{"id":15045,"date":"1989-05-23T00:01:00","date_gmt":"1989-05-22T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15045"},"modified":"2020-07-06T05:39:56","modified_gmt":"2020-07-06T03:39:56","slug":"teufelchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/05\/23\/teufelchen\/","title":{"rendered":"Teufelchen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Unschuld (Monsterkind)<\/span><\/p>\n<p>1.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Beginn gibt es nur das Eine: Die Welt aus der Perspektive eines Kindes, das zwischen aufgeh\u00e4ngten Kleidern herum kriecht, sich versteckt und die bunten Stoffe mit den H\u00e4nden auseinander schiebt. Raschelger\u00e4usche, die dabei entstehen. Das Kind ist begeistert. Und auf einmal ist da eine Stimme, die nach dem Kind ruft. Immer wieder. Sie ist rau, tief, eine Raucherstimme. Es ist die Stimme der Mutter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teresa. Wo steckst du? Teresa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kind wei\u00df, dass es gemeint ist. Es nestelt noch ein wenig an den Rocks\u00e4umen herum. Dann, als es h\u00f6rt, wie sich Stimme n\u00e4hert, bleiben die Bewegungen des Kindes ruckartig stehen. Es atmet ein und aus. Tief, fest. Lichtstreifen dringen durch die Ritzen zwischen den Kleidern zu dem Kind hinein. Es kann seine eigenen Fussspitzen zwischen den Schatten beobachten, tippt jeweils mit der einen auf der anderen herum. Das Kind gluckst, lacht. Es f\u00fchlt sich gro\u00df dabei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teresa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schmale, lange H\u00e4nde schieben die Stoffe auseinander. Teresa zwinkert mit den Augen. Ein f\u00fcnfj\u00e4hriges M\u00e4dchen mit wei\u00dfblondem Pagenkopf, hellgr\u00fcnen Augen und einem runden Porzellanpuppenkopf blickt die Mutter an, die gro\u00df und knorrig vor ihm steht, eine langgezogene Sch\u00f6nheit mit breitem, aparten Gesicht und Schmoll- Lippen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Na, meine Heldin der Kleiderzelte, sagt die Mutter und b\u00fcckt sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kind schiebt sich eine wei\u00dfblonde Str\u00e4hne hinter das Ohr, pustet sich die paar Stirnfransen aus dem Gesicht, die schon zu lang sind, und l\u00e4chelt die Mutter schief an. Die Augen der Mutter glitzern. Katzenaugen, gro\u00df, gr\u00fcngrau, sehr traurig. Die H\u00e4nde ber\u00fchren die Schl\u00e4fen des Kindes, die Fingerkuppen sind kalt, aber das ist Teresa egal. Sie liebt die Mutter, liebt den tranigen Geruch, den sie in ihre Richtung hin ausst\u00f6\u00dft. Dass dieser Geruch von der Magens\u00e4ure kommt, von dem Hunger der Mutter, die am Tag nicht mehr als eine Gurke isst, wei\u00df Teresa nicht. Und wenn sie es w\u00fcsste: Es w\u00e4re ihr egal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teresa dr\u00fcckt den Stoffdinosaurier an den Bauch, den es immer einen Stoffdinosaurier mit sich herum tr\u00e4gt, und l\u00e4chelt die Mutter an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat sich der Dinosaurier mit dir versteckt, was? sagt diese.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teresa grinst und verlagert das Gewicht von einem Bein auf das andere, zieht den abgegriffenen Stoffdino an die Brust heran und vergr\u00e4bt ihre Nase zwischen seinen Plastikh\u00f6rnern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer macht er komische Sachen mit dir, oder?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teresa, das Kind, lacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit gro\u00dfen ruhigen Augen betrachtet es Nina, die Mutter, eine d\u00fcrre gro\u00dfe Frau mit Ringen unter den Augen. Lange. Dieser Moment geh\u00f6rt nur ihnen, wei\u00df Teresa, das Kind. So wie die Mutter nur ihr geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einmal f\u00e4hrt eine Frau f\u00e4hrt auf Rollschuhen an sie heran, kommt neben Nina zum Stehen. Teresa zuckt ein wenig zur\u00fcck, die rasche Bewegung auf R\u00e4dern macht ihr Angst, zu abrupt h\u00e4lt der schlanke vollbusige K\u00f6rper der Verk\u00e4uferin der Boutique vor ihr. Beugt sich nach unten. Die Br\u00fcste labbern Teresa entgegen. Die Frau mit den R\u00e4dern an den Sohlen legt ihre Handfl\u00e4che sanft auf die Schulter der Mutter. Was die da will, fragt sich Teresa, das Kind. Dass das doch ihre Mutter ist und nur sie darf sie angreifen, \u00fcber sie mit ihren H\u00e4nden verf\u00fcgen, wie sie es f\u00fcr richtig h\u00e4lt, denkt Teresa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist meine Freundin. Die arbeitet hier in der Boutique, erkl\u00e4rt Nina.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aha.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das ist meine Tochter, sagt Nina.&nbsp; Und in ihren Augen leuchtet kurz etwas auf, das man Stolz nennen k\u00f6nnte, oder eine Andeutung von Liebe. Die Frau auf Rollschuhen streckt ihre langfingrigen H\u00e4nde aus und beginnt, an den Backen des Kindes herum zu ziehen. Teresa r\u00fcmpft die Nase, dr\u00fcckt den Stoffdino noch ein wenig fester an den Bauch. Ein komisches Gef\u00fchl gluckert ihr die Speiser\u00f6hre hinauf. Sp\u00e4ter wei\u00df sie, dass sie dieses Gef\u00fchl Nervosit\u00e4t nennen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ist ja niedlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da flutscht es aus dem Kind heraus: Teresa r\u00fclpst. Sie ist in einem Alter, in dem sie das noch darf. Die Frau auf den Rollschuhen l\u00e4chelt also nur. Nestelt an den kleinen Ohren des Kindes herum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hat sie da f\u00fcr ein Tier, fragt sie und greift nach einem der pl\u00fcschigen Stampferbeinen des Stoffdinosauriers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nina verdreht die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit fr\u00fchester Kindheit ist Teresas uneingeschr\u00e4nkte Vorliebe f\u00fcr das Monstr\u00f6se etwas gewesen, das sie ausgezeichnet hat. Bereits als Zweij\u00e4hrige lief sie mit einem Dinosaurier im Arm umher, nannte ihn Oscar, f\u00fctterte ihn bei jeder Gelegenheit. Sein harter nackter Sch\u00e4del ist aus Gummi, Teresa mochte das von Anfang an. Manchmal zieht sie Oscar an seinem langen Schwanz hinter sich drein oder kaut an Oscars speckige Babyschenkeln. Das Kind Teresa kr\u00fcmmt sich gerne, spielte Ei f\u00fcr den Dinosaurier. Sammelt am Liebsten winzige glitschige Wesen mit Reptilienhaut in Spielzeugl\u00e4den, f\u00fcr die es hinterm Haus ihrer Gro\u00dfmutter kleine H\u00f6hlen aus Holzscheiten baut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Freude an H\u00f6hlen sei etwas, das den ungeschickten Kindern eigen sei, hat Nina irgendwann einmal gelesen. Und es stimmt: Teresa ist ein Kind mit nilpferdhaften Bewegungen.Manchmal sieht die Tochter aus wie ein trauriger Elefant, denkt Nina. Was sie nicht wei\u00df: Teresas kleinen Ohren h\u00f6ren bis in das H\u00e4mmern der Stille hinein, und manchmal h\u00f6ren sie sogar das Dahinter der Stille.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Nina Sorgen macht: Teresa mangelt es an Calium Carbonicum. Ihre Haut ist schwei\u00dfig und hell wie die einer glitschigen Auster. Dass Teresa die meisten Menschen ber\u00fchrt, weil sie so&nbsp; eigent\u00fcmlich sanftm\u00fctg und ungeschickt ist, wei\u00df Nina.. Manchmal plappert Teresa gegen alle W\u00e4nde ihrer Mutter Nina an. Gr\u00e4bt L\u00f6cher in ihre Bettdecke, formt sich zum Embryo, verschwindet darin. Das Hinterteil des Kindes ist das einzige, was sie dann noch zu sehen bekommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was machst du da?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kriechen, sagt Teresa dann immer, und Nina lacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber zur\u00fcck zu der Welt aus Kleiderzelten, der Frau auf Rollschuhen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist ein Triceratops. Oder auch: Dreihorngesicht. Hat in der Kreidezeit gelebt, antwortet Teresa auf die Frage der \u00fcppigen Verk\u00e4uferin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frau auf Rollschuhen lacht schrill. Nina, die Mutter, grinst schief.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Barbies ist sie noch zu klein, oder? fragt ihre Freundin mit einem seitlichen Blick auf Nina.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nina zuckt mit den Achseln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Asphaltstra\u00dfe, die zum Kindergarten f\u00fchrt, kommt Teresa sehr weit vor. Sie m\u00fcssen daf\u00fcr einen Bauernmarkt \u00fcberqueren, Holzl\u00e4den, an denen K\u00f6rbe mit bunten Fr\u00fcchten zu sehen sind, Orangen, \u00c4pfel, daneben die Metzgerei und das Fischgesch\u00e4ft, aus dem es nach alter Frau und Urin riecht jeden Morgen. Teresa kennt die Wege, die geschl\u00e4ngelten Gassen, sie wei\u00df, sie muss sich nur von der Mutter an der Hand nehmen und bis hin zu der befahrenen Autostra\u00dfe ziehen lassen, durch den Dschungel aus Obst, Gem\u00fcse und fetten Bauernfrauen hindurch, die laut rufen: \u201eBirnen haben wir da.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nina geht mit schnellen Schritten. Zieht Teresa hinter sich her, die M\u00fche hat, mit der Bewegung&nbsp; ihren langen Beinen mit zu halten. Ninas F\u00fc\u00dfe stecken in eng anliegenden Seidenstr\u00fcmpfen, ihre Schuhe sind hochhackig, die Waden d\u00fcnn, die Schenkel k\u00f6nnen von zwei Kinderh\u00e4nden umfasst werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen uns beeilen, Schatz. Ich komm noch zu sp\u00e4t zum Shooting.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teresa schleift den Dinosaurier hinter sich her, kaut an ihrem Schal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist ein Shooting?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Arbeit, wei\u00dft du doch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Macht wieder ein Mann Fotos von dir?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teresas F\u00fc\u00dfchen trippeln, sind immer ein wenig zu sp\u00e4t. Sie folgt der gro\u00dfen Frau. Der riesigen, hagere Mutter, deren Schritte staksen. Auf einmal sieht Teresa einen Hund, der an ihr vorbei geschliffen wird, an der Hand eines Mannes mit bunt gef\u00e4rbten stacheligen Haaren. Teresa l\u00e4chelt den Hund an. Legt dann den Kopf in den Nacken. Der Himmel ist hell, sie beobachtet die Wolken. Sp\u00fcrt die kalte, kraftlose Mutterhand zwischen ihren H\u00e4nden und l\u00e4chelt. Das Kind f\u00fchlt sich stark, gro\u00df, sicher. Auf einmal kippt Nina zur Seite und ihr K\u00f6rper sinkt lasch gegen eine H\u00e4userwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mama, ruft Teresa aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ninas K\u00f6rper, ein zusammengesacktes B\u00fcndel aus Knochen und Haut auf dem Boden, zittert ein wenig. Teresa b\u00fcckt sich, greift mit ihren kleinen knubbeligen Fingern nach den blutleeren Wangen der Mutter, die auf die Seite gerollt daliegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mama. Was hast du?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ninas Lider flackern. Sie atmet schnell. Ihre Worte kommen sto\u00dfweise und rau aus ihr heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist nur der Kreislauf. Gib mir einen Moment entgegnet sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teresa nickt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist ein Kreislauf?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sei ein liebes M\u00e4dchen und stell keine Fragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mutterhand f\u00e4hrt kurz in die H\u00f6he, sinkt dann wieder lasch auf den Boden zur\u00fcck. Der Mann mit Hund ist einfach weiter gegangen. Teresa guckt den wolligen Schritten des Tieres nach, das ein wenig an einen B\u00e4ren erinnert. Der Schopf des Punks verschwindet nach und nach zwischen Autos und Ampeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wolken verschieben sich nur langsam. Teresa wei\u00df, dass auf der anderen Seite der Stra\u00dfe, hinter dem Drahtgeflecht, der Spielplatz ihres Kindergartens liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erinnert sich pl\u00f6tzlich an die Snoopytasche, die sie ihr geschenkt haben, bevor sie sie das erste Mal in einen Kindergarten schickten. Auf dem Weg dahin, ein Kiesweg, klapperten Teresa die Z\u00e4hne. Die Mutter neben ihr atmete schnell und hastig. Sie ist krank, w\u00fcrde man Teresa sp\u00e4ter erkl\u00e4ren. Das Herz der Mutter setzte damals schon f\u00fcr Momente aus, bis sie bei dem gro\u00dfen Pavillon ankamen. Teresa wusste nichts davon. Sie hielt die zittrige Hand der Mutter. Die vielen Nonnen mit den verknitterten Gesichtern, deren M\u00e4ntel sich aufbauschten, wenn sie liefen, verwirrten Teresa. Nina hatte dem Kind das Jausenbrot eingepackt. Teresa zitterte ein wenig und pickte an den Fingern der Mutter fest mit ihren Patschh\u00e4nden, Schwei\u00dfh\u00e4nden. Und da waren viele St\u00fchle, seltsame Fr\u00fcchte aus Plastik und l\u00e4rmender Ger\u00e4usche und ein Raum mit andere Kindern darin, die sich gegenseitig Gegenst\u00e4nde aus den H\u00e4nden rissen. Und dabei kreischten. Teresa zupfte an ihren Fingern herum, die ihr wie Fremdk\u00f6rper scheinen. In diesem Moment waren Teresas&nbsp; einzigen Spielzeuge ihre H\u00e4nde. Sie wollte nicht, dass die Mutter weggeht. Mochte die Frauen nicht angucken, die seltsame wei\u00dfe Streifen um die Stirn hatten. Deren L\u00e4cheln ist nicht echt, dachte Teresa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Kindergarten stellten sie ihr komische Puppen mit Gummisch\u00e4deln und Wesen aus Stoff, die ranzig rochen, hin. Teresa war alles sehr fremd. Sie beguckte die Wesen ein wenig, weil man es von ihr zu erwarten schien, und fand keinen Dinosaurier unter den Tieren. Hinter dem gro\u00dfen Fenster dehnte sich eine weite Wiese aus vor ihren Blick, erinnert sich Teresa. Die Frauen hatten wippende K\u00f6pfchen, sahen aus wie Pinguine, fand das Kind. Ihre K\u00f6rper waren in Kleider geh\u00fcllt, die sich aufbauschten und als schwarzen Zelte umher wehten mit jedem ihrer Schritte. Teresa wollte nicht da bleiben. F\u00fcr Momente haben sie Teresa aber dann gekriegt, mit einem Buch, das sie begeisterte. Als Teresa in in die Bilder des Buches hinein kippte, hielt f\u00fcr einen Moment die Zeit an. Kaum konnte sie aufblicken, war die Mutter fort. Teresa riss sich los, lief zu einer der Holzb\u00e4nke mit den Kleiderhaken, die nebeneinander standen, in Reih und Glied, \u00e4hnlich wie die in ihrem jetzigen Kindergarten. Seltsam ma\u00dfgeschneiderte B\u00e4nke, erinnert sie sich. Sie wusste nicht weiter. Setzte sich. Wetzte mit ihren Fingern auf den Knien umher. Vollf\u00fchrte Wipp- Bewegungen mit dem Oberk\u00f6rper. Auf und ab. Fremde harte B\u00e4nke aus Holz. Wein doch nicht, Kind, murmelte ein verhunzeltes Gesicht aus einem der schwarzen T\u00fccher raus. Pinguinmenschen, dachte Teresa und&nbsp; beugte sich nach Vorne. Dann kotzte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem anderen Kindergarten versuchten Nina und Wolfgang es danach. Das wurde ihr Kindergarten, der jetzt auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite auf Teresa wartet. In diesem Kindergarten sind die Gegenst\u00e4nde kleiner, gedrungener. Passen besser zu ihrer K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe, denkt Teresa. Die bunte Gartent\u00fcr l\u00e4dt zum Spielen ein. Die Fenster sind beklebt mit Schmetterlingen in allen m\u00f6glichen Pastellfarben. Papierwesen h\u00e4ngen mit Tesa- Band gegen die Scheiben geheftet da. Auch hier gibt es diese seltsamen gerippten Holzb\u00e4nke in Reih und Glied, aus dessen Verl\u00e4ngerungen H\u00e4kchen aus Metall staksen. An einigen h\u00e4ngen kleine H\u00fctchen. Schuhe sind auf geschlichtet unter den B\u00e4nken. In bunten Farben. Freundlicher ist es hier als bei den Pinguinen, dachte Teresa beim ersten Mal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sie hat die Erwachsenen durchschaut. Sie wollen sie k\u00f6dern, dachte Teresa. Denn sie durfte ihren Handabdruck in den Ton hineinpressen. Teresa trug beim ersten Besuch das gr\u00fcne Kleid mit den vielen wei\u00dfen P\u00fcnktchen. Spielte am Saum herum mit ihren H\u00e4nden, weil sie nicht wusste, wohin mit den H\u00e4nden. Die Gro\u00dfe, von der sie alle sagten, sie sei eine Tante, r\u00fchrte Gips an, eine wei\u00dfe Masse in einem kleinen Topf, die breiig wurde, fest klebte am Holzl\u00f6ffel. Die Tante r\u00fchrte und r\u00fchrte herum. Ihre drahtigen Finger umklammerten fest den Griff des Kochl\u00f6ffels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darf ich deine Hand haben? sagte sie dann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, antwortete Teresa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sch\u00fcttelte den Kopf, weil sie dachte, die Frau, die alle Tante nannten, meinte, sie wollte ihre Hand f\u00fcr immer. Sie begann, zu pl\u00e4rren. Wollte an die warme Bauchdecke der Mutter. An ihre kernigen Br\u00fcste, Honigbirnenbr\u00fcste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die l\u00fcgen doch alle, dachte Teresa. Tun so, als ginge es um den Gips, als ginge es darum,&nbsp; ihre kleine Hand als Abdruck f\u00fcr immer fest zu halten. Dabei wollen sie nichts als dich rumkriegen.&nbsp; Dass sie da bleibt, so dachte Teresa, beim ersten Mal. Aber dann kamen sie immer wieder in den Kindergarten, und eines Tages ging die Mutter alleine weg. Und es begann, Freude zu machen, im Gips zu w\u00fchlen, die Joghurtbecher mit Wolle zu bekleben und aus einer Plastilinmasse runde bunte K\u00fcgelchen zu kneten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teresa ist ratlos. Sie wei\u00df, dass sie da jetzt hin muss. Zu den Kindern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie f\u00e4hrt der Mutter durchs Haar und denkt an ihren Kindergarten. Wie der Raum atmet, weich, wie die Farben streicheln. Sie beobachtet ihre eigenen Schuhspitzen und tippt kleine Rhythmen mit ihnen in den Boden gegen die Angst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mama.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es da eine T\u00fcr gibt, die hinein f\u00fchrt in helle R\u00e4ume, kleine B\u00e4nke mit H\u00e4kchen ganz Vorne, dahinter zwei S\u00e4le, ein gro\u00dfer, weiter, mit einem Stockbett, Dinosauriern und Gipsabdr\u00fccken von Kinderh\u00e4nden an der Wand, und ein kleiner, dessen W\u00e4nde mit einer Wiese und Kirschb\u00e4umen bemalt ist. In dem kleinen Saal werden immer die Matratzen ausgepackt f\u00fcr den Mittagsschlaf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teresa nimmt einen Zeh des Stoffdino in den Mund und kaut daran herum. Wieder und wieder. Zieht Speichelf\u00e4den im Mund lang. Sie spielt mit den Fussspitzen herum gegen die Angst. Sie wartet darauf, dass die Mutter wieder zu Atem kommt. Sich aufsetzen kann. Das Rauschen der Autos. Das Fr\u00fchlingsgezwitscher vereinzelter V\u00f6gel, die in den noch kargen B\u00e4umen h\u00e4ngen. Ein stechender Himmel. Niemand bleibt stehen. Niemand fragt. Teresa hockt neben der Mutter und bei\u00dft ein kleines Loch in die Stoffhaut ihres Dinosauriers.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<h4>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h4>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=17351&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Wortspielhalle-300x300.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Wortspielhalle-300x300.jpeg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Wortspielhalle-150x150.jpeg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Wortspielhalle.jpeg 596w\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"266\"\/><\/a>Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18115\">hier<\/a>. In ihrem preisgekr\u00f6nten Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17985\"><em>Referenzuniversum<\/em><\/a> geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Vertiefend zur Lekt\u00fcre empfohlen, das Kollegengespr\u00e4ch&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19055\">:2= Verweisungszeichen zur Twitteratur<\/a>&nbsp;von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zum Projekt <i>Wortspielhalle<\/i>. H\u00f6ren kann man einen Auszug aus der <em>Wortspielhalle<\/em> in der Reihe <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/wortspielhalle.htm\">MetaPhon<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Unschuld (Monsterkind) 1. Zu Beginn gibt es nur das Eine: Die Welt aus der Perspektive eines Kindes, das zwischen aufgeh\u00e4ngten Kleidern herum kriecht, sich versteckt und die bunten Stoffe mit den H\u00e4nden auseinander schiebt. Raschelger\u00e4usche, die dabei entstehen. 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