{"id":15175,"date":"2013-06-10T00:52:13","date_gmt":"2013-06-09T22:52:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175"},"modified":"2022-02-23T13:44:22","modified_gmt":"2022-02-23T12:44:22","slug":"die-motive-des-grabers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/10\/die-motive-des-grabers\/","title":{"rendered":"die motive des gr\u00e4bers"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">zur lyrik und prosa von andr\u00e9 schinkel<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn sich in texten von andr\u00e9 schinkel, der neben der literaturgeschichte pr\u00e4historische arch\u00e4ologie studierte, auch arch\u00e4ologische motive finden, so wirft das die frage auf, was den dichter in ihm mit dem arch\u00e4ologen verbindet. ich denke, einiges: die suche nach urspr\u00fcngen; ein ideeller anspruch, der ihn gegenst\u00e4nde und zeichen konzentriert behutsam wenden und dabei, im betrachten, wandeln l\u00e4\u00dft, und zwar nicht mittels einer einfachen drehung, die blo\u00df oberfl\u00e4chen und seiten wechselt, sondern bis das substantielle darin und daran aufscheint und anklingt und seine konturen und nuancen freigibt; die erfahrung, da\u00df bruchst\u00fccke, scherben wie metaphern, etwas ganzes enthalten und bedeuten k\u00f6nnen und man zugleich \u00fcber das gefundene nie alles wei\u00df, das hei\u00dft geheimnisse bleiben, die ahnungen freisetzen und phantasie entwickeln lassen; die techniken der montage, die der kreative umgang damit verlangt; die erkenntnis, da\u00df wir als menschen ebenfalls bruchst\u00fccke unter anderen und fragmente unserer selbst sind und die kunst, zerbrochenes stets neu zu f\u00fcgen, realistischer ist als man gemeinhin glaubt. in den br\u00fcchen aber wohnt der traum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">walter benjamin verglich die seelische erinnerungsarbeit mit der sch\u00fcrfarbeit eines arch\u00e4ologen. paul virilio, der geschwindigkeitswahrnehmungsundentwirklichungsanalytiker, meinte in &gt;Der negative Horizont \/ Bewegung, Geschwindigkeit, Beschleunigung&lt;: \u00bbIch fand immer, da\u00df das Gesichtsfeld mit dem Ausgrabungsplatz des Arch\u00e4ologen vergleichbar ist. Sehen hei\u00dft, in Erwartung dessen, was im Hintergrund auftauchen wird und namenlos ist, auf der Lauer zu liegen, in Erwartung dessen, was keinen Reiz darstellt; was schweigt, wird sprechen, was verschlossen ist, wird sich \u00f6ffnen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die arch\u00e4ologischen r\u00fcckgriffe andr\u00e9 schinkels verweisen auch auf, teils offenbar traumatische, erfahrungen der kindheit, die er durch verfremdung verarbeitet. indem die erdkruste der eigenen haut entspricht, unter der das seelenleben stattfindet, k\u00f6nnen ausgegrabene scherben und knochen zu symbolen der innenwelterfahrung werden. der literarische text formiert dann \u00fcber der erde, oder auf der grenze dazu, wieder zur ganzheit einer bildfindung, was unter der erde nur noch bruchst\u00fcckhaft und fossiliert liegt. zugleich lagern versch\u00fcttete versprechen unter erde und haut, in &gt;Nachhall (Fragmente)&lt; hinter der \u00bbMegalithik der Verletztheit\u00ab. darin bleibt die kindheit, kinder sind das naturvolk jeder gegenwart, als das verhei\u00dfende zeitalter des einzelnen menschen bewahrt. \u00bbWer das Reich Gottes nicht empf\u00e4ngt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.\u00ab postuliert das &gt;Neue Testament&lt;. altersweise kunst greift h\u00e4ufig auf erlebnisweisen der kindheit zur\u00fcck, wie wenn das leben dazwischen nur ein durchgangstor, eine pforte ins erkennen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">heraklit schrieb \u00fcber apollon, den orakelgott von delphi: \u00bbDer Herr, dem das Orakel in Delphi geh\u00f6rt, erkl\u00e4rt nicht, verbirgt nicht, sondern deutet an.\u00ab gleiches tun gedichte. griechische orakelst\u00e4tten, die urspr\u00fcnglich teilweise der erdg\u00f6ttin gaia geweiht waren, lagen oft direkt an der grenze zur erde, also zwischen oberwelt und unterwelt, so an erdspalten, h\u00f6hlen, brunnen und quellen. unter der erde vermutete man das wissen, \u00fcber das die seelen der toten verf\u00fcgten. odysseus und aeneas mu\u00dften in die unterwelt hinabsteigen, um prophetische ausk\u00fcnfte zu erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">thomas mann sagte in seinem vortrag &gt;Freud und die Zukunft&lt; von 1936 zum 80. geburtstag sigmund freuds: \u00bbIn der Wortverbindung &#8222;Tiefenpsychologie&#8220; hat &#8222;Tiefe&#8220; auch zeitlichen Sinn: die Urgr\u00fcnde der Menschenseele sind zugleich auch <em>Urzeit<\/em>, jene Brunnentiefe der Zeiten, wo der Mythos zu Hause ist und die Urnormen, Urformen des Lebens gr\u00fcndet.\u00ab, und: \u00bbim Leben der Menschheit stellt das Mythische zwar eine fr\u00fche und primitive Stufe dar, im Leben des Einzelnen aber eine sp\u00e4te und reife.\u00ab freud nannte gl\u00fcck die nachtr\u00e4gliche erf\u00fcllung eines pr\u00e4historischen wunsches. otto rank zitierte in &gt;Das Trauma der Geburt&lt; freuds beobachtung, \u00bbda\u00df die sogenannten &#8222;autobiographischen Tr\u00e4ume&#8220; in der Regel von r\u00fcckw\u00e4rts nach vorn zu lesen sind (d.h. wunschgem\u00e4\u00df mit dem Intrauterinzustand enden).\u00ab \u00bbIm Reich der absoluten Imagination wird man erst sehr sp\u00e4t jung.\u00ab schrieb gaston bachelard (&gt;Poetik des Raumes&lt;). ebenso werden seelisch verletzte menschen nur langsam wieder jung, und allein durch liebe. die meisten h\u00e4lt freilich das leben von tiefen ab, die sie erreichen k\u00f6nnten. je weiter entfernt und unerreichbarer die eigene kindheit indes scheint oder wirklich ist, umso magischer wirkt sie. alles heraufholen und erwecken aber korrespondiert mit auferstehungsmysterien, die stets projektionen des seelenlebens waren. und die seele eines dichters, der sich selber initiiert, auch indem er die verlorene kreativit\u00e4t des kindes wieder ausgr\u00e4bt, kann wohl wirklich auferstehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">heiner m\u00fcller sagte einmal: \u00bbPsychoanalyse ist das Gegenteil von Kunst. Kunst kann als Flucht vor der Selbstanalyse beschrieben werden. Wenn ich wei\u00df, wer ich bin, habe ich keinen Grund mehr, zu existieren, weiterzumachen, zu schreiben oder sonst etwas zu tun.\u00ab (&gt;Traumtexte&lt;). manche psychoanalytiker sehen in der symbolischen verdichtung, die im vision\u00e4ren leben l\u00e4\u00dft, bilder f\u00fcr verborgene wirklichkeiten, permanente verwandlungen, flie\u00dfende \u00fcberg\u00e4nge und mischgestalten schafft sowie kausale raumundzeitbez\u00fcge aufsprengt, eine regression, die sie durch erkl\u00e4rung aufzul\u00f6sen versuchen. was sie regressiv nennen und \u00fcberwinden wollen, kann jedoch teil eines kreativen prozesses sein, und damit ein ursprung der kunst. der k\u00fcnstler, der in seiner kunst nicht aus seinem traumspiel ohne ende, das ihn heilt, herausgerissen werden mu\u00df, verfremdet und vertieft paradoxe erfahrungswelten wie traumgebilde weiter, wo der psychoanalytiker sie zerlegt und aufl\u00f6st. kreativit\u00e4t, die das scheinbar unvereinbare verbindet und verschmilzt, lebt von \u00fcbertragungen und verfremdungen. eine abt\u00f6tung der f\u00e4higkeit zur projektion w\u00fcrde viele stumpfsinnig machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">gleichwohl bleibt das existentielle erinnern eine gratwanderung, etwa aufgrund der tatsache, da\u00df bei der suche nach prim\u00e4rem, die unter umst\u00e4nden auch todessehnsucht als variante der entspannung von gegenw\u00e4rtig bedr\u00e4ngendem einschlie\u00dft, oft die sublimierung leidet, und der sublimierte. au\u00dferdem f\u00fchlt sich der mensch, der die gegenwelt des unbewu\u00dften betreten hat, danach in seinem angestammten \u00e4u\u00dferen umfeld h\u00e4ufig umso heimatloser, w\u00e4hrend umgekehrt mancher dem phantastischen gegen\u00fcber f\u00fcrchtet, sein ich zu verlieren, da der ansturm der visionen offenbart, wie stabil oder labil ein seelischer kern ist. in der romantik meinte das wort phantastisch auch todesn\u00e4he. die st\u00e4ndig n\u00f6tige \u00fcberwindung sich verh\u00e4rtender konventionen hingegen verlangt auch die r\u00fcckkehr zu urspr\u00fcngen, individuellen wie kulturhistorischen, die nicht zwangsl\u00e4ufig regressiv sein mu\u00df, sondern sensibilit\u00e4t f\u00fcrs gewachsene schulen, wachheit gegen\u00fcber abgedr\u00e4ngtem, versch\u00fcttetem und unerf\u00fclltem bewahren und trennungen von verlorenem aufzuheben vermag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wer menschen und menschenwerk ausgr\u00e4bt, begreift ihr gewordensein und vergehen, die kreisl\u00e4ufe, umbr\u00fcche, abrisse, tr\u00fcmmer, splitter und narben im fleisch der geschichte. und er kann, indem er einen \u00fcberhistorischen blick entwickelt, der ihn aus dem kontinuum der zeit und den sichtweisen der gegenwart, dem hauswart der wirklichkeit, ja der identit\u00e4t der eigenen person, heraustreten l\u00e4\u00dft, auch aktuelle zust\u00e4nde und prozesse arch\u00e4ologisch, oder ethnologisch, wie einer fremden kultur zugeh\u00f6rig, erkunden. andr\u00e9\u00a0 schinkel, f\u00fcr den die erde, in der er gr\u00e4bt, gleichzeitig gegenw\u00e4rtig und vergangen ist, sucht in einer welt, die permanent kultur zum ornament verflacht, die scherben fr\u00fcherer kulturen und darin eigene urspr\u00fcnge, um sein werden zu begreifen. unser autor, in dessen texten sich seelenbewegungen oft durch erstarrte au\u00dfenwelten graben, die sie zu durchdringen suchen, scheint aus einer kultur zu stammen, die schon im entstehen aus ger\u00f6ll und schorf bestand. zugleich ist er, mit dem gef\u00fchl, da\u00df er selber das ausgegrabene sein k\u00f6nne, l\u00e4ngst vertraut, da er seinen funden auch in sich begegnet, und poesie lebt ja gerade von solchen verschmelzungen des subjekts mit seinen gegenst\u00e4nden, ein zur\u00fcckblickender chirurg und therapeut, der zerbrochenes zusammenf\u00fcgen und ruiniertes retten will, also utopisch veranlagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mit den arch\u00e4ologischen motiven korrespondieren solche des todes und der geburt. wirkt da ein geburtstrauma nach, zumal eines ideeller art, des geworfenseins in eine verkehrte welt? oder gr\u00e4bt nach totem, wer ahnt, dies sei das beste material eines jeden aufbruchs, und ein besseres w\u00e4re nur das chaos, in dem noch nichts verloren und damit alles, seiner substanz nach, ganz war? ein pyramidentext umschreibt die zeit des chaos mit \u00bbals die Menschen noch nicht entstanden waren, als die G\u00f6tter noch nicht geboren worden waren, als (selbst) der Tod noch nicht entstanden war.\u00ab das entspricht der alt\u00e4gyptischen vorstellung, da\u00df die auferstehung einer r\u00fcckkehr an den anfang der welt gleichkommt. kreative erneuerungen verlangen r\u00fcckgriffe. folglich enth\u00e4lt der entstehungsproze\u00df der kunst f\u00fcr einen k\u00fcnstler immer auch, bewu\u00dft oder unbewu\u00dft, die erfahrung eines wiedergeb\u00e4rens, das lebenslang andauert. geborenwerden allein gen\u00fcgt nicht. der mensch, und zumal der sch\u00f6pferische, mu\u00df sich permanent selbst geb\u00e4ren. \u00bbH\u00f6rt die Geburt auf, h\u00f6rt das Leben auf. Tragisch ist, dass viele sterben, ehe sie geboren wurden.\u00ab konstatierte erich fromm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bei philosophen, mystikern, dichtern und k\u00fcnstlern ist das motiv der geistigen, metaphysischen, literarischen und k\u00fcnstlerischen selbstgeburt oft mit dem der auferstehung verbunden, die jedes originelle werk verlangt. c.g. jung schrieb in &gt;Symbole der Wandlung \/ Analyse des Vorspiels zu einer Schizophrenie&lt;: \u00bbSelbstbebr\u00fctung, Selbstkasteiung und Introversion sind nah zusammenh\u00e4ngende Begriffe. Die Vertiefung in sich selbst (Introversion) ist ein Eingehen in das Unbewu\u00dfte und zugleich Askese. Aus dieser Handlung entsteht f\u00fcr die Philosophie der Br\u00e2hmanas die Welt, f\u00fcr die Mystiker die Erneuerung und geistige Wiedergeburt des Individuums, das in eine neue geistige Welt geboren wird.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bei andr\u00e9 schinkel, der das erdreich mitunter sogar geschlechtlich auffa\u00dft, gibt es die arch\u00e4ologisch betrachtete geliebte und den erotischen akt der ausgrabung. eine \u00e4hnliche einf\u00fchlung in einen arch\u00e4ologischen fund findet sich in seamus heaneys gedicht &gt;Moork\u00f6nigin&lt;: \u00bbMein Zopf, die d\u00fcnne \/ schleimige Nabelschnur \/ des Moors, wurde durchtrennt, \/\/ und ich stieg aus dem Dunkel \/ mit zerhauenen Knochen, Sch\u00e4delschmuck, \/ zerfallner Stickerei, Troddeln, \/ fein schimmernd auf dem Erdwall.\u00ab die beschreibung eines moorm\u00e4dchens in heaneys gedicht &gt;Seltsame Frucht&lt; wiederum, \u00bbMan l\u00f6ste sanft den nassen Farn des Haars \/ Und stellte sie zur Schau mit ihren Locken, \/ Lie\u00df Luft an ihre lederfeste Sch\u00f6nheit.\u00ab, l\u00e4\u00dft gottfried benns fr\u00fche gedichte &gt;Sch\u00f6ne Jugend&lt; oder &gt;Kleine Aster&lt; assoziieren. manche alchemisten haben versucht, die verschmelzung der metalle durch einen parallelen liebesakt zu bef\u00f6rdern. schlie\u00dflich lebt auch die welt der liebe von imaginationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd ich tr\u00e4ume mir Gletscher, die mich umschlie\u00dfen, da\u00df ich bewahrt sei. Und in diese Erstarrung hinein kann ich mich kr\u00fcmmen und w\u00e4hne mich nicht mehr ersp\u00e4hbar und hocke und warte.\u00ab lesen wir bei andr\u00e9 schinkel (&gt;Monolog XII&lt;). dieses gletscherbild erinnert an die auferstehungsverhei\u00dfende embryonalstellung des toten in der sakralbehausung pyramide, \u00bbder darauf wartet, durch magische Kraft in seinen Tod hinein, zum lebenden Tod begeistet zu werden.\u00ab (ernst bloch &gt;Das Prinzip Hoffnung&lt;). \u00bbIch bin ein Kind: wer au\u00dfer mir \/ Sp\u00e4ht aus dem klobigen Dolmentor?\u00ab hei\u00dfts in &gt;Amergins Lied&lt; (robert von ranke-graves &gt;Die wei\u00dfe G\u00f6ttin \/ Sprache des Mythos&lt;) aus der irischen \u00fcberlieferung. auch die gegenwelten der poesie sind anderswelten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">eigentlich bedeutet jedes verwandeln und grenz\u00fcberschreiten geb\u00e4ren. und jede schwellensituation verweist auf zeugung, geburt und tod. alle wirklichen magier, seher, mystiker, dichter haben das gewu\u00dft. und wenn jemand eine solche erkenntnis bereits jung verinnerlicht hat, kann er noch ganz andere erfahrungen machen. denn er wird ja weiter r\u00e4ume entgrenzen, sich darin entwickeln und damit entweder\/oder-prinzipien untergraben und \u00fcbersteigen. wer die seele sucht, findet keine festen grenzen und kein ende, sondern labyrinthe und ambivalenzen. je tiefer man ins innere der seele schaut, umso dunkler wird es zun\u00e4chst. wer dann noch sehen will, braucht das eigene innere licht. andr\u00e9 schinkel zweifelt ohnehin an allzu linearen denkweisen. und solcher zweifel erleichtert tolerenz. indem er gerade auch im toten, das gemeinhin nur als anti-leben gilt, lebendiges entdeckt, das hei\u00dft mehr befleischt denn skelettiert, vielleicht weil fr\u00fche verwundungen in ihm lebenspotenz besch\u00e4digt und eingefroren haben, l\u00e4\u00dft der ideell durchlebte tod profane abh\u00e4ngigkeiten abwerfen und macht so, in sch\u00f6pferische energie verwandelt, frei f\u00fcr alternativen jenseits des herrschenden realit\u00e4tsprinzips, das haupts\u00e4chlich an zeitbegriffe gebunden ist, w\u00e4hrend sich die totenwelt, das lustprinzip und die kunst st\u00e4rker mit raumvorstellungen verbinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">man k\u00f6nnte fragen, ob das todesmotiv todesangst oder todessehnsucht bezeichnet. doch das w\u00e4re zu eindimensional gedacht. wer todeswelten imaginiert, mu\u00df kein toter werden wollen oder gar schon sein. allerdings bringen uns jede tiefe und jede intensit\u00e4t dem tod n\u00e4her. die verwundete seele greift h\u00e4ufig nach der todesmetaphorik. und jede wunde nimmt ein st\u00fcck unschuld. allein der tod heilt alle wunden. und am ende wissen wirklich nur die toten, wieviel man beleben kann. \u00bbSo ist das Wort <em>Leichnam <\/em>ohne Zweifel das Zauberwort, mit dem der Tote in ganz bestimmter Hinsicht bezeichnet wird. Ihm entspricht das r\u00f6mische <em>Imago<\/em> als das zauberhafte Lebensbild, das sich im Schreine des K\u00f6rpers verbirgt.\u00ab schrieb ernst j\u00fcnger in &gt;Das abenteuerliche Herz&lt;. die \u00e4gypter nannten das totenreich schetit=die geheimnisvolle. die &gt;Unterweltsb\u00fccher&lt; setzten leichnam und geheimnis gleich. in der romantik meinte das wort phantastisch auch todesn\u00e4he. der imagination wird das grab zur passage in den innenraum. sie l\u00e4\u00dft im toten das ungeahnte, also ahnbare, wittern. aufbl\u00fchen und verwelken, lieben und sterben, glut und frost, ekstase und askese sind ihr jeweils verwandte kr\u00e4fte, ereignisse und prozesse, auspr\u00e4gungen derselben energien. heute gilt schnell als dekadent, oder nekrophil, wer in matriarchal gepr\u00e4gten bildern spricht, w\u00e4hrend es andererseits ein beitrag zum zerfall unhaltbarer zust\u00e4nde sein kann, morbidit\u00e4t zu bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">andr\u00e9 schinkels trauer zeugt auch leuchtende bilder. hinterm durchlittenen scheint kristallines auf. er spricht vom \u00bbschweigen der kummer-smaragde\u00ab, das irisiert (&gt;ballungen, verluste der kindheit, gestammel&lt;). wer sp\u00fcrt, da\u00df der tod die radikalste aller gegenwelten ist, und damit der urgrund der phantasie, die nichts so herausgefordert hat wie das unsichtbar gewordene tote und das noch nicht geborene oder nicht lebbare leben, braucht keine angst davor oder sehnsucht danach. er belebt diese welt, die traurig macht und kreativ, bis das imaginierte die trauer \u00fcbertrifft. \u00e4hnlich haben es ganze v\u00f6lker und kulturen getan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">tod, auferstehung, imagination und utopie gehen vielfach ineinander \u00fcber. viele phantasiereiche, das paradies inbegriffen, waren urspr\u00fcnglich todesreiche. die todesundauferstehungssymbolik ist eine der grundideen mythischen, religi\u00f6sen und utopischen, und damit ideellen, denkens und empfindens \u00fcberhaupt. todesgedanken bei dichtern sind oft auferstehungsgedanken und apokalyptische visionen der umgekehrte ausdruck eines, bewu\u00dften oder unbewu\u00dften, verlangens nach einer besseren gegenw\u00e4rtigen und realen welt, ihrer utopien, ihres kulturidealismus und glaubens. utopien halten ungelebtes lebendig. was profan versiegt, kann metaphorisch auferstehn. die erscheinungsformen haben sich ge\u00e4ndert, der anspruch bleibt. utopien, die nicht rational erhalten bleiben, leben im irrationalen weiter. und je weniger wir utopisches positiv fassen, umso mehr mu\u00df es entweder verflachen oder apokalyptisch formuliert werden. \u00bbVerbrennen musst du dich wollen in der eignen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!\u00ab sagt zarathustra bei nietzsche, und \u00bbIch liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hin\u00fcbergehenden.\u00ab freilich meint dies ein seelisches, fiktives, symbolisches sterben und auferstehen. die \u00fcberg\u00e4nge zum realen jedoch bleiben flie\u00dfend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die besten seher sind die toten. abgeschlagene k\u00f6pfe besitzen h\u00e4ufig prophetische gaben. vom irdischen leben befreit, sehen sie das der lebenden umso genauer voraus, neigen freilich auch zum kannibalismus, da sie nach fleisch d\u00fcrsten, nachdem sie ihr eigenes verloren haben. \u00bbWof\u00fcr die Gestorbenen keine Worte fanden, solange sie lebten, \/ Das k\u00f6nnen sie dir sagen, da sie tot sind: Die Toten sprechen \/ Mit feurigen Zungen jenseits der Lebenden Sprache.\u00ab hei\u00dfts bei t.s. eliot (&gt;Gesammelte Gedichte&lt;). wer zuviel durchschaut, ist oft bereits tot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">substanz kommt aus dem verlust. wunden der seele verwurzeln die kunst in der tiefe. h\u00e4ufig kompensiert die kunst das verlorene, verletzte und nicht gelebte leben des k\u00fcnstlers, der sich in seiner kunst vor allem vom eigenen, meist verwundeten, seelenfleisch n\u00e4hrt, das ihm derart verspeist wie in einem magischen kessel immer wieder nachw\u00e4chst. der fr\u00fche tod vieler k\u00fcnstler deutet, sofern sie nicht mehr noch durch ihre lebensverh\u00e4ltnisse, und insbesondere das unverst\u00e4ndnis der zeitgenossen ihrer kunst gegen\u00fcber, zugrunde gerichtet wurden, auf kreative selbstverzehrung. ezra pounds &gt;Pisaner Cantos&lt; wurde eine dichtung nach dem tod genannt. aber schreiben nicht alle wirklichen dichter eigentlich erst nach ihrem tod? bliebe das leben nicht hinter der kreativen konsequenz der kunst zur\u00fcck, die stra\u00dfen w\u00e4ren gepflastert mit knochen. andererseits ist der tod nur so lange eine gr\u00f6\u00dfenphantasie, wie man ihn nicht selbst erlebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">gegenw\u00e4rtig scheint humaner umgang mit tod und totem geboten, wo feindbilddenken, das keineswegs verschwunden ist, seine gegner behandelt, als w\u00e4ren sie anti-leben, das bek\u00e4mpft oder gar vernichtet werden m\u00fcsse. ein integrierendes, und nicht ausgrenzendes, verh\u00e4ltnis zum tod, das die dinge und menschen ehrt, gerade weil sie vergehen, also gef\u00e4hrdet sind, kann daher lebensbewahrend wirken. ich wei\u00df, ich rede von einem paradoxen humanismus. doch das wird k\u00fcnftig der einzig lebbare sein. alle klaren weltbilder haben versagt oder werden noch versagen. \u00fcbergro\u00dfe klarheit im denken verhindert eher einen wachen blick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">andr\u00e9 schinkel, den die zerborstenheiten der wirklichkeit nicht verh\u00e4rten, da er ihnen behutsam begegnet und sie zu verstehen versucht, indem er mehr dem warmen prinzip der vermischung denn dem kalten der grenzziehung folgt, wei\u00df um die begrenzten und verformten leben der meisten, und will dennoch seine hoffnung auf die heilende kraft der lebensenergien nicht aufgeben. zugleich sieht er, da\u00df das, was gl\u00fcck, genu\u00df, spa\u00df hei\u00dft, zu gro\u00dfen teilen phantasmagorien einer kultiviert entfremdeten wirklichkeit entspricht, die sich technokratisch vorantreibt und zugleich trivialmythisch beruhigt und dabei viele menschen am leben h\u00e4lt, deren illusionsgespeiste erlebniswelt letzten endes nur die vorwegnahme des todes im leben ist. m\u00f6glicherweise bewahrt in der verweigerung einer manipulierten gl\u00fccksverhei\u00dfung eine warme trauer vor zynischer indifferenz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wir finden bei andr\u00e9 schinkel ein vitales traurigsein, das sinnlichkeit und schwermut verbindet und vermischt. er bewegt sich, indem viele seiner bilder und gedanken, die um dunkles, abgr\u00fcndiges, zerfallenes und erstarrtes kreisen, pulsierend hervorbrechen, ein feuerelement, denn sie wachsen wie flammen, die sonne des ursprungs ist der k\u00f6rper der mutter, durchaus impulsiv im eignen material, w\u00e4hrend er die darin aufscheinende welt auch n\u00fcchtern reflexiv betrachtet und unsichtbar gewordenes und werdendes als schatten des verrauchten lichts bedenkt. seine tr\u00e4ume seien schatten von k\u00f6rpern, schreibt er. indem seine bildwelten abgesunkenes, unterschwelliges, r\u00e4tselhaftes und unbestimmtes heraufholen, sind sie aber auch k\u00f6rper von schatten. marleen stoessel schrieb in &gt;Aura \/ Das vergessene Menschliche \/ Zu Sprache und Erfahrung bei Walter Benjamin&lt;: \u00bbDie Aura des erz\u00e4hlten Traums ist, was von ihm als Schatten bleibt. Poesie ist der erz\u00e4hlte Traum, an ihr haftet als Aura der wirkliche Traum, Aura ist ihr wesentlich. Verf\u00e4llt die Aura, der Schatten des Traums, so verf\u00e4llt auch die Sprache der Poesie.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die symbolische vertiefung und sublimierung braucht die metaphysische, \u00fcberreale, gegenweltliche und zeitlose dimension, die entsteht, indem der kreative proze\u00df pforten zwischen unbewu\u00dftem und bewu\u00dftem \u00f6ffnet und so tiefenschichten f\u00fcr den literarischen text zug\u00e4nglich und produktiv macht. kreativit\u00e4t setzt daher die aufhebung und transformation des irdischen, realen, profanen, allt\u00e4glichen voraus. symbolisch ist, was sich anders nicht beschreiben l\u00e4\u00dft. symbole verk\u00f6rpern h\u00e4ufig etwas unbewu\u00dftes, das wir, da es sich begrifflichem denken entzieht, anders als durch bilder kaum fassen. die magische topographie der seele bewohnen tiere, pflanzen und gesteine, vorzugsweise solche, die wir aus der realwelt der gegenwart nicht kennen. und sie k\u00f6nnen mit dem unabgestumpften erstaunen, erschaudern und ersch\u00fcttertsein eines kindes wahrgenommen werden, das im innersten \u00fcberlebt und das gesp\u00fcr f\u00fcr urzeitliche motive bewahrt hat. gerade was fern und fremd wirkt, kommt vielfach aus dem untergrund der innenwelt, die einem kosmisch durchpulsten universum gleicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wer literatur verstehen will, braucht ein gesp\u00fcr daf\u00fcr, wie sie entsteht. und werdendes kann oft nicht gewu\u00dft, sondern allenfalls geahnt werden. die blo\u00dfe deutung von handlungen, figuren und symbolen ist weniger als der halbe weg. das mag uneingeweihten, die blo\u00df nach anschaulich greifbarem und plastisch verk\u00f6rpertem suchen, das verst\u00e4ndnis erschweren, weil sie hier selten eindeutiges, mithin bereinigtes, findet, das gesicherten halt gibt und bekannte denks\u00e4tze best\u00e4tigt. doch wer sagt denn, da\u00df b\u00fccher schwerer zu begreifen seien als das leben. das erkunden der lyrik und prosa von andr\u00e9 schinkel verlangt kaum weniger phantasie als ihr schreiben, im gegenteil, der leser mu\u00df sich in einen jeweiligen poetischen mikrokosmos einf\u00fchlen und hineindenken, von dem der autor beim schreiben, als akteur und zeuge seiner motivwelt, der er sich anverwandelt, nicht selten selber staunend \u00fcberrascht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die bewegung aus dem unergr\u00fcndlichen hinauf sei kunst, notierte walter benjamin im &gt;Passagen-Werk&lt;. in &gt;\u00dcber einige Motive bei Baudelaire&lt; hei\u00dft es: \u00bbDie besondere Sch\u00f6nheit sovieler baudelairescher Gedichtanf\u00e4nge ist: das Auftauchen aus dem Abgrunde.\u00ab \u00e4hnlich meinte goethe mit seinem \u00bbVersinke denn! Ich k\u00f6nnt&#8216; auch sagen: steige!\u00ab, das mephisto spricht, das heraufsteigen aus dem unbewu\u00dften. \u00bbEin Weg hinauf, hinab ist einer und derselbe.\u00ab erkl\u00e4rte heraklit. \u00bbUnd das Sinken geschieht um des Steigens Willen.\u00ab sagt das buch &gt;Sohar&lt;. der k\u00fcnstlerischen gestaltung geht die versenkung eines k\u00fcnstlers ins material seiner kunst, das oft er selbst ist, und der, nicht selten eruptive, auftrieb daraus voraus. eben deshalb herrscht meist der ausnahmezustand, wenn kunst entsteht. wer kreativ substanz gewinnen will, mu\u00df unbewu\u00dftes anzapfen, das bis ins barbarische, vorzivilisierte, noch nicht kultivierte hinabreicht, und dies dann k\u00fcnstlerisch aufheben. andr\u00e9 schinkels texte beschreiben auch solche prozesse, durch die nicht wenige selber in abgr\u00fcnde gest\u00fcrzt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSage mir, welches ist dein Phantom? Der Gnom, der Salamander, die Nixe oder die Sylphe?\u00ab fragte gaston bachelard die dichter (&gt;Psychoanalyse des Feuers&lt;). \u00bbDer irdische Gnom haust in Felsschr\u00fcnden, h\u00fctet das Mineral und das Gold und n\u00e4hrt sich von den schwersten Substanzen; der Salamander mit seinem Feuerleib verzehrt sich in seiner eigenen Flamme; die Wassernixe huscht lautlos \u00fcber den Teich und n\u00e4hrt sich von ihrem Spiegelbild; die Sylphe, die jeder Hauch eines festen Stoffs belastet &#8230; schwingt sich m\u00fchelos in den blauen Himmel, gl\u00fccklich, der Hungergef\u00fchle enthoben zu sein.\u00ab bachelard folgend k\u00f6nnte man sagen, die texte andr\u00e9 schinkels seien die eines poetischen erdgeists mit feuerelementen, der sehnsucht nach dem wasser hat und der blauen luft mi\u00dftraut. damit w\u00e4re ann\u00e4hernd sein verh\u00e4ltnis zu den grundelementen der natur, der seele und der poesie benannt, die eine einheit bilden. wer sehend werden will, braucht dunkelheiten. die dunkelheiten in andr\u00e9 schinkels texten sind die bergenden h\u00fcllen auf dem weg von den versehrungen der wirklichkeit ins reich der poetischen freiheit. der gnom, ein elementarundnaturgeist der erde und der berge, dessen name zuerst bei paracelsus auftaucht und entweder auf griechisch genomoi=erdbewohner oder gnom\u00e9=verstand zur\u00fcckgeht, ist der erkennende geist, der insbesondere um die orte der wertvollen substanzen im innenraum der erde wei\u00df. \u00bbAus den Gr\u00fcften hebt sich leis heran \/ das Gnomenvolk und wittert alles an.\u00ab schrieb goethe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">novalis fuhr in den kosmos unter der erde ein, selbst wenn er daf\u00fcr die entfremdete form eines bergwerks brauchte. bergleute empfanden erze teils als etwas wachsendes und lebendiges, pflanzen, oder gar tieren, nicht un\u00e4hnliches. der versuch, wissenschaftlich nachzuweisen, da\u00df kristalle lebendige wesen seien, die eine seele haben, sich bewegen und vermehren und nahrung aufnehmen, blieb freilich dem philosophischen naturforscher ernst haeckel, einem nachfolger darwins, vorbehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das erz, das der mensch zum profanen gebrauch embryonen oder herzen gleich dem leib der berge entrei\u00dft, um es in geld und gewinn zu verwandeln, korrespondiert in der literatur seit der romantik, die vor einer teuflisch kapitalisierten welt warnte, vielfach mit dem motiv des kalten herzens. \u00fcberhaupt haben die deutschen romantiker, vorl\u00e4ufer und zugleich fr\u00fche kritiker der moderne, und sp\u00e4tere, darunter auch romantisch inspirierte, dichter viel dar\u00fcber nachgedacht, wie herz und stein, warm und kalt, leben und tod, gesicht und maske, auge und glas, organismus und mechanismus, substanz und funktion, sein und schein vertauscht werden oder miteinander verschmelzen. man findet dieses motivfeld von friedrich schlegel, novalis, tieck, e.t.a. hoffmann, arnim, chamisso, hauff und richard wagner \u00fcber karl marx, baudelaire, mallarm\u00e9, nietzsche, rimbaud und hofmannsthal bis hin zu kafka, ionesco, celan und franz f\u00fchmann. l\u00e4ngst ist das geld, das k\u00e4lte anzieht und selbst kalt macht, entweder an die stelle der lebendigen wesen getreten oder dirigiert diese. karl marx, der e.t.a. hoffmann las, worauf vor jahren schon f\u00fchmann hinwies, hatte geschrieben: \u00bbDas metallene Dasein des Geldes ist nur der offizielle Ausdruck der <em>Geldseele<\/em>, die an allen Gliedern und Bewegungen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft steckt.\u00ab \u00bbDie K\u00e4ltetendenz r\u00fchrt vom Eindringen der Physik in die moralische Idee.\u00ab schrieb ossip mandelstam 1930. f\u00fchrt die verwertung der \u00e4u\u00dferen natur notwendig zur erstarrung des inneren menschen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">steine symbolisieren wegen ihrer haltbarkeit nat\u00fcrlicherweise dauer, ja ewigkeit. das machte sie g\u00f6ttlich. die menschen fr\u00fcherer kulturen glaubten, steine, die sie als heilig verehrten oder aus denen sie werkzeuge und waffen herstellten, seien vom himmel gefallen, was teils sogar stimmt, wenn man an meteoriten denkt. deutsch hammer ist verwandt mit griechisch \u00e1km\u014dn=steinerner ambo\u00df, meteorstein, sowie altindisch \u00e1\u015bm\u0101=stein, fels, himmel (als steingew\u00f6lbe vorgestellt) und awestisch asman-=stein (als wurfgescho\u00df), himmel. die volks\u00fcberlieferung meinte, gewitterg\u00f6tter w\u00fcrden donnerkeile, die zudem donnersteine, donnerbeile, donner\u00e4xte, meteorstein, teufelsfinger, hexenfinger, alpsteine, alpsch\u00f6sse oder zwergsteine hie\u00dfen, wie geschosse durch ein himmelsloch auf die erde hinabwerfen. tats\u00e4chlich waren die gefundenen donnerkeile, die man auch als grabbeigaben nutzte, entweder vorzeitliche, meist neolithische, werkzeuge oder waffen, die im boden \u00fcberdauert hatten, oder belemniten und ammoniten, versteinerte schalen ausgestorbener kopff\u00fc\u00dfer. au\u00dferdem warfen gewitterg\u00f6tter h\u00e4mmer oder \u00e4xte. thors wurfhammer mj\u00f6llnir schmiedeten die zwerge sindri=funkenspr\u00fcher und brokkr=der mit metallenen bruchst\u00fccken arbeitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die n\u00e4he zu g\u00f6ttern und \u00fcberdies zur weiblichen erde sowie die tatsache, da\u00df ewiges die naturzyklen, also leben und tod, sterben und zeugen, umfa\u00dft, verband steine mit der symbolik von sch\u00f6pfung, geburt und auferstehung. grabsteine gehen auf diesen zusammenhang zur\u00fcck. dem entsprechend meinte man, es \u00fcberdauere, also bleibt, wer versteint, siehe die vielen denkmale. die \u00e4gypter gaben ihren toten einen steinernen herzskarab\u00e4us in einem beh\u00e4ltnis im brustkorb der mumie oder ins mumiengewand eingewickelt als auferstehungssymbol mit ins grab. mythen verschiedener v\u00f6lker kennen geb\u00e4rende steine. manche kulturen bewahren noch immer rituale, die glauben lassen, steine k\u00f6nnten fruchtbar machen. in europa waren steine \u00fcber jahrhunderte hinweg bauopfer und wurden, da der hausbau einer zeugung oder geburt gleicht, meist ins fundament des hauses, das symbolisch dem menschlichen, und insbesondere weiblichen, k\u00f6rper entspricht, eingemauert, gelegentlich sogar anstelle eines vormaligen kindsopfers. die navaho ersetzen eier, die sie v\u00f6geln aus dem nest nahmen, durch t\u00fcrkissteine.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich spreche hier von einer literatur des imaginativen, die, indem sie erlebtes, empfundenes, gedachtes und erfundenes in bildhafte gegenwelten verwandelt sowie abgefallenes, verworfenes, unterdr\u00fccktes und verdr\u00e4ngtes durch phantasie wiedererweckt, seelenbilder schafft, die das profane denken unterwandern und durchbrechen. und dazu geh\u00f6rt magie, der innere und fl\u00fcssige kern der mythen, religionen, kulte, mystik, alchemie, tr\u00e4ume, m\u00e4rchen und utopien und eben auch der k\u00fcnstlerischen literatur, die nicht begreifen wird, wer vor lauter handlungen und figuren der realwelt die symbole, assoziationen, substanzen und atmosph\u00e4ren nicht sieht. substanz meint ja, da\u00df man zum wesen und zur eigenart der menschen, ph\u00e4nomene und dinge hinwill und ihre vielschichtigkeit und ihre ambivalenzen wahrnimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das lateinische wort im\u0101g\u014d enth\u00e4lt bereits alle bedeutungen, die wir heute mit dem begriff der imagination verbinden und die urspr\u00fcnglich aus der sph\u00e4re des kultischen und magischen stammen, freilich auch solche des reproduzierenden bildrealismus, der konserviert, und der phantasmagorien, in denen kultur sich aufl\u00f6st, die substantieller imagination eher entgegenstehn, sowie des utopischen, das \u00fcbers vorgefundene hinausschauen l\u00e4\u00dft: bild, abbild, anblick, ebenbild, nachahmung, portr\u00e4t, bildnis, bildhafte darstellung, plastik, ahnenbild, wachsmaske, das hei\u00dft eine maske, die darsteller von toten bei leichenz\u00fcgen trugen, gleichnis, vorstellung, idee, gedanke, traumbild, erscheinung, schattenbild, schemen, echo, schein, vorspiegelung, trugbild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">franz\u00f6sisch imagination, das deutsch meist mit phantasie oder einbildung \u00fcbersetzt wird und zugleich doch mehr assoziiert, l\u00e4\u00dft die dominanz des bildhaften gegen\u00fcber dem nur abgebildeten anklingen. imagin\u00e4re zahl nennt man die komplexe zahl, die nicht real ist. spanisch imaginar hei\u00dft ausdenken, ersinnen, imaginaci\u00f3n phantasie, einbildung, imaginar bild, imaginativo einfallsreich und imaginable vorstellbar, w\u00e4hrend englisch image bild, statue, g\u00f6tzenbild, ebenbild, image bedeutet, also mehr die \u00e4u\u00dfere erscheinung bezeichnet, imaginativ hingegen ideenreich, einfallsreich und imaginable denkbar. im isl\u00e4ndischen geh\u00f6ren die worte f\u00fcr symbol, \u00edmind, und phantasie, \u00edmindunarafl, zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">etwas \u00e4hnliches wie imagination meinte jacob grimm, wenn er schrieb: \u00bbwunsch ist die messende, gie\u00dfende, gebende, schaffende kraft \u2026 die bildende, einbildende, denkende, also auch einbildung, idee, bild, gestalt. es ist beim wunsch etwas innerliches, aus dem inneren gesprochenes.\u00ab (&gt;Deutsche Mythologie&lt;). jacob grimm sah das w\u00fcnschen sogar verk\u00f6rpert: \u00bbden inbegrif von heil und seligkeit, die erf\u00fcllung aller gaben, scheint die alte sprache mit einem einzigen wort, dessen bedeutung sich nachher verengerte, auszudr\u00fccken, er hie\u00df der <em>wunsch.<\/em> dieses wort ist wahrscheinlich von wunja, wunnja, wonne, freude abstammend, wunisc, wunsc, vollkommenheit in jeder art, was wir ideal nennen w\u00fcrden &#8230; wir sehen dem wunsch h\u00e4nde, gewalt, blick, flei\u00df, kunst, bl\u00fcte, frucht beigelegt, er schaft, bildet, meistert, denkt, neigt sich, schw\u00f6rt, flucht, freut sich und z\u00fcrnt, nimmt zu kinde, ingesinde oder zur freundin an: alle solche, beinahe stehenden, redensarten w\u00e4ren schwerlich in poesie und sprache entsprungen und erhalten, bez\u00f6gen sie sich nicht unbewust auf ein h\u00f6heres wesen, von dem die vorzeit lebendigere vorstellung hatte.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mircea eliade schrieb in &gt;Ewige Bilder und Sinnbilder&lt;: \u00bbDie Psychologen &#8211; an erster Stelle C.G. Jung &#8211; haben gezeigt, in welchem Ausma\u00df die Trag\u00f6dien der modernen Welt von einer tiefen Gleichgewichtsst\u00f6rung der Psyche herr\u00fchren, einer sowohl individuellen wie kollektiven St\u00f6rung, die zum gro\u00dfen Teil durch eine zunehmende Stillegung der Imagination verschuldet wurde. &#8222;Imagination besitzen&#8220; bedeutet, sich eines inneren Reichtums, eines ununterbrochenen und spontanen Bilderflusses zu erfreuen. Indes will Spontaneit\u00e4t nicht dasselbe bezeichnen wie willk\u00fcrliches Erfinden &#8230; Die Imagination imitiert beispielsweise Vorbilder (<em>Imagines<\/em>): sie reproduziert sie, aktualisiert sie stets von neuem, wiederholt sie unendlich oft. &#8222;Imagination besitzen&#8220; hei\u00dft die Welt in ihrer Totalit\u00e4t sehen; denn das Verm\u00f6gen, die &#8222;Sendung&#8220; der Bilder besteht darin, all das zu <em>veranschaulichen<\/em>, was sich der begrifflichen Fassung widersetzt. Von diesem Punkt aus mag man sich das Elend und den Verfall eines der Imagination entbehrenden Menschen klarmachen: er ist abgeschnitten von der tiefen Realit\u00e4t des Lebens und seiner eigenen Seele.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">hier w\u00e4re zu fragen, ob eliade seinen \u00fcberlegungen nicht einen vormodernen und mythischen begriff der imagination zugrundelegt, der dem modernen, und zumal k\u00fcnstlerisch-modernen, insofern gegen\u00fcbersteht, als ersterer mehr von archetypisch und kollektiv vorgepr\u00e4gten identit\u00e4ten ausgeht, w\u00e4hrend heutige kunst selbst beim r\u00fcckgriff auf \u00fcberliefertes mehr als je zuvor individuell und autonom gestaltet. vielleicht erwartete eliade vom imaginieren zu sehr die wiederbelebung von verlorenem durch nachahmung und reproduktion. mit der bevorstehenden biologischen reproduzierbarkeit des menschen wird sich die idee einer vertiefung des seelenlebens durch imitation wohl endg\u00fcltig als illusion\u00e4r erweisen. biologisch bezeichnet imago das endstadium der metamorphose beim vollkommen ausgebildeten und geschlechtsreifen insekt. und ist der dichter im realen leben nicht ebenfalls eine larve mensch, die sich stets erneut, die eignen h\u00fcllen sprengend, zum eigentlichen ich entwickeln und befreien mu\u00df?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">freilich l\u00e4\u00dft sich die verwandtschaft von imagination und imitation nicht \u00fcbersehen, siehe lateinisch imit\u0101ti\u014d=nachahmung, nach\u00e4ffung, nachahmungstrieb, kopie. als gilgamesch nach dem tod seines freundes und kampfgef\u00e4hrten enkidu begreift, da\u00df dieser nicht auferstehen wird, ist seine n\u00e4chste reaktion der ruf: \u00bbDu Schmied, Edelsteinschleifer, Kupferformer, Goldschmied, Ziseleur, Bilde meinen Freund, schaffe sein Bildnis!\u00ab. egon friedell verwies darauf, da\u00df der bildhauer alt\u00e4gyptisch \u00bbder am Leben erh\u00e4lt\u00ab hie\u00df. auf tahiti nannte man den maler paul gauguin \u00bbMann, der Menschen macht.\u00ab isl\u00e4ndisch sind l\u00edkami=k\u00f6rper und l\u00edk=leiche sowie l\u00edkan=modell, skulptur, l\u00edkneski=statue, standbild, l\u00edking=\u00e4hnlichkeit, gleichnis und l\u00edkur=wahrscheinlichkeit verwandte worte. bilder ersetzen oft etwas totes oder unerreichbares, k\u00fcnstler ihr leben durch ihr werk. andererseits lenken symbole als projektionen, das projektil ist ein gescho\u00df, unseres seelenlebens immer auch das sichtbare reale, weshalb nicht wenige menschen, ja mitunter ganze v\u00f6lker und kulturen, an phantasmagorien glauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in der k\u00fcnstlerischen literatur, insbesondere in der lyrik, sind symbole keine feststehenden bedeutungszeichen, und auch nicht blo\u00df abbilder und verk\u00f6rperungen, sondern substanzen, lebende k\u00f6rper, die sich in einem permanenten proze\u00df befinden, der sie wandelt und worin sie selbst immer wieder neue facetten bilden. seit etwa 1900, mit wichtigen vorl\u00e4ufern im 19. jahrhundert, vor allem den franz\u00f6sischen symbolisten, genannt seien verlaine, baudelaire, rimbaud und lautr\u00e9amont, und forciert bei surrealistischen, expressionistischen und anderen dichtern der moderne, vollzogen sich zus\u00e4tzliche ver\u00e4nderungen in der literarischen symbolik, die dazu f\u00fchrten, da\u00df symbole immer weniger einer kanonisch gesicherten emblematischen sinngebung entsprechen, sondern zunehmend subjektiv, mehrdeutig und widerspr\u00fcchlich verwendet werden. autoren, die noch pr\u00e4gende verbindungen zu \u00fcberindividuellen autorit\u00e4ten, gott, kirche, vaterland, staat, ideologie, utopie, hatten und suchten, benutzten zwangsl\u00e4ufig auch eher tradierte denkbilder und formale techniken. besonders der erste weltkrieg hat die dichter europas dann aus der traditionsbindung herausgesprengt. die zentralfigur der modernen europ\u00e4ischen lyrik ist seither das entfremdete individuum, das nicht zuletzt aufgrund seiner entfremdung, die sich freilich auch kultivieren l\u00e4\u00dft, kaum noch einem kanon der \u00fcberlieferung folgen kann und will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wo magie indes gelingt, brauchen selbst substanzen und wesenheiten keine namen mehr. \u00bbWie tief mu\u00df man gehen in seiner Wortlosigkeit, um einen Stein zu befragen, das Mineral der eigenen Trauer?\u00ab fragt andr\u00e9 schinkel in &gt;Nachhall (Fragmente)&lt;. das erinnert an \u00fcberlegungen paul celans, der in seiner b\u00fcchner-preis-rede, seinem praktisch einzigen essay, konstatierte, das zeitgen\u00f6ssische gedicht zeige \u00bbeine starke Neigung zum Verstummen\u00ab, es behaupte sich \u00bbam Rande seiner selbst; es ruft und holt sich, um bestehen zu k\u00f6nnen, unausgesetzt aus seinem Schon-nicht-mehr in sein Immer-noch zur\u00fcck.\u00ab in der kabbala kommt das offenbarende wort aus der finsternis des verborgenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der preis des abstraktionsverm\u00f6gens der sprache ist, da\u00df wir oft worte f\u00fcr sachverhalte nehmen, die wir noch nicht wirklich durchdacht haben. und nach den wurzeln der worte suchen nur wenige. dabei ist die etymologie die mythologie der sprache, die uns zu den anf\u00e4ngen menschlichen wahrnehmungsverm\u00f6gens f\u00fchren kann. wer die urspr\u00fcnge der sprache versteht, kommt der poesie schon nahe, die ebenfalls vom bildhaften und assoziativen wahrnehmen und gestalten lebt. die wortbildungen der fr\u00fchen sprachen bezogen sich meist auf sinnlich konkrete eigenschaften, merkmale und erscheinungen der bezeichneten dinge, wovon die bildhaftigkeit der sprache bis heute profitiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">werden die herrschenden und als tradiert geltenden sprachraster au\u00dfer kraft gesetzt, k\u00f6nnen die dinge wieder jenseits unserer begriffe, in denen geistige substanz oft stagniert oder degeneriert, also selbst ins bild kommen. und jeder, der die sogenannten letzten oder h\u00f6chsten oder tiefsten fragen wenigstens andeutungsweise beantworten will, mu\u00df diese grenz\u00fcberschreitung heraus aus den begrifflichkeiten wohl wagen. in der tiefsten imagination erscheinen dem dichter sogar die poetischen worte als blo\u00dfe hilfsmittel, schemenhafte abdr\u00fccke des unfa\u00dfbaren und damit unsagbaren, wie wenn das schweigen die eigentliche form der poesie w\u00e4re. er gleicht dann einem \u00fcbersetzer, \u00fcbersetzen bedeutet ja eigentlich an ein gegen\u00fcber liegendes oder jenseitiges ufer zu gelangen, der sich bild f\u00fcr bild und schicht um schicht dem original n\u00e4hert, das hier das eigene ist. walter benjamin hatte ein \u00e4hnliches gef\u00fchl bei seinen haschischexperimenten. die worte fa\u00dften die visionen nicht. auf der schwelle und im abgrund solcher zwischenreiche, die entr\u00fccken und entgrenzen, entsteht poesie, eben weil sie unentstehbar scheint. wer sehen will, darf nicht wissen, was er sieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sicher geh\u00f6rt andr\u00e9 schinkel mit seinen texten keinem gro\u00dfen literarischen strom an, in dem er treiben k\u00f6nnte. doch ebenso wenig steht er allein. es gab und gibt auch im raum leipzig, halle, magdeburg autoren, die, parallel zu vorherrschenden realistischen schreibweisen und wirkungs\u00e4sthetischen strategien, fr\u00fch damit begannen, in ihren literarische formen und techniken sowie durch symbolik und sprachduktus romantisch, symbolistisch, surrealistisch oder expressionistisch vorgepr\u00e4gtes aufzugreifen, von dem es sich dann zugleich zu emanzipieren galt, und statt entwicklungsroman oder geradlinig erz\u00e4hlter geschichte eher die offene form, das gedicht, den essay, die miniatur, das fragment bevorzugen. andr\u00e9 schinkel ist einer der j\u00fcngsten autoren dieser richtung, die sich hier einfach entwickelt hat, ohne da\u00df sie mit aufsehen erregenden manifesten hervorgetreten w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich fragte mich beim lesen seiner texte nach einer gemeinsamen sozialen und kulturellen grunderfahrung, die literarisch weiterwirkt. w\u00e4re dies der l\u00e4ndliche und kleinst\u00e4dtische kindheitshintergrund, der das wahrnehmen eher konzentriert denn beschleunigt? oder der zerfall der st\u00e4dte, der schwerm\u00fctig macht, eine gewisse morbide geborgenheit gibt, hinter fassaden schauen l\u00e4\u00dft und, als kontrast zur au\u00dfenwelt, gegenbilder herausfordert? die zeitereignisse f\u00f6rderten dann einen ethnologischen, und darin ethnopoetischen, blick, der ein verwandter des arch\u00e4ologischen ist, wie man ja auch den arch\u00e4ologen einen feldforscher in der erde und den dichter einen arch\u00e4ologen der seele nennen kann. wir erlebten, wie scheinbar ewig erstarrtes und daher l\u00e4hmendes innerhalb k\u00fcrzester zeit aufbrach und uns in konflikte stellte, deren komplexit\u00e4t wir, denen man beigebracht hatte, wir w\u00fcrden alles begreifen, w\u00e4hrend wir das meiste nie zu fassen bekamen, momentan kaum erkannten und dennoch annehmen mu\u00dften, da sie einen sog zum unbedingten handeln erzeugten, der uns kurz zuvor, unter anderen umst\u00e4nden, noch h\u00f6chst suspekt war, und es wenig sp\u00e4ter wieder wurde. wirkliches schien pl\u00f6tzlich irreal, oberfl\u00e4chliches abgr\u00fcndig, vertrautes fremd, komisches tragisch und jeweils umgekehrt, j\u00e4h wechselnd. die anachronismen \u00fcberschlugen sich, bevor sie st\u00fcrzten. der ausgang der stagnation bekam etwas artistisches. vieles wirkte zugleich banal und orakelhaft, faszinierte und bedr\u00e4ngte im gleichen moment. die realit\u00e4t selbst schien artifiziell geworden, ja sie war es wirklich, um bald darauf, auf nunmehr subtilere weise, erneut t\u00e4uschend und manipulativ zu werden. zur\u00fcck blieben abermals bruchst\u00fccke, aus denen collagen und montagen wurden. collagen sind die freie liebe der formen. das geschlecht von morgen aber wird austauschbar sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">literatur, die aus sich selbst lebt, braucht anregungen, korrespondenzen, herausforderungen, doch keine konkurrenz. das origin\u00e4re mu\u00df nicht konkurrieren. zur konkurrenz geh\u00f6ren profane gegenst\u00e4nde. das wort konkurrenz ist mit konkurs verwandt. die alternative dazu bildet der diskurs. jeder versuch, einen konkurrenzkampf \u00e4sthetischer spielarten zu entfachen, wird letztlich, zumal wenn identit\u00e4ten, die damit verbunden werden, phantome bleiben und zugeh\u00f6rigkeiten gef\u00e4ngnisse sind, zu fetischhaften duellen oder gar einem mentalen kannibalismus f\u00fchren. wer die welt beherrschen will, fri\u00dft auch die beherrschten. beim formulieren solcher gedanken f\u00e4llt auf, da\u00df andr\u00e9 schinkel ein zug eines teils der modernen literatur fehlt: der virtuos panzernde zynismus. er betrachtet das zerbrechliche und versehrte nicht ohne neugier, doch ohne hybris, vielmehr mit der w\u00e4rme des verstehenwollens. neben einer subtilen melancholie eignet ihm ein skeptisches, aber nicht feindseliges, verh\u00e4ltnis zur menschenwelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in die poetischen motive andr\u00e9 schinkels sind anthropologische eingelagert, die mitunter zu geschichtsphilosophischen \u00fcberleiten. zum motivfeld ethnopoetischer \u00fcberlegungen geh\u00f6rt etwa die frage, inwieweit und auf welche weise kosmopolitisches und multikulturelles denken mit der f\u00e4higkeit zur imagination einhergeht. phantasie f\u00f6rdert die toleranz fremdem gegen\u00fcber, ja den drang sich davon anregen zu lassen. ich deute dies hier nur an, weil wir von andr\u00e9 schinkel auch noch wichtige essays erwarten d\u00fcrfen, in denen das mythische element, das gegenst\u00e4nde der poesie, arch\u00e4ologie, ethnologie und anthropologie zusammenf\u00fchrt, teil eines laboratoriums interdisziplin\u00e4ren denkens sein k\u00f6nnte. allerdings setzt dies ein mi\u00dftrauen gegen\u00fcber der schicksalhaften unbedingtheit des mythos voraus, der einst paradigmen lieferte, weltbilder festlegte, lebensformen begr\u00fcndete, ordnungsprinzipien etablierte sowie kriege und morde rechtfertigte. \u00bbDie Poesie verh\u00e4lt sich spiegelbildlich zum Mythos: Der Mythos ist ein semiologisches System, das vorgibt, \u00fcber sich selbst in ein System von Tatsachen \u00fcberzugehen; die Poesie ist ein semiologisches System, das vorgibt, sich in ein System von Essenzen zur\u00fcckzuziehen.\u00ab schrieb roland barthes (&gt;Die K\u00f6rnung der Stimme&lt;).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">andr\u00e9 schinkel befreit sich im subjektiven umgang mit \u00fcberliefertem und aufgefundenem von zwangszusammenh\u00e4ngen. denn mythen haben zweifellos zw\u00e4nge ausge\u00fcbt, und hinter jedem zwang lauert ein todesurteil, ihre substanzen indes bleiben fl\u00fcssig und daher wandelbar. das wissen um bruchst\u00fcckhaftes und ver\u00e4nderbares l\u00e4\u00dft auch moderne gro\u00dfmythen, die etwa recht und geld hei\u00dfen und gemeinhin mit gerechtigkeit und wert verwechselt werden, reflexiv und kritisch betrachten. w\u00e4hrend heute mythisierungen allgemein als etwas negatives gelten, beeinflussen zugleich manipulativ benutzte profanmythen unabl\u00e4ssig die wahrnehmungen der menschen. und wo oberfl\u00e4chen herrschen, bem\u00e4chtigen und bedienen d\u00e4monen sich der tiefe. dem sollten vertiefung und sublimierung entgegnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">doch gilt inzwischen nicht als unzeitgem\u00e4\u00df, wer die literatur, dieses medium aus der vorzeit, \u00fcberhaupt noch verteidigt? hat die vielzahl der visuellen medien die wahrnehmungsweisen der menschen nicht so radikal gewandelt, da\u00df wir, sp\u00e4talphabeten, l\u00e4ngst im nachliterarischen zeitalter leben? die kulturlandschaften ver\u00e4ndern sich derart rasant, und zwar meist durch kulturellen raubbau und kulturverm\u00fcllung, da\u00df man f\u00fcrchten m\u00f6chte, das eigne grab sei bereits abgerissen. sollte literatur unter diesen umst\u00e4nden an der alphabetisierung der medien mitwirken, ohne die sich kultur nicht mehr denken l\u00e4\u00dft und die nur wirklich beeinflussen kann, wer ihrer entwicklung voraus ist, oder sich umgekehrt von der medienkultur abgrenzen und statt magischen kan\u00e4len den magnetischen feldern der worte vertrauen? oder wie w\u00e4re beides zu verbinden? welche einflu\u00dfsph\u00e4ren bleiben der literatur innerhalb oder gegen\u00fcber einer kommunikationslandschaft, in der \u00f6ffentlichkeit vielfach entweder zum selbstzweck geworden ist oder unausgesprochenen interessen dient? ein bewu\u00dftseinstheater mit wechselnden figuren und masken? andererseits kann die explosive ausbreitung oberfl\u00e4chlicher identit\u00e4ten, auch der auf \u00bb\u00fcberfluteten Metaphernm\u00e4rkten\u00ab (&gt;Bitterer Frieden (Fragmente)&lt;, als erscheinungsform des verfalls befreiende implosionen vorbereiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bei andr\u00e9 schinkel finden wir eine literatur, die um ihrer eigenen existenz willen keinen kommerziellen interessen folgen darf, da diese sie morgen schon vergessen lassen w\u00fcrden. unterm diktat des marktes gilt das tote produkt als gutes produkt. denn was nicht bald veraltet und verbraucht ist, hemmt das kaufinteresse. bis der mensch, das momentan noch gr\u00f6\u00dfte hindernis f\u00fcr eine ungehemmt funktionierende technokratie, von seinen apparaten und prothesen geistig und seelisch amputiert zur\u00fcckgelassen, selber zum perfektesten austauschbaren produkt seiner produkte wird. historisch betrachtet traten vielfach geldmechanismen an die stelle von kriegsmechanismen. dadurch konnten sich humanere umgangsformen entwickeln, die jedoch die grundkonflikte abh\u00e4ngiger menschen nicht beseitigt haben, weshalb dort, wo geld gewalt blo\u00df sublimiert ersetzt, die r\u00fcckkehr zu \u00fcberwunden geglaubten verhaltensweisen immer m\u00f6glich ist. wir k\u00f6nnen somit nur hoffen, der geldwert werde sich einst soweit vom wirklichen wert der menschen und der dinge entfernen, da\u00df kaum noch jemand das geld ernstnimmt, das derart einen \u00e4hnlichen sozialen wert bek\u00e4me wie das w\u00fcrfeln. auch w\u00fcrfel entschieden vormals, indem sie orakelfunktion hatten, \u00fcber krieg und frieden, leben und tod. ists da nicht ein hoffnungsvolles zeichen, da\u00df \u00f6konomisch, politisch und sozial untergegangene kulturen geistig, k\u00fcnstlerisch und literarisch \u00fcber jahrhunderte, ja jahrtausende, hinweg nachwirken k\u00f6nnen, weil die substanzen der kultur ihre eigene nachhaltigkeit haben?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">1998, \u00fcberarbeitet 2013.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 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href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zur lyrik und prosa von andr\u00e9 schinkel wenn sich in texten von andr\u00e9 schinkel, der neben der literaturgeschichte pr\u00e4historische arch\u00e4ologie studierte, auch arch\u00e4ologische motive finden, so wirft das die frage auf, was den dichter in ihm mit dem arch\u00e4ologen verbindet.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/10\/die-motive-des-grabers\/\">Read more 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