{"id":15177,"date":"2011-07-02T00:01:00","date_gmt":"2011-07-01T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177"},"modified":"2020-08-17T20:38:16","modified_gmt":"2020-08-17T18:38:16","slug":"augenglasspiegelhautkapselturm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/07\/02\/augenglasspiegelhautkapselturm\/","title":{"rendered":"augenglasspiegelhautkapselturm"},"content":{"rendered":"<p>oder<\/p>\n<p>der kosmos in der k\u00fcche<\/p>\n<p>zur lyrik von birgitt lieberwirth<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Ich will die Dinge durch \/ meinen Geist beleuchten \/ und den Widerschein auf den fremden Geist fallen lassen.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Charles Baudelaire<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/CoverPoesie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-15203\" title=\"CoverPoesie\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/CoverPoesie-174x300.jpg\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/CoverPoesie-174x300.jpg 174w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/CoverPoesie.jpg 295w\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" \/><\/a>der lebensweg der birgitt lieberwirth verlief, vordergr\u00fcndig betrachtet, zun\u00e4chst ziemlich landl\u00e4ufig: p\u00e4dagogikstudium; heirat; die geburt von zwei kindern; sp\u00e4ter die scheidung; die monotone b\u00fcroarbeit in einer filmverleihagentur. und enth\u00e4lt andererseits manches ungew\u00f6hnliche: den fr\u00fchen tod ihres vaters; das bekenntnis zum scheitern im beruf, f\u00fcr die lehrerin blieb der eigene anspruch, die inspiration des einzelnen kindes und jugendlichen der gruppenp\u00e4dagogik vorzuziehen, praktisch uneinl\u00f6sbar; das austragen, und nicht einebnen, seelischer konflikte, das gleichzeitige \u00f6ffnen und schlie\u00dfen der wunden bei vollstem pulsierendem bewu\u00dftsein bis an die grenzen lebbaren schmerzes, auch wenn sich dieser zuletzt nur noch therapeutisch lindern l\u00e4\u00dft; die invalidit\u00e4t mit sechsunddrei\u00dfig. das alles sei eingangs erw\u00e4hnt. denn es bezeichnet phasen und momente der biographie mit andauernden existentiellen folgen und daher bestimmendem einflu\u00df auf die gedichte, f\u00fcr deren verst\u00e4ndnis entscheidend sein wird, zu ergr\u00fcnden, wie ihre erfahrungen und intentionen zugleich verinnerlicht, komprimiert, vertieft und ausgesprochen werden.<\/p>\n<p>Triptychon<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p><em>Balance<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin aber allein<\/p>\n<p>Auf dem Seil, niemand nimmt mir die Last<\/p>\n<p>Meines K\u00f6rpers, setzt mir den Fu\u00df vorsichtig<\/p>\n<p>Auf, keiner tr\u00e4gt mir den Kopf fort, den Gedanken<\/p>\n<p>Aus der Stirn, die Augen fallen mir, hundertmal<\/p>\n<p>Komme ich auf, in meinem Traum<\/p>\n<p>Brech ich das R\u00fcckgrat, ohne Netz<\/p>\n<p>Splittert der Schrei neben den Beifall, wenn ich st\u00fcrz<\/p>\n<p>St\u00fcrz ich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">diese lyrik ist, zun\u00e4chst einmal, gepr\u00e4gt von einem tonfall der unbedingtheit und motiven der k\u00f6rperlichkeit, wobei vor allem die affinit\u00e4t zu auge, mund, hand und blut auff\u00e4llt. \u00bbUm die Seele eines Dichters zu durchschauen, mu\u00df man in seinem Werk diejenigen W\u00f6rter aufsuchen, die am h\u00e4ufigsten vorkommen. Das Wort verr\u00e4t, wovon er besessen ist.\u00ab schrieb baudelaire, \u00bbEs gibt nur einen Tempel in der Welt, und das ist der menschliche K\u00f6rper.\u00ab novalis. \u00bbDas Ged\u00e4chtnis des K\u00f6rpers freilegen\u00ab nennt birgitt lieberwirth eine ihrer absichten. dies meint, die eigene erfahrung, bis zur\u00fcck zum erleben der kindheit, das die seelische und ideelle konstitution ma\u00dfgebend pr\u00e4gt, im schildern und deuten von k\u00f6rperlichem nachzuvollziehen. \u00bbwie ich geworden bin, lieg ich \/ Mir auf dem Handteller\u00ab hei\u00dft es in &gt;Triptychon 1&lt;. notwendig entsteht eine metaphorik des anatomischen als mittel und medium der selbstanalyse. kinder, die im fr\u00fchesten alter beine, f\u00fc\u00dfe, arme und h\u00e4nde wie gegenst\u00e4nde und dinge als k\u00f6rperteile betrachten, verfremden, indem sie ein ganzheitliches gesp\u00fcr haben, noch unmittelbar nat\u00fcrlich, ohne es zu wissen, erwachsene solcherart meist blo\u00df in augenblicken j\u00e4hen leidens, weitgreifender freude oder ausgelebter phantasie. plutarch beschrieb, wie seine tochter, bevor sie zweij\u00e4hrig starb, ihre amme dazu bewegen wollte, die brust auch unbelebten gegenst\u00e4nden und spielsachen zu geben, damit diese genauso mit milch gen\u00e4hrt werden wie sie selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">friederike mayr\u00f6cker nannte das schreiben eine art liebesakt. jannis ritsos meinte, gedichte schreiben sei wie eine ewige geburt, also schmerzhaft und lebensspendend zugleich, wenn das innerste durch die haut st\u00f6\u00dft und nach au\u00dfen gepre\u00dft werden mu\u00df, nicht zuletzt weil sich nur so das unter \u00fcberformten, verh\u00e4rteten und deformierten schichten, den narben und grinden, lagernde und geborgene, und notfalls eingefrorene, potential der erinnerung fortgesetzt freilegen l\u00e4\u00dft. und tats\u00e4chlich mu\u00df sich ja der mensch, und zumal der kreative, im leben selbst geb\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zum bevorzugten motivischen inventar bei birgitt lieberwirth geh\u00f6ren zudem m\u00f6bel, k\u00fcchenger\u00e4te und speisen, die elementarsten realien des alltags, nichts schillerndes mithin, denkt man. wer indes genauer hinschaut, wird erkennen, da\u00df hier gerade das restriktive der lebenssituation herausfordert, das dasein st\u00e4ndig neu nach seinem sinn zu befragen. dabei entdeckt und ersp\u00fcrt die autorin, mitunter schmerzlich nahe, die sinnlich erfahrbare substanz der spr\u00f6den dingwelt, die sie umgibt, h\u00e4ufig als ersatz f\u00fcr ein fehlendes du, und holt monotones und banales, das sonst&nbsp; bedr\u00fcckt und erm\u00fcdet, aus dem dunkel der anonymit\u00e4t ans licht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die bewu\u00dft erlebte enge transzendiert das denken und empfinden. auch r\u00e4umliche wahrnehmungen formen reale erfahrungen nach, etwa ein kreisen und sich winden in spiralen wie in endlosen schlingen, die den kopf, der sich erhebt, sofort wieder auffangen und ihn, meist ohne \u00e4u\u00dfere gewalt, als sei man vom heben seines kopfes unversehens selbst besch\u00e4mt, hinabdr\u00fccken, so da\u00df man sein enges umfeld konzentriert zu schauen beginnt und zuletzt phantastisch verfremdet erlebt, w\u00e4hrend die zirkulation, die beschirmt und bedr\u00e4ngt, beruhigt und l\u00e4hmt, unver\u00e4ndert weiter besteht und nur weniges die entladungen ahnen l\u00e4\u00dft, die kommen m\u00fcssen, doch erst irgendwann. \u00bbWir phantasieren schon vor Atemnot.\u00ab hatte wladimir wyssozki gesungen. \u00bbUnter der Gro\u00dfaufnahme dehnt sich der Raum, unter der Zeitlupe die Bewegung.\u00ab schrieb walter benjamin. derart entstehen bilder und gedankenkombinationen, die denen des traums gleichen und ins imagin\u00e4re, wunderbare, zauberische und abgr\u00fcndige, nur im j\u00e4hen aufscheinen und anklingen wahrnehmbare hineinleuchten. dies greift dann zur\u00fcck bis in mythische erlebniswelten und zeiten, wo visionen als orakel ernst genommen wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Metamorphose<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>S\u00fc\u00df ist bitter, bitter ist s\u00fc\u00df. Der Flu\u00df geht<\/p>\n<p>Gegen die Str\u00f6mung, nachts bricht Sonne<\/p>\n<p>Durch, vom Himmel f\u00e4llt<\/p>\n<p>Der Mond, die rechte Hand<\/p>\n<p>Ist die linke, gib mir das Messer, die Gabel<\/p>\n<p>F\u00fcr die Suppe, das Brot trink ich, esse<\/p>\n<p>Den Wein, welche Nacht heute Mittag, die Amsel<\/p>\n<p>Schwimmt \u00fcber den See<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die umkehrungen und paradoxien im gedicht &gt;Metamorphose&lt; heben gegens\u00e4tze auf, erweitern die wirklichkeit, oder deren wahrnehmung, und haben zugleich etwas utopisches. \u00e4hnliche metaphern findet man bei arthur rimbaud. indem die autorin ihr umfeld subjektiv durchdringt, kann sie freier damit umgehen und im aneignen und verzaubern der dinge ihr ich magisch einbinden und bergen und derart autonom und unantastbar machen. die verfremdenden chiffren l\u00f6sen die verinnerlichten, also eingefleischten, normierungen. staunend erf\u00e4hrt sich die sehende wieder unschuldig und arglos, in augenblicken, die das imaginierte allerdings mit der angst einhergehen lassen, die dinge k\u00f6nnten verschwinden, sobald man sie selbst nicht mehr sieht. das eigenleben der gegenst\u00e4nde und ph\u00e4nomene kommt ins bild und f\u00fcllt das vakuum der r\u00e4ume, die h\u00f6hlen der erstarrenden zeit, ger\u00e4t ins bewegen, zerf\u00e4llt und f\u00fcgt sich neu, wird vorzeichen. vertrautes erscheint, endlich und demonstrativ, anders als gewohnt und anerzogen und somit au\u00dferhalb des einge\u00fcbten modus, nicht mehr reduziert auf abstrakte entweder\/oder-raster, sondern mit seinen ambivalenzen, flie\u00dfenden \u00fcberg\u00e4ngen und symbiosen und erst darin universell. die vertauschungen in &gt;Metamorphose&lt; deuten aber auch verluste von realen lebenswelten an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">birgitt lieberwirth weiht die dinge durch ihre konzentration aufs intensiv geschaute und erh\u00f6rte detail. in &gt;Ger\u00e4usche&lt; schreibt sie: \u00bbAls ich leise war, begann das Wasser \/ Zu sprechen im Topf.\u00ab, und: \u00bbBegannen die Dinge \/ laut zu werden, die W\u00e4nde riefen \/ Die Musik zur\u00fcck.\u00ab sie hat die dinge, und diese haben sie, entweder ganz oder garnicht, bis zur letzten konsequenz. \u00bbZwischen Tisch und Stuhl, spiel ich mich \/ Immerfort aus\u00ab hei\u00dft es in &gt;Triptychon 1&lt;. sie beschw\u00f6rt gegenst\u00e4nde wie menschen und vermenschlicht sich so, jenseits funktional reduzierter wahrnehmungsweisen der \u00bbnutzbringenden Mitrei\u00dfbarkeit\u00ab, die \u00e4u\u00dfere lebenswelt. f\u00fcr sie besitzen die dinge, und seien sie noch so zweckgebunden, allesamt eine aura, die nicht ornamental oder abbild von etwas, sondern unmittelbar sinnlicher wirklichkeitsausdruck eines leuchtens aus dem innen ist, das magisch wirkt. auf diese weise wird ihr die k\u00fcche zum kosmos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bei hans arp wurden teller, gabeln, messer, tischst\u00fchle, besen, uhren, h\u00fcte, krawatten oder kn\u00f6pfe zu gegenst\u00e4nden in gedichten. der augenf\u00e4llig respektvolle umgang mit dingen erinnert zudem an gedichte von uwe gre\u00dfmann, die beispielsweise &gt;Die Seife&lt;, &gt;Das Handtuch&lt;, &gt;Der Eimer&lt; oder &gt;Die Zahnb\u00fcrste&lt; hei\u00dfen. birgitt lieberwirth schrieb eine &gt;Ode an das frische Br\u00f6tchen&lt;. gre\u00dfmann ging als dichtendes wesen so unbek\u00fcmmert wie ernst und schlicht durch unschuld aus elementarem hervor. \u00bbDu richtest den Kopf hoch, \/ Davon ist der Himmel blau.\u00ab lesen wir bei ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die einf\u00fchlung in die dinge bildet f\u00fcr birgitt lieberwirth ebenso ein kontinuum ihres schreibens&nbsp; wie die beschreibung seelischer und psychischer zust\u00e4nde und prozesse anhand von wahrnehmungen der profanen wirklichkeit. die sublime weihe der dinge entspricht der intention eines ideell orientierten poetisierens der realen au\u00dfenwelt, wie wir sie innerhalb der deutschen literatur besonders ausgepr\u00e4gt in der romantik finden. bei novalis hei\u00dft es: \u00bbWenn ihr die Gedanken nicht zu \u00e4u\u00dfern Dingen machen k\u00f6nnt, so macht die \u00e4u\u00dfern Dinge zu Gedanken. K\u00f6nnt ihr einen Gedanken nicht zur selbst\u00e4ndigen, sich von euch absondernden &#8211; und nun euch fremd &#8211; d.h. \u00e4u\u00dferlich vorkommenden Seele machen, so verfahrt umgekehrt mit den \u00e4u\u00dferlichen Dingen &#8211; und verwandelt sie in Gedanken. Beide Operationen sind idealistisch. Wer sie vollkommen in seiner Gewalt hat, ist der magische Idealist\u00ab. und: \u00bbIndem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gew\u00f6hnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die W\u00fcrde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es &#8211; Umgekehrt ist die Operation f\u00fcr das H\u00f6here, Unbekannte, Mystische, Unendliche -\u00ab (&gt;Athen\u00e4um&lt;).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">freilich sollten wir nicht vergessen, da\u00df novalis im sog seines unbedingten universalit\u00e4tsdrangs, der alles magisch aufheben und mit allem vermitteln sollte, bis zu einem punkt trieb, wo er kriege als notwendig, ja naturgegeben, empfand und erkl\u00e4rte, zwar m\u00fcsse der sinnlose krieg, also das blo\u00dfe t\u00f6ten, vermieden werden, der kriegerische kampf im sinne eines ideals hingegen, und dieses ideal hei\u00dft bei ihm liebe, w\u00e4re der h\u00f6chsten ehre wert und, da metaphysisch eingebunden, zugleich heroisch und &nbsp;poetisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">charakteristisch f\u00fcr birgitt lieberwirth und damit ihre lyrik, die vor allem von ihr selber spricht und handelt, ist das v\u00f6llige fehlen von zynismus. \u00bbDer Zyniker d\u00fcrfte eigentlich gar keine Sachen haben: denn alle Sachen, die ein Mensch hat, haben ihn doch in gewissem Sinne wieder. Es k\u00f6mmt also nur darauf an, die Sachen so zu haben, als ob man sie nicht h\u00e4tte. Noch k\u00fcnstlicher und noch zynischer ists aber, die Sachen so nicht zu haben, als ob man sie h\u00e4tte.\u00ab hatten friedrich schlegel und friedrich schleiermacher im &gt;Athen\u00e4um&lt; postuliert. und derart die zynische aktion, ein merkmal der k\u00fcnstlerischen, medialen und lebensrealen moderne vorwegnehmend, auch als ungebundenes und enthemmtes spiel beschrieben, das kreativit\u00e4t freisetzt. f\u00fcr birgitt lieberwirth ist dies unannehmbar. sie l\u00e4\u00dft nicht gelten, da\u00df man den spielerischen zynismus gegen\u00fcber dingen vom umgang mit menschen trennen und zwischen artifiziellem und realem zynismus, die ja keineswegs deckungsgleich sein m\u00fcssen, unterscheiden kann, weil das ihrem beharren auf ganzheitlichkeit widerspr\u00e4che. \u00e4hnlich verweigert sie die verselbst\u00e4ndigung formaler mittel gegen\u00fcber ihren inhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zugleich geben ihr die sicht und der anspruch aufs ganze ein genaues gesp\u00fcr daf\u00fcr, da\u00df zusammenbrechen mu\u00df, was nicht organisch w\u00e4chst. m\u00f6glicherweise folgt sie nicht nur darin h\u00f6lderlin, dem dichter des morgens, also aufbruchs, f\u00fcr den der abend, ja schon der mittag, nur noch nacht sein konnte. zu h\u00f6lderlin lassen sich literarische, ideelle, seelische und charakterliche parallelen finden: die metaphysische dimension der eigenen intentionen, die suche nach heiligem, das idealische aufstreben, sympathetische vorstellungen, musikalit\u00e4t und rhythmik der sprache bei mitunter harten bildmontagen, die zornige anklage neben dem schweigen als tiefstem ausdruck der trauer, selbsttreue, stolz und eine neigung zur selbstbestrafung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unbekannter Genosse<\/p>\n<p><em>unter Pinochets Folter<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So vergeht diese Sekunde, schl\u00e4gt mir<\/p>\n<p>Tiefer der Puls, schwarz<\/p>\n<p>Ins Fleisch, geh, Blut, durch mich, str\u00f6me mir<\/p>\n<p>Atem, da\u00df ich deinem Auge bleibe, Liebste<\/p>\n<p>Deiner Hand, da ist kein Wort, l\u00f6sche ich in mir<\/p>\n<p>Deinen Namen, da zuckt nur<\/p>\n<p>K\u00f6rper, nur&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">durch zuspruch die identit\u00e4t bewahren im sp\u00fcrbar begrenzten lebensumfeld, das ist die intention vieler gedichte von birgitt lieberwirth: mit dem wort zu sich selbst kommen, subjekt und souver\u00e4n werden. daneben stehen direkt auf politische vorg\u00e4nge bezogene texte, die zun\u00e4chst nur einen vorgegebenen thematischen oder motivischen rahmen auszuf\u00fcllen scheinen. das darin, anhand der figuren, kenntlich gemachte befinden entspricht jedoch gleichfalls weitgehend dem der autorin. diese gedichte leben weniger von spannungen zwischen betrachter und objekt als vielmehr durch identifikation. im poetologischen kontext mutet &gt;Unbekannter Genosse&lt; geradewegs wie das verdichtete aussprechen der eigenen notlage an. hervorgehoben ist der liebesentzug. bereits die vielfach daf\u00fcr gew\u00e4hlten metaphern puls, fleisch, blut, atem, auge und hand verweisen auf den eigentlichen ursprung und antrieb. aus dem gefolterten spricht unzweifelhaft die verfasserin. beim vergegenw\u00e4rtigen der chilenischen gef\u00e4ngniszelle wird ihr das eigene gefangensein, auch in sich selbst, offenbar.<\/p>\n<p>IM TRAUM LIEGE ICH WACH und das Mondlicht<\/p>\n<p>L\u00e4utet an der T\u00fcr, tritt barfu\u00df ein und geht \u00fcber<\/p>\n<p>Die Decke mir, \u00fcber das Kissen, die Nacht<\/p>\n<p>H\u00e4lt die Augen auf, der Film<\/p>\n<p>Kommt wieder \u00fcber die Stadt: Die Bomben<\/p>\n<p>Zersprengen das Haus und Feuer tobt<\/p>\n<p>In den Stra\u00dfen, ich wei\u00df nicht<\/p>\n<p>Wohin, die Kinder schreien<\/p>\n<p>Im Sturm und blind irren wir fort<\/p>\n<p>Die dunklen Wege zum Bunker, hallt<\/p>\n<p>Die Sirene wieder, -Entwarnung-<\/p>\n<p>Mit der Dunkelheit steigt die alte Angst<\/p>\n<p>Aus den Nischen, n\u00e4chtliche Stufen f\u00fchren<\/p>\n<p>Zur Stadt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">hier erscheint geschichte als traumatisch weiterwirkendes grunderleben, das die autorin, acht jahre nach dem krieg geboren, nachf\u00fchlen kann, indem sie, anhand der berichte der betroffenen, zum beispiel ihrer mutter, fremde not wie eigene empfindet. dadurch versteht sie auch, zumal vermittelt durch ihre eigenen \u00e4ngste, die historisch bedingten verhaltensmuster von menschen jener generationen, die den krieg als kinder oder jugendliche und daher besonders einschneidend erlebt haben. und denen die j\u00e4h einfallenden, vehementen, entfesselten und unberechenbaren gewalten derart elementar als zerst\u00f6rerisch und todbringend begegnet sind, da\u00df sie noch sp\u00e4ter alles \u00fcberraschende, spontane, impulsive und enthemmte einseitig und irrational mit gefahr, bedr\u00e4ngnis, flucht und ruin verbanden und es beargw\u00f6hnten, mieden, verabscheuten und bek\u00e4mpften aus, meist unbewu\u00dft bleibender, furcht vorm vergangenen grauen, die sie per projektion auf moderne vielfalt und dynamik \u00fcbertrugen. und deshalb halt und sicherheit h\u00e4ufig nur in traditionellen, \u00fcberschaubaren und bew\u00e4hrten strukturen sowie kleinen, stabilen und vertrauten gemeinschaften fanden. konservatismus h\u00e4ngt h\u00e4ufig mit \u00e4ngsten zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">m\u00fcssen wir umgekehrt bef\u00fcrchten, da\u00df die nachwachsenden, l\u00e4ngst unbefangener, selbstsicherer und zweifelsfreier als jene generationen, die kriege noch am eignen leib erfuhren, je weiter der letzte krieg dem erinnern der lebenden entschwindet, zwangsl\u00e4ufig immer eigens\u00fcchtiger, unversch\u00e4mter und r\u00fccksichtsloser werden? und ihre aggressionen erneut ohne hemmung und bedenken austragen? und damit schon k\u00fcnftige ausbr\u00fcche kollektiver destruktivit\u00e4t vorbereiten und &nbsp;ank\u00fcndigen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">verstehen wir beim lesen der gedichte die ersch\u00fctterungen, die darin gestaltet sind, so wirken manche texte sogar n\u00fcchtern, kontrolliert, gefa\u00dft, lapidar. im sprachlichen und bildhaften benennen des k\u00f6rperverhaltens fa\u00dft die sprechende sich. zugleich sucht sie nach unverwundeten worten, bildern, zeichen, einer unschuld der sprache. zwar entstammen ihre bildmotive gr\u00f6\u00dftenteils einem \u00fcberkommenen metaphernvorrat. doch im konkreten text verl\u00e4\u00dft kein bild den gedichtraum unver\u00e4ndert. indem die autorin ihre bilder als momente von prozessen aufeinanderprallen und verschmelzen l\u00e4\u00dft, kann sie erstarrte gegens\u00e4tze aufbrechen und aufheben. jedes details regt so an, das ganze mitzudenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die mittel der form werden zum ausdruck des widerstehens gegen bedr\u00e4ngnisse und einer inneren mitte, die aus zerst\u00f6rtem und zerst\u00f6rendem heraus befreit und belebt. der wechselweise frei pulsierende und abrupt abbrechende rhythmus signalisiert gleichfalls seelisches und psychisches befinden, ausstr\u00f6men und\/oder zerrinnen, aufstreben und\/oder zerrei\u00dfen, substanz erneuern oder ermatten, und ist daher konstituierend f\u00fcr diese lyrik. der mitunter missionarisch anmutende tonfall, nicht der erf\u00fcllte, der begehrende redet authentisch verhei\u00dfend, mit dem sie ersehntes, manchmal regelrecht obzessiv, herbeiruft und k\u00fcndet, wird, auch stilistisch, immer wieder gebrochen, indem ein dissonantes rhythmisieren dazwischenkommt und in den hymnischen und elegischen ton, der seine urspr\u00fcnge im kultischen gedicht hat, einf\u00e4llt, das hei\u00dft ihn bricht und relativiert, \u00bbJedes Wesen ist ein zerst\u00f6rter Hymnus.\u00ab schrieb emile m. cioran (&gt;Die verfehlte Sch\u00f6pfung&lt;), so da\u00df sein ausl\u00f6ser zum vorschein kommt: die unabgegoltene erwartung einer liebe, die nicht nur der ma\u00dfgabe eines momentanen bedarfs folgt, also verwendbar ist, sondern \u00fcbergreifend als ferment der sensibilisierung der einzelnen menschen wie des menschlichen umgangs wirkt und derart zum faktor der sublimierung wird. birgitt lieberwirth arbeitet damit auf eine kulturf\u00e4higkeit hin, die sie vor allem in der gabe zum einf\u00fchlen sieht und der ein individualismus entspricht, der gerade nicht pers\u00f6nlich und privat, subjektiv und protektionistisch, selbstanspruch und partikularinteresse, individualit\u00e4t und egoismus verwechselt, eben weil er einem ganzen verbunden bleibt. mit diesem inneren wertegef\u00fcge entgegnet sie auch jenem hochm\u00fctigen privatismus, der glauben macht, die welt best\u00fcnde einzig aus dem selbst erlebten, und nicht zuletzt deshalb fremde lebensformen so leicht mi\u00dfversteht oder gar verachtet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So bist du<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Haut und ich atme<\/p>\n<p>Mir dir, ich verletze dich in der Hast<\/p>\n<p>Des Morgens, beim Brotschneiden, sagst du: Geh<\/p>\n<p>Weiter, es ist nichts, nur ein Ri\u00df, nur<\/p>\n<p>Eine kleine Wunde, ein Schnitt, nur ein wenig<\/p>\n<p>Blut, ich geh und du h\u00e4ltst mich,<\/p>\n<p>Mein Mantel, meine H\u00fclle,<\/p>\n<p>Auf der Stra\u00dfe rei\u00dft dich der Winter<\/p>\n<p>Springst du auf, meine Lippe, so verletzbar<\/p>\n<p>Bin ich durch dich, Haut, du umklammerst mich, liegst an<\/p>\n<p>Den Br\u00fcsten mir, gibst meinem Leib nach, du<\/p>\n<p>Fa\u00dft mich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mit dreierlei bedeutung ist hier die haut angesprochen: als bergende h\u00fclle des k\u00f6rpers, deren r\u00e4umliche erweiterung in andern texten wasserglas, wohnstatt und raumkapsel bezeichnen, das ich selbst und, darin enthalten, das hei\u00dft so lange projiziert, bis es wie real erscheint, ein du. die bildsprache bei birgitt lieberwirth beschreibt h\u00e4ufig die aufspaltung des lyrischen subjekts in ein ich und ein du, die dann meist wieder verschmolzen werden oder zumindest interagieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die haut simultan als ich und du zu erleben, erm\u00f6glicht dem subjekt, durch die partielle verfremdung ins du, sich nahe zugleich distanziert wahrzunehmen und umgekehrt. dies gew\u00e4hrt, im abstand, der beim verwandeln entsteht, toleranz dem eigenen befinden gegen\u00fcber, die das sich bekennen zur k\u00f6rperlichkeit auch da erm\u00f6glicht, wo diese, weil gelebter liebe entzogen, unverfremdet kaum mehr ertragen werden k\u00f6nnte. die haut, mittler zwischen innenraum und au\u00dfenwelt, gibt somit schutz und halt, indem sie, mittels einer fiktion, die letzten endes zu fleisch und blut wird, ein du in sich aufgehen l\u00e4\u00dft. bei paul zech hei\u00dft es im gedicht &gt;Das ist die Stunde&lt;: \u00bbDas Du in mir, das Ich in Dir \/ lebt ungetrennt \/\/ fortzeugend noch, bis wir \/ vorw\u00e4rts in heiligen Scharen \/ gem\u00fcndet sind als Waldung oder Tier, \/ und wiederkehren nach Millionen Jahren.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie das Wasser bist du<\/p>\n<p>Im geschliffenen Glas, mein Blick f\u00e4llt<\/p>\n<p>In dich und sinkt<\/p>\n<p>Auf deinen Grund, das Meer<\/p>\n<p>Bist du, deine Wellen gehn<\/p>\n<p>Durch mich, deine H\u00e4nde, dein<\/p>\n<p>K\u00f6rper, dein Mund, werde ich: Das Meer,<\/p>\n<p>Wellen steig ich, sink ich, dein Atem<\/p>\n<p>Dein Blick f\u00e4llt<\/p>\n<p>In mich, wie das Wasser<\/p>\n<p>Bin ich, im geschliffenen Glas &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die autorin betrachtet ein im glas eingeschlossenes du, ehe sich der kontemplative bezug von betrachter und gegenstand zum begl\u00fcckenden zusammenflie\u00dfen beider wandelt und weitet. das versinken wird hingabe, bei der die schauende, vom licht der eignen projektion \u00fcberflutet und gebannt, und damit auch gefangen, einen gleichklang zwischen ich und du erzeugt. im gef\u00e4\u00df formt sie alchimistisch ihre gegenwelt und strebt darin zu einem ganzen hin, so da\u00df ein poetisches universum in und aus der glaskapsel entsteht. dabei ist das auge das organ des imaginierens. phantastisches erscheint oft zuerst visuell. das auge, und damit das wort, verf\u00fcgt, was ins bild geh\u00f6rt. innenschau, also das erkunden der eignen seele, bedeutet hier: alles sehen saugt den stoff in sich hinein. else lasker-sch\u00fcler schrieb im gedicht &gt;Gebet (Meinem teuren Halbbruder, dem blauen Reiter)&lt; f\u00fcr franz marc nach dessen tod im krieg: \u00bbO Gott, schlie\u00df um mich deinen Mantel fest. \/ Ich wei\u00df, ich bin im Kugelglas der Rest, \/ Und wenn der letzte Mensch die Welt vergie\u00dft, \/ Du mich nicht wieder aus der Allmacht l\u00e4\u00dft \/ Und sich ein neuer Erdball um mich schlie\u00dft.\u00ab in gedichten von gertrud kolmar finden sich \u00e4hnliche verschmelzungen von ich und du, die grenzen durchbrechen und so das ich wie das du erweitern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auge, glas, wasser und licht bilden auch sprachlich einen zusammenhang. polnisch oko hei\u00dft auge, okno fenster und morskie oko=meeresauge ein bergsee. kroatisch oko=auge ist die tiefste stelle eines sees, \u00f2kno die fensterscheibe. englisch window bedeutet eigentlich windauge. im isl\u00e4ndischen verbinden sich auga=auge und lj\u00f3s=licht zu auglj\u00f3s=einleuchtend. die synthese von auge und glas w\u00e4re der spiegel, und darin, auf die gedichte von birgitt lieberwirth bezogen, das verdoppelte und gebannte ich im geschliffenen glas, eine andere art kapsel, insel, gef\u00e4ngnis. es inszeniert indes leicht immer dasselbe, obgleich in abwandlungen, wer sein abbild allein in sein gegenbild verwandelt und umgekehrt. das bild, das man sich blo\u00df macht, wird auf dauer zur statue, ikone, mumie. und am ende entmenschen, wenn sie nicht \u00fcberwunden werden, alle verk\u00f6rperungen, die oft auf traumatische erfahrungen zur\u00fcckgehn. das reine, abgeschlossene, erstarrte symbol k\u00fcndigt bereits den zerfall dessen an, was es zu enthalten vorgibt. und auch die mumie mu\u00df irgendwann verwesen. die verinnerlichte inkarnation dann wieder zur\u00fcck ins leben zu bringen, w\u00fcrde das durchsto\u00dfen des eigenen spiegelbildes verlangen. solcherart im bild, also spiegel, sein hie\u00dfe aber, beim bilde genommen, das ich, das ichdu und das duich, im glas zerschlagen zu m\u00fcssen, so da\u00df sie einzig noch im blutigen ende vereint w\u00e4ren, und danach nur vielleicht am leben, diesem tropf, zu bleiben. denn die letzte spiegelsch\u00e4rfe ist der tod. \u00bbBlank sind die Klingen: wer s\u00e4umte im Tod nicht vor Spiegeln?\u00ab hei\u00dfts bei paul celan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">oder bewahrt gar allein die vision\u00e4re distanz zum erlebten das leben? und das imaginierte w\u00e4re zu f\u00fcrchten, sollte es aus dem glas, in das es gepre\u00dft wurde, heraustreten? sieht nur zwei auswege, wer sich spiegelnd hypnotisiert: entweder entsetzt umkehren und die abkehr von den selbst geschaffenen spiegelungen ertragen oder ins eigene auge, das glas, den spiegel springen? bliebe das ich andernfalls der selbstmagie ausgeliefert und innere zw\u00e4nge erschienen weiter als \u00e4u\u00dfere? bis ich und du ununterscheidbar werden und schlie\u00dflich ineinander erstarren und verh\u00e4rten? eine alternative dazu k\u00f6nnte der dialog mit dem spiegelbild sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der spiegel ist das glas vorm auge. man kann ihn, und damit das bild, das er wirft, drehen und wenden, oder abgehn von der augenglasspiegelb\u00fchne. birgitt lieberwirth tr\u00e4gt ihren spiegel wie einen gl\u00e4sernen dorn im auge, der die gew\u00fcnschte und verinnerlichte spiegelwelt best\u00e4ndig konfrontiert mit der unberechenbar, dissonant und schmerzhaft eindringenden \u00e4u\u00dferen wirklichkeit. ihre gedichte beschreiben die zusammenst\u00f6\u00dfe beider welten in ihr. zugleich hat sie angst vorm verlust ihrer kultgegenst\u00e4nde, wohl weil sie die realwelt in der gegenwelt noch nicht vollst\u00e4ndig und endg\u00fcltig \u00fcberwinden kann. was man besiegen mu\u00df, wird einem indes nie ganz geh\u00f6ren. und der sprung durch den spiegel, also letzten endes durchs eigene ich, der, da ihm ein andauerndes selbstbetrachten und zur\u00fcckschrecken vorausgeht, kein einmaliger akt ist, k\u00f6nnte, sofern er gelingt, ein gnadenlos objektivierendes selbstbild hervorrufen, durch das die fiktionen wie von selbst ihren glanz verlieren und zerfallen m\u00fc\u00dften, so da\u00df die akteurin h\u00fcllenlos dast\u00fcnde, der erhoffte zustand, doch nun ohne bild, ledig des bergenden mantels der visionen, verwundbar durch alles und jeden, gleich dem gerad geborenen kind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das emphatische liebesverst\u00e4ndnis von birgitt lieberwirth ist aufs ganze gerichtet. die basis daf\u00fcr bleibt jedoch die ich\/du-beziehung. bricht dieses fundament weg, wird sie von ihrer eignen utopie erschlagen. aufrichten k\u00f6nnen dann erneut nur tr\u00e4ume als abbilder des versagt gebliebenen. und halt gibt allein ein verhei\u00dfungsglaube, der in der poesie leben l\u00e4\u00dft, die das erhoffte immer noch utopisch bewahrt, sogar wenn es real schon abstirbt. einzig das ungelebte, also gelobte, fleisch wirkt so best\u00e4ndig und unzerst\u00f6rbar. andere w\u00fcrden derlei figurationen f\u00fcr die \u00fcberreste vergangener kulturepochen halten und virtuos wie narren damit spielen. birgitt lieberwirth nimmt sie ernst und leitet kultursch\u00f6pfende ambitionen davon ab. man mag dies \u00fcberholt nennen. zu fragen w\u00e4re: wovon? die annahme, die welt bewege sich ohnehin blo\u00df im kreise, scheint mir jedenfalls anachronistischer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">vielfach findet sich bei birgitt lieberwirth das motiv des wassers variiert, das zun\u00e4chst weniger ein dunkles, unergr\u00fcndliches, hinabziehendes, zerst\u00f6rerisches element ist als vielmehr belebend, mitrei\u00dfend, sch\u00f6pferisch, spiegelnd. etliche der gedichte artikulieren in der hinwendung zum flie\u00dfenden das verlangen nach einem gewaltlosen sich l\u00f6sen aus umgrenzungen. flie\u00dfen bedeutet hier, gewordenem das werden entgegenzusetzen. das wasser erscheint als sph\u00e4re des eintauchens ins magische, imagin\u00e4re, phantastische, worin das ich sich gleiten lassen und ausstr\u00f6men kann. beides sind bewegungen der vitalit\u00e4t und des gl\u00fccksempfindens, die sowohl real und gegenw\u00e4rtig als auch fiktiv und utopisch ausgelebt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00e4gyptisch war die nilflut symbol der wiedergeburt. fr\u00fchchristliche autoren verstanden die sintflut als taufe der welt, die sterben und neu geboren auferstehen l\u00e4\u00dft. dem entspricht die befruchtende und lebensspendende wirkung des wassers, das bei thales von milet der ursprung aller dinge ist. manche wasserundflu\u00dfg\u00f6tter waren zugleich fruchtbarkeitsg\u00f6tter, so die der aphrodite \u00e4hnliche persische g\u00f6ttin an\u0101hit\u0101, nach der im persischen der planet venus benannt wurde, oder die nymphen, wesen der gew\u00e4sser, jugend, sch\u00f6nheit und liebe. novalis nannte das wasser das element der liebe und das meer den bereich von freiheit und gleichheit und schrieb: \u00bbwenn der unerf\u00fcllte Trieb in die unerme\u00dfliche H\u00f6he will, so versinkt die gl\u00fcckliche Liebe gern in die endlose Tiefe.\u00ab freilich meinte novalis auch, da\u00df ein wenig jeder flu\u00df der acheron sei.<\/p>\n<p>Der Flu\u00df<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe, so leise flie\u00dft du, wie der Flu\u00df<\/p>\n<p>Durch die Stadt geht, laut nur<\/p>\n<p>am Wasserfall, da stehe ich und rufe<\/p>\n<p>Dir nach, bist du taub<\/p>\n<p>Geworden nach dem Donner<\/p>\n<p>Des Kriegs, aus dem du kamst<\/p>\n<p>Durch die Marschlieder flo\u00df<\/p>\n<p>Dein Blut, Flu\u00df, die Toten trieben<\/p>\n<p>Ans Ufer, blieben<\/p>\n<p>H\u00e4ngen im Gestr\u00fcpp, mit offenen Augen<\/p>\n<p>Sahen sie doch<\/p>\n<p>Nicht mehr die Stadt&#8230;<\/p>\n<p>den Dom auf deinem Sandsteinfelsen, den du umsp\u00fclst<\/p>\n<p>Jahrhunderte<\/p>\n<p>So leise wurdest du, Liebe, weil niemand mehr<\/p>\n<p>Nach dir fragt, du bist da, dunkler Flu\u00df<\/p>\n<p>\u00fcber den sich die Br\u00fccken<\/p>\n<p>Schlagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das gedicht &gt;Der Flu\u00df&lt; vergegenw\u00e4rtigt die liebe im bild des stroms, der die stadt als lebensader und verkehrsweg stetig und harmonisch durchflie\u00dft. doch die liebe wird vom wasserfall, einem donnernden gott\/vater\/krieg, hinweggesp\u00fclt. und das befreiende str\u00f6men erstirbt unter der last der angst, das trauma wiederhole sich, der geliebte, der heroische vater, dessen bild das kind ikonenartig an der wand h\u00e4ngen sah und den die autorin auch verkl\u00e4rt, weil er als todesgestalt, die er objektiv ist, fortgesetzt abzuwehren bleibt, sei abermals nicht oder nur verloren fa\u00dfbar: \u00bbda stehe ich und rufe \/ Dir nach.\u00ab in &gt;Du verlierst mich&lt; lesen wir: \u00bbich falle \/ In den Flu\u00df, ich falle \/ Den Wasserfall, Worte fallen \/ In den Strudel \/ Du verlierst mich &nbsp;&#8230; \u00ab<\/p>\n<p>c.g. jung beschrieb die ambivalenzen des flie\u00dfens so: \u00bbWie die Libido einem best\u00e4ndigen Strome gleicht, der sein Wasser weit in die Welt der Wirklichkeit hineinergie\u00dft, so gleicht der Widerstand, dynamisch betrachtet, nicht etwa einem im Flu\u00dfbett sich erhebenden Felsen, der vom Strom \u00fcber- oder umflutet wird, sondern einem R\u00fcckstr\u00f6men, statt nach der M\u00fcndung, nach der Quelle hin. Ein Teil der Seele will wohl das \u00e4u\u00dfere Objekt, ein anderes aber m\u00f6chte zur\u00fcck nach der subjektiven Welt, wo die luftigen und leicht gebauten Pal\u00e4ste der Phantasie wirken.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tiefer sinke ich aber in den Flu\u00df und lege mich<\/p>\n<p>In die Str\u00f6mung, mein Haar<\/p>\n<p>Ist nur Gras, durch das streift das Wasser<\/p>\n<p>Mit seinen H\u00e4nden, tot bin ich<\/p>\n<p>Noch nicht, doch ich halte den Atem<\/p>\n<p>An, diese Nacht st\u00fcrze ich vom Gel\u00e4nder<\/p>\n<p>In mir zittert der Mond<\/p>\n<p>Findet die Sprache wieder, unter der Br\u00fccke<\/p>\n<p>Treibe ich in den Strudel und kreisele, nur die Stadt<\/p>\n<p>Wirft ihre Lichterschnur nach mir<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das lyrische ich von birgitt lieberwirth setzt sich dem flu\u00df aus, verwandelt sich ihm an und geht in ihm auf. das wasser erscheint vermenschlicht und hat h\u00e4nde. und wenn sie im element nicht findet, was sie darin erhofft, ahmt sie es nach und wird ihm selber \u00e4hnlich. unabl\u00e4ssig bestehen bleibt dabei die spannung zwischen hingabe, haltsuche und ausgeliefertsein. einerseits das sehnende versinken und zum andern, oft unmittelbar darauf, in genauer ambivalenz, der j\u00e4he sturz und harte aufprall, wie in &gt;Triptychon 3&lt;, wo die kontemplative partnerschaft, bei der die grenzen zwischen ich und du zerflie\u00dfen, abrupt und schmerzhaft endet: \u00bbSo finde ich dich \/ In mir, das Blut bist du und gehst \/ Bis ans Ende, in die Fingerkuppen, du \/ Treibst mich, und ich st\u00fcrze \/ Deinen Flu\u00df, Stufe um Stufe schlag ich \/ Auf\u00ab.<\/p>\n<p>zwei weitere gedichte beschreiben den verlust so: \u00bbEinsamer bin ich nicht als im Regen, der l\u00e4uft mir \/ Zwischen den Fingern fort, der tritt zwischen \/ Die Zehen, der rinnt mir \u00fcber den R\u00fccken \/ \u00fcber die Brust, der legt sich auf die Welle \/ Treibt weiter fort, an den Streifen \/ Horizont, den der Dampfer zieht.\u00ab, und noch gesteigert: \u00bbAls ich dich suchte fiel ich \/ Mit dem Regen in die Rinnsale der Stra\u00dfen \/ Flo\u00df in die Schleuse, unterirdisch \/ Zum Flu\u00df, da wurde ich eins \/ Gewaschen mit allen Wassern der Stadt, drehte mich \/ Im Strudel am Br\u00fcckenpfeiler, im Fahrwasser \/ Der Schleppk\u00e4hne lag ich quer \/ Gegen den Strom.\u00ab hier wird aus dem getriebenwerden, das auch ein ertrinken assoziiert, durch die querlage unversehens eine protestgeste.<\/p>\n<p>schlie\u00dflich verwandelt sich das wasser, und darin das subjekt selber, vom medium der sehnsucht in das der trauer um das nicht erreichbare ideal und die damit verbundenen selbstverluste: \u00bbNACH DEM SCHREI \/ Nehme ich mich zur\u00fcck, wie die Meereswelle \/ Weicht, ich hab mich verloren \/ In der Welt, meine F\u00fc\u00dfe tasten \/ Den Weg, meine H\u00e4nde rufen nicht \/ Mehr, in welcher Sprache wache ich \/ Wieder auf, Mund, mit welchem Schweigen \/ Werde ich laut.\u00ab<\/p>\n<p>schrei und schweigen lenken hin zur alternative, im gleichklang, gleichma\u00df und gleichmut des wahrnehmens und erlebens, einem in naturhaften kreisl\u00e4ufen harmonisch, und notfalls auch hermetisch, aufgehobenen dasein geborgen zu sein, das den existenzformen der elemente, hier der gew\u00e4sser und des winds, der den eigenen atem assoziiert, oder von steinen und sand, nachgebildet ist, wobei sich ebenfalls k\u00f6rper und wasser begegnen und ineinander \u00fcberzuflie\u00dfen scheinen: \u00bbNackt liege ich, zwischen den Steinen \/ Schl\u00e4gt die Welle an, geht \u00fcber den Sand \/ Mein Atem &#8230; offen \/ Liegt das Meer mir an den F\u00fc\u00dfen &#8230; Barfu\u00df geht der Wind \u00fcbers Meer, schiebt \/ Das Boot an &#8230; der sichere Steg \/ Schwankt auf und ab mit dem Atem \/ Des Meers &#8230; Einfach liegen, die Sonne tritt \u00fcber \/ Den Leib mir, ich schreibe im Sand \/ Deinen Namen &#8230; Die Welle kommt, die Welle \/ Geht, tritt mir \u00fcber den Fu\u00df, Sand \/ F\u00e4llt mir zwischen die Zehen, f\u00e4llt \/ Zwischen die Finger, zwischen Auge und Lid, Sand knirscht \/ Zwischen den Z\u00e4hnen, zwischen \/ Den Worten.\u00ab<\/p>\n<p>bis in diesen bereits wieder dissonanten ausklang hinein \u00fcbernehmen wasser und sonne eine erotische und erotisierende funktion. denn diese bilder sind wohl weniger metaphorisch als realbildlich zu verstehen. das gl\u00fccksempfinden erscheint hier nicht mehr verfremdet im imagin\u00e4ren, wie wenn man sich eine meeresmuschel ans ohr h\u00e4lt und meint im rauschen, das vom eigenen blut kommt, das rauschen der meere zu h\u00f6ren, sondern in unmittelbar sinnlich erfahrener natur und darin sogar einsam lebbar. das ist vielleicht ein anzeichen f\u00fcr ersch\u00f6pfung und resignation, m\u00f6glicherweise aber zugleich der ansatz zu mehr gelassenheit und ruhe, die allerdings nie lange andauern und bald erneut vitalen aufundausbr\u00fcchen weichen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Winter<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist aber nichts<\/p>\n<p>Das mich h\u00e4lt, nicht der Sturm<\/p>\n<p>Mit seinem Messer aus Eis, der schlitzt den Morgen<\/p>\n<p>Auf, der \u00fcbers Feld kommt, das Auge voll<\/p>\n<p>Licht, es ist aber nichts<\/p>\n<p>Das mich zur\u00fcckh\u00e4lt, ruf nicht<\/p>\n<p>Nach mir aus dem Fenster, aus der aufgerissenen<\/p>\n<p>T\u00fcr, es erreicht mich nicht: Der Einbruch<\/p>\n<p>Der Dunkelheit, nicht der Frost, der wirft mir<\/p>\n<p>Den Rauhreif ins Haar, nicht der Spruch<\/p>\n<p>Der Kr\u00e4he vom kahlen Baum, ich bin<\/p>\n<p>Nicht zu halten, Winter, du machst mich nicht<\/p>\n<p>Kalt mit deiner Stimme, ich f\u00fcrchte dich<\/p>\n<p>Nicht, ich geh, ich geh<\/p>\n<p>\u00fcber das erste Eis auf dem Flu\u00df<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">hier endet der vitale aufoderausbruch mit dem betreten des frisch vereisten flusses, das indes auch dem szenarium eines wassertodes folgen k\u00f6nnte. denn beschrieben wird ein realer und nicht blo\u00df imaginierten wasserspiegel, dessen eisdecke d\u00fcnn ist, wodurch auch im motiv des eises, wie bei dem des wassers, die gefahr ins bild kommt, haltlos, nicht zuletzt durch die eigenen unaufgehobenen energien, hinweggerissen zu werden, was dann als alternative zur glatten fl\u00e4che, unter oder hinter der abgr\u00fcnde lauern, und zum ausgeliefertsein im flie\u00dfen wiederum die selbstrettung durch verkapselung nahelegt, die f\u00fcr die kommunikation, das hei\u00dft zum durchsto\u00dfen der sch\u00fctzenden gl\u00e4ser, w\u00e4nde, h\u00fcllen und h\u00e4ute, allein das schauen, rufen, klopfen und funken l\u00e4\u00dft. sieht man das eis als einen spiegel, so mag dieser freilich den anschein erwecken, die eigne gestalt sei darin, wom\u00f6glich sogar zusammen mit den fiktionen, aufgehoben und bewahrt. \u00bbIm Brunnen bin ich, Wasser tropft \/ von der Wand, Schall steigt, ich rufe \/ Nicht, ich halte im Auge mein blaues Licht.\u00ab hei\u00dft es an anderer stelle. der brunnen, ein symbol des mutterk\u00f6rpers, ist auch als eingang in die unterwelt gedacht worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das ich der birgitt lieberwirth sucht unabl\u00e4ssig weiter nach verk\u00f6rperungen des erhofften und geht darin auf. in &gt;Wahn-Sinn&lt; lesen wir: \u00bb\u00fcber die Rundb\u00f6gen der Gr\u00e4ser \/ Die sich \u00fcber alle Zeit beugen, die das Vergessen \/ Tragen, ging ich dich suchen, und fiel \/ Auf die nackte Erde, begann mich aufzugraben, fand \/ Dich unter den Toten, dein Grab \/ In meinem Leib, starb auch und legte mich \/ Zu dir \/ Unter der Erde sind wir eins, wenn der Morgen \/ Dich gebiert, wenn die Nacht mich freil\u00e4\u00dft \/ In deinen Arm, in mein Wort ging ich \/ L\u00e4ngst.\u00ab der geliebte wird im grab, das zugleich der eigene k\u00f6rper ist und umgekehrt, gesucht und gefunden, so da\u00df da heraus durch selbstaufopferung und zuspruch seine wiedergeburt m\u00f6glich scheint, eine mythische fiktion, vom eignen wort vollendet. das gedicht schlie\u00dft mit dem verzweifelten anruf: \u00bbGeh Gedicht, leuchte Gedicht, werde gro\u00df \/ Wie ein Gebirge, stehe am Horizont, eine Bergkette \/ Sei uns, Aussicht.\u00ab eine andere, damit korrespondierende, passage lautet: \u00bbMit meinem Wort steig ich, mit meinem Wort \/ Fall ich, die Kerze in der Hand und gebe \/ Lichtzeichen, versteh mich mein lieber \/ Mein naher Mensch, nicht sch\u00f6n genug \/ Ist mein Gedicht.\u00ab dem eigenen sprechen werden beschw\u00f6rende und errettende, das verlorene wiedererweckende und das unerreichbare heranholende, also letztlich \u00fcbermenschliche kr\u00e4fte und wirkungen abverlangt, ja man hat das gef\u00fchl, die sprache soll den geliebten nicht nur herbeirufen, sondern sich selber mit ihm vereinen. die lyrik von birgitt lieberwirth formiert individualmagie, die auch religi\u00f6se interpretationen erlaubt, sofern man religion nicht auf einen kirchenglauben reduziert, sondern \u00fcbergreifend ideell und utopisch versteht. manche der gedichte erinnern an texte christlicher, j\u00fcdischer oder islamischer mystiker, die sich an gott oder den g\u00f6ttlichen geliebten richteten, in dem sie aufgehen wollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">w\u00fcrde das erwartete indes real erscheinen, k\u00e4me es unweigerlich in konflikt mit den phantomen der liebe. das gew\u00fcnschte darf, soll es im gedicht erhalten bleiben, gerade nicht wirklich und der phantasieraum nicht verlassen werden. die situation des ich mu\u00df, um nicht der nivellierenden melancholie einer partiellen oder tempor\u00e4ren erf\u00fcllung zu verfallen, objektiv und real ausweglos bleiben, damit es subjektiv und fiktiv umso gl\u00fccklicher auflebt. wem alles fehlt, der darf auf alles hoffen. jenseits des lebens bleibt die substanz. was profan versiegt, kann metaphysisch, auferstehn. das leben wird zum ritual. man spielt seine rolle und wei\u00df insgeheim, es endet tragisch. und zuletzt entsteht selbst daraus noch ein neuer mythos: allein der oder die gestrandete, ausgesto\u00dfene, geschlagene, deklassierte sei in dieser welt mit sich selbst identisch und somit annehmbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das ich ist im verkapselten, in dem es sich hingibt und zu fassen versucht, geborgen und gefangen, wie die zelle verlies und kapelle, gruft und wabe, bunker und palast, doch auch keim, aus dem sich die substanz zum leben erneuern kann. w\u00e4re vielleicht der leuchtturm der ideale wohnort, in den sich das ich, wenn das ersehnte nicht erreichbar ist, zur\u00fcckziehen und worin es der mitwelt auge und mund sein, also leuchten und funken k\u00f6nnte? das sehen ginge so in lichtzeichen \u00fcber, notsignalen folgten wegweiser. in mythen und religionen verbindet der turm erde und himmel, profane und heilige sph\u00e4re. auf fr\u00fchchristlichen grabsteinen war der leuchtturm sinnbild des himmlischen hafens. die im turm lebende m\u00e4rchenfigur rapunzel singt wegen ihrer einsamkeit. und weil der turm keine \u00f6ffnung hat. auch das wasserglas, die andere kapsel, darf nicht ge\u00f6ffnet werden, da es sonst ausliefe wie der stoff zum leben bei einem aufgeschlagenen ei. das ich kann das gef\u00e4\u00df nur in sich zum meer erweitern, wie in der au\u00dfenwelt die k\u00fcche zum kosmos. im turm w\u00e4r es zudem, auf symbolischer ebene, in einem phallussymbol und h\u00e4tte das organ der zeugung einer haut gleich um sich, was zugleich den r\u00fcckzug hinters gezeugtwordensein assoziiert, womit auch der vater aufgehoben w\u00e4re. in seiner form lie\u00dfe sich der turm \u00fcberdies als gebilde der pflanzenwelt mit stengel und bl\u00fcte empfinden und bek\u00e4me derart etwas vegetarisches. andererseits sollte man sich im leben auch von seinen entwirklichungen immer wieder entwirklichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die autorin zeigt sich uns als gezeichnete und zerrissene, zwischen verzweifeltem schrei und \u00fcbersteigertem pathos, exzentrischem aufbruch und r\u00fcckzug ins utopische. und l\u00e4\u00dft uns damit fragen, wie wir auf verletzte menschen reagieren, distanziert, was auch der fall w\u00e4re, wenn wir ihnen blo\u00df als objekte unseres mitleids begegneten, oder durch das einf\u00fchlende kontaktnehmen mit der, immer widerspr\u00fcchlichen, subjektivit\u00e4t des jeweils andern, womit diese gedichte als das zu begreifen w\u00e4ren, was sie zuallererst sind: medium, vorgang und resultat der trauerarbeit und versuchten selbstheilung und derart spiegelbilder des menschlichen seelenraums, die nicht verleugnen, da\u00df psychische und seelische reaktionen, auch wo sie verselbst\u00e4ndigt wirken, von erfahrungen der au\u00dfenwelt gepr\u00e4gt wurden, an diese gebunden bleiben und auf sie zur\u00fcck wirken. birgitt lieberwirth geh\u00f6rt zu jenen lyrikern aus ddr-zeiten, die gerade wegen ihres idealismus weiterwirkend etwas konstruktiv beunruhigendes behalten k\u00f6nnten, sofern sie denn k\u00fcnftig wahrgenommen und nicht allein historisch, und damit wie etwas totes, betrachtet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">1991, \u00fcberarbeitet 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>oder der kosmos in der k\u00fcche zur lyrik von birgitt lieberwirth &nbsp; Ich will die Dinge durch \/ meinen Geist beleuchten \/ und den Widerschein auf den fremden Geist fallen lassen. 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