{"id":15496,"date":"2013-05-22T07:42:04","date_gmt":"2013-05-22T05:42:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15496"},"modified":"2022-06-13T05:48:20","modified_gmt":"2022-06-13T03:48:20","slug":"der-kleine-wagnerianer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/05\/22\/der-kleine-wagnerianer\/","title":{"rendered":"Der kleine Wagnerianer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer zum 200. Geburtstag des Komponisten Richard Wagner verstehen will, was an dessen Musik revolution\u00e4r und atemberaubend, an seinen Haltungen schrullig, r\u00fchrend oder auch unversch\u00e4mt, und an seiner Weltanschauung g\u00e4nzlich unertr\u00e4glich ist, der wird mit diesem informativen und unterhaltsamen Buch auf seine Kosten kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO: Warum noch ein Buch \u00fcber Wagner, ist nicht l\u00e4ngst alles gesagt und gedacht \u00fcber den Sachsen, der wie kein zweiter nach wie vor fasziniert, aber auch polarisiert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00dcLLER: Tats\u00e4chlich ist Wagner ein unersch\u00f6pfliches Thema. Aus vielen Gr\u00fcnden. Zum einen war er eine \u2013 sagen wir \u2013 schillernde Figur mit teils h\u00f6chst zweifelhaften Eigenschaften. Sein Leben ist \u00fcberreich dokumentiert, nicht zuletzt durch seine (freilich stark besch\u00f6nigende) Autobiografie <em>Mein Leben<\/em>, wie auch durch Tausende von Briefen und Dokumenten von Zeitgenossen und die Aufzeichnungen seiner zweiten Gattin Cosima. Doch gerade die \u00dcberf\u00fclle an Material macht die Ann\u00e4herung an die Person und den K\u00fcnstler zu einem nicht enden wollenden Prozess, der ein abschlie\u00dfendes Urteil kaum zul\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO: Es kann bei Wagner daher wohl nur darum gehen, einzelne Aspekte zu beleuchten und in neue Zusammenh\u00e4nge zu stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00dcLLER: Auch das ein Prozess, der wohl niemals enden wird. Zumal die Achterbahnkurven seines Lebens nicht nur Abbild seiner zwanghaften und instabilen, dabei ungeheuer energetischen Existenz sind, sondern auch ein Spiegel jener nerv\u00f6sen, schicksalhaften und von Umbr\u00fcchen gepr\u00e4gten Epoche, in der Wagner wirkte. Ganz zu schweigen von seinem Werk, das hoch komplex, r\u00e4tselhaft und brisant bleibt. Es bietet keine Gewissheiten und Bequemlichkeiten. Es bleibt Herausforderung. Wagner war Avantgardist, und das radikal. An seinen eigenen Werken hat er aktualisierend herumgebastelt. Als K\u00fcnstler w\u00e4re Wagner auch heute sicherlich auf Seiten der Erneuerer, die sein Werk immer wieder neu lesen und deuten wollen. Er selbst fordert uns explizit auf, ihn immer wieder zum Zeitgenossen zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO: So besehen kann <em>Der kleine Wagnerianer<\/em> keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit einl\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00dcLLER: Der Titel auch eher ironisch zu verstehen, denn weder sind wir zwei Autoren, mein Kollege Enrik Lauer und ich, erkl\u00e4rte Wagnerianer, noch wollen wir die Leser dazu machen. Wir gehen, bei aller Sorgfalt, sogar ziemlich frech und respektlos an den Meister und sein Werk heran. Der Ansatz der <em>zehn Lektionen<\/em> ist journalistisch und prop\u00e4deutisch. Das hei\u00dft: Die Werkbetrachtungen schrauben Wagners Opern nicht taktweise in musikwissenschaftlicher Absicht auseinander, und die Abschnitte zu Wagners Leben verzetteln sich nur schlaglichtartig in biografischen oder akademischen Einzelheiten. Getreu dem Untertitel <em>F\u00fcr Anf\u00e4nger und Fortgeschrittene<\/em> wird beim Leser nichts vorausgesetzt. Die intellektuelle Basis der Analysen fu\u00dft auf der kritischen Psychoanalyse, dem Poststrukturalismus und der Medientheorie und f\u00fchlt sich vor allem der textnahen Deutung verpflichtet \u2013 auch und vor allem der oft geschm\u00e4hten Libretti! Denn Wagner als sein eigener Librettist und Dramaturg ist eben auch ein Gegenstand literaturwissenschaftlicher Untersuchung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO: In musikalische Analysen vertieft sich nur die zweite Lektion, <em>Mehr als ein Revolution\u00e4r \u2013 Tristan und Isolde: Was Wagner f\u00fcr die Musikgeschichte bedeutet.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00dcLLER: Ausgehend vom ber\u00fchmten Tristan-Akkord, der als Geburtsstunde der Moderne gilt, wird zun\u00e4chst Wagners Werdegang vom Sp\u00e4tz\u00fcnder \u00fcber den verkrachten Musikstudenten zum radikalen Autodidakten verfolgt. Anhand der abenteuerlichen Entstehungsgeschichte des <em>Tristan<\/em> dr\u00e4ngt sich der Gedanke auf, dass viele von Wagners genuinen Neuerungen m\u00f6glicherweise auch aus der Not entstanden, das klassische Komponistenhandwerk nur unzureichend zu beherrschen. Schlie\u00dflich stellt sich die Frage, ob der Tristan \u00fcberhaupt eine Liebesgeschichte ist oder dort nicht vielmehr eigentlich der <em>Tod w\u00fctet<\/em> .<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO: Die folgenden \u00dcberlegungen umkreisen den <em>Lohengrin<\/em>, die <em>Meistersinger<\/em>, <em>Ring<\/em> und <em>Parsifal<\/em>, also keineswegs das Gesamtwerk und lesen vor allem die Libretti und psychischen Konstellationen durchaus unorthodox.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00dcLLER: Dass Wagner selbst ausschlie\u00dflich Ur-Sachen verhandelt, liegt auf der Hand. Fast all seine Protagonisten handeln im Banne verpatzter Urspr\u00fcnge und Vorgeschichten. So lesen wir die Opern als arch\u00e4ologische Erkundungen von Welten in ihrer jeweiligen Endzeit. Anders gesagt: Wenn der Vorhang sich hebt, sind alle Bedingungen der M\u00f6glichkeit des Scheiterns bereits geschaffen. Wie bereits bemerkt, hatte Wagner stark zwanghafte Z\u00fcge. Angefangen bei seinem desastr\u00f6sen Verh\u00e4ltnis zu Geld und zum Luxus (dem sich das Kapitel <em>Unversch\u00e4mt genial<\/em> widmet), bis zu seiner double-bind-artigen Haltung zur Sexualit\u00e4t. Solche Tiefenstrukturen in Leben und Werk werden, heiter im Ton, ernsthaft in der Sache, ausgeleuchet. Und weil es nun mal die (Vor-)Geschichte unserer Welt ist, die Wagner erz\u00e4hlt, fallen die Schatten auch auf uns und unsere Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO: Darwin, Marx und Wagner waren nicht umsonst fast aufs Jahr genau Zeitgenossen. Nietzsches Tod 1900 und Freuds entsprechend vordatierte <em>Traumdeutung<\/em> bilden symbolische Mittelachsen zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert. Ebenso wenig wie Rassisten vom Schlage Gobineaus oder des Wagner-Schwiegersohns Houston Stuart Chamberlain blo\u00df Unf\u00e4lle der Geistesgeschichte jener Zeit waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00dcLLER: Psychoanalytische \u00dcberlegungen durchziehen motivisch die Lektionen, ausdr\u00fccklich widmet sich das Kapitel <em>&#8230; nichts als Wahrtraumdeuterei<\/em> dem Thema Psychoanalyse. Ausgehend von Wagners ausgepr\u00e4gtem Interesse am Traum, zumal den eigenen Tr\u00e4umen, gehen wir hier Wagners Nachtgeweihten und Traumt\u00e4nzern nach und versuchen, die ins Vegetative vordringende Macht seiner Musik zu ergr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO: Schlie\u00dflich wird Wagners dunkelste Seite auch nicht ausgespart: <em>Die Erl\u00f6sung Ahasvers: Der Untergang<\/em> widmet sich seinem\u00a0 Antisemitismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00dcLLER: Ohne Zweifel war Wagner Antisemit, aber damit befand er sich in seiner Zeit in bester Gesellschaft. Viele Geistesgr\u00f6\u00dfen, auch einige romantische Dichter, waren damals explizit judenfeindlich und hielten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Wagner war darin kein Ausnahmefall, sondern reihte sich zun\u00e4chst in den Common Sense ein. Damit wird seine Haltung allerdings keineswegs entschuldigt, zumal sein Antisemitismus mit seiner Vorliebe f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheorien eine besonders unangenehme Mischung ergab. Der erste S\u00fcndenfall war seine Schrift \u00fcber <a href=\"http:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Das_Judenthum_in_der_Musik_(1869)\">Das Judentum in der Musik<\/a>, die er sogar zweimal heraus brachte. Das, was heute zu Recht diskutiert wird, ist Wagners Rolle w\u00e4hrend der Nazi-Zeit. Kapitel Neun res\u00fcmiert, wie es dazu kam, und welchen Part insbesondere seine ihn lange \u00fcberlebende zweite Ehefrau Cosima, die viel h\u00e4rtere Antisemitin, dabei einnahm. Sie hat das Werk ihres verstorbenen Gatten sozusagen eingefroren und hat dann der braunen Macht inklusive Adolf Hitler, der in Bayreuth Stammgast war, die T\u00fcren ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Der kleine Wagnerianer<\/strong>: Zehn Lektionen f\u00fcr Anf\u00e4nger und Fortgeschrittene, von <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Enrik+Lauer%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Enrik Lauer<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Regine+M%C3%BCller%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Regine M\u00fcller, <\/a>Beck C. H., 2013<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103660 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Wagner-191x300.jpg\" alt=\"\" width=\"191\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flankierend zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12589\">Kollegengespr\u00e4ch <\/a>eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/11\/leseprobe-2\/\">Leseprobe<\/a> aus Der kleine Wagnerianer, die der Beck-Verlag aus dem Buch zur Verf\u00fcgung stellt. Eine andere <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/02\/13\/unbewust-hochste-lust\/\">Lesart<\/a> pr\u00e4sentiert Ulrich Bergmann auf KUNO.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Exakt an Wagners 200. Geburtstag stellen die beiden Wagner-Kenner Enrik Lauer und Regine M\u00fcller kenntnisreich und erfrischend ihren <em>Kleinen Wagnerianer<\/em> heute in D\u00fcsseldorf vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heine Haus \/ Bolkerstra\u00dfe 53 \/ 40213 D\u00fcsseldorf \/ Beginn: 19:30 Uhr<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer zum 200. 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