{"id":15179,"date":"2013-08-05T00:01:28","date_gmt":"2013-08-04T22:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179"},"modified":"2021-01-09T19:05:17","modified_gmt":"2021-01-09T18:05:17","slug":"die-fruchte-der-symbole","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/05\/die-fruchte-der-symbole\/","title":{"rendered":"die fr\u00fcchte der symbole"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">zur ausstellung &gt;Weiblichkeit \u2013 Sinnlichkeit \u2013 Fruchtbarkeit&lt; von sabine kunz in der &gt;FestungMark&lt;<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_15181\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/800wsfeinladung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15181\" class=\"size-medium wp-image-15181\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/800wsfeinladung-300x199.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/800wsfeinladung-300x199.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/800wsfeinladung.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15181\" class=\"wp-caption-text\">Sabine Kunz beim Drucken des Kunstprojektes &#8222;Weiblichkeit-Sinnlichkeit-Fruchtbarkeit&#8220;<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;Weiblichkeit \u2013 Sinnlichkeit \u2013 Fruchtbarkeit&lt;, bestehend aus 20 gro\u00dfformatigen farbholzschnitten, die als fahnen gedruckt, sowie 48 druckplatten, die zu 12 \u00fcber 2 meter hohen stelen zusammengesetzt sind, ist ein komplexes bildkunstwerk. bereits die bindestriche im titel deuten auf zusammenh\u00e4nge, die ganzheiten formieren. die h\u00e4ufig elementaren und archetypischen symbole und motive der einzelnen arbeiten korrespondieren miteinander, indem sie gegens\u00e4tze, etwa zwischen liebe und tod, frieden und bedrohung, ewigkeit und endlichkeit, weiblich und m\u00e4nnlich, engel und teufel, aber auch flie\u00dfende \u00fcberg\u00e4nge, verwandlungen und symbiosen darstellen. wenn man die grafiken und stelen umgruppiert, verschmelzen die symbole stets neu miteinander und bilden so zus\u00e4tzlich korrespondenzen. au\u00dferdem entstanden durch die pr\u00e4sentation in der &gt;FestungMark&lt; verbindungen und kontraste mit der umgebenden architektur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die ausstellung der grafiken und stellen war allein schon aufgrund der formen und formate sowie der reichen und zeitlosen symbolsprache etwas au\u00dfergew\u00f6hnliches. die meisten besucher nahmen an den symbolen sicher zuerst das elementare wahr. daneben gibt es jedoch auch viele ambivalenzen. man n\u00e4hert sich dem komplexen am besten vom einzelnen her. zur archetypischen symbolik, die h\u00e4ufig aus mythen und religionen stammt, geh\u00f6ren formen wie kreis, spirale oder welle. die spirale beispielsweise, die zyklische bewegungen abbildet, kann leben, entwicklung und auferstehung bedeuten. die doppelspirale verbindet leben und tod. bei dante sind die wege ins jenseits spiralf\u00f6rmig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der einzelne mensch tr\u00e4gt figurationen verschiedener phasen der menschheitsgeschichte in sich und durchlebt sie, die der k\u00fcnstler aufrufen kann. dabei verk\u00f6rpern symbole oft etwas unbewu\u00dftes, das wir anders als durch bilder kaum erfassen k\u00f6nnen, weil es sich begrifflichem denken eher entzieht. zugleich werden die \u00fcberlieferten symbole in der kunst nat\u00fcrlich individuell aufgefa\u00dft, gestaltet und variiert. \u00bbIn dem Ma\u00dfe, in dem die Individualisierung der Menschheit fortschreitet, m\u00fcssen wir zum Verst\u00e4ndnis der archetypischen Reaktion die Einmaligkeit der individuellen Situation ber\u00fccksichtigen.\u00ab schrieb der psychoanalytiker erich neumann in &gt;Die Gro\u00dfe Mutter \/ Eine Ph\u00e4nomenologie der weiblichen Gestaltungen des Unbewu\u00dften&lt;. zudem ist die subjektive darstellung des archetypisch weiblichen eine therapeutische m\u00f6glichkeit, wie \u00fcberhaupt die entstehung von kunst mit einem proze\u00df der selbstbefragung, selbsterkenntnis und selbsttherapie einhergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die stelen rufen einen kultischen hintergrund auf. stele bedeutete griechisch urspr\u00fcnglich aufrecht gestellte steinplatte, gedenkstein, meist grabdenkmal. in der &gt;Ilias&lt; hei\u00dft es: \u00bbGrabh\u00fcgel und Stele; denn das ist die Ehre der Toten.\u00ab \u00bbIn Griechenland war ein H\u00fcgel, eine Stela, eine Inschrift, eine Bilds\u00e4ule die h\u00f6chste Ehre, die dem Begrabenen widerfahren konnte.\u00ab schrieb johann gottfried herder. die aufrecht stehenden stelen von sabine kunz k\u00f6nnte man, wenn man sie umdreht, geradezu wirklich als sarg oder totenkahn benutzen. gr\u00f6\u00dfe und fassungsverm\u00f6gen daf\u00fcr h\u00e4tten sie. andererseits wurde die stele psychoanalytisch wegen ihrer form als symbol der m\u00e4nnlichen zeugungskraft gedeutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die zw\u00f6lfzahl der stelen hat zahlensymbolische bedeutungen. bei homer ist die 12 die bevorzugte zahl der g\u00f6tter. das &gt;Gilgamesch-Epos&lt; besteht aus 12 tafeln, der marduktempel in babylon hatte 12 tore. f\u00fcr die juden des altertums war die 12 die zahl der auserw\u00e4hlung und vollkommenheit. der biblische baum des lebens tr\u00e4gt seine fr\u00fcchte 12 mal im jahr, also in jedem monat. bis heute entspricht die 12 der anzahl der monate des jahres, zu denen 12 tierkreiszeichen geh\u00f6ren. biblisch wird die 12 auf propheten und apostel bezogen. die gnosis kannte 12 weltalter. die 4 seiten jeder stele wiederum lassen, wie die 4 elemente oder 4 himmelsrichtungen, an ganzheitlichkeit und umfassung denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">als betrachter der grafiken und stelen begegnet man einer kraftvollen und dynamischen sinnlichkeit, und ahnt auch, welche k\u00f6rperliche anstrengung die arbeit an den druckplatten verlangt. man k\u00f6nnte geradezu von einem stelenwald sprechen. die k\u00fcnstlerin formt das holz um, indem sie sich in es hineinarbeitet. holz ist muttersymbol und lebensmaterial. lateinisch m\u0101teria=materie, (grund)stoff, (bau)material, (bau)holz, vorrat, nahrung, daneben anlage, talent, das auch stamm und sch\u00f6\u00dflinge von fruchtb\u00e4umen und weinreben meint, bedeutet w\u00f6rtlich mutterstoff, abgeleitet von m\u0101ter=mutter, amme, muttertier, mutterstamm bei b\u00e4umen, sch\u00f6pferin, quelle. vielfach wurde das feuerquirlen aus dem holz mit dem menschlichen zeugungsakt verglichen. im &gt;Rigveda&lt; hei\u00dft das drehholz zeuger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der baum, in dem sich weibliche und m\u00e4nnliche symbolik vermischen, ist vor allem wegen seiner bl\u00fcten und fr\u00fcchte ein fruchtbarkeitsundursprungssymbol, das, wie die mutter, anfang und quelle des lebens darstellt. viele v\u00f6lker kannten geburten von g\u00f6ttern oder der menschen aus b\u00e4umen. in sch\u00f6pfungsmythen der inder und perser sowie altorientalischer, sibirischer, s\u00fcdostasiatischer, afrikanischer und ozeanischer kulturen wird der baum direkt zur lebensquelle. h\u00e4ufig verehrte man weibliche gottheiten als b\u00e4ume. baumkulte geh\u00f6rten zur \u00e4gyptischen g\u00f6ttin hathor, die man griechisch mit aphrodite gleichsetzte und deren name, haus des horus, zugleich als mutterscho\u00df und haus des himmels verstanden werden kann. im mittelalter wurde maria als lebensbaum aufgefa\u00dft und der baum poetisch mit frau angesprochen. der brauch, bei der geburt eines kindes einen baum zu pflanzen, war weit verbreitet. man sagte, da\u00df in sachsen \u00bbdie sch\u00f6nen M\u00e4dchen auf den B\u00e4umen wachsen\u00ab. der arabische geographen al-masudi, gestorben 956, berichtete von m\u00e4dchen, die \u00bbauf B\u00e4umen wachsen und sterben, sobald sie wie reife Fr\u00fcchte herunterfallen.\u00ab im orient war die vorstellung vom kinderbaum verbreitet. bei hesiod entstehen die menschen des ehernen zeitalters aus eschen. in mitteleuropa waren insbesondere mit dem maibaum fruchtbarkeitskulte verbunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der weltenbaum, der, indem er himmel, erde und unterwelt verbindet und das himmelsgew\u00f6lbe tr\u00e4gt, als kosmische architektur die ganzheit der welt umfa\u00dft, erscheint gleicherma\u00dfen in indogermanischen, orientalischen und buddhistischen kulturen. in kabbalistischen schriften werden die sefiroth, die wirkenden potenzen der gottheit, als pflanzungen bezeichnet und als baum beschrieben oder dargestellt, was ebenfalls den weltenbaum assoziiert. im buch &gt;Sohar&lt; wurde sogar der phallus zum weltenbaum. in der griechischen antike konnte das f\u00e4llen eines baums entmannung bedeuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zugleich sind baum und holz symbole der auferstehung. wie man die abstammung des menschen aus b\u00e4umen, die im wort stammbaum weiterwirkt, annahm, so wurden tote in hohlen b\u00e4umen bestattet, in ostafrika im bauch m\u00fctterlich gro\u00dfer b\u00e4ume. nicht zuf\u00e4llig hie\u00df auch bei uns der sarg, ein gef\u00e4\u00df, das allein schon aufgrund seiner form etwas m\u00fctterlich bergendes hat, totenbaum. das sargholz nimmt den toten eingeschlossen wieder in die m\u00fctterliche erde auf und birgt ihn so f\u00fcr die wiedergeburt. \u00bbDas Holz, das als Krippe und Wiege die geb\u00e4rende Mutterbedeutung des Baumes, der Hyle, repr\u00e4sentiert, ist auch die Todesmutter, der Sarko-phag, die Fleischfresserin, der Sarg, der in Baum-Pfeiler-Gestalt den Osiris wie die Nut des Sarges den Toten in ihrem Holze einschlie\u00dft.\u00ab schrieb erich neumann, \u00bbEbenso ist es nicht erstaunlich, da\u00df die christliche Legende aus dem Totenbaum des Kreuzes das Lebensholz, den Lebensbaum, machte, so da\u00df \u00f6fters Christus als an einem gr\u00fcnenden und fruchttragenden Lebensbaum gekreuzigt dargestellt wurde.\u00ab c.g. jung in &gt;Symbole der Wandlung \/ Analyse des Vorspiels zu einer Schizophrenie&lt;. durch auferstehung f\u00fchrt die opferung am marterkreuz zur lebenserneuerung. auf einer t\u00fcrkischen darstellung von 1730 mit jenseitsweltsymbolik h\u00e4ngen menschen als fr\u00fcchte von einem baum herab. immergr\u00fcne b\u00e4ume und pflanzen symbolisieren oft auferstehung und ewigkeit. beim nordischen weltuntergang verbirgt sich ein menschenpaar, aus dem dann die erneuerte menschheit hervorgeht, im holz der weltesche yggdrasil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">indem die symbole der weiblichkeit, sinnlichkeit und fruchtbarkeit, mit denen sich sabine kunz seit jahren konzentriert besch\u00e4ftigt, auf k\u00f6rperliches erleben verweisen, wird der k\u00f6rper selbst zur figur der grafiken und stelen, ja zur verk\u00f6rperung der welt. der k\u00f6rper der mutter, die erste wohnung des menschen, ist ein zentralsymbol der beh\u00fctung. die &gt;Fruchtbarkeitsg\u00f6ttinStele&lt;, die besonders unmittelbar geburt und wachstum assoziieren l\u00e4\u00dft, verbindet die runden formen der br\u00fcste und des beckens, die bergen und sch\u00fctzen, im kontrast mit einem oben wie abgeflacht wirkenden kopf, der sich, durch die reduktion der form, der ganzheit des k\u00f6rpers zu entziehen oder gar abkehr vom leben zu signalisieren scheint. ein daneben gesetztes zeichen, das zwei antipodische punkte durch eine w\u00f6lbung verbindet, bedeutet in der keltischen \u00fcberlieferung auferstehung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bei c.g. jung hei\u00dft es: \u00bbDa, wo die Wege &#8222;sich kreuzen&#8220;, sich gegenseitig durchdringen und dadurch das Bild der Vereinigung des Gegens\u00e4tzlichen ausdr\u00fccken, da ist auch die &#8222;Mutter&#8220;, die Gegenstand und Inbegriff der Vereinigung ist. Wo die Wege sich &#8222;scheiden&#8220;, wo Abschied, Scheidung, Trennung, Spaltung ist, da findet sich Scheide und Spalt, das Zeichen f\u00fcr Mutter und zugleich der Inbegriff dessen, was man an der Mutter erlebt, n\u00e4mlich Trennung und Abschied.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das abstrakte zeichen verweist oft entweder auf einen konflikt zwischen k\u00f6rperlichem und unk\u00f6rperlichem, eine wandlung, die sich vom k\u00f6rperlichen fort zum unk\u00f6rperlichen hin vollzieht, oder eine entwirklichung. todesbedeutungen wurden h\u00e4ufig abstrakt dargestellt. die \u00e4gypter kannten einen strafenden gott im totenreich, der nur zwei striche anstelle des kopfes hatte. indem die kanten der druckplatte den k\u00f6rper teilen, den sie zugleich verbinden, bekommt die &gt;Fruchtbarkeitsg\u00f6ttinStele&lt; zus\u00e4tzlich etwas schmerzhaftes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auf anderen grafiken und stelen findet man embryo und schote, blumen und bl\u00fcten, apfel und birne, fruchtkern und \u00e4hre, den fisch im wasser und die laichwanderung der fr\u00f6sche als fruchtbarkeitssymbole, sowie einen m\u00e4rchenhaften, an frau holles jenseitsweltwiese erinnernden apfelbaum. die mythische holle entlie\u00df neugeborene aus ihrem unterirdischen reich, besch\u00fctzte die kinder und empfing die seelen der toten. insgesamt dominieren rote, gelbe und gr\u00fcne farben, die auch die natur f\u00fcr ihre fr\u00fcchte bevorzugt. das einfallende licht in den ausstellungsr\u00e4umen hebt die hellen farben noch hervor, die dadurch umso mehr das sch\u00f6ne, lichte und lebensfreudige der weiblichkeit, sinnlichkeit und fruchtbarkeit betonen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das vegetarische symbolisiert wachstum, f\u00fclle, heilung und verwandlung. und die frucht enth\u00e4lt, wie die mutter, das leben, das sie spendet. in den mythen mancher v\u00f6lker sind die ersten menschen aus pflanzen entstanden. gaia, die griechische erdg\u00f6ttin, nach hesiod die erste g\u00f6ttin, die dem urchaos entsprang, wurde oft mit fr\u00fcchten und f\u00fcllhorn dargestellt, die \u00fcberhaupt h\u00e4ufig zu antiken und orientalischen mutterg\u00f6ttinnen geh\u00f6rten. bei den matres, drei m\u00fctterlichen gottheiten, die im r\u00f6mischen gallien, in britannien und im rheinland verehrt wurden und auf darstellungen k\u00f6rbe mit fr\u00fcchten oder ein f\u00fcllhorn auf ihrem scho\u00df trugen, trug die mittlere manchmal ein wickelkind. das wort geburt geh\u00f6rt zum wortfeld von bher=tragen, bringen, lebensfrucht tragend, fruchttragend, fruchtbringend am baum. mittelhochdeutsch bern bedeutete frucht tragen, hervorbringen, geb\u00e4ren. in der mittelalterlichen dichtung wird natura, die verk\u00f6rperung der natur, mit vielen br\u00fcsten dargestellt. lateinisch n\u0101t\u016bra hei\u00dft eigentlich geborensein. n\u0101tusi sind die kinder oder jungen, n\u0101tusus ist der sohn, n\u0101tusa die tochter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die farbigkeit der &gt;SchotenStele&lt;, zu der schote, rose, tulpe und getreide geh\u00f6ren, hat etwas orientalisches. viele antike symbole der fruchtbarkeit, die, meist durch christliche transformation vermittelt, in den sp\u00e4teren europ\u00e4ischen kulturen nachwirken, stammen aus dem alten orient, wo einst ackerbau, pflanzenzucht und kultur entstanden. der ackerbau ging der kultur voraus. im lateinischen cult\u016bra, das neben ackerbau, anbau, landwirtschaft und bearbeitung auch geistige ausbildung und sittliche veredlung meint, klingt das noch an. getreide war ein attribut vieler fruchtbarkeitsundernteg\u00f6tter. \u00e4hren geh\u00f6rten etwa zur griechischen erdackerbauundfruchtbarkeitsg\u00f6ttin demeter. in verbindung mit muttergottheiten konnte die \u00e4hre symbol des sohnes sein. in indonesien brachte man jungen reis\u00e4hren ganz \u00e4hnlich nahrung wie sonst kleinen kindern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">blumen sind liebesgeburtsseelenundauferstehungssymbole. ihre liebessymbolik entspricht ihrem aufbl\u00fchen. myrte war der aphrodite geweiht. zu fl\u00f3ra, der r\u00f6mischen und urspr\u00fcnglich sabinischen g\u00f6ttin des fr\u00fchlings, der blumen, der bl\u00fcten und des bl\u00fchenden getreides, geh\u00f6rten orgien, laszive rituale, ausgelassene feste, die, f\u00fcr pflanzen wie f\u00fcr menschen, fruchtbarkeitsf\u00f6rdernde wirkungen haben sollten. slawen, balten, finnen und s\u00fcdostasiatische v\u00f6lker bezeichnen gern junge frauen oder br\u00e4ute bei der hochzeit mit blumennamen. die blumensprache, die dann zur blumigen sprache verkam, war zun\u00e4chst die bildhafte und mehrdeutig anspielungsreiche sprache unter liebenden. bei vielen v\u00f6lkern ist die rose, die in europa ebenso die liebe verk\u00f6rpert wie in china oder japan, besonders die rote rose, bis heute die blume der liebe und der fruchtbarkeit und daher auch liebesgeschenk. in der renaissance versinnbildlich die nelke die verlobung, chinesisch die hochzeit. die lilie verband man im altertum mit ehe, fruchtbarkeit und geburt, christlich, wie die rose als blume der unschuld, mit der jungfrau maria. einige g\u00f6tter wurden aus blumen geboren, so brahma aus einer lotosbl\u00fcte. malayisch entwuchsen die ersten menschen blumen. bei plutarch wird die sonne am morgen aus einer bl\u00fctenknospe geboren. auch alchemisten kannten die geburt aus der bl\u00fcte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">viele liebesundfruchtbarkeitssymbole sind zugleich todessymbole. die blumen der totenwelt wurden als rest vom verlorenen paradiesischen blumenmeer gedacht. in der &gt;Odyssee&lt; ist die asphodelische unterweltwiese blumenbewachsen. pindar schrieb von blumengeschm\u00fcckten elysischen wiesen. in dantes paradies thront die gottesmutter im kelch einer wei\u00dfen himmelsrose. blumen, die auf gr\u00e4bern wachsen, sollten verk\u00f6rperungen der totenseelen sein. aus dem blut des adonis, eines sterbenden und auferstehenden gottes, der vegetationszyklen symbolisiert, wuchsen der sage nach die adonisr\u00f6schen. griechen, etruskern, r\u00f6mern und christen verhie\u00df die rose auf sarkophagen und gr\u00e4bern die erhoffte auferstehung. die fr\u00fchen christen benutzten blumenkr\u00e4nze und blumenk\u00f6rbe als auferstehungssymbole. in r\u00f6mischen katakomben findet sich die rose h\u00e4ufig als zeichen des paradieses, f\u00fcr das sie auch islamisch steht. wei\u00dfe rosen waren christlich todeszeichen, wei\u00dfe lilien grabschmuck. der friedhof hie\u00df volkssprachlich rosengarten. schon die \u00e4gypter gaben ihren toten blumen und schm\u00fcckten mumien etwa mit chrysanthemen. auch die lotosblume symbolisierte \u00e4gyptisch fruchtbarkeit und erneuerung, bis in den totenkult hinein. in china konnten die seelen der toten im paradies bl\u00fctengestalt annehmen. der efeu, die heutige friedhofspflanze, galt, weil immergr\u00fcn, in der antike als pflanze der fruchtbarkeitsg\u00f6tter dionysos und bacchus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der mohn hingegen ist ein synonym f\u00fcr schlaf gewesen. hypnos, der griechische schlafgott, sohn der nacht und bruder des todes, hielt auf darstellungen mohnstengel in h\u00e4nden. ebenso war der mohn attribut seines sohnes, des traumgotts morpheus. nyx, griechisch die verk\u00f6rperung der nacht, wurde mit mohnblumen bekr\u00e4nzt gedacht. zugleich geh\u00f6rte der mohn zur unterweltg\u00f6ttin persephone. die grabkunst kennt den mohn als sinnbild des todesschlafs. ludwig uhland, der ihn \u00bbdie Blume, die am besten \/ des Traumgotts Schl\u00e4fe kr\u00e4nzt.\u00ab nannte, schrieb: \u00bbO Mohn der Dichtung, \/ wehe \/ ums Haupt mir immerdar!\u00ab, und christoph martin wieland: \u00bbber\u00fchrt ihn unvermerkt \/ der mohnbekr\u00e4nzte Gott des Schlummers \/ mit seinem Stab, dem Stiller alles Kummers.\u00ab andere bezeichnungen sind deutsch schlafmohn und isl\u00e4ndisch draums\u00f3ley, w\u00f6rtlich traumsonne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die &gt;EmbryoStele&lt; zeigt, menschliches und vegetarisches wachstum verbindend, einen embryo, der im innern eines apfels, der zugleich ein m\u00fctterlicher bauch ist, aus dem kern w\u00e4chst. im &gt;Hohelied&lt; ist der apfel symbol der liebe. zur karthagischen fruchtbarkeitsg\u00f6ttin tinnit geh\u00f6rte der granatapfel, der auch in s\u00fcdostasien fruchtbarkeit symbolisierte. griechisch war der apfel brautsymbol und brautgeschenk. in kirgisien w\u00e4lzten sich kinderlose frauen mit kinderwunsch unter einem apfelbaum. der apfel der nordischen g\u00f6ttin idun verj\u00fcngt die g\u00f6tter. auch der baum der erkenntnis wurde mit \u00e4pfeln dargestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auf der &gt;WasserStele&lt; korrespondieren die formen der wellen des wasser, das als weibliches element und lebensstoff gilt, mit der form der weiblichen brust. wasser, der urscho\u00df des lebens, ist in der symbolik der kulturen h\u00e4ufig das element der sch\u00f6pfung und der erneuerung, bei thales von milet der ursprung aller dinge. die armenische g\u00f6ttin anahit spendete wasser und fruchtbarkeit. an brunnen und quellen fanden viele fruchtbarkeitskulte statt. brunnen waren m\u00fctterliche symbole, konnten aber auch eingang zur unterwelt sein. fische symbolisieren wegen ihrer starken vermehrung fruchtbarkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">viele der symbolischen korrespondenzen, und gerade die archetypischen, die noch die einheit der gegens\u00e4tze bewahren und \u00fcber ihre typisierung hinaus etwas dynamisches, verwandlungskr\u00e4fte anregendes haben, sind ambivalent und paradox und damit teils auch provokativ. manche der grafiken und stelen lassen \u00fcber zusammenh\u00e4nge zwischen einer forcierten vertechnokratisierung der gesellschaft und zunehmender kinderlosigkeit nachdenken. auf der &gt;TodesStele&lt; sehen wir einen roboterartigen kopf. die &gt;EngelTeufelStele&lt; verbindet engel und teufel, adam und eva, dreizack und schlange. der dreizack ist zugleich zeugungsorgan und gewaltinstrument. eine gro\u00dfe, fest wirkende hand greift nach der schlange auf dem teufelsk\u00f6rper. die schlange mit frau deutet fast immer auf eine beziehung des weiblichen zum zeugend m\u00e4nnlichen hin. die \u00e4gypter unterschieden zwischen der ur\u00e4us-schlange, die alles b\u00f6se abwehrte, und der apophis-schlange, die das b\u00f6se selbst verk\u00f6rperte. christlich wurde die schlange dann zum teufelssymbol.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das weibliche als tod wird insbesondere von der gleicherma\u00dfen verschlingenden und bergenden erde verk\u00f6rpert. \u00bbDie Erde ist wie Gaia, die griechische Erdmutter, Herrin des Gef\u00e4\u00dfes, und gleichzeitig das gro\u00dfe Unterweltgef\u00e4\u00df selbst, in das die toten Seelen eingehn, und aus dem sie auch wieder herausschwirren.\u00ab schrieb erich neumann. nest, wiege und krippe entsprechen auf der anderen seite sarg, totenkahn und kreuz. muttergottheiten beherrschen oft die obere und untere welt und treten wechselweise als gut und b\u00f6se auf. in den m\u00e4rchen und sagen von der frau holle erscheint dieses motiv noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die toten verlangen bergung. das grab war einst gedacht als haus f\u00fcr die ewigkeit. schon die antike kannte h\u00e4user \u00fcber den gr\u00e4bern der ahnen. adlige keltischer l\u00e4nder begruben ihre verstorbenen unter ihren burgen. auch im untergrund deutscher burgen hausen der sage nach die toten bewohner als geister. in teilen des alten china gab es den brauch, die toten der familie im fundament des hauses zu bestatten. in der n\u00e4chst h\u00f6heren etage wurde das saatgut gespeichert. und im raum dar\u00fcber, immer in der gleichen ecke, stand das ehebett. vorfahren, aussaat und zeugung waren so vertikal miteinander verbunden und konstituierten auf der zeitlichen ebene kontinuit\u00e4t. im niederl\u00e4ndischen bedeutet bed zugleich bett und beet. damit verwandt sind deutsch bett und beet sowie kymrisch bedd=grab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auch erkenntnis kann belebend und t\u00f6tend sein. auf darstellungen aus dem mittelalter tr\u00e4gt der baum der erkenntnis anstelle der fr\u00fcchte totenk\u00f6pfe. \u00e4gyptisch wurden granat\u00e4pfel mit ins grab gegeben. den kopten gilt der granatapfel als auferstehungssymbol. persephone war die r\u00fcckkehr aus der unterwelt verwehrt, weil sie dort einen granatapfel gegessen hatte, der liebesgenu\u00df symbolisiert. lateinisch bedeutet malum, neben apfel, quitte und zitrone, auch \u00fcbel, fehler, gebrechen, ungl\u00fcck, unheil, \u00fcbeltat, laster und \u00bbZum Henker!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">viele d\u00e4monische wesen entstammen der todessymbolik, indem aus totenseelen d\u00e4monen wurden. die &gt;DrachenD\u00e4monenStele&lt; thematisiert den tod mit aggressiven formen. die d\u00e4monische figur darauf ist ihrer gestalt nach entweder der abraxas, der aus menschenk\u00f6rper, kriegerr\u00fcstung, hahnenkopf und schlangenbeinen besteht und als drachenbesieger gilt, oder der basilisk=der kleine k\u00f6nig, ein urspr\u00fcnglich aus dem alten orient stammendes fabeltier, christlich sinnbild f\u00fcr tod, teufel und s\u00fcnde, das meist mit k\u00f6rper, kopf und krone eines hahns sowie drachenfl\u00fcgeln und schlangenschwanz dargestellt wurde. der \u00fcberlieferung nach entsteht der basilisk aus dem von einem hahn gelegten ei, das durch die w\u00e4rme eines dunghaufens oder von einer schlange oder kr\u00f6te ausgebr\u00fctet worden ist. der m\u00e4nnliche hahn und das weibliche ei verbinden sich so negativ. man hat sogar gemeint, das hahnenei w\u00fcrde bei der geburt des basilisken unter schwefeldampf zerplatzen. allein der blick des basilisken sollte, glaubte man, menschen t\u00f6ten, weshalb kinder vor ihm gewarnt wurden. zugleich aber konnte man ihn der legende nach selbst t\u00f6ten, indem man ihm einen spiegel vorhielt. denn dann entsetzte er sich derart ob seines eigenen anblicks, da\u00df er vor wut zerbarst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das wort sensenmann f\u00fcr tod verweist auf einen agrarischen hintergrund. in der grabkunst der \u00e4gypter wirkt das getreide lebenserhaltend. mitunter hat man in \u00e4gypten sogar getreide in gr\u00e4bern ausges\u00e4t. der tod der &gt;TodesStele&lt; h\u00e4lt die sense wie einen guten freund umarmt. daneben steht oder l\u00e4uft eine menschliche figur auf ihrem kopf, wie es sich die \u00e4gypter f\u00fcr die s\u00fcnder im totenreich vorgestellt haben. \u00bbIch will nicht kopf\u00fcber gehen.\u00ab sagt einer der toten in den &gt;Totenbuch&lt;-spr\u00fcchen. das \u00e4gyptische unterweltsbuch &gt;Amduat&lt; beschreibt eine strafgrube, die \u00bbDas W\u00fcstental der auf den Kopf Gestellten\u00ab hei\u00dft. andererseits konnten kopfstehende figuren \u00e4gyptisch, in der umkehrung der umkehrung, auch die aufhebung des todes und damit auferstehung bedeuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">alle mythischen kulturen haben fruchtbarkeit und tod als gegensatzpaar gedacht und aufeinander bezogen. negativ gesagt, der kreislauf der natur geht \u00fcber leichen. eben deshalb brauchen wir die kraft der kultur, die bewahrt, indem sie transformiert. in vorstellungen von der wiedergeburt, die neues leben aus dem tod hervorgehen l\u00e4\u00dft, verschmelzen tod und geburt. auferstehungen sind verwandlungen. das grab ist so gesehen der mutterk\u00f6rper des anderen seins. im mythos von kore, die durch ihre r\u00fcckkehr aus der unterwelt das j\u00e4hrliche aufleben der natur nach dem winter und insbesondere das wachstum der fr\u00fcchte symbolisiert, verbinden sich tod, wiedergeburt und fruchtbarkeit direkt miteinander. die toten warten unter der erde auf ihre erl\u00f6sung wie keime im winter. tod, auferstehung, imagination und utopie gehen vielfach ineinander \u00fcber. viele phantasiereiche, das paradies inbegriffen, waren urspr\u00fcnglich todesreiche. k\u00fcnstlern mu\u00df eine wiedergeburt, die den tod \u00fcberwindet, in ihrer kunst permanent lebend gelingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">2005, \u00fcberarbeitet 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Aktuelle Ausstellung: Ausstellung: &#8222;fons et origo&#8220;, Malerei und Holzschnitte<\/p>\n<p>Willi-Sitte-Galerie Merseburg,<br \/>\nDomstrasse 15,<br \/>\n06217 Merseburg<\/p>\n<p>ge\u00f6ffnet bis zum 7. Oktober:<br \/>\nDienstag bis Donnerstag 10 bis 18 Uhr<br \/>\nFreitag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr<br \/>\nMontag geschlossen<\/p>\n<p>Telefon 03461212232<br \/>\nwww. willi-sitte-galerie-merseburg.de<\/p>\n<p>Zur <a href=\"http:\/\/www.kunz-art.de\/\">Homepage<\/a> der K\u00fcnstlerin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zur ausstellung &gt;Weiblichkeit \u2013 Sinnlichkeit \u2013 Fruchtbarkeit&lt; von sabine kunz in der &gt;FestungMark&lt; &gt;Weiblichkeit \u2013 Sinnlichkeit \u2013 Fruchtbarkeit&lt;, bestehend aus 20 gro\u00dfformatigen farbholzschnitten, die als fahnen gedruckt, sowie 48 druckplatten, die zu 12 \u00fcber 2 meter hohen stelen zusammengesetzt sind,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/05\/die-fruchte-der-symbole\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,1225],"class_list":["post-15179","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-sabine-kunz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15179","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15179"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15179\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15179"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15179"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15179"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}