{"id":15183,"date":"2006-09-04T08:01:11","date_gmt":"2006-09-04T06:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183"},"modified":"2021-03-05T13:04:09","modified_gmt":"2021-03-05T12:04:09","slug":"beruhigt-der-fiktive-tod-im-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/09\/04\/beruhigt-der-fiktive-tod-im-leben\/","title":{"rendered":"beruhigt der fiktive tod im leben?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>G<span class=\"Stil2\">randios &#8211; im Gro\u00dfen wie im Detail, brachialer Existenzialismus im Gewand einer hoch\u00e4sthetischen Sprache. Wie immer man es nennt, es ist Gef\u00fchl, pur, Macht, vollkommene Hingabe, Gewalt eher nicht. Ich mag die Freiheit zu sehr, um ihr Schranken zu setzen und sei es nur in der Sprache\u2026 Die Sprache ist bisweilen extrem dicht, der unterschwellige Handlungsrhythmus mitrei\u00dfend. Nichts, was nach leichter gef\u00e4lliger Kost klingt. Der Terres wird\u00a0Dir noch an den F\u00fc\u00dfen kleben wie Pech&#8230; <\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em><span class=\"Stil2\">Prof. Dr. Eberhard Loosch<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der buchtitel ist mehrdeutig. manche der beschriebenen k\u00f6rper befinden sich in einem kritischen zustand. aber auch das verh\u00e4ltnis der figuren, oder des modernen menschen insgesamt, zur k\u00f6rperlichen und damit nat\u00fcrlichen natur wird kritisch hinterfragt. kritisch bedeutete urspr\u00fcnglich entscheidend und erst sp\u00e4ter bedrohlich, gef\u00e4hrlich. di\u0113s critic\u012b hie\u00dfen sp\u00e4tlateinisch medizinisch die entscheidenden tage im ablauf einer krankheit. fast das gleiche meint crisis=entscheidende wendung (von krankheiten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ulrich bergmann, ein eigentlich zur lebenskunst begabter mensch, konfrontiert seine leser in &gt;Kritische K\u00f6rper&lt; mit gewalt und zerst\u00f6rung, tragik und tod. der ton ist dabei h\u00e4rter als in den spielerisch leichten &gt;Arthurgeschichten&lt;, die einige jahre zuvor entstanden waren und das sublimierungspotential moderner kultur betont hatten, w\u00e4hrend die 50 neuen prosaminiaturen deren m\u00f6gliches auseinanderbrechen und destruktivwerden beschreiben und reflektieren. der autor verweist auf die \u00bbgef\u00e4hrliche Austauschbarkeit von Wirklichkeit und Vorstellung\u00ab, spricht von einer \u00bbselbstzerst\u00f6rerischen Tendenz beim Suchen nach sich selbst\u00ab und fragt: \u00bbWarum m\u00fcssen meine Figuren durch innere Strafkolonien gehen und im Traum sich zu retten versuchen?\u00ab. manche dieser texte, die geradlinig und n\u00fcchtern, ja fast protokollarisch erz\u00e4hlt sind, k\u00f6nnte man eine ins phantastische und absurde gesteigerte medizin nennen, die auch lebensreale konfrontationen mit sterben, tod und todesangst verarbeiten l\u00e4\u00dft, ja die phantastik, die mit der todessymbolik spielt, ist vielfach derart \u00fcber den realen tod hinausgetrieben, da\u00df dieser blo\u00df noch fiktiv erscheint. der tod wird phantasiert, damit er nicht gef\u00fcrchtet werden mu\u00df. beruhigt der fiktive tod im leben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">teilweise erinnern die geschichten an erz\u00e4hlungen von julio cort\u00e1zar, bei dem man ebenfalls spielerisch fatale \u00fcberg\u00e4nge zwischen realit\u00e4t und fiktion findet. auch kafkas verwandlungen klingen an, ebenso die bildwelten eines francis bacon oder ren\u00e9 magritte. einige texte assoziieren ernst j\u00fcngers &gt;Violette Endivien&lt; aus &gt;Das abenteuerliche Herz&lt;. in ulrich bergmanns &gt;Menschenmehl&lt;, einem zivilisationskritischen text, wird, ein neuer fall sympathetischer magie, aphrodisiaka aus mehl von frauenk\u00f6rpern hergestellt. \u00bbDer schnellste Tod ist aus pharmazeutischer Sicht der beste. Er garantiert, wenn keine bitteren Hormone in Todesangst ausgesch\u00fcttet werden, die aromatische Qualit\u00e4t, die f\u00fcr das Liebespulver erforderlich ist\u00ab. indem menschenschlachtung dem lebensgenu\u00df vorausgeht, ist die entmenschlichung durch verwertung die voraussetzung der lebensfreude, wobei die verwerteten und die genie\u00dfenden freilich nicht die gleichen sind. jede sublimierung l\u00e4\u00dft etwas \u00fcberw\u00e4ltigtes zur\u00fcck. zugleich scheinen die gewalthandlungen der figuren teils resultat eines ins destruktive und makabre umgelenkten und verwandelten liebesverlangens und spieltriebs zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auch in &gt;H\u00e4utung&lt; werden k\u00f6rper f\u00fcr luxusinteressen ausgeschlachtet. ein modezar will \u00bbdie Kreation eines Couturiers aus der Mandschurei, der aus den Fl\u00fcgeln gez\u00fcchteter Riesenschmetterlinge elektrisierende Bikinis und futuristische Ballkleider zauberte.\u00ab, \u00fcbertreffen, indem er, von menschenh\u00e4utungen in der malerei angeregt, h\u00e4ute get\u00f6teter menschen aufkauft und verarbeitet: \u00bbDie frische Beute wird an Ort und Stelle bei lebendigem Leib enth\u00e4utet, weil das die beste Qualit\u00e4t ergibt. Die K\u00e4ufer riechen n\u00e4mlich den Makel einer humanen T\u00f6tung, unter der letztlich die Geschmeidigkeit des Leders leidet, was auch die Kunden sofort f\u00fchlen\u00ab. hergestellt werden so \u00bbdie ersten wirklichen Menschenkleider\u00ab. doch das ist noch nicht das ende der verwertung. zuletzt schlitzt sich ein mannequin leibhaftig selbst auf und das \u00bbkunstsinnige Publikum\u00ab tobt. das \u00e4sthetische hat eine neigung zum tode hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">h\u00e4uten war einst ein religi\u00f6ses ritual. tierh\u00e4ute wurden etwa bei j\u00e4geroderkriegerkulten oder medizinzauber \u00fcbergestreift. indem die menschenh\u00e4ute aus gesellschaften geholt werden, die sehr arm sind und dem individuum einen geringeren wert geben, hat &gt;H\u00e4utung&lt; auch eine politische dimension. zugleich zeigt der text das umschlagen von kultiviertheit in barbarei bis hin zur selbstzerst\u00f6rung. klinisch perfekt ist der mensch erst, wenn er abends seinen alten k\u00f6rper ablegt und sich morgens einen neuen anzieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in der natur gibt es wirklich makaber anmutende qualit\u00e4tsumschw\u00fcnge wie in &gt;Menschenmehl&lt; oder &gt;H\u00e4utung&lt;. meliponen, s\u00fcdamerikanische wildbienen, die sich von aas, kot und urin ern\u00e4hren, sollen einen besonders bet\u00f6renden honig liefern. claude l\u00e9vi-strauss, der diesen honig offenbar gekostet hat, schrieb in &gt;Mythologica&lt;, band 2, &gt;Vom Honig zur Asche&lt;: \u00bbEin Genuss, der lieblicher ist als jeder, den Geruchs- oder Geschmackssinn normalerweise zu bereiten vermag, r\u00fcttelt an den Grenzen der Sensibilit\u00e4t und verwirrt ihre Register. Man wei\u00df nicht mehr, ob man schmeckt oder vor Liebe brennt\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">liebe und tod, sch\u00f6nheit und gewalt, einf\u00fchlung und exzess, lust und schmerz, genie\u00dfen und zerst\u00f6ren verschmelzen in &gt;Kritische K\u00f6rper&lt; h\u00e4ufig miteinander, bis hin zu sexueller und \u00e4sthetischer gewalt. wir finden hier einen an existentielle grenzen sto\u00dfenden perfektionismus, der am ende zerst\u00f6rerisch wirkt. manche figuren sind regelrechte mordoderselbstmordfolteroderselbstfolterdesigner. bisweilen hat man den eindruck, die kultivierung, die den modernen menschen auch panzert, sei blo\u00df die andere seite seiner gewalt. indem entfremdung kultiviert wird, erscheint sie t\u00e4uschend als natur des menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">jede intensit\u00e4t und jede tiefe bringt uns dem tod n\u00e4her. wer &gt;Das Konzert&lt; liest, k\u00f6nnte geradezu glauben, musik sei sublimierte todesenergie. novalis meinte, jede krankheit w\u00e4re ein musikalisches problem, jede heilung eine musikalische l\u00f6sung. bei nietzsche hei\u00dfts, der schmerz frage immer nach der ursache, w\u00e4hrend die lust geneigt sei, bei sich selber stehen zu bleiben und nicht r\u00fcckw\u00e4rts zu schauen. sp\u00e4tmittelalterlich war der h\u00f6llenf\u00fcrst astaroth, der vergangenheit, gegenwart und zukunft durchschaut, zugleich schutzherr der freien k\u00fcnste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">heiner m\u00fcller zitierte ernst j\u00fcnger unter anderem mit dem satz \u00bbNenne mir dein Verh\u00e4ltnis zum Schmerz, und ich will Dir sagen, wer du bist!\u00ab paul val\u00e9ry schrieb in &gt;Monsieur Teste&lt;: \u00bbDer Schmerz geht zur\u00fcck auf den Widerstand des Bewusstseins gegen eine lokale Disposition des K\u00f6rpers. \u2013 Ein Schmerz, den wir klar ins Auge fassen und gewisserma\u00dfen umrei\u00dfen k\u00f6nnten, w\u00fcrde zu einer Empfindung ohne Leid \u2013 und vielleicht gelangten wir so dazu, etwas von der Tiefe unseres K\u00f6rpers unmittelbar zu erkennen \u2013 Erkenntnis, wie wir sie in der Musik finden. Der Schmerz ist etwas sehr Musikalisches, fast l\u00e4sst sich in Musikbegriffen von ihm reden. Es gibt dumpfe und schrille Schmerzen, Andante-Passagen und Furiosi, ausgehaltene T\u00f6ne, Fermaten, und Arpeggi, \u00dcberg\u00e4nge \u2013 pl\u00f6tzliche Stille, usw. &#8230; \/\u2013 gut (sprach Monsieur Teste). Das Wesentliche ist gegen das Leben\u00ab. gl\u00fccklicherweise steht die realit\u00e4t dem wesentlichen meist entgegen. sonst w\u00e4r die welt noch barbarischer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht ist Kunst nichts anderes als die in Sch\u00f6nheit verwandelte Wunde\u00ab meint ulrich bergmann. jedenfalls greift die verwundete seele oft nach der todesmetaphorik. substanz kommt aus dem verlust. wunden der seele verwurzeln die kunst in der tiefe. h\u00e4ufig kompensiert die kunst das verlorene, verletzte und nicht gelebte leben des k\u00fcnstlers, der sich in seiner kunst vor allem vom eigenen, meist verwundeten, seelenfleisch n\u00e4hrt, das ihm derart verspeist wie in einem magischen kessel immer wieder nachw\u00e4chst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">was kunst und literatur anregt, kann zugleich sozial verheerend wirken. offenbar gibt es einen untergr\u00fcndigen zusammenhang zwischen gesellschaftlichen katastrophen und k\u00fcnstlerischer innovation. die str\u00f6mungen der klassischen moderne entstanden praktisch alle unmittelbar vor oder nach dem ersten weltkrieg, der die alte europ\u00e4ische ordnung der kaiserreiche zerbrach. schon die barocklyrik war eng an den erfahrungen des drei\u00dfigj\u00e4hrigen krieges gebunden. energien, die traditionen, strukturen, konventionen und normen einer gesellschaft infrage stellen, unterwandern und \u00fcberwinden lassen, k\u00f6nnen, den ambivalenzen der menschlichen seele folgend, sowohl k\u00fcnstlerische und andere kreativit\u00e4t anregen und freisetzen als auch gewaltpotentiale hervorrufen und so das soziale leben deformieren und zerst\u00f6ren. menschenmassen sind eben keine k\u00fcnstler und gesellschaftliche gesamtkunstwerke eher bedrohlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">indem der autor die sph\u00e4ren des lebens und des todes sowie lebende und tote selbst miteinander verbindet, k\u00f6nnen die toten unversehens ins reale leben treten. er spricht sie an und schon stehen sie lebendig vor ihm wie der golem, der das magische wort empfangen hat. und die phantastik reicht bis ins historische und politische hinein. in einer der &gt;Kautsky&lt;-geschichten, &gt;Kautskys Nachtgesang&lt;, besucht kautsky mitten in der nacht den berliner dorotheenst\u00e4dtischen friedhof. und sieht dort auf den gr\u00e4bern von hegel, brecht, heiner m\u00fcller, helene weigel, hanns eisler, paul dessau, anna seghers, heinrich mann, arnold zweig, wieland herzfelde, john heartfield, j\u00fcrgen kuczynski, johannes r. becher, bernhard minetti, ruth berghaus und rudolf bahro die zigarrenlichter der rauchenden toten brennen, die ihm wie ein \u00bbumgekippter Himmel\u00ab vorkommen. in mythen australischer ureinwohner erscheinen die sterne als lagerfeuer der toten, die in der k\u00e4lte des kosmos ihres todes zumindest etwas w\u00e4rme brauchen, wie die toten linken intellektuellen die erw\u00e4rmung durch ihre utopien. tod, auferstehung, imagination und utopie gehen vielfach ineinander \u00fcber. viele phantasiereiche, das paradies inbegriffen, waren urspr\u00fcnglich todesreiche. andererseits sind auch manche der leuchtenden sterne schon tot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im kapitel &gt;Tour de Trance&lt;, zu dem 16 texte geh\u00f6ren, erscheint der sport entweder selbst gewaltsam oder verschmilzt mit gewalt, wie das spiel mit enthemmtem ehrgeiz. sport kann zugleich spiel und kampf sein. vielfach ersetzte sportlicher wettstreit kriegerische k\u00e4mpfe. und bei solchen transformationen bleibt immer etwas vom ursprung in anderer erscheinungsform erhalten. in der modernen medienundmassenkultur kehrt die r\u00f6mische arena wieder. die sport-miniaturen ulrich bergmanns, die zusammenh\u00e4nge zwischen sport, k\u00f6rperkult, ritual und gewalt zeigen, weisen auf eine verwandtschaft heutiger sportler mit kriegern und gladiatoren sowie comicundcomputerspielfiguren hin, deren merkmale ineinander \u00fcbergehn und austauschbar werden. die kalte dynamik der technokraten und der klinische vitalismus der popkultur wirken hier zusammen. einige figuren haben, indem ihr verhalten von kr\u00e4ften angetrieben wird, die sie nicht durchschauen, etwas geradezu automatenhaftes. sportidole und werbefiguren, sportergebnisse und b\u00f6rsenwerte, sportlerverk\u00e4ufe und firmenfusionen liegen motivisch dicht beieinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">da\u00df im technokratischen leistungszwang verachtung der menschlichen natur mitklingt, scheint mir unzweifelhaft. firmen, die nach dem ersten weltkrieg beinundarmprothesen produzierten und verkauften, warben f\u00fcr ihre produkte, indem sie behaupteten, die technisch hergestellten gliedma\u00dfen seien perfekter als die nat\u00fcrlichen. in &gt;Runner&#8217;s World&lt; hei\u00dft es, training sei nichts anderes als die fortsetzung des dopings mit anderen mitteln. heute verursachen nicht zuletzt die m\u00e4chtigen sportverwertungsapparate, die medien inbegriffen, doping, indem sie einen enormen existenzundleistungsdruck aufbauen. drogen und doping ersetzen die unsterblichkeitstr\u00e4nke. klinisch perfekt ist der mensch erst, wenn er abends seinen k\u00f6rper ablegt und sich morgens einen neuen anzieht. zugleich sind menschen das momentan noch gr\u00f6\u00dfte hindernis f\u00fcr eine uneingeschr\u00e4nkt funktionierende herrschaft der technokratie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">manche handlungen der bergmannschen texte wirken wie nachfolgeformen von initiationsritualen, die tragisch enden, weil die figuren den kultischen zweck nicht mehr kennen oder blo\u00df profan verstehen und sich daher durch ihre verselbst\u00e4ndigte exzessive k\u00f6rperbeherrschung oder reine k\u00f6rper\u00e4sthetik, die das perfekte und \u00e4sthetische ins gewaltsame \u00fcbergehen lassen, sowie symbiosen aus beidem zerst\u00f6ren. teilweise l\u00e4uft die kampfundspa\u00dfgesellschaft so lange weiter, bis sie, zumindest partiell, harakiri begeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die gruppenbildungen, verkleidungen, maskierungen und bemalungen sowie rhythmischen ges\u00e4nge und t\u00e4nze von fu\u00dfball-fans, f\u00fcr die das spiel oft blo\u00df anla\u00df und kulisse bildet, erinnern an kultische rituale, etwa bei j\u00e4gerundkriegerkulten. offenbar lebt darin ein fr\u00fchkultureller untergrund weiter, den der moderne mensch sonst kaum ausleben kann. menschen folgen dem zeitgeist, weil sie ihre zeit sonst nicht ertragen w\u00fcrden. in einem fragment unterm titel &gt;No sports!&lt; schrieb ulrich bergmann: \u00bbSport ist, im besten Fall, die groteske Anstrengung des K\u00f6rpers Todesangst zu verdr\u00e4ngen\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">eishockeymannschaften tragen die namen einstiger totemtiere, was suggeriert, der verein sei ein stammesverband und die spieler w\u00e4ren angeh\u00f6rige eines l\u00f6wentigerpantherodereisb\u00e4renclans. \u00e4hnliche namensgebungen, die sich, wohl nicht zuf\u00e4llig, meist an raubtierarten oder zumindest r\u00e4uberischen und bewaffneten tieren orientieren, findet man bei anderen mannschaftssportarten. in den usa gibt es sportvereine, die w\u00f6lfe, bulldogs, adler, falken, kampfbienen, hornissen, skorpione oder moskitos hei\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die leser d\u00fcrften verschieden auf &gt;Kritische K\u00f6rper&lt; reagieren, die einen mehr das kunstvolle, spielerische, fiktive wahrnehmen, oder sogar genie\u00dfen, die andern st\u00e4rker, unmittelbarer und realit\u00e4tsbezogener die gewaltvisionen bemerken. neben individuellen vorlieben oder abneigungen h\u00e4ngt das wohl auch von der jeweiligen lebenssituation ab. nun mag man sagen, das artifizielle spiel in diesen geschichten wirke oft sehr hart, ja wie ein ausdruck einer kalten phantasie. in den medien indes wird fast t\u00e4glich von brutalen gewaltakten berichtet, wenngleich meist weniger raffinierten. ulrich bergmann denkt auch entwicklungen weiter, die wir in der gegenwart angelegt finden. seine gewaltszenen sind nicht fiktiver voyeurismus, mit dem sich der autor an eigenen visionen berauscht, oder gar gewaltverherrlichungen. sie beschreiben vielmehr, und zwar mit kritischer distanz, zivilisatorische gefahren, das hei\u00dft ambivalenzen der gewalt und die auch kultivierten erscheinungsformen derselben. wenn beim lesen oder h\u00f6ren mi\u00dfverst\u00e4ndnisse auftreten, die zu abwehrreaktionen f\u00fchren, so vermutlich, weil manche das beschriebene allzu w\u00f6rtlich auffassen oder das fiktive und spielerische daran sowie die zeitkritische und teils auch philosophische dimension darin entweder ignorieren oder ablehnen. \u00bbIn meinen Texten geht es um falsches und k\u00fcnstliches Leben, das Spiel mit Zufall und Notwendigkeit, Sucht und Selbstvernichtung, um den Klimmzug des Einzelnen in der Masse, das Groteske anstrengender Lebenskunst, das Leben als Kommunikationsbordell, die Entwirklichung durch die Massenmedien &#8230; :Menschenpark als Superzoo.\u00ab postuliert ulrich bergmann selbst in &gt;No sports!&lt;. \u00bbDie Manierismen unserer Zeit werden manieristisch dargestellt.\u00ab hei\u00dft es im fragment &gt;Totenbl\u00e4tter&lt;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Technik fl\u00f6\u00dft mir so viel Furcht ein wie die deformierte und deformierende Seele. Ich f\u00fcrchte eine zuschlagende Faust wie eine explodierende Bombe\u00ab schreibt der autor im fragment &gt;Die Bombe tickt im Hirn&lt;. der sprengstoff lagert in den seelen. und die sehnsucht nach nicht-profanem kann sich im modernen alltag mit vormoderner gewalt austoben. selbstmordattent\u00e4ter, die hinter jahrtausende alte sublimierungen des opfers zur\u00fcckfallen, das im reinen symbol endete, w\u00e4hrend sie die opferung wieder leibhaftig geschehen lassen, bekommen durch ihr rituelles selbstopfer etwas heiliges, aber eben pervertiert heiliges, das westlichen menschen lebensreal doppelt fremd ist, da sie das heilige kaum noch kennen und das pervertierte \u00fcberwiegend virtuell konsumieren. doch entsprachen die attent\u00e4ter von new york nicht einer \u00e4sthetischen lust am grauen und an der gewalt, die in den westlichen kulturen latent vorhanden ist? allerdings unterschieden sie dabei nicht zwischen virtueller und realer gewalt. und nicht zuletzt diese barbarische grenz\u00fcberschreitung, und damit die vertauschung und vermischung der sph\u00e4ren, die uns \u00e4sthetisch so vertraut vorkommt, wirkte schockierend. jean baudrillard schrieb dazu: \u00bbDiese terroristische Gewalt ist nicht &#8222;real&#8220;. In gewissem Sinne ist sie schlimmer als das: sie ist symbolisch. Gewalt als solche kann von vollkommener Banalit\u00e4t sein. Nur symbolische Gewalt vermag Singularit\u00e4t zu erzeugen\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a02008, \u00fcberarbeitet 2013.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grandios &#8211; im Gro\u00dfen wie im Detail, brachialer Existenzialismus im Gewand einer hoch\u00e4sthetischen Sprache. Wie immer man es nennt, es ist Gef\u00fchl, pur, Macht, vollkommene Hingabe, Gewalt eher nicht. Ich mag die Freiheit zu sehr, um ihr Schranken zu setzen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/09\/04\/beruhigt-der-fiktive-tod-im-leben\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,866],"class_list":["post-15183","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15183"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15183\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}