{"id":14903,"date":"2013-04-12T00:40:41","date_gmt":"2013-04-11T22:40:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14903"},"modified":"2022-02-23T05:41:08","modified_gmt":"2022-02-23T04:41:08","slug":"buchmanns-babel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/04\/12\/buchmanns-babel\/","title":{"rendered":"Buchmanns Babel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Lu\u0308neCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-14906\" title=\"Lu\u0308neCover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Lu\u0308neCover.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"280\" \/><\/a>J\u00fcrgen Buchmann ist ein Ph\u00e4nomen, ich m\u00f6chte fast sagen, eine Speerspitze der Romanischen Sprachen und vielleicht des Romanischen Sprechens und Denkens im deutschen Gel\u00e4nde, wenn dieser eher bellizistische Ausdruck nicht an der Art vorbei zielte, wie Buchmann Sprache zelebriert und feiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann sich diesem Autor mittlerweile Dank der Verlage Freiraum aus Greifswald\u00a0 und Reinecke &amp; Voss aus Leipzig auf verschiedene Art n\u00e4hren; entweder greift man zu seinen \u00dcbersetzungen (aus dem Franz\u00f6sischen, dem Italienischen oder dem Katalanischen zum Beispiel) oder eben zu seinen traumhaft sch\u00f6nen eigenen Texten. Und egal wof\u00fcr man sich entscheidet, denke ich, wird deutlich, wie das, was Benjamin in seinem Text <em>Die Aufgabe des \u00dcbersetzers<\/em> als Gespr\u00e4ch zwischen den Sprachen einfordert, eine Wirkung entfaltet, weit \u00fcber ein\u00a0 momentanes \u00dcbersetzungsprojekt hinaus. Es entsteht, ohne das explizit aufs politisch Utopische abgezielt w\u00fcrde, die Vision eines weltweiten Babel, in dem die Vielsprachigkeit keine Last, sondern einen Reichtum darstellt, und zumindest in der Lekt\u00fcre f\u00fcr mich eine Quelle der Leselust.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun legte also im Januar 2013 der Greifswalder Verlag Freiraum mit der <em>L\u00fcneburger Trilogie <\/em>ein weiteres Buch mit Texten Buchmanns vor. Wie schon die anderen B\u00fccher des Autors keine dicke Schwarte sondern eine kleine Publikation von knapp einhundert Seiten. Sie enth\u00e4lt die Teile <em>Einschiffung nach Cythera, Phantastische Topografie der Hansestadt L\u00fcneburg <\/em>und <em>Logbuch vom Meer der Finsternis.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Anordnung der Texte, die inhaltlich keinem sogenannten Roten Faden folgen, die narrativ also nicht miteinander verwoben sind, scheint formale Gr\u00fcnde zu haben. Man kann das Buch als eine Art Meditation \u00fcber Prosa und Prosagedicht lesen und vielleicht eben als einsickern eines franz\u00f6sischen Gedankens in einen deutschen Text. W\u00e4hrend im ersten Text die Sprache im Gestus noch zwischen lyrischer Beschreibung und Handlungsprosa changiert und die entsprechenden Passagen auch voneinander abgesetzt sind, werden sie im Fortgang des Buches immer weiter enggef\u00fchrt, bis so etwas wie ein geradezu barockes Sprachmuster entsteht, das auch ein Sinnmuster ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Vorstellung breitetet sich wahrscheinlich auch deshalb in mir aus, weil ich kurze Zeit vorher Buchmanns \u00dcbersetzung von Bertrands <em>Gaspard de la Nuit<\/em> gelesen habe. Eine Sammlung von Prosagedichten aus dem Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts, die man als Initial zur franz\u00f6sischen Moderne bezeichnen k\u00f6nnte, die untergr\u00fcndig wirkte und formal auch schon Strukturen der Postmoderne vorweg nahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich wie Bertrand in seinem Text Dijon beschreibt, stellt uns Buchmann im zweiten, der mittleren Tafel des Triptychons, in L\u00fcneburg ein Stadt vor, die dem Raum und der Zeit enthoben ist, in der Geschichte sich aber sedimentiert hat und als sirrender Nachhall in den Mauern und Geb\u00e4uden zum Klingen kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Und zitternd verzeichneten die Turmspitzen der Kathedralen in den Wolken die Beben in der Tiefe, die Auslaugung der Anhydris und den Einbruch der H\u00f6hlen vierzig Meter unter der Stadt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei wirkt der Text an keiner Stelle wie ein sentimentaler R\u00fcckgriff auf vergangene Formen, sondern in seiner Verspieltheit als zeitgem\u00e4\u00dfer literarischer Ausdruck. Geschichte ist hier Gegenwart, auch die Literaturgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Logbuch der Finsternis letztlich findet die Entgrenzung einen H\u00f6hepunkt, der formal wahrscheinlich nicht zu \u00fcberschreiten ist:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Dinge wirkten nicht l\u00e4nger wie getrennte eigenst\u00e4ndige K\u00f6rper, sondern wie Muster auf einer einheitlichen Oberfl\u00e4che, auf der sie sich wie durch feinste, elektrostatische Ladungen in einem spannungsvollen Gleichgewicht der Anziehung und Absto\u00dfung verteilten.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Buchmann,\u00a0<strong>L\u00fcneburger Trilogie<\/strong>, Freiraum Verlag Greifswald<\/p>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Buchmann ist ein Ph\u00e4nomen, ich m\u00f6chte fast sagen, eine Speerspitze der Romanischen Sprachen und vielleicht des Romanischen Sprechens und Denkens im deutschen Gel\u00e4nde, wenn dieser eher bellizistische Ausdruck nicht an der Art vorbei zielte, wie Buchmann Sprache zelebriert und&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/04\/12\/buchmanns-babel\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":99677,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[924,1092],"class_list":["post-14903","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-jan-kuhlbrodt","tag-jurgen-buchmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14903","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14903"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14903\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99692,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14903\/revisions\/99692"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99677"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14903"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14903"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14903"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}