{"id":14958,"date":"2021-05-27T00:01:08","date_gmt":"2021-05-26T22:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14958"},"modified":"2024-05-05T09:17:50","modified_gmt":"2024-05-05T07:17:50","slug":"sprachinstallationen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/05\/27\/sprachinstallationen\/","title":{"rendered":"Sprachinstallation"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Was ist eigentlich Musik? Wo h\u00f6rt Sprache auf und an welchem Punkt f\u00e4ngt die Stille an?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Roland Barthes hat geschrieben, da\u00df es keine menschliche Stimme auf der Welt gebe, die nicht Objekt des Begehrens w\u00e4re &#8211; oder eben des Abscheus. Es gibt keine Stimme, zu der wir uns neutral verhalten k\u00f6nnen: Entweder wir lieben sie oder nicht, entweder wir ertragen sie oder wir reagieren idiosynkratisch. Was fasziniert, ist etwas sehr Konkretes: W\u00f6rter, Wortgruppen, bestimmte Zusammenstellungen, in bestimmter Perspektive ausgew\u00e4hlte Sprachkombinationen.<em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p align=\"right\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Buchstaben, Ger\u00e4usche und all das, was dazwischen liegt, spielen eine grosse Rolle.<\/em><\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_49027\" style=\"width: 193px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Unknown.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-49027\" class=\"wp-image-49027 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Unknown.jpeg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"275\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-49027\" class=\"wp-caption-text\">Weigoni-Portr\u00e4t: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni interessiert der Einklang der Vokale, Konsonanten und mehrwortigen Verbindungen, das durch vokabul\u00e4re Zusammenf\u00fcgung hergestellte k\u00fcnstliche Bild. Weigoni wetzt die Konsonanten, bis sie sch\u00e4rfer schneiden als jedes Rasiermesser, vermag poetische Performances zu Ereignissen zu machen, weil er den richtigen Rhythmus und die Melodie findet. Weigoni hat wie kaum ein Lyriker sonst begriffen, da\u00df das Gedicht Mundwerk im buchst\u00e4blichen Sinn ist: Es entsteht im Rachenraum. Da zischt und schnattert, da h\u00e4mmert&#8217;s und gurgelt es. Manchmal versteht man nicht den Sinn, aber die Gedichte sind durch den Sprachgestus und -duktus immer evident. So musikalisch diese Poesie ist, so falsch w\u00e4re es, sie als Musik oder reine Lautmalerei zu verstehen. Der Rezitator arbeitet in seinen poetischen Performances mit W\u00f6rtern, und seine Worte haben Bedeutung. Selbst und gerade da, wo er ihnen die herk\u00f6mmliche unter den F\u00fcssen wegzieht, zitiert er sie durch das Sprachspiel, in dem er sie verwendet. Er l\u00e4\u00dft die Glossolalie der Metropolen-Slangs und die Patois-Eloquenz anklingen, retextualisierend, gewissermassen wieder neu auf: Dialekte, Soziolekte, Fach- sowie Fremdsprachenpartikel unangestrengt schafft er gefl\u00fcsterte, gesprochene Sprachkunstwerke. Dieser Lyriker legt gleichsam jedes Wort, jede Silbe, jeden Ton unter das Mikroskop, pr\u00fcft jede Nuance der Artikulation, der Vokalf\u00e4rbung, der Konsonantenakzentuierung, der Klangschattierung und der dynamischen Abstufung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Rezitieren ist hier Millimeterarbeit.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Mosaik aus sprachlichen und klanglichen Details w\u00e4chst zu einem farbigen und zugleich pr\u00e4zisen Gesamtbild zusammen, dies liegt zum einen an seiner stimmlichen Reaktionsschnelligkeit und Wendigkeit, zum anderen an der klugen Planung seiner interpretatorischen Disposition. Ein wirklicher Lyriker wei\u00df, da\u00df er der Sprache das Meiste verdankt. Wenn er ihr folgt, folgt sie ihm. Das merkt man auch, wenn man Weigoni zuh\u00f6rt bei der allm\u00e4hlichen Verfertigung der Gedanken beim Reden. Seine Sprache tr\u00e4gt und treibt, und man wird mitgetragen und mitgetrieben. Jede Einzelheit steht nicht f\u00fcr sich, sondern verweist aufs Ganze, steht in einem Zusammenhang und wird in den Dienst einer umfassenden Ausdrucksintention gestellt. Weigoni artikuliert so, als ob er durch jedes Wort auf den Grund der Bedeutung sieht. Das Mond\u00e4ne vereinigt sich mit dem Musikalischen, der Intellekt mit dem Sinnlichen. Seine Stimme erzeugt eine atemberaubende Intimit\u00e4t. Sie ist weich und schwingend wie der K\u00f6rper einer Katze, und sie kann kalt leuchten wie Mondschein. Aber vor allem ist sie gro\u00df, wenn er leise spricht. Dann bricht sie manchmal und zeigt raue Stellen; sie entzieht sich in Momenten der Heiserkeit, um dann um so sch\u00f6ner wiederzukommen. Nicht nur als Sammler von Sprachbl\u00fcten ist er eine Gelehrtennatur von idealistischem Flei\u00df und positivistischem Systemdrang, man mu\u00df vor seinem polemischen Talent auf der Hut sein. Weigoni wollte nicht einfach ein weiterer experimenteller Lyriker sein und im Bastelparadies arbeiten, er wollte eine eigene Sprache und hat aus der Analyse der Tradition heraus die Poesie der k\u00f6rperlichen Erfahrung, der Klangrealistik, bei welcher die Energetik des Hervorbringens eines Klangs ebenso freigelegt und existenziell wird wie die Worte und ihr Inneres selber: Senkblei in die Seele.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>A.J. Weigoni und Philipp Bracht gelingt es, Wahrnehmungsgrenzen zwischen Klang, Musik, Stille und Auff\u00fchrung zu verschieben<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Weigonis Sprachinstallationen kontrastieren phasenweise die Harmonien der Musik und der eher Dissonanzen thematisierende Text. Das zugleich analytische und spielerische der Textfolge korrespondiert mit der Tatsache, da\u00df Musik und Mathematik verwandte Urspr\u00fcnge haben. Poesie ist h\u00f6here Zahlenlehre, die durch die Addition aller Gleichungen das Ohr zum Klingen bringt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong>Pr\u00e6gnarien<\/strong>, H\u00f6rbuch von Philipp Bracht, Frank Michaelis und A.J. Weigoni. Eine limitierte Auflage von 50 Exemplaren ist versehen mit einem Original von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, M\u00fchleim an der Ruhr 2013<\/p>\n<div id=\"attachment_98556\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98556\" class=\"wp-image-98556 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Praegnarien_Cover-212x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98556\" class=\"wp-caption-text\">Auf dem Cover finden wir pa\u00dfgenau hingetuschte Portr\u00e4ts.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>H\u00f6rproben \u2192 <\/strong>Probeh\u00f6ren kann man die <em>Pr\u00e6gnarien<\/em> auf <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/clips\/prae_last7.mp3\">MetaPhon<\/a>. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_xE7BPCey68\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch die W\u00fcrdigung von Jens Pacholsky: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-cke-saved-href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\">H\u00f6rb\u00fccher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters<\/a>.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong>Jeder Band aus dem <em>Schuber<\/em> von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk. KUNO fa\u00dft die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42570\">Stimmen<\/a> zu dieser verlegerischen Gro\u00dftat zusammen. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist eigentlich Musik? Wo h\u00f6rt Sprache auf und an welchem Punkt f\u00e4ngt die Stille an? Roland Barthes hat geschrieben, da\u00df es keine menschliche Stimme auf der Welt gebe, die nicht Objekt des Begehrens w\u00e4re &#8211; oder eben des Abscheus.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/05\/27\/sprachinstallationen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":98556,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,1152,44,1016],"class_list":["post-14958","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-frank-michaelis","tag-haimo-hieronymus","tag-philipp-bracht"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14958","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14958"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14958\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98560,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14958\/revisions\/98560"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98556"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14958"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14958"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14958"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}