{"id":15066,"date":"2013-06-06T00:00:13","date_gmt":"2013-06-05T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15066"},"modified":"2019-10-05T17:04:51","modified_gmt":"2019-10-05T15:04:51","slug":"kleine-grammaturgie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/06\/kleine-grammaturgie\/","title":{"rendered":"Spracherweiterung durch formale Zw\u00e4nge"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/kraus-grammaturgie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-15067\" title=\"kraus-grammaturgie\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/kraus-grammaturgie-261x300.jpg\" alt=\"\" width=\"261\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/kraus-grammaturgie-261x300.jpg 261w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/kraus-grammaturgie.jpg 766w\" sizes=\"auto, (max-width: 261px) 100vw, 261px\" \/><\/a>Was 1998 mit Ulf Stolterforts <em>fachsprachen I-IX. <\/em>begann, scheint sich unterdessen zu einer Literaturrichtung entwickelt zu haben. Eine durchbildete Generation von Lyrikern durchforstet das Sprachmaterial der Fremd- und Fachsprachen nach Begriffen, die es verm\u00f6gen, in ihrer poetischen \u00dcberformung etwas auf den Punkt zu bringen, das siesonst nur umschreiben k\u00f6nnen. Fachsprache und Mediensprache verdichtet sich bei den&nbsp;<em>Stolterfortdianern<\/em> nicht immer zu einem neuen stimmigen organischen Gedichtganzen<em>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Fachsprache reloaded<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrem neuen Gedichtband folgt Dagmara Kraus der Logik von Text, Satz und Spiel. Sie zeigt, wie das Postlyrische einem neuen Virtuosentum den Boden bereitet. Die Sprachcollagistin nutzt dabei eine Quelle, die bisher eher selten als Steinbruch f\u00fcr Gedichte genutzt wird: <a href=\"http:\/\/www.onb.ac.at\/sammlungen\/plansprachen\/fruehdrucke.htm\">Plansprachen<\/a>, wie sie immer wieder erfunden werden, um dem polyglotten Chaos in einer Zunge zu antworten. Die Einf\u00fchrung und Erfindung der Plansprachen, sollte der babylonischen Sprachverwirrung ein Ende bereiten und die internationale Kommunikation erleichtern. Unter einer Plansprache versteht man, im Gegensatz zu einer Weltsprache, eine bewu\u00dft und planm\u00e4\u00dfig ausgearbeitete k\u00fcnstliche Sprache. Esperanto ist die wahrscheinlich bekannteste und auch die einzige Plansprache die sich in gewissen Kreisen bislang wirklich durchsetzen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Kein Spiel funktioniert ohne Regeln<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das hier angewandte Konzept erinnert an <em>Potentielle Literatur<\/em>, eine Kunst, epische oder lyrische Werke unter Einhaltung von bestimmten selbstgew\u00e4hlten Regeln zu erstellen. Grundgedanke der potentiellen Literatur ist es, den Regeln der Sprache erfundene, aber auch wiedergefundene Regeln gegen\u00fcberzustellen. Dabei werden auch Regeln verwendet, die schon seit Jahrhunderten in immer wieder verschiedenen Kontexten in Gebrauch sind. Der Satz <em>Kein Spiel funktioniert ohne Regeln<\/em> wird von den Vertretern potentieller Literatur auf das literarische Schaffen angewendet: Zun\u00e4chst wird eine Regel vorgegeben, die eine sprachliche oder auch eine mathematische Vorgabe sein kann. Dann wird darauf aufbauend das Gedicht erstellt. Ein Blaupause f\u00fcr diese Art von Literatur sind die <em><a title=\"Hunderttausend Milliarden Gedichte\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hunderttausend_Milliarden_Gedichte\">Hunderttausend Milliarden Gedichte<\/a><\/em> von Raymond Queneau: zehn Sonette, in denen alle Verse miteinander kombiniert werden k\u00f6nnen. Konzeptionell gleichfalls beeindruckend gel\u00f6st ist <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14131\">Horae<\/a> ein Gedichtzyklus der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13587\">Hungertuchpreistr\u00e4gerin<\/a> Swantje Lichtenstein und auch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5581\">Dichterloh<\/a>, ein Kompositum in vier Akten, f\u00e4llt mir spontan dazu ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"> Eine Menschheit, eine Sprache<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Lyrikerin spielt quasi Triebfahrzeugf\u00fchrer und dekliniert das Ausgedachtengerede des Technowesens fahrplanm\u00e4\u00dfig durch. Vier dieser Plansprachen stellt Kraus dem Leser namentlich vor: <em>Myrana<\/em> von Josef Stempfl, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volap%C3%BCk\">Volap\u00fck <\/a>von Johann Martin Schleyer, etwas unausgegoren wirkendes <a href=\"http:\/\/www.europalingua.eu\/ideopedia\/index.php5?title=Tcatcalaqwilizi\">Tcatcalaqwilizi&nbsp;<\/a> und vor allem <em>Langue bleue<\/em>, nach ihrem Erfinder L\u00e9on Bollack auch <a href=\"http:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/Bolak\">Bolak <\/a>genannt. Dessen Wunsch war, dass B\u00fccher in <em>Langue bleue<\/em>&nbsp;<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Bolak_postcard.jpg\">in blauer Farbe gedruckt<\/a>&nbsp;werden \u2013 den Wunsch haben Autorin und Verlag ihm zumindest f\u00fcr Gedichte in Langue bleue erf\u00fcllt. Durch diese Kombination entsteht ein undefinierbares Gef\u00fchl des sich Vertrautf\u00fchlens, mit der Sprache, der Mentalit\u00e4t, den Technikern.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"> Kein Gedicht ohne Gesetz?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Leser mu\u00df ein Entr\u00e4tselungsfieber verkraften, denn nicht erf\u00fcllt hat Kraus die Bollacksche Erwartung, da\u00df seine Sprache nur f\u00fcr den Handel genutzt werde, nicht aber f\u00fcr Literatur: &#8222;La devise de la langue bleue : dovem pro tle, \u201adeuxi\u00e8me pour tous\u2019 indique clairement que sa seule ambition doit \u00eatre de traduire les besoins les plus usuels, ceux-l\u00e0 m\u00eame qu\u2019implique le mot \u2018commerce\u2019 dans sa plus large acceptation \u2026&nbsp;Cette d\u00e9limitation exclut toute pr\u00e9tention litt\u00e9raire. La litt\u00e9rature \u2026 ne peut trouver place dans un idiome artificiellement cr\u00e9e par un individu. Cette ligne de d\u00e9marcation est de la plus grande utilit\u00e9 \u2026&#8220; Das klingt so, als sein es in der <em>Werkstatt f\u00fcr potentielle Literatur<\/em> (Ouvroir de litt\u00e9rature potentielle, abgek\u00fcrzt <em><a title=\"Oulipo\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oulipo\">Oulipo<\/a><\/em>) entstanden. Die Entwicklung dieser Poesie ging klarerweise in Richtung Sprache, wie sie in einem einzelnen tr\u00e4umt und wacht. Auch wenn sie nicht den Level des Gedichtbuchs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11536\"><em>Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst<\/em> <\/a>erreicht, ist Kraus mit <em>kleine grammaturgie<\/em>&nbsp; ein charmanter Eskapsimus gelungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>kleine grammaturgie<\/strong> von Dagmara Kraus. roughbooks # 26<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was 1998 mit Ulf Stolterforts fachsprachen I-IX. begann, scheint sich unterdessen zu einer Literaturrichtung entwickelt zu haben. Eine durchbildete Generation von Lyrikern durchforstet das Sprachmaterial der Fremd- und Fachsprachen nach Begriffen, die es verm\u00f6gen, in ihrer poetischen \u00dcberformung etwas auf&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/06\/kleine-grammaturgie\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1217],"class_list":["post-15066","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur","tag-dagmara-kraus"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15066","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15066"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15066\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15066"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15066"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15066"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}