{"id":14951,"date":"2013-04-22T00:00:00","date_gmt":"2013-04-21T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14951"},"modified":"2021-07-22T13:10:20","modified_gmt":"2021-07-22T11:10:20","slug":"das-verschwiegene","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/04\/22\/das-verschwiegene\/","title":{"rendered":"Das Verschwiegene"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Dein Schwinden selbst aber bleibt<\/span> <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesem posthumen Geleitwort des schwedischen Lyrikers und Erz\u00e4hlers Gunnar Ekel\u00f6f (1907-1968) \u00fcbereignet Linn Ullmann ihren Figuren und deren Wirkung mehrere fragile Eigenschaften. Es ist die Ungewissheit, inmitten diffuser, nicht kontrollierbarer Gedankenstr\u00f6me irgendwie Halt finden zu k\u00f6nnen. Es ist die Unf\u00e4higkeit, die taumelnden K\u00f6rper vor dem Abgrund zu bewahren. Vielmehr irren sie durch ihre Gef\u00fchlsstr\u00f6me, die ihnen keine Richtung angeben, sie immer wieder zweifeln lassen an einer irgendwie gearteten Sinnhaftigkeit ihres Lebens. So wie Jenny Brodal, die am 15. Juli 2008 im Kreise ihrer Kinder, Freunde und vertrauten Bekannten ihren 75. Geburtstag feiern soll \u2013 und sich diesem Festtag mit mehreren Gl\u00e4sern Rotwein entzieht. Zum ersten Mal nach zwanzig Jahren betrinkt sie sich wieder. Nun versucht sie, sich in Erinnerung zu rufen, warum sie sich gegen diesen Geburtstag str\u00e4ubt. Und je l\u00e4nger sie sich diesem Gedankenstrom hingibt, desto intensiver tauchen alle ihr lieb gewonnenen Menschen auf, die ihr Leben im Sommerhaus Mailund begleitet haben. Doch seltsamerweise unterbricht die Erz\u00e4hlerin diesen Gedankenstrang. Im Fokus ihrer Erinnerungen taucht Mille, ein neunzehnj\u00e4hriges lebenslustiges M\u00e4dchen, auf. Vor zwei Jahren war sie an einem hei\u00dfen Julitag verschwunden. Und Mille, die in der Familie von Jon und Siri und deren Kinder Liv und Alma als Babysitter gearbeitet hatte, blieb auch verschwunden, obwohl ihre Eltern und fast alle Bewohner des St\u00e4dtchen sie tage- und wochenlang suchten. Erst zwei Jahren sp\u00e4ter fanden drei Buben, Simen, Gunnar und Ole Kristian ihr Grab in einem nahe gelegenen Wald, wo sie auf der Suche nach einem Schatz waren. Die Vermutung des Lesers, nun entfalte sich die Handlung eines weit verzweigten Detektivromans, erf\u00fcllt sich nicht. Vielmehr verst\u00e4rkt sich das Ger\u00fccht, ein gewisser KB, mit dem Mille an diesem Sommerabend das letzte Mal gesehen wurde, habe sie ermordet. Er wird festgenommen, verurteilt. Doch eindeutige Beweise f\u00fcr eine Mordtat fehlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hauptstrang des Romans konzentriert sich nun auf die Figur des Jon Dreyer, Familienvater und Schriftsteller, der am dritten Band einer Trilogie sitzt, die er nicht abschlie\u00dfen wird. Davon ist selbst sein Hund Leopold, ein schwarzer Labrador, \u00fcberzeugt, denn Jon macht seit langem keine Spazierg\u00e4nge mehr mit ihm. Sein Herrchen bem\u00fcht sich seit Jahren um die Fertigstellung des Manuskripts zu diesem Band, in dem ein gewisser Herman R. von sich behauptet, er sei als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger im KZ Buchenwald inhaftiert gewesen. Er erz\u00e4hlt eine Liebesgeschichte, deren narratives Handlungsgef\u00fcge sein Autor zwar in gro\u00dfen Z\u00fcgen \u00fcberschaut, doch an seiner Fertigstellung schier verzweifelt. Er sitzt monatelang vor seinem Computer, starrt vor sich hin, gibt sich wirren Gedanken hin, f\u00fchrt Gespr\u00e4che mit Mille, versucht Einfluss zu nehmen auf die Erziehung seiner \u00e4lteren Tochter Alma, notiert sich dann und wann irgendwelche Gedanken. Seine Frau, gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Besitzerin von zwei kleinen Restaurants, nimmt die Lebenskrise ihres Mannes wahr, ohne ihm helfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein zweites anschauliches Beispiel ist die f\u00fcnfundsiebzigj\u00e4hrige Jenny Brodal, die nach ihrem Geburtstag einen Unfall erleidet und infolge dessen dement wird. Sie wird von Irma, einer Mitbewohnerin, die im Hause Mailand im Keller wohnt, gepflegt. Diesen beiden Frauen ist das Kapitel V, Omelett, gewidmet, eine r\u00fchrende Schilderung der beiden Frauen, die zueinander finden. F\u00fcr Siri, die Tochter von Jenny, ein Gl\u00fccksfall, denn ohne Irma, zu der sie nur einen sporadischen Kontakt hatte, w\u00e4re ihre Mutter ein anonymer Fall in irgendeinem staatlichen Pflegeheim geworden. Und Jon? Er hat sein Romanprojekt aufgegeben, ist Lektor in einem Osloer Buchclub geworden, w\u00e4hrend Siri die Familie finanziell \u00fcber Wasser h\u00e4lt. Und Jenny? Sie stirbt pl\u00f6tzlich und erh\u00e4lt eine w\u00fcrdevolle Beerdigung, ebenso wie der gro\u00dfe schwarze Labrador Leopold, der langj\u00e4hrige Begleiter auf Jons Spazierg\u00e4ngen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu den besonderen Vorz\u00fcgen der psychologisch geschickt angelegten Romanhandlung, dass die Erz\u00e4hlerin ihre Figuren in l\u00e4ngeren Handlungsstr\u00e4ngen reden l\u00e4sst, wobei sie mit inneren Monologen sehr sparsam umgeht. Vielmehr ist es eine multiperspektivische personale Erz\u00e4hlerin, die aus der Sicht ihrer einzelnen Figuren erz\u00e4hlt, ohne eine Ich-Perspektive einzunehmen. Ihr Gesp\u00fcr f\u00fcr psychische Verwerfungen einzelner Romanfiguren zeichnet sich dabei in unterschiedlichen Situationsbeschreibungen ab. So zum Beispiel beschreibt sie die verzweifelten Empfindungen von Mille, nachdem sie die Vergewaltigung \u00fcber sich ergehen lassen musste und dann ermordet wurde. Den Namen des Vergewaltigers und potentiellen M\u00f6rders aber verr\u00e4t die Erz\u00e4hlerin nicht. Deshalb bleibt auch die offene Dimension der Handlung, in dem die einzelnen Figuren ihre psychische und mentale Eigenst\u00e4ndigkeit bewahren. Eine weitere Eigenschaft des Verh\u00e4ltnisses zwischen der Erz\u00e4hlerin und ihren Figuren ist hervorzuheben. Sie kommentiert nicht die Verhaltensweisen der oft verst\u00f6rten Personen, sondern argumentiert\u00a0 vielmehr aus deren Perspektive. Auf diese Weise bewahrt der Roman seine narrative Spannung. Die wenigen eingef\u00fcgten inneren Monologe und die Hervorhebung bestimmter Satzteile in kursiven Lettern erweisen sich als nicht st\u00f6rend, im Gegenteil, sie verleiten den Leser zum kurzweiligen Nachdenken. Sicherlich sind sie in der deutschsprachigen Ausgabe auch zuweilen bewusst markiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Linn Ullmann, die Tochter der Schauspielerin Liv Ullmann und des Filmregisseurs Ingmar Bergmann, 1966 in Oslo geboren, hat nach ihren mehrfach pr\u00e4mierten Romanen <em>Gnade, Die L\u00fcgnerin, Wenn ich bei dir\u00a0bin, Gesegnetes Kind<\/em> mit <em>Das Verschwiegene <\/em>ein besonderes erz\u00e4hlerisches Werk geschaffen. Es zeichnet sich durch die F\u00e4higkeit aus, aus unterschiedlichen Perspektiven die schicksalhaften Wendungen und verwirrenden Handlungen im Zusammenleben einer norwegischen Familie anschaulich und \u00fcberzeugend darzustellen. Dabei gelingt es Ullmann, mithilfe eines multidimensionalen personalen Erz\u00e4hlers die psychischen Verwundungen der einzelnen Figuren nicht nur zu erfassen, sondern sie ihren Leser\/innen aus tiefenpsychologischer Sicht auch zu vermitteln. Eine Aufgabe, die ihre deutschsprachige \u00dcbersetzerin mit Bravour bew\u00e4ltigt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Verschwiegene.<\/strong> Roman von Linn Ullmann. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. M\u00fcnchen (Luchterhand).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Das-Verschwiegene.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89320 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Das-Verschwiegene-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Das-Verschwiegene-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Das-Verschwiegene-260x415.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Das-Verschwiegene-160x256.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Das-Verschwiegene.jpg 263w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><span style=\"color: #999999;\">Anmerkung der Redaktion<\/span>: Linn Ullmann ist mit \u201eDas Verschwiegene\u201c auf Lesereise:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Morgen ab 20.00 Uhr\u2028 in der Ingeborg Drewitz Bibliothek,\u2028 Grunewaldstra\u00dfe 3,\u202812165 Berlin<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">24.04.2013, 19.00 Uhr Lesung im Rahmen der Vattenfall, Lesetage\u2028, Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe\u2028 Steintorplatz 1\u20282099 Hamburg<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">25.04.2013, Belgisches Haus,\u2028 Cecilienstr. 46,\u2028 50667 K\u00f6ln<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutsche Stimme: Juliane K\u00f6hler, \u2028Moderation: Margarete von Schwarzkopf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dein Schwinden selbst aber bleibt Mit diesem posthumen Geleitwort des schwedischen Lyrikers und Erz\u00e4hlers Gunnar Ekel\u00f6f (1907-1968) \u00fcbereignet Linn Ullmann ihren Figuren und deren Wirkung mehrere fragile Eigenschaften. 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