{"id":15075,"date":"2013-05-17T00:01:35","date_gmt":"2013-05-16T22:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15075"},"modified":"2021-07-22T11:22:35","modified_gmt":"2021-07-22T09:22:35","slug":"textanalyse-fur-slavistische-seminare","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/05\/17\/textanalyse-fur-slavistische-seminare\/","title":{"rendered":"Textanalyse f\u00fcr slavistische Seminare"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist seit den neunziger Jahren der \u201etrouble-shooter\u201c in der russischen Gegenwartsprosa. Seine metaphysischen Attacken auf die sowjetische Geschichte und deren Gestalter erfreuen nicht nur die reformfreudige Intelligenz und die Literaturkritiker der eben entstandenen, oft zensurfreien Zeitschriften. Auch die literarischen Kreise in den westlichen L\u00e4ndern finden immer mehr Gefallen an seinen artistischen Seitenhieben auf eine postsowjetische Gesellschaft, die seit Beginn der 1990er Jahre im Begriff war, sich von doktrin\u00e4ren Zust\u00e4nden zu befreien und bedauerlicherweise zehn Jahre nach dem sich abzeichnenden gesellschaftlichen Wandel in den Wirren der Jelzin-\u00c4ra in eine vom KGB bzw. vom FSB gelenkte Demokratie zur\u00fcckgefallen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem 2009 im Moskauer Eksmo-Verlag unter dem Titel T erschienenen Roman treibt Viktor Pelewin seinen Schabernack mit den Mythen um den Grafen Lev Tolstoj, um Fjodor Dostojewvskij, um die Ochrana, die zaristischen Geheimpolizei in der Gestalt des Agenten Knopf, um einen geheimnisvollen Luftgeist Ariel, um das bedeutsame Kloster Optyna Pustyn im Bezirk Kaluga. Und alle Mythen beladenen Figuren verf\u00fcgen \u00fcber Zauberkr\u00e4fte und au\u00dfergew\u00f6hnliche F\u00e4higkeiten, deren wirksame optische Pr\u00e4senz und werbetr\u00e4chtige Aufmachung auch an den gegenw\u00e4rtigen Zampano der postsowjetischen Kreml-Oligarchie erinnern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Worum geht es in der turbulenten narratio, die eher auf die Handlungen von irgendwelchen James-Bond-Filmen verweist als auf eine metaphysische Jagd durch die zaristische und die postsowjetische Gesellschaft?\u00a0 Ein gewisser Graf T., in der getarnten Erscheinung eines Geistlichen, der sich Vater Paissi nennt, ist auf dem Weg in das legend\u00e4re Kloster Optyna Pustyn und die dort gelegene Einsiedelei, einem orthodoxen Zentrum der russischen Kirche. In dem Zugabteil sitzt ihm der Geheimpolizist Knopf gegen\u00fcber, der offensichtlich im Auftrag der ber\u00fcchtigten Dritten Abteilung der zaristischen Geheimpolizei den unbequemen Schriftsteller, Reformer und Revoluzzer Lev Tolstoj, beobachten und gegegebenfalls auch verhaften soll. Allerdings noch nicht wei\u00df, dass vor ihm der gef\u00fcrchtete Graf T. sitzt. Und der entwischt ihm unmittelbar nach einer Tunneldurchfahrt durch einen k\u00fchnen Sprung durch das Abteilfenster in einen Fluss. W\u00e4hrend die ihn verfolgenden Polizisten scheitern bei ihrem Versuch, ihn zu erwischen, taucht Graf T. nach einer Weile an der Wasseroberfl\u00e4che auf. Noch ist er sich seiner Identit\u00e4t nicht sicher, noch wei\u00df er nicht, warum er auf dem Weg in das Kloster Optyna Pustyn ist. Und die folgenden Handlungsstr\u00e4nge best\u00e4tigen es. Vor ihm auf dem Fluss taucht ein Schiff auf, das \u201ewie ein gro\u00dfer Lastkahn mit Rudern, die aus Luken in den Bordw\u00e4nden herausstaken\u201c (S. 22) aussah. Als er sich an der letzten Luke in das Innere des merkw\u00fcrdigen Lastkahns schwingt, der an eine Mischung aus r\u00f6mischer Galeere und einer griechischen Triere erinnert, wird er bald mit einer mythischen Figur konfrontiert, dem Luftgeist Ariel, der ihn sogleich in ein Gespr\u00e4ch verwickelt, obwohl er unsichtbar ist. Solche Begegnungen der dritten Art h\u00e4ufen sich. Mal ist es die F\u00fcrstin Tarakanowa, die im gl\u00fccklicherweise umfangreichen Anmerkungsteil als angebliche Enkelin Peters des Gro\u00dfen fungiert, die Katarina II. in der Peter-und-Pauls-Festung inhaftieren lie\u00df; mal ist es ein b\u00e4rtiger Krieger, ein typischer Krieger aus Dareios` Armee, das sich als Spiegelbild des Grafen T. erweist; mal ist es, o Schreck, der Geheimpolizist Knopf, der \u00f6lverschmiert auf dem Lastkahn wieder auftaucht. Die Jagd kann also weitergehen! Und das alles in den Kapiteln I bis XV, das unter der \u00dcberschrift <em>Der Eisenbart<\/em> ein wildes Treiben auf dem R\u00fccken von Pferden, mit Pistolenduellen und bizarren Gestalten aus mehreren Jahrhunderten entfacht. Und dann folgt <em>Der Schlag des Imperators<\/em> mit weiteren 250 Seiten, mit einem wiederum skurrilen Auftritt: \u201eAriel stand an einem gro\u00dfen wei\u00dfen Unterschrank mit schwarzen Griffen und briet sich ein R\u00fchrei in einer Pfanne, \u2026 Er trug lilafarbige Unterw\u00e4sche und abgeschabte Lederschlappen. \u2013 T. stand hinter ihm. Er wusste nicht, wo er war.\u201c (S. 205) Kein Wunder, dass auch der leidgepr\u00fcfte Leser in der Zwischenzeit die Orientierung verloren hat. Wenn es nicht den Luftgeist Ariel g\u00e4be, der ihn und den Grafen T. aufkl\u00e4rt \u00fcber die letzten Geheimnisse menschlicher Entscheidungsf\u00e4higkeiten. \u201eGlauben Sie etwa\u201c, wendet sich Ariel an Graf T., \u201eein echter Mensch \u2026 h\u00e4tte eine Pers\u00f6nlichkeit, die die Entscheidungen trifft? Das hat man im letzten Jahrhundert geglaubt. In Wirklichkeit werden die menschlichen Entscheidungen in dunklen Ecken des Gehirns getroffen, in die keine Wissenschaft Einblick nehmen kann, und zwar mechanisch und unbewusst wie bei einem Industrieroboter \u2026\u201c. (S 207) Und als Graf T. es immer noch nicht verstanden hat, kl\u00e4rt ihn Ariel auch die Mechanismen auf, nach denen die Freiheit des Willens funktioniert. Irgendwelche Relais machten Klick im Gehirn und ein anderes Interprogramm komme zum Zug. Deshalb h\u00f6re in Russland das halbe Land morgens auf zu trinken und stehe mittags nach Bier an. Und Graf T., der augenscheinlich immer noch nicht wei\u00df, wer er ist, bescheinigt Ariel, er sei nur eine Puppe. Was ihm Ariel auch best\u00e4tigt, weil eben alle Menschen nur Marionetten und ihre Handlungen nur auf blo\u00dfe Mechanik zur\u00fcckzuf\u00fchren seien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben solchen phrenologischen Exkursen ist es ein spiritistischer Handlungsstrang, der den Leser in ein anderes Kapitel russischer Herrschaftsgeschichte einf\u00fchrt. Es handelt sich um die Machenschaften des Konstantin Petrowitsch Pobedonoszew, Oberprokurator der Heiligen Synod seit 1880, der oberste W\u00e4chter des zaristischen Staats \u00fcber die Orthodoxe Kirche. In der Gestalt eines graugr\u00fcnen, mysteri\u00f6sen Herrn, einem agent provocateur, soll Graf T. ein Attentat auf den Oberprokurator vollziehen. M\u00f6glicherweise bezieht sich der Autor mit dieser Episode auf ein missgl\u00fccktes Attentat, das ein gewisser Nikolaj Lagowski 1901 auf den verhassten Oberprokurator ver\u00fcbte. Doch Versuche, in Texten von Pelewin irgendwelche faktografischen Elemente zu vermuten, scheitern meist. Der in den Kapiteln XVI ff. beschriebene Besuch von Graf T. und Fjodor Dostojewski beim Oberprokurator Pobedonoszew f\u00fchrt den Leser in die Wirkungsgeschichte der beiden russischen Schriftsteller ein. Zugleich erf\u00e4hrt er \u2013 mittels versteckter Anspielungen, die in dem ansonsten informativen Anmerkungsapparat leider nicht enthalten sind \u2013 zahlreiche Details \u00fcber die Zensurmechanismen in der zaristischen Literaturgeschichte. Die in den Text eingebauten Briefe und Anordnungen (vgl. S. 275ff.) bleiben nicht zuletzt aus diesem Grund nicht nur f\u00fcr einen deutschsprachigen Leser unverst\u00e4ndlich! Neben diesem herrschaftsrelevanten Handlungsstrang zieht sich am Beispiel des Rede- und handgreiflichen Duells zwischen Tolstoj und Dostojewski ein bis in die Gegenwart virulenter kulturgeschichtlicher Strang, der ebenfalls erl\u00e4utert werden m\u00fcsste. Nicht zuletzt deshalb erweisen sich die wenigen Hinweise im Anmerkungsapparat als unzureichende Versatzst\u00fccke, die die reichhaltigen Zitate und Verweise auf literarische Werke der russischen Literatur in dem pop-metaphysischen Roman von Pelewin nicht ersetzen k\u00f6nnen. Umso lohnender w\u00e4re eine Textanalyse f\u00fcr slavistische Seminare!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Pelewin-Forschung wird das Prosawerk des 1962 in Moskau geborenen Autors als eine artistische Verbindung von Pop-Philosophie, Pop-Mythologie und Pop-Politik gewertet. Sein thematisch umfangreiches Erz\u00e4hlwerk setzt sich, eingebettet in bizarre Handlungselemente, mit russischer und sowjetischer Geschichte auf dem Hintergrund fern\u00f6stlicher spiritistischer Lehren auseinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zahlreichen ins Deutsche \u00fcbersetzte Romane Pelewins (\u201eBuddhas kleiner Finger\u201c, \u201eDas f\u00fcnfte Imperium\u201c, \u201eDas heilige Buch der Werw\u00f6lfe\u201c, \u201eDas Leben der Insekten\u201c, \u201eOmon hinterm Mond\u201c u.a.) finden nicht zuletzt deshalb eine immer begeisterte Leserschaft, weil seine literarischen Strategien westliche Erwartungshaltungen und russische, popartistische Handlungen enthalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/pelewin_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-15077 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/pelewin_Cover-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/pelewin_Cover-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/pelewin_Cover-640x1024.jpg 640w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/pelewin_Cover.jpg 1618w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a>Tolstojs Albtraum. <\/strong>Roman von Viktor Pelewin. Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg. M\u00fcnchen (Luchterhand Literaturverlag) 2013, 448 S., 21, 99 \u20ac. ISBN 978-3-630-87388-6.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Er ist seit den neunziger Jahren der \u201etrouble-shooter\u201c in der russischen Gegenwartsprosa. Seine metaphysischen Attacken auf die sowjetische Geschichte und deren Gestalter erfreuen nicht nur die reformfreudige Intelligenz und die Literaturkritiker der eben entstandenen, oft zensurfreien Zeitschriften. 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