{"id":15447,"date":"2021-01-25T00:01:00","date_gmt":"2021-01-24T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15447"},"modified":"2022-02-22T20:57:27","modified_gmt":"2022-02-22T19:57:27","slug":"truthahn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/25\/truthahn\/","title":{"rendered":"Die Frau neben dem Truthahn"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte wie immer vor, im Herbst die halbe Ernte f\u00fcr ihre Polenta und ihr s\u00fc\u00dfes Maisbrot im n\u00e4chsten Dorf mahlen zu lassen, w\u00e4hrend die restlichen Kolben f\u00fcr Leon gedacht waren, damit er nicht verhungern mu\u00df, wenn der Boden im Winter zufriert. Ihr Plan h\u00e4tte sich auch verwirklichen k\u00f6nnen, wenn es in ihrer Macht gestanden h\u00e4tte, die dauernden Regen vor den wenigen Pflanzen fernzuhalten. Aber sie konnte nur zusehen, wie die K\u00f6rner, so zart wie die Milchz\u00e4hne eines Kindes, schwarz wurden, bevor sie widerstandslos versanken, w\u00e4hrend die Maisb\u00e4rte in ihren fr\u00fchen Verfall einen unver\u00adwechsel\u00adbaren Geruch hinterlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leon und sie, die beiden bildeten ein auff\u00e4lliges Paar: eine gebeugte Witwe mit runzligem Gesicht einer in der Erde vergessenen Kartoffel neben einem bunten Vogel mit Doppelkinn und stolzem Gang. Frau und Schwan, Frau und Lerche, Storch und Frau, das hat man schon gesehen oder davon geh\u00f6rt, aber eine Frau und ein Truthahn?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungew\u00f6hnlich, aber es war eben so. Seit f\u00fcnf Jahren lebte Leon auf ihrem Hof. Damals sollte er ins Grab ihres Mannes hineingeworfen werden, aber sie konnte es nicht \u00fcbers Herz bringen, ein so lebhaftes und gutgl\u00e4ubiges Wesen zu opfern. Stattdessen rupfte sie ihm sieben Federn und band sie an dem frischen Sarg, zwar in Angst um die Seele ihres Mannes, aber \u00fcber sich selber zufrieden. Sie nahm ihn mit nach Hause und gab ihm den Namen Leon, da sein ehrenw\u00fcrdiger Auftritt und die Farben seines Gefieders an einen L\u00f6wen erinnerten. Kein Dieb und kein Feind mehr trauten sich \u00fcber den niedrigen Holzzaun ihres Hofes zu springen, denn dort wachte er wie eine ganze Schwadron vom Buckingham Palast. Tags\u00fcber sprach sie nur in knappen S\u00e4tzen zu ihm, nur das Notwendigste, so wie damals zu ihrem Mann, aber wenn sich die Nacht an den D\u00e4chern anlehnte, da lie\u00df sie alles stehen, ob es die Schaufel, den Webstuhl oder die Glut in dem Kamin aus gelbem Lehm war, und rief ihn. \u201eKlonck, klonck\u201c, antwortete Leon, ich bin da. Sie ber\u00fchrte seinen purpurroten Schnabel, streichelte minutenlang seine Fl\u00fcgel, erz\u00e4hlte ihm Geschichten von fr\u00fcher und Ereignisse des bereits beendeten Tages. \u201eKlonck\u201c, lispelte leise der Truthahn. Er schlo\u00df die Augen und geno\u00df die N\u00e4he der Frau, die Z\u00e4rtlichkeit, die W\u00e4rme ihrer Stimme drang in seine Ohren sanft ein. Aber nun regnete es ununterbrochen, als wollte der Himmel im Zorn den Erdbewohnern eine Lektion erteilen. Wir Menschen haben hier vielleicht viel Schlechtes getan, dachte die Witwe. Aber mein Leon doch nicht. Die Witwe hie\u00df Samfira, ein h\u00e4ufiger Name f\u00fcr die B\u00e4uerinnen in jener n\u00f6rdlichen Gegend. Samfira und Leon sa\u00dfen seit mehreren Tagen und N\u00e4chten am Fenster, obwohl sie fast nicht mehr ertragen konnten den schweren Hammer\u00adschlag der Regentropfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesmal wird&#8217;s keine Arche mehr geben, keine, st\u00f6hnte sie und blickte traurig zu ihrem Truthahn und zu den ertrinkenden Maispflanzen hin\u00fcber. Leon antwortete ihr nicht.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leseprobe aus<b> Auf silikonweichen Pfoten<\/b>. <i>Wundprotokolle<\/i>, Pop Verlag, Ludwigsburg 2005.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=9355&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Auf-silikonweichen-Pfoten.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Auf-silikonweichen-Pfoten.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Auf-silikonweichen-Pfoten-150x150.jpg 150w\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Z<\/strong><b>ug ohne R\u00e4der \/ Trenul fara roti,<\/b> lyrische Prosa, rum\u00e4nisch und deutsch. Nachwort von Theo Breuer, Editura Fundatiei Culturale Poezia, Iasi\/Rum\u00e4nien 2008.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A<\/strong><b>ls k\u00e4me noch jemand.<\/b> Lyrische Prosa und Erz\u00e4hlcollagen, Nachwort von Andreas Noga, Pop Verlag, Ludwigsburg 2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In deinen Schuhen voller Sand, <\/strong>Prosapoeme, Pop-Verlag 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verliehen\u00a0Francisca Ricinski in 2016 den KUNO-Prosa-Preis. Lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32148\">hier<\/a> die Begr\u00fcndung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sie hatte wie immer vor, im Herbst die halbe Ernte f\u00fcr ihre Polenta und ihr s\u00fc\u00dfes Maisbrot im n\u00e4chsten Dorf mahlen zu lassen, w\u00e4hrend die restlichen Kolben f\u00fcr Leon gedacht waren, damit er nicht verhungern mu\u00df, wenn der Boden&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/25\/truthahn\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":34,"featured_media":99651,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[93],"class_list":["post-15447","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-francisca-ricinski"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15447","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/34"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15447"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15447\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99654,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15447\/revisions\/99654"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99651"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15447"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15447"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15447"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}