das Ewige zu r\u00fccken\u201c ist, wiederholt compromittirt und als modernes Schlagwort protzig hingestellt, auf die letzte literarische Sensation insoferne anwendbar, als hier der Herr aus Linz f\u00fcr eine besondere Talentlosigkeit das allgemeine Interesse in Anspruch nehmen wollte und die Blamage, die wohl ein Einzelfall war, in das Ewige zu r\u00fccken gewusst hat<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch oft hat Goethe ihm in der Folgezeit wichtige Dienste geleistet; sein Zettelkasten wuchst, entwickelte sich, reifte. Die sattsam bekannte Anekdote von dem Hunde Bello pflegt er noch heute gegen den einst von ihm vertheidigten Naturalismus auszuspielen, und als die literarische Eigenthumsfrage acuter wurde, glaubte er f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Verkl\u00e4rung des Plagiats sich auf Goethe berufen zu sollen. Wonach sich communistische G\u00e4ste des Caf\u00e9 Griensteidl so lange gesehnt hatten, der literarische Diebstahl war mit Erlass vom 20. Juni 1896 gestattet. Censurfreiheit und Aufhebung des Colportageverbotes h\u00e4tten das heimische Schriftthum kaum besser befruchten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">II.<br \/>\nMan mag k\u00fchn behaupten, der Wirkungskreis, den der Herr aus Linz in Wien erlangte, habe sich auf drei, bei gut besuchtem Kaffeehause vier Tische erstreckt. Vom linken Spiegeltisch an beginnt seine Popularit\u00e4t nachzulassen. Hier postirten sich jene Literaten, die, nicht gewillt, seine absolutistische Geschmacksdictatur bedingungslos anzuerkennen, sich bald von ihm losgesagt und als selbstst\u00e4ndige Poseure etablirt hatten. Indes, der Einfluss des Mannes, der, wo er sich nicht direct f\u00fcr eine Unbegabung eingesetzt, doch auch noch kommenden Mittelm\u00e4ssigkeiten den Boden gelockert hat sollte nicht ohneweiters vergessen werden. Die solchen Impuls empfangen hatten, gingen allerdings, w\u00e4hrend er an der Uebersch\u00e4tzung neuer Talente arbeitete, den Weg eigener Entwicklung. Es ist ihnen nicht leicht gemacht worden. Eigener Kraft verdanken sie den heutigen Besitz ihrer Nervenschw\u00e4che; Self-made-men der Unnat\u00fcrlichkeit, mussten sie sich ihre Blasirtheit\u00a0 erst erwerben. \u2013 Es ist nun r\u00fchrend, wie aristokratische Dichter, deren Adel bereits zahlreiche Degenerationen umfasst, sich \u00fcber Standesunterschiede hinwegsetzen und ohne Stolz mit den Empork\u00f6mmlingen der Decadence verkehren. Diese sind eben heute der eigentliche Hort dessen, was man im Auslande als moderne wienerische Kunst zu bezeichnen pflegt, \u2013 Jung-Oesterreich. Wien heisst der geistige N\u00e4hrboden dieser Poeten, denen ein g\u00fctiges Geschick das s\u00fcsse Vorstadtm\u00e4del schon in die Wiege gelegt hat, und die so gen\u00fcgsam sind, dass sie mit ein paar Wiener Stimmungen ihr ganzes Leben auszukommen hoffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die moderne Bewegung, die vor einem Jahrzehnt vom Norden ausging, hat hier nur rein technische Ver\u00e4nderungen hervorgerufen. Von der inneren Wirkung neuen Styls, der das Stoffgebiet erweitern half und sociale Probleme ins Rollen brachte, ist unsere junge Kunst verschont geblieben, die geradezu in der Abkehr von den geistigen K\u00e4mpfen der Zeit ihr Heil sucht. Wenn Gedankenarmuth in Stimmungen schwelgen will, muss das Wienerthum f\u00fcr die Farbe herhalten, und der Localpatriotismus erwacht zu neuem, sensitiverem Dasein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ueber den vielen Kaffeehaussitzungen, die zum Zweck einer endgiltigen Formulirung des Begriffes \u00bbK\u00fcnstlermensch\u00ab abgehalten wurden, sind so manche dieser Schriftsteller nicht zur Production gekommen. Bevor man sich nicht \u00fcber eine Definition geeinigt hatte, wollte sich keiner an die Arbeit trauen, und manche hatten sich l\u00e4ngst als Stammg\u00e4ste einen Namen gemacht, bevor sie dazu kamen, sich ihn durch ihre Werke zu verscherzen. Griensteidl ist nun einmal der Sammelpunkt von Leuten, die ihre F\u00e4higkeiten zersplittern wollen, und man darf sich \u00fcber diese Unfruchtbarkeit von Talenten nicht wundern, welche so dicht an einem Kaffeehaustisch beisammen sitzen, dass sie einander gegenseitig an der Entfaltung hindern. Pr\u00e4tention scheint ja in F\u00fclle vorhanden zu sein, \u00fcberall, an allen Ecken und Enden, keimt eine junge Manierirtheit, wie sie bis nun keine zweite Literaturbewegung hervorgebracht hat: wenn jetzt auch noch Begabung hinzukommen sollte, werden wir jungen Oesterreicher getrost das Ausland in die Schranken fordern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis heute war in diesen Kreisen eine affectirte Beziehung zur Kunst vorgeschrieben, und das eigenartige K\u00f6nnen der Jungwiener Dichter besteht darin, dass sie ein grosses Interesse f\u00fcr lebem\u00e4nnische Alluren an den Tag legen, dass sie imstande sind, von den Eindr\u00fccken eines Ronacher-Abends durch Wochen zu zehren, die Komik eines Clowns mit Behagen zu geniessen und bei jedesmaligem Zusammensein die \u00e4ltesten Anekdoten auszutauschen. Derselbe Geist, wenn er aus solcher Lebensf\u00fclle in beschauliches Alleinsein flieht, findet Stimmungstrost in dem Gedanken an die \u201estillen Gassen am Sonntag-Nachmittag\u201c und an das \u201euns\u00e4glich traurige Praterwirthshaus an Wochentagen\u201c, \u2013 immer wiederkehrende sentimentale Wahnvorstellungen, die diesen r\u00fchrend engen Horizont ausf\u00fcllen. Auch haben sie in Wien einige Oertlichkeiten gepachtet, in die sie ihre ganze eigene Empfindungswelt einspinnen. So m\u00fcssen die Fischerstiege, der Heiligenkreuzerhof, die Votivkirche und die Karlskirche ihren Bedarf an Stimmungen decken. \u201eDie Karlskirche geh\u00f6rt mir!\u201c rief einer eines Tages, da der Tischnachbar sie ihm streitig machen wollte. Als Letzterer sich mit dem Wienufer zufrieden gab, war der Grenzstreit der Stimmungen friedlich beigelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der am tiefsten in diese Seichtigkeit taucht und am vollsten in dieser Leere aufgeht, der Dichter, der das Vorstadtm\u00e4del burgtheaterf\u00e4hig machte, hat sich in \u00fcberlauter Umgebung eine ruhige Bescheidenheit des Gr\u00f6ssenwahnes zu bewahren gewusst. Zu gutm\u00fcthig, um einem Problem nahetreten zu k\u00f6nnen, hat er sich ein- f\u00fcr allemal eine kleine Welt von Lebem\u00e4nnern und Grisetten zurechtgezimmert, um nur zuweilen aus diesen Niederungen zu falscher Tragik emporzusteigen. Wenn dann so etwas wie Tod vorkommt, \u2013 bitte nicht zu erschrecken, die Pistolen sind mit Temperamentlosigkeit geladen: \u201eSterben\u201c ist nichts, aber leben und nicht sehen&#8230;.!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht um Leben aufzunehmen, treten diese Nachempfinder dann und wann aus dem Schneckengeh\u00e4use ihres angeblichen Ich heraus, nur um dessen coquette Windungen and\u00e4chtig zu betrachten. Ein an franz\u00f6sischen Vorbildern ge\u00fcbter Formensinn l\u00e4\u00dft sie an der dekorativen Ausgestaltung ihrer n\u00e4chsten Umgebung, ja der eigenen Person ein naives Vergn\u00fcgen finden. Da ist ein Schriftsteller, der so grosse Erfolge auf dem Gebiete der Mode aufzuweisen hat, dass er sich getrost in eine Concurrenz mit der sch\u00f6nsten Leserin einlassen kann. Diesem Autor, der seit Jahren an der dritten Zeile einer Novelle arbeitet, weil er jedes Wort in mehreren Toiletten \u00fcberlegt, liefert ein persischer Tuchfabrikant die besten Stoffe. Mit eisernem Fleisse schafft er an seiner Kleidung und feilt sie bis in das feinste und subtilste Detail; seine Hemden verbl\u00fcffen, und da er sehr productiv ist, l\u00e4sst er exotische Muster in rascher Abwechslung aufeinander folgen. Stets auf Sch\u00f6nheit und m\u00f6glichste Exactheit einer jeden Pose bedacht, versteht er Alles um sich herum zu geschmackvoller Wirkung zu vereinigen, indem er beispielsweise nur mit solchen jungen Leuten verkehrt, deren Anzug zu dem jeweiligen seinen passt, und er geht dann in der so hergestellten Harmonie der Freundschaft seelisch ganz auf. Ein gut gelegter Faltenwurf ist ihm Erlebniss, und wenn er spricht, wendet er peinliche Sorgfalt daran, seine Oberlippe decorativ zu verwerthen. So drapirt er sich selbst sein Milieu und tapeziert sich gem\u00e4chlich sein Leben aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem Kreise hat er einen sehr heiklen Dienst zu versehen. Seine Aufgabe ist es, den Toilettezustand jedes ankommenden Literaten zu visitiren und allf\u00e4llige Correcturen vorzunehmen. Das gelingt unserem Dichter oft mit ein paar charakteristischen Strichen. Hier ist er gerade damit besch\u00e4ftigt, selbst die letzte Hand anzulegen, dort ertheilt er zweckm\u00e4ssige Weisungen, gibt einschl\u00e4gige Winke und praktische Rathschl\u00e4ge; hier erg\u00e4nzt er die fragmentarische Sch\u00f6nheit einer Bicycledress, dort spricht er durch einen vorwurfsvollen Blick die Unm\u00f6glichkeit eines ganzen Hosenstoffes aus. Sein pr\u00e4gnanter Tadel: \u201eDas wird sich nicht halten.\u201c oder: \u201eDas tragt man nicht mehr.\u201c oder \u201eMit Ihnen kann man nicht gehen.\u201c; sein b\u00fcndiges Lob: \u201eDas kann so bleiben.\u201c Und man mag sich diese Kritik ruhig gefallen lassen, da unser Dichter selbst der Natur gegen\u00fcber mit \u00e4hnlichen Bemerkungen nicht zur\u00fcckhaltend ist, indem er sich beim Anblick einer Landschaft schon wiederholt ge\u00e4ussert haben soll: \u201eDas m\u00fcsste etwas stylisirt werden!\u201c und nur selten das Lob spendet: \u201eDas kann so bleiben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Dichter nun geht in seinen Bestrebungen so weit, dass er von der eigenen Umgebung nicht mehr verstanden wird. Dem Gedankenfluge seiner polychromen Gilets verm\u00f6gen die Kleinen mit ihren unbedeutenden Hemden nicht zu folgen. So hat er das Leid des einsamen Menschen zu tragen, und es erf\u00fcllt mit ehrfurchtsvollem Schauer, wenn man den von seiner Zeit nicht erfassten Geist in seiner Zur\u00fcckgezogenheit belauscht Von Allen weiss er sich am l\u00e4ngsten mit sich selbst zu besch\u00e4ftigen, auf sich zu concentriren. Ferne dem l\u00e4rmenden Treiben, sitzt er stundenlang vor dem Spiegel: \u2013 enfin seul mit seiner Cravatte! \u2013 Aber auch er wird sich durchsetzen, und in gerechter W\u00fcrdigung seiner Verdienste wird es von ihm einmal heissen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEr war ein Dichter, der sich nicht nach der Schablone anzog, eine eigenartige Begabung, die sich noch in der durchaus selbstst\u00e4ndigen Form der Stiefletten \u00e4usserte. Dieser sensitiven Natur ist ein falscher, nicht am Hemd angen\u00e4hter Kragen stets stimmungswidrig gewesen. Seiner scharfen Beobachtungsgabe, die noch durch ein feingeschliffenes Monocle verst\u00e4rkt war, entging kein Toilettefehler, und die Empfindungen, die in ihm eine chike Cravatte hervorzurufen wusste, vermochte ihm ein Taschentuch, das zu weit aus der Rocktasche heraushing, sogleich wieder zu zerst\u00f6ren. Die intensivsten Stimmungen, die originellsten Gedanken, welche Anderen zu literarischen Erfolgen verholfen h\u00e4tten, er hatte sie in seinen sch\u00f6nen G\u00fcrteln angelegt. Dieser Dichter war eine Individualit\u00e4t. Gott sch\u00fctze uns vor seinen Epigonen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">III.<br \/>\nMan sieht, es ist nicht immer nur das Fachinteresse, auf welches G\u00e4ste des Literatur-Caf\u00e9s rechnen k\u00f6nnen, einige tragen ja doch auch eine allgemein menschliche Komik zur Schau. Man verzeihe, dass sie unbedeutend sind, und man wird sich ihrer Wirksamkeit freuen. Der kleinste Streber, der in dem Kampfe um das Kaffeehaus-Dasein sich durchsetzen will und nach einer festen Position an dem Tische der fertigen Literaten ringt, darf nicht \u00fcbersehen werden. Die Entwicklung werdender Talentlosigkeiten gibt eine F\u00fclle von Beobachtungen an die Hand, und pikant ist es, durch ein Kaffeehausfenster zuzusehen, wie sich heute der Neuling durch den gestern gemachten Mann lancirt. \u2013 Da f\u00e4llt zun\u00e4chst ein Schriftsteller auf, der sich aus sch\u00fcchternen Anf\u00e4ngen zum Freunde des Burgtheaterautors emporgerungen hat. Sechs Uhr ist es, also Zeit, dass er auf dem Plan erscheine. Ein Parvenu der Gesten, der seinen literarischen Tischgenossen Alles abgeguckt hat und ihnen die Kenntniss der wichtigsten Posen verdankt. Haben es die Andern in der Unnat\u00fcrlichkeit bereits zu einiger Routine gebracht, ihm sieht man stets noch die M\u00fche an, die ihn seine Nervosit\u00e4t kostet. Immerhin hat er sich heute doch schon gl\u00fccklich drei Nerven zusammengescharrt, die ihm die Aus\u00fcbung einer bescheidenen Sensitivit\u00e4t erlauben. So legt er besonderen Werth darauf, es nicht vertragen zu k\u00f6nnen, wenn man mit einem Messer auf den Teller kratzt. Aus solchen Vorf\u00e4llen, die in Andern das normale Unbehagen erzeugen, empf\u00e4ngt er die Anregung zu dichterischem Schaffen. Hier liegen Art und St\u00e4rke seines Talentes. Nach den Stoffen hatte er nie weit zu gehen. Er schrieb immer das, woran seine Freunde gerade arbeiteten, und da die Jung-Wiener Schule einstimmig das Thema vom Sterben gew\u00e4hlt hat und mit vereinten Kr\u00e4ften dem Tode ein paar Novellen abzuringen bem\u00fcht ist, sehen wir ihn mit der Anempfindung einiger Sentimentalit\u00e4ten \u00fcber Begr\u00e4bnisse, Friedhofskr\u00e4nze und Hinterbliebene eifrig besch\u00e4ftigt. Seine Production muss man sich so vorstellen, dass er, eine Art Nuancenzutr\u00e4ger, s\u00e4mmtliche Einf\u00e4lle seines accreditirteren Freundes in Aufbewahrung hat und daf\u00fcr jeden zehnten ben\u00fctzen darf. Wiewohl er in einem Ausverkaufe von Individualit\u00e4ten billig zu einer solchen gekommen sein soll, hat sich ihm das reine K\u00fcnstlerthum auf die Dauer doch nicht rentirt. Er, dem es in seinem Kreise stets eingesch\u00e4rft worden war, auf die Tagesschriftsteller mit Verachtung herabzusehen, lief bald in den Hafen der Journalistik ein, aber mit dem festen Vorsatz, sich als ehemaliger Literat \u00fcber das Niveau seiner nunmehrigen Collegen zu erheben. Gl\u00fccklicherweise war ihm noch von fr\u00fcher her der Tonfall modernen Styles im Ohre geblieben, seine Freunde hatten ihm einige unterstandslose Beobachtungen mit auf den Weg gegeben, und ein paar verkommene Nuancen, die einst vom Tische abgefallen waren, raffte er noch in Eile auf. Im Uebrigen mit einer t\u00fcchtigen Portion Selbstvertrauen begabt, wohl wissend, dass er, wo er sich nicht auf seine Freunde verlassen k\u00f6nne, schon auf eigene Faust undeutsch schreiben werde, begann er seine Th\u00e4tigkeit. Zun\u00e4chst fragte er einen Wachmann nach der Lage des Theaters, dessen Tradition zu bek\u00e4mpfen er entschlossen war. Man kann sagen, er hat bis heute doch die wichtigsten St\u00fccke Schiller\u2019s und Shakespeare\u2019s gesehen \u2013 warum z\u00f6gert die Direction so lange mit dem K\u00f6nigsdramen-Cyklus? \u201eHamlet\u201c z. B. sah er gelegentlich einer Neubesetzung zum erstenmale, wobei er als gewissenhafter Recensent nicht verfehlte, vorher sich von der Directionskanzlei das Manuscript zu erbitten; und mit der ganzen Lapidarit\u00e4t, mit der sich seine Seichtheit nicht selten auszudr\u00fccken liebte, soll er k\u00fcrzlich, entz\u00fcckt, so weit es seine W\u00fcrde zuliess, ausgerufen haben: \u201eMan wird die Wolter im Auge behalten m\u00fcssen!\u201c Stets hat er sich als der schneidige, unabh\u00e4ngige Kritker erwiesen, der weder nach oben noch nach unten Concessionen macht, ja selbst mit Hinansetzung aller grammatikalischen R\u00fccksichten gegen Uebelst\u00e4nde energisch Stellung zu nehmen bereit ist. Der reformatorische Eifer ber\u00fchrte sympathisch, wenn er, ein eingewurzeltes Vorurtheil bek\u00e4mpfend, dem Schauspieler Martinelli eine \u201ebreite, behagliche Gem\u00fcthlichkeit\u201c nachr\u00fchmte. Als Ironiker stand er allzeit auf eigenen G\u00e4nsef\u00fcsschen, und wenn es die Geisselung des Wiener Kom\u00f6diantencultus galt, drohten in der Druckerei die Anf\u00fchrungszeichen auszugehen; denn immer neue uninteressante Seiten wusste er diesem Thema abzugewinnen. Einige Fremdworter kamen ihm so neu vor, dass er es mit ihnen immer wieder versuchen zu m\u00fcssen glaubte; so behauptete er stets, dass Herr Reimers ad spectatores spreche und dass das Fr\u00e4ulein Bleibtreu karyatidenhaft sei. Vielleicht war hier die Freude, Ausdr\u00fccke, die man sonst erst im Obergymnasium kennen lernt, schon nach vier Classen zu beherrschen, doch etwas zu stark betont.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Tages liess er sich Muther\u2019s \u201eGeschichte der Malerei des XIX. Jahrhunderts\u201c als Recensionsexemplar kommen und ward so Kunstkritiker. Als bald darauf die Muther-Hetze losging, der ber\u00fchmte Kunsthistoriker vielfach des Plagiats beschuldigt und Alles hervorgeholt wurde, was bis dahin in Deutschland in seinem Fache geschrieben worden war, erz\u00e4hlte man sich, Muther habe auch unsern Recensenten ben\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im journalistischen Dienste hart mitgenommen, hat sich der Literat bis heute doch seine Eigenart zu wahren gewusst. Die Verwechslung des Dativs mit dem Accusativ gelingt ihm noch immer mit unverminderter Jugendfrische. Anf\u00e4nglich hatte er wohl mit dem Widerstand der Setzer zu k\u00e4mpfen, die bekanntlich immer kl\u00fcger sein wollen als der Schriftsteller und gerne corrigiren, weil sie f\u00fcr undeutsch ansehen, was individuellster Ausdruck einer k\u00fcnstlerischen Pers\u00f6nlichkeit ist, aber bald lernten sie die Eigenart unseres Autors respectiren, und sein Talent setzte sich durch. Ungehindert konnte er sich nun ausleben, und man erkannte ihn auch in nicht unterzeichneten Artikeln. Wenn er z. B. bei einer alternden Schauspielerin den \u201eheissen Athem\u201c vermisste, \u201eder Einem nur aus kindlichem M\u00e4dchenbusen anweht\u201c, so w\u00e4re es ein Uebriges gewesen, hier auch noch seine Chiffre hinzuzuf\u00fcgen. Selbstverst\u00e4ndlich begegnet er die Leute, aber auch diesen Accusativ weiss er wieder zu verwechseln und gelangt zu einem ganz unerwarteten Resultate, wenn er schliesslich von Leuten spricht, die Einem begegnen, und so durch ein Versehen das Richtige findet. Anl\u00e4sslich des Sonnenthal-Jubil\u00e4ums im Vorjahre hat er, der Bedeutung des Gefeierten entsprechend, mehrere falsche Casusse gebracht. Er erz\u00e4hlte damals, \u201edie vierzig Jahre, die der K\u00fcnstler dem Burgtheater treulich gedient\u201c, h\u00e4tten \u201eihm zum Repr\u00e4sentanten dieser geliebten B\u00fchne gemacht\u201c, man habe Sonnenthal \u201ezu verstehen geben wollen, dass man ihm noch immer gerne in seinen jugendlichen Rollen zu sehen w\u00fcnsche\u201c, \u2013 woran er die allgemeine Bemerkung kn\u00fcpfte, der Schauspieler m\u00fcsse seine Rolle leben, er m\u00fcsse \u201ein sie aufgehen\u201c. Wo es die Besprechung von dramatischen Anf\u00e4ngern galt, zeigte er sich stets nachsichtig; ein Tadel, erkl\u00e4rte er, w\u00fcrde \u201eEinem nur au niveau mit dem Dilettanten setzen\u201c. Als die Zeitung, bei der er th\u00e4tig ist, einst die telegraphische Nachricht brachte, \u201edie serbisch-montenegrinische Verbindung mitsammt des daranh\u00e4ngenden Heirathsgedankens\u201c stehe in Frage, liess man sich damals vielfach zu der Meinung verleiten, dass er auch die Depeschen einrichte, was einer entschiedenen Uebersch\u00e4tzung seines Wirkungskreises gleichkam, da das Ressort unseres Freundes ausschliesslich die Verwechslung des Dativs mit dem Accusativ, nie mit dem Genitiv, und auch diese nur im Theater- und Kunsttheile, umfasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Mensch wird ernstlich behaupten, dass solche und \u00e4hnliche grammatikalische Eigenheiten einem in der literarischen Carri\u00e8re behindern k\u00f6nnen. Vollends durch die Pr\u00e4tention, mit die er seine Seichtigkeiten vorbringt, vermag ein Schriftsteller jederzeit auf dem Leser zu wirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was nun \u00fcber den literarischen Rahmen hinausreicht, geht niemandem etwas an. Einige wollen sich zu den von ihm vertretenen Ansichten nicht bekennen; daf\u00fcr gibt es wieder zahlreiche, die \u2013 gl\u00e4ubiger sind. Dies best\u00e4rkt ihn in seiner Zuversicht und gibt ihm Muth zu neuen Thaten. Die B\u00fchnenerfolge seiner Freunde haben ihn berauscht, jetzt heisst das Ziel seines ganzen Strebens: Aufgef\u00fchrtwerden!, und schon sehen wir ihn einen kurzen Seitenweg hinter die Coulissen des Burgtheaters einschlagen&#8230;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun von ihm, der an dieser Stelle eine unerwartete Bevorzugung erfahren, hinweg zu andern Tischgenossen, die schon warten und sich \u00fcber Parteilichkeit der Bedienung beklagen. Der bleiche Dichter des athenischen Cassenst\u00fcckes ist bereits ungeduldig, wiewohl er zu gereift ist, um sich noch \u00fcber irgend etwas aufregen zu k\u00f6nnen. Er, der weder radfahren noch kegelschieben kann, mithin dem Director der Hofb\u00fchne die Entdeckung seines Talentes erheblich erschwerte, hat sich doch im Burgtheater festzusetzen gewusst. Dies soll daher kommen, weil sein Werk eine h\u00f6chst gl\u00fcckliche Verbindung missverstandenen griechischen und nicht erfassten modernen Geistes bedeutet. F\u00fcr das Wienerthum seiner Umgebung bringt er eine uns\u00e4glich bukowinerische Note mit, die sich insbesondere darin kundgibt, dass er den x-f\u00fcssigen Jambus mit grosser Geschicklichkeit anwendet. Sein St\u00fcck erweckt den Eindruck, als ob es \u00fcber Aufforderung B\u00fcchmann\u2019s geschrieben w\u00e4re. Es enth\u00e4lt eine Reihe \u00fcberaus m\u00fchsam gefl\u00fcgelter Worte, in der Art: \u201eDie Sehnsucht nach dem Gl\u00fcck ist mehr als Gl\u00fcck\u201c, oder: \u201eWie wenig kennt das Volk doch seine Geister!\u201c. Und \u00fcber dem Ganzen liegt es wie ein Hauch von Gindely, aber vom kleinen. \u2013 Der Ruf eines Grillparzer-Epigonen schmeichelt ihm so sehr, dass er, um mit seinem Vorbilde wenigstens etwas gemeinsam zu haben, beabsichtigen soll, sich jetzt um eine Staatsbeamtenstelle zu bewerben und auch f\u00fcrder in Allem sich streng nach des Dichters Biographie zu richten. Wenn er schon aus der alt-\u00f6sterreichischen Tradition nicht herausgewachsen ist, entgehen lassen will er sich sie keinesfalls. M\u00f6ge es ihm nach den Aufregungen und Strapazen der Premi\u00e8re nun auch geg\u00f6nnt sein, in Ruhe zu erleben, was er in seinem St\u00fccke gedichtet hat!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer ist jener lebhafte J\u00fcngling, der eben an die Herren des Kreises mit Fragen aller Art herantritt? Eine der seltsamsten Erscheinungen der Kaffeehauswelt, hat er sich dadurch, das man ihn noch niemals sitzen sah, zu einer stehenden Figur des Griensteidl herausgebildet. Er h\u00e4ngt insofern mit der Literatur zusammen, als ihm die Aufgabe obliegt, des Nachts die Dichter nach Hause zu begleiten. Hat einer der Herren einen Erfolg aufzuweisen, so wird Er gr\u00f6ssenwahnsinnig, und oft ist er durch das Lob, das Andere ernten, recht \u00fcberm\u00fcthig geworden. Mit seinen literarischen Collegen hat auch er von Goethe manche Anregung erfahren:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging ins Kaffeehaus so f\u00fcr sich hin,<br \/>\nUm nichts zu nehmen, war sein Sinn.<br \/>\nDabei ist er der fleissigste Stammgast. Die Marqueure haben sich an diesen Zustand gew\u00f6hnt. Anfangs musste er wohl, wenn die Andern bestellt hatten, stets wiederholen: \u201eMir bringen Sie nichts\u201c; jetzt ist Heinrich schon eingeweiht und sagt immer gleich von selbst: \u201eHerr Doctor \u2013 wie gew\u00f6hnlich.\u201c Nur selten kommt es vor, dass Heinrich in seiner feinsinnigen Weise in den Bart brummt: \u201eZum Anregungenholen allein ist das Kaffeehaus nicht da\u201c, aber sonst kann unser Gast mit der Bedienung zufrieden sein; er m\u00fcsste sich beklagen, wenn sie zu aufmerksam w\u00e4re. Man hilft ihm nicht von seinem Hut und schweren Winterrock, und l\u00e4sst ihn stundenlang Vortr\u00e4ge \u00fcber die Bedeutung der ihm Zuh\u00f6renden halten. So steht er da, Begeisterung schl\u00fcrfend, heftig gesticulirend: er w\u00e4re ein grosser Schmock geworden, auch wenn er ohne H\u00e4nde auf die Welt gekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">IV.<br \/>\nDie Jung-Wiener Dichtergalerie besitzt einen Charakterkopf, der sehr h\u00fcbsche Ans\u00e4tze zu einem Dulderantlitz zeigt. Dieser Decadent (Abtheilung f\u00fcr Lyriker) ist durch drei stattliche Gedichtb\u00e4nde, in denen er bewiesen hat, dass er verwelkte Nerven besitzt, f\u00fcr den literarischen Tisch legitimirt. \u201eNeurotica\u201c wurden confiscirt und hatten \u201eSensationen\u201c, diese aber \u201eGel\u00e4chter\u201c im Gefolge. Die echte Dichtergabe, aus minimalen Erscheinungen ungeahnte Anregung zu ziehen, ihm ist sie nie versagt geblieben. Stets hat er um mehrere Grade h\u00f6her gedichtet als erlebt, und wenn man sich nach den Urheberinnen seiner Ekstasen erkundigte, konnte man staunend erfahren, was so ein d\u00e4monisches Weib f\u00fcr Minderbemittelte alles imstande ist, wenn es von einem modernen Lyriker empfunden wird. Einst gab er vor, \u201eAlles, was seltsam und krank\u201c, zu lieben. Die Kritik glaubte indess, den Sitz seines Leidens in der Lect\u00fcre Baudelaire\u2019s gefunden zu haben, verordnete ihm strengste Di\u00e4t und untersagte ihm jede Manierirtheit. Er nun, aus Furcht, in eine unheilbare Gesundheit zu verfallen, kehrte sich an diese Massregeln nicht. Hektische Verse fl\u00f6ssten ihm Wohlbehagen ein, er erwarb ein literarisches Wappen, in welchem sich eingezeichnet finden: ein Herz, das m\u00fcd und alt, ein Sinn, der welk und kalt, sowie ein Strauss schwinds\u00fcchtiger Tuberosen, mit heimlichen Nerven umwunden. Der Erfolg enthebt ihn aller Reuepflichten, und bei seiner Jugend ist er schon heute ein ge\u00fcbter und t\u00fcchtiger Greis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich einmal ein wirklich Nerv\u00f6ser! Das thut f\u00f6rmlich wohl in dieser Umgebung des posirten Morphinismus. Es ist kein K\u00fcnstler, nur ein schlichter Librettist, der hier den Andern mit gutem Beispiel vorangeht. Abgehetzt, von den Aufregungen der Theaterproben durch und durch gesch\u00fcttelt, nimmt er gesch\u00e4ftig Platz: Kellner, rasch alle Witzbl\u00e4tter! Ich bin nicht zu meinem Vergn\u00fcgen da! \u2013 W\u00e4hrend seine moderneren Tischgenossen in das geistige Leben Wandel zu bringen bem\u00fcht sind, sehen wir ihn dem Handel Eingang in die Literatur verschaffen. Seine Beziehungen zur B\u00fchne sind die eines productiven Theateragenten, und er entwickelt eine fabelhafte Fruchtbarkeit, die sich auf die meisten B\u00fchnen Wiens erstreckt. Nach jeder einzelnen seiner Operetten glaubt man, jetzt endlich m\u00fcsse sich seine Kraft ausgegeben haben. Doch ein Ant\u00e4us der Unbegabung, empf\u00e4ngt er aus seinen Misserfolgen immer neue S\u00e4fte. Er erscheint fast nie allein auf dem Theaterzettel, und pikant m\u00fcsste es sein, die beiden Compagnons an der Arbeit zu sehen. Hier erg\u00e4nzen sich die Individualit\u00e4ten wohl so am passendsten, dass, was dem Einen an Humor fehlt, der Andere durch Mangel an Erfindung wettmacht. Der Andere ist talentlos aus Passion, der Eine muss davon leben. Doch scheint solch ein Gesch\u00e4ft seinen Mann zu n\u00e4hren. Heute geh\u00f6rt ihm eine Villa, am Attersee herrlich gelegen, \u2013 mit Aussicht auf den Waldberg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesen Kreis von jungen M\u00e4nnern, die nicht schreiben k\u00f6nnen, sich aber immer nur auf den einen Beruf capriciren, schliesst Einer sich an, der durch Vielseitigkeit wohlthuende Abwechslung bietet: Er kann auch nicht malen. Erst in gereifteren Jahren ging er daran, seiner Unbegabung auch schriftstellerischen Ausdruck zu geben, nicht ohne sich vorher eine feste Grundlage umfassender Bildungslosigkeit geschaffen zu haben, und lange bevor er durch seine eigenartigen Beziehungen zu der deutschen Grammatik von sich reden machte, konnte er auf zahlreiche Misserfolge als bildender K\u00fcnstler hinweisen. An ihm zerschellt jenes bekannte Witzwort, das noch Alle, die zwei Besch\u00e4ftigungen in einer Hand vereinigen wollten, gl\u00fccklich getroffen hat: die Schriftsteller wissen n\u00e4mlich schon, dass er kein guter Maler, und die Maler t\u00e4uschen sich nicht mehr dar\u00fcber, dass er kein guter Schriftsteller ist. Der Letztere bezog lange Zeit hindurch seinen Styl aus Linz, von wo ja bekanntlich seit einigen Jahren alle literarischen Reformversuche ihren Ausgang nehmen. Die Gewalt, die er bereits nach kurzer Schulung der deutschen Sprache anthat, war eine unvergleichliche. Wenn es fremdl\u00e4ndische Eigennamen in deutscher Satzverrenkung darzubieten galt, besch\u00e4mte er den Meister. Einige seiner Perioden werden ihm unvergessen bleiben. Die Sensation einer Ehescheidungsaffaire und des flammenden Protestes, den die Heldin gegen ihre Verfolger publicirt hatte, erreichte erst den H\u00f6hepunkt, als unser Schriftsteller zur Feder griff und die erl\u00f6senden Worte niederschrieb: \u201eDas Processgeb\u00e4ude, \u00fcber welches sie sich ergeht, hing lange Jahre wie das Schwert des Damokles \u00fcber dem Haupte der Verfolgten.\u201c Ein kleiner Artikel zu Hanslick\u2019s siebzigstem Geburtstage \u2013 und die gesammte Auflage seines Blattes war vergriffen. Hanslick, schrieb er damals, sei, \u201ein Prag geboren, fr\u00fch auf den Spuren seiner Zukunft\u201c gewesen. Den Feuilletonisten r\u00fchmte er also:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Des fl\u00fcchtigen Blattes Theilung, wo der Geist sich von der sorgenvollen Schwere des Leitartikels, von den ernsten Dingen der Politik erholen, in sch\u00f6nen Gefilden wandeln und sich belehrend erfreuen soll k\u00f6nnen, bietet, wenn er die Feder f\u00fchrt, in reichlicher M\u00fcnze das, wozu unter dem Striche der ersten Zeitungsseite das Feuilleton erschaffen ist. Und wenn man sagen sollte, wie es denn sei, dass es gerade von ihm das richtige w\u00e4re, wo all die tausend Schreiber mit dem lustigen Worte zur langweiligen t\u00f6dlichen breitgequatschten Sache Frevel und Missbrauch treiben, so hielte es schwer im Vergleiche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus einer impressionistischen Beschreibung des Leichenbeg\u00e4ngnisses eines hohen Herrn:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gell und grauenhaft steigen Hilferufe auf; ich sehe K\u00f6rper auf der Strasse liegen und Menschenf\u00fcsse sie fast zertreten. Ich sehe Kinder mit entsetzensvollem Ausdruck. Warum man doch immer gerade Kinder mitnimmt ins Gedr\u00e4nge? Warum man der S\u00e4uglinge kleine zitternde K\u00f6rper nicht schont und in die ersichtliche Gefahr des Erdr\u00fccktwerdens bringt?..<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Zweigen der B\u00e4ume h\u00e4ngen Buben und M\u00e4nner. Vergebens sucht man sie zu vertreiben. Immer wieder klettern sie hinauf. Selbst am Gitter des Volksgartens stellen sich Neugierige auf. Sie k\u00f6nnen zwar nichts sehen; sie bleiben jedoch dort. Sie wollen es so&#8230;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hofrath Kozarek erscheint&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es fliegen die H\u00fcte von den H\u00e4uptern vor dem Leichenwagen mit den blendenden Schimmeln in ihren goldstarrenden Schabraken&#8230;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die hellen Klingen gleiten um Haaresbreite an den Gesichtern der Zuschauer hinter ihnen vor\u00fcber&#8230;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besondere Zustimmung aber fand er, als er einmal Gelegenheit nahm, sich \u00fcber die \u201eschwerfl\u00fcssigen Sprachwerkzeuge des Herrn Kutschera\u201c auszulassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die syntaktischen Reformen, die er in unser Schriftthum einf\u00fchrte, haben den Mann popul\u00e4r gemacht. Aber auch inhaltlich hat er, durch Meinung und Tonart seiner Aufs\u00e4tze, jederzeit im Sinne einer Volksaufheiterung gewirkt. Einer grossen Zugkraft erfreuten sich die k\u00f6stlichen Wahnvorstellungen, die er zu produciren pflegte, die grotesken Ueberhebungen, zu denen sich der \u201egem\u00fcthliche Wiener Bitz\u201c verstieg. Keine bedeutungsvolle Entdeckung, die ohne seine Mithilfe gemacht worden w\u00e4re, keine k\u00fcnstlerische Pers\u00f6nlichkeit, die nicht von ihm die erste Anregung empfangen h\u00e4tte. Alles verdankt ihm seine Entstehung, alle hat er \u201egemacht\u201c. Ueber Mascagni schreibt er:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; Ich trug das Meine bei, um ihm zu helfen mit gef\u00e4lligen Reclamen.<br \/>\n&#8230; So n\u00fctzte ich ihm gerne, wie gesagt: ich n\u00fctze immer Anderen gerne; auch heute noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in der gleichen Tonart ruft er aus:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich ist es Hermann Sudermann gelungen, mich vollst\u00e4ndig zu \u00fcberzeugen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo der Schriftsteller, sei es durch Undeutsch oder Gr\u00f6ssenwahn, das ganze Interesse der Oeffentlichkeit absorbirt \u2013 bleibt f\u00fcr den Maler nichts mehr \u00fcbrig, und er muss der Beliebtheit des Schreibenden weichen. Gerade er nun konnte dem Stillleben zu bedeutendem Aufschwung verhelfen und namentlich als Stylbl\u00fctenmaler Hervorragendes leisten. Dem Portr\u00e4tisten begegnet man schon lange mit Misstrauen. In den letzten Jahren haben sich nur mehr Verstorbene von ihm zeichnen lassen, z. B. Bruckner und Tilgner. Kein Tadel kann ihn in solchen F\u00e4llen treffen; hat er doch hier die Entschuldigung der vom Tode entstellten Z\u00fcge f\u00fcr sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Probleme sind es, des Schweisses der Edeln werth, welche eine benachbarte Tischgesellschaft in Athem halten. Kein literarischer Misston st\u00f6rt die reine Theaterfreude dieser Menschen, kein Jung-Wiener K\u00fcnstler verirrt sich hieher. Wer hat am 24. April im Stadttheater in Regensburg den dicken Herrn in der \u201eWildente\u201c gespielt? Wann trat Herr Rottmann im Burgtheater zum letztenmal auf? Diese und \u00e4hnliche Themen, sonst mit Leidenschaft er\u00f6rtert, m\u00fcssen doch in den Hintergrund treten, wenn die Lebensfrage auftaucht: Sind heut\u2019 Freikarten? Jedem Schauspieler ist ein Theaterinteressent an die Seite gegeben, der ihm mit demselben Respecte zuh\u00f6rt wie jener dem Kritiker des Tisches. Da sind pathetische Vorstadtmimen, die in der Josefstadt die Tradition des Burgtheaters hochhalten; da gibt es B\u00fchnengr\u00f6ssen, die auf eine langj\u00e4hrige Wirksamkeit in der Theaterloge zur\u00fcckblicken k\u00f6nnen und sich einen Ruf als Zuschauspieler des Burgtheaters gemacht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgen Tische, deren Verh\u00e4ltniss zur Literatur nur noch ein sehr gelegentliches ist. Hier sitzen Leute, deren Talent sich in den Randbemerkungen und Glossen ausgibt, mit welchem sie s\u00e4mmtliche im Literatencaf\u00e9 aufliegenden Zeitschriften versehen. Manche schreiben in die vornehmsten Revuen des In- und Auslandes. Diese Autoren unterzeichnen nicht mit vollem Namen, bleiben demnach dem grossen Publicum unbekannt. Gleichwohl besitzt ein jeder von ihnen seine markante Eigenart. Da ist Einer, der durch Jahre und in dem Wechsel der Richtungen, welchem dieses Kaffeehaus unterworfen war, seinen Standpunkt bewahrt hat; von ihm liest man immer noch die eine Aeusserung: \u201eJud!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht einmal zu dieser H\u00f6he der Production vermochte sich eine Gruppe von J\u00fcnglingen emporzuschwingen, denen nur der Vorwand, Stimmungen leicht zug\u00e4nglich zu sein, ein Pl\u00e4tzchen im Locale der modernen Schriftsteller einger\u00e4umt hatte. Manche unter ihnen wussten sich noch insoweit n\u00fctzlich zu machen, als sie den Verkehr zwischen den einzelnen Tischen vermittelten, den G\u00e4sten Theaternachrichten zutrugen und vielen wirklich die Lect\u00fcre der Journale ersparten. Als diese Gesellschaft eines Tages nicht mehr erschien, versicherte der Marqueur in seiner feinsinnigen Weise, die Herren seien nicht allein den Beweis literarischer F\u00e4higkeit schuldig geblieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/400px-Fackel_Kraus_1899_1_29.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-15594\" title=\"400px-Fackel_Kraus_1899_(1)_29\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/400px-Fackel_Kraus_1899_1_29-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/400px-Fackel_Kraus_1899_1_29-200x300.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/400px-Fackel_Kraus_1899_1_29.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><\/span>Die Erstausgabe von <em>Die demolirte Literatur<\/em> erschien 1896 in der K\u00fcnstlerzeitschrift \u201eWiener Rundschau\u201c. Karl Kraus war der erste Autor, der vor \u00fcber hundert Jahren die kulturkritische Kommen\u00adtie\u00adrung der Welt\u00adlage zur Dauer\u00adbesch\u00e4f\u00adtigung erhob. Seine Zeit\u00adschrift \u201eDie Fackel\u201c, in der er von 1899 bis 1936 auf \u00fcber zwanzig\u00adtausend Seiten alle denkbaren Zeitgeist-Ph\u00e4no\u00admene kommen\u00adtierte, war gewisser\u00adma\u00ad\u00dfen der erste Kultur-Blog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wien wird jetzt zur Grossstadt demolirt. Mit den alten H\u00e4usern fallen die letzten Pfeiler unserer Erinnerungen, und bald wird ein respectloser Spaten auch das ehrw\u00fcrdige Caf\u00e9 Griensteidl dem Boden gleichgemacht haben. Ein hausherrlicher Entschluss, dessen Folgen gar nicht abzusehen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/28\/die-demolirte-literatur\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":102,"featured_media":100060,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[202],"class_list":["post-15535","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-karl-kraus"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15535","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/102"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15535"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15535\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100546,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15535\/revisions\/100546"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100060"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15535"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15535"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15535"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}