{"id":14884,"date":"2013-04-14T00:01:33","date_gmt":"2013-04-13T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14884"},"modified":"2021-07-22T13:07:17","modified_gmt":"2021-07-22T11:07:17","slug":"oh-heilig-graues-liber-profundus-oh-sanctus-sacer-mundus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/04\/14\/oh-heilig-graues-liber-profundus-oh-sanctus-sacer-mundus\/","title":{"rendered":"Oh, heilig-graues liber profundus, oh sanctus sacer mundus!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u00a0\u201eAlles Lebendige ist heilig. Das Sakrale ist nicht a priori theistisch<\/em>\u201c.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesem Aphorismus schlie\u00dft Axel Matthes in seiner Text-Sammlung das Feld seiner Erkundungen. Er verwendet dabei einen Fokus, dem sich der Leser \u00fcber f\u00fcnfhundert Seiten lang mit immer neuen Aspekten der komplexen Welt des Heiligen gen\u00e4hert hat. Unter den dort zitierten Quellen findet er eine weitere leitmotivische Aussage eines in der deutschen Literatur- und Kulturgeschichte nur wenig bekannten Schriftstellers und Sammlers. Hans J\u00fcrgen von der Wense (1894-1966) erfasst mit seiner Erkenntnis, \u201eDas Selbstverst\u00e4ndliche ist das eigentliche Wunder. Alle Gewohnheiten waren einmal heilige echte, und das Allt\u00e4gliche war im Anfang Tiefsinn,\u201c (S.544) die Kern\u00fcberlegungen des Herausgebers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Axel Matthes, Mitgr\u00fcnder des Verlags Rogner und Bernhard, langj\u00e4hriger Verleger von Matthes &amp; Seitz, Lyriker, Mitherausgeber von Schriften zur Kunst und Wissenschaft, hat mit diesem volumin\u00f6sen Band ein Kernfeld unseres postmodernen Weltempfindens getroffen, das erst durch eine aufmerksame Lekt\u00fcre der einzelnen Texte zu erschlie\u00dfen ist. Doch wo beginnen? Ist die Schaukel, auf der Jean Giono, der sich als magischer Realist bezeichnete, der sensible Ausgangspunkt f\u00fcr die tiefsinnige Betrachtung des Heiligen im Alltag? Auf ihr sitzend signalisiert Gionos schwingender K\u00f6rper das Bem\u00fchen um einen \u201eStandort\u201c, wobei er augenscheinlich ausruft: streift nur alle Masken ab und ihr werdet auch Realisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schon geht die Reise los! Mit Beobachtungen, Bekundungen von Freuden und Fingerzeigen aus der Feder renommierter Philosophen und Dichter. Dann der erste Sprung in einen Text des iranischen Kulturphilosophen Daryush Shayegan, der uns eine kompetente Einf\u00fchrung in die \u201eMonopolisierung des Heiligen in das Alltagsleben\u201c liefert: Wer den Satz \u201eDie R\u00e4tsel der Leere sind mehr als ein peripherer Reflex der Gattung Mensch, der Mensch ist mehr als die\u00a0 Saldos seiner selbst\u201c nicht verinnerlicht hat, der erh\u00e4lt einen kurzen Nachhilfeunterricht bei Roger Gilbert-Lecomte. Er bezeichnet die Religion als Institution, \u201edie alle Leidenschaft auf sich zieht\u201c, n\u00e4mlich die Gier, \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Streben, Verzweiflung und Stolz. Doch schon auf derselben Seite verwirrt den Leser ein gewisser Klemm, der in einem langen Poem den Aufbruch \u201ein die Jagdgr\u00fcnde, Nimrode der Traumvogesen!\u201c (S. 39) fordert. Dann folgt ein Brief von Antoine de Saint-Exupery, in dem der bekannte Schriftsteller seine risikoreiche Begegnung mit katalanischen Anarchisten im spanischen B\u00fcrgerkrieg schildert. Dabei habe ein L\u00e4cheln \u2013 als Zeichen eines versteckten Heiligen? \u2013 \u00fcber Leben und Tod entschieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht bringt uns das Leuchten auf den Seiten 40 bis 62 zum Schwingen zwischen Ost und West? Zumindest wird der Leser zu Beginn des zweiten Themenfeldes mit Gedichten, und Sentenzen aus dem ostasiatischen Kulturkreis konfrontiert, bevor er in die \u201eWahrnehmung des Offenen\u201c eintaucht. Ein Text, der wohl vom Herausgeber stammt, und \u00f6stliche Weisheit mit westlichen philosophischen Erkenntnissen verbinden m\u00f6chte. Sp\u00e4testens hier wird erkennbar, dass die meisten der in diesem Sammelband abgedruckten Textarten nur einen assoziativen Zusammenhang untereinander entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst im Abschnitt \u201aJeder Augenblick ist ein K\u00f6nig der Ewigkeit\u2019 setzt mit der Abhandlung von Gerd Bergfleth \u00fcber den Augenblick der Ewigkeit eine sinnstrukturelle Verdichtung mit dem Verweis auf Georges Batailles Aufsatz \u201eDas Heilige\u201c ein. Diese Spur f\u00fchrt \u00fcber ein breites Feld, auf dem europ\u00e4ische Geister ihre \u00dcberlegungen \u00fcber das Heilige hinterlassen haben, noch einmal zu Batailles \u201eAnfangspostulat\u201c. in der der franz\u00f6sische Philosoph \u00fcber die Implikationen reflektiert, \u201ewenn ich im gegebenen Augenblick der Sorge um den folgenden Augenblick entgehe\u201c (S. 93) Welche Funktion die unmittelbar danach abgedruckten Brief von Gustav Graf von Schlabrendorf einnehmen soll, bleibt der Suchbewegung des Lesers \u00fcberlassen, der leider keine Orientierungslinien des Herausgebers entdecken kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">L\u00f6st der Abschnitt \u201aDinge sind Sachwunder. Allt\u00e4glich wird heilig\u2019 (S. 163ff.) einen Funken aus? Ja, denn Roland Barthes spricht dem Buch den Charakter eines gro\u00dfen heiligen Projekts ab. Dann aber meditieren Musiker und Musikkritiker \u00fcber das Ph\u00e4nomen des Swing in den verschiedenen Stilrichtungen des Jazz, bevor der Leser in die Natur als Alltag und Offenbarung eingef\u00fchrt wird \u2026 um endlich mal wieder etwas von Jean Paul, M.J. Lermontow (ah, dieser russische Romantiker!), Henry David Thoreau (Naturmystiker!), Hans Magnus Enzensberger (unser Allround-Dichter!) und Susanne Matthes zu lesen, die uns in das Atmen von Lilien einweiht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Habe ich bis zu diesem Zeitpunkt, gemeinsam mit den vielen zitierten Gro\u00dfdenkern und \u2013dichtern, die Fassung beim Lesen verloren, wie es der Umschlagtext verspricht? Ich h\u00e4tte sie vielleicht, wenn ich einen Leitfaden in diesem Sammelsurium von klugen Aphorismen, poetischen Traktaten, theologischen Reflexionen, Ersatzhandlungen f\u00fcr Gebete, medizinischen Abhandlungen und vielen anderen erbaulichen Texten entdeckt h\u00e4tte. Nicht zuletzt aus diesem Grund huscht mein Blick immer h\u00e4ufiger von Abbildung zu Abbildung, um dann das \u201eheilige Buch\u201c entt\u00e4uscht beiseite zu legen. Findet sich der homo religiosus, der sich seit Jahrtausenden seine Illusionen von der \u00dcberwindung des Todes bewahrt hat, in diesen so unterschiedlichen Texten wieder? Sind seine geheimsten Visionen und W\u00fcnsche in diesem lose zusammen getragenen Almanach aufbewahrt? Ich schlie\u00dfe das gewichtige Buch mit einem aufmerksamen Blick auf \u201eDas allt\u00e4gliche Eurosieb\u201c mit dem Copyright f\u00fcr Heide Lindecke und sehe dunkle Trichter auf dem Umschlag: Oh, heilig-graues liber profundus, oh sanctus sacer mundus!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Das-Heilige-im-Alltag.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-89317 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Das-Heilige-im-Alltag-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Das-Heilige-im-Alltag-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Das-Heilige-im-Alltag-160x257.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Das-Heilige-im-Alltag.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a>Das Heilige im Alltag oder Vom Swing der Dinge. <\/strong>Gesammelt von Axel Matthes. M\u00fcnchen (Diederichs)<em> 2012<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u201eAlles Lebendige ist heilig. Das Sakrale ist nicht a priori theistisch\u201c. Mit diesem Aphorismus schlie\u00dft Axel Matthes in seiner Text-Sammlung das Feld seiner Erkundungen. 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