{"id":15463,"date":"2005-04-10T00:01:35","date_gmt":"2005-04-09T22:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15463"},"modified":"2022-02-23T11:36:54","modified_gmt":"2022-02-23T10:36:54","slug":"widerstand-gegen-das-verordnete","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/04\/10\/widerstand-gegen-das-verordnete\/","title":{"rendered":"Widerstand gegen das Verordnete"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Faszinosum, das ist ein sprechender Fakt, steigert sich mit dem wiederholten Lesen dieser Texte, sie beginnen sich in ihrer sonderbaren surrealen Wendigkeit und sprachlichen Kraft nach und nach zu entbl\u00e4ttern, ja, und einzubrennen. Nachhaltigkeit nennt das der Beflissen-Moderne, der Anachronist nennt es magische Kraft, mit der diese Sammlung Berichte, Begebenheiten, Selbstversuche ihre geschmeidigen Fesseln auslegt. In der Tat: mit diesem Buch hat es einiges auf sich \u2013 unter dem Subtitel <em>Wundprotokolle<\/em> vereinigt Francisca Ricinski eine Reihe kleiner Erz\u00e4hlungen, Grotesken, parabolische Exegesen und Texte, die den Grabenbruch zur Poesie offenbar spielend \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr noch: das Poetische scheint oft das Grundsubstrat dieser Forschungen zu sein, daf\u00fcr sprechen nicht zuletzt die sich in visueller Form b\u00fcndelnden St\u00fccke und eingedampften Sequenzen; und es weist auf die Grundintention eines solchen Schreibens zur\u00fcck. <em>Auf silikonweichen Pfoten<\/em> verhandelt in geradliniger Folge und mit wechselndem Ton und Parlando die Umst\u00e4nde einer Muss-Bestimmung im Ringen um Anwesenheit und wenigstens zeitweise Erl\u00f6sung im l\u2019autre monde eines Bei-sich-Seins bzw. \u00dcber-sich-Befindens im Angesicht einer vorbeirauschenden Welt; ein Besinnen, f\u00fcr das die Kunst ein Katalysator ist: eine M\u00e9lange aus melancholischer Vergewisserung, akkurat gesetzter Sekundenaufnahme und zuweilen ironisch gehaltener Ansprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nomen est omen, ist man versucht zu sagen, und so berichten diese Texte bei aller surrealen Wucht auf eine geradezu vorsichtige Weise von Verletzungen und vom Vergessenwerden, vom sch\u00f6nen Trug und vergeblicher M\u00fche, und zuweilen brechen sie ins Skurrile um, l\u00f6sen sich die Gesichte ins Nichts auf oder sogar: eine seltsame Ruhe tritt ein. Und immer wieder Momente von Klage und Ersch\u00f6pfung und jene Zust\u00e4nde, da die Protagonisten pl\u00f6tzlich hinter die W\u00f6rter sehen, aus denen sie gemacht sind. \u201eDie Augen der Frau wackelten einige Male, bevor sie in die Laubbl\u00e4tter fielen, und die Laubbl\u00e4tter schauten nun mit den gelben Augen der Frau in die Augen des Windes\u201c \u2013 das ist solch eine Passage: der Text gespiegelt in sich selbst, der Herbst bricht herein, und im n\u00e4chsten Augenblick wird ein Reisepass f\u00fcr das Paradies ausgestellt, dass einem H\u00f6ren und Sehen vergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberhaupt ist in der kleinen Form wohl der elementarste Ausdruck existentiellen Schreibens m\u00f6glich, denn so muss man diese Prosast\u00fccke trotz ihrer Vielfalt an Themen und Blicken durchweg bezeichnen, sie sind durchsetzt mit Trauer und Gesten des Abschieds, aber durchaus auch denen der Suche und einer unausgesetzten Hoffnung auf ein Gegen\u00fcber, das einem in den sich \u00fcberschlagenden Windungen der Postpostmoderne nicht selten verwehrt bleibt, traurigerweise, und im untr\u00fcglichen Bewusstsein eines Auf-sich-gestellt-Seins, das diese Zeit einfordert und zugleich h\u00f6hnisch befeixt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so sind Francisca Ricinskis Miniaturen und Geschichten in vielerlei Hinsicht eine Form des Widerstands gegen das Verordnete und die Verklappung der W\u00fcrde und ergeben eine Art\u00a0 Kaleidoskop, das den in den literarischen K\u00fcnsten Bewanderten in den Genuss einer genau gesetzten und treffsicher zielenden Folge von Worten bringt; sind diese <em>Wundprotokolle<\/em> ein Berichten vom zunehmend souver\u00e4nen Versuch, mit den Anbrandungen von Eingriff und Verletzung, von denen ein Ich bedroht ist, in ein mutiges und selbstgewisses Verh\u00e4ltnis zu treten und nicht zuletzt: ihnen zu trotzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf silikonweichen Pfoten<\/strong>, Wundprotokolle von Francisca Ricinski, Pop-Verlag 2005<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Cover41.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-15468\" title=\"Cover4\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Cover41.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Cover41.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Cover41-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verliehen\u00a0Francisca Ricinski in 2016 den KUNO-Prosa-Preis. Lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32148\">hier<\/a> die Begr\u00fcndung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das Faszinosum, das ist ein sprechender Fakt, steigert sich mit dem wiederholten Lesen dieser Texte, sie beginnen sich in ihrer sonderbaren surrealen Wendigkeit und sprachlichen Kraft nach und nach zu entbl\u00e4ttern, ja, und einzubrennen. 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