{"id":14831,"date":"1997-04-29T00:01:09","date_gmt":"1997-04-28T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14831"},"modified":"2021-10-08T13:14:39","modified_gmt":"2021-10-08T11:14:39","slug":"literatur-und-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/04\/29\/literatur-und-widerstand\/","title":{"rendered":"Literatur und Widerstand"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/pvpr4-300x205.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-14835\" title=\"pvpr4-300x205\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/pvpr4-300x205.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"205\" \/><\/a>Es war einmal eine Zeit, da wollten Schriftsteller etwas ver\u00e4ndern; mit ihrem Schreiben, indem sie schrieben, mit ihrem geschriebenen Wort, aber auch als Staatsb\u00fcrger, oder ganz einfach als Personen, als Menschen. Da war es klar, da\u00df sie sich einmischen wollten, ja einmischen mu\u00dften, als Schreibende, als politisch denkende Individuen. Sich einmischen &#8211; in Staat und Gesellschaft, in Bewu\u00dftseinsprozesse, solche hervorrufen, beeinflussen, steuern &#8211; das war die Parole.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das war jedem verst\u00e4ndlich, begreifbar, als Forderung, als Notwendigkeit, als Ziel. Der engagierte Schriftsteller war das Ideal, hier wie dort; jeweils anders bezeichnet. Hier vielleicht als der Aufm\u00fcpfige, der Nonkonformist, der Neinsager. Dort, in anderen L\u00e4ndern und unter anderen Ideologien und Regimen, hie\u00df er und war er ganz einfach der Dissident. Geliebt und geachtet waren beide bei den Herrschenden &#8211; hier wie dort &#8211; nicht, ganz im Gegenteil. Man antwortete hier wie dort auf die Unversch\u00e4mtheiten, auf das Sicheinmischen, auf die Ruhest\u00f6rung, auf den Widerstand eben, mit entsprechenden Repressalien, hier mit Karriere- und Wohlwollensentzug, manchmal ohne wirkliche Effizienz, dort aber mit Gef\u00e4ngnis, Folter, Irrenhaus, KGB-Methoden des staatsparteilichen Terrors. Doch das Gewissen lie\u00df sich nicht unterdr\u00fccken, nicht einschl\u00e4fern, nicht wegreglementieren. Das Gewissen war wach, war stark, meldete sich zu Wort. Zumindestens das Gewissen gab R\u00fcckhalt, war in seiner Aktivierung im Wort eine Basis, auf der man sich traf, treffen konnte in Solidarit\u00e4t zu gemeinsamem Widerstand; gegen die Herrschenden, gegen die Unterdr\u00fccker, gegen den Ungeist der Zeit, gegen L\u00fcge und Manipulation. Man war sicher, weil man ja auch verifizieren konnte, da\u00df man eine Waffe, n\u00e4mlich das Wort, in der Hand hatte, ein Aufkl\u00e4rungs- und Informationsinstrument, mit dem man die alles verdeckenden L\u00fcgen, die Verleugnung der Wahrheit durch eine allumfassende Staats- und Parteipropaganda oder die jede Wirklichkeit verzerrenden Sch\u00f6nredereien und phrasenhaften Parolen des Staats- und Wirtschafts-, ja Gesellschaftsapparates samt seines strategisch eingesetzten Medienapparates wirksam bek\u00e4mpfen konnte, man dies tun mu\u00dfte, weil dies notwendig erschien, weil es notwendig war. Und man glaubte an die Notwendigkeit dieses Widerstandskampfes, man glaubte an seine Wirksamkeit, man hoffte &#8211; manchmal verzweifelt, aber nie mutlos &#8211; auf einen Sieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alles ist vorbei, ist \u2018Schnee von gestern\u2019, wie das manche nennen w\u00fcrden; dies noch dazu mit dem ironisch-dummen Zeitgeist-L\u00e4cheln des Besserwissers; dessen der \u2018dr\u00fcbersteht\u2019, der zwar nicht die Wahrheit gepachtet hat, der aber \u00fcber den sogenannten \u2018\u00dcberblick\u2019 verf\u00fcgt, zu jeder Zeit und in jeder Situation. Der Zeitgeist-Schriftsteller, der Clevere, nicht der Betroffene, der Verzweifelte. Nein, der Sprachkunstguru, der Wortjongleur, der Literaturideologe; der auf allen Bahnen siegt, vom Bachmann-Wettbewerb bis hin zum Staatspreis. Mode und Zeitgeist, nicht nur in der Gesellschaft, sowieso schon l\u00e4ngst in den Medien und im medienwirksam gestalteten Staatsspektakel der Politik, das ist jetzt gefragt, das ist die neue Linie, die neue Doktrin, das neue Outfit; auch in der Literatur. Und sch\u00f6n cool bleiben! Auch wenn da und dort die Welt brennt, die Gewaltregime da wie dort am Ruder sind, Menschen ausgebeutet, unterdr\u00fcckt, all ihrer Rechte beraubt werden oder &#8211; wie in den langen Fl\u00fcchtlingskolonnen im afrikanischen Urwald, auf der Flucht vor Milit\u00e4rzivilisation &#8211; ganz einfach verhungern und zugrunde gehen. \u2018Sch\u00f6n cool bleiben!\u2019 &#8211; Das ist die Devise. Oder \u201esich die Betroffenheit in den Arsch stecken\u201c, wenn man von einem Dichterf\u00fcrsten dazu \u00f6ffentlich aufgefordert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist da noch mit Widerstand? Wer soll da gegen wen oder gegen was noch widerstehen, und wozu auch? Kann mir das jemand sagen? &#8211; Ich habe kein Verh\u00e4ltnis zu Fetischismus und Zynismus. Ich beziehe daraus mit Sicherheit keinen Lustgewinn. Aber eines: Ich bin ob solcher Haltungen, ob solcher Wandlungen, ob solcher Verluste &#8211; ist das Wort hier \u00fcberhaupt angebracht, oder mu\u00df man nicht richtiger sagen: ob solcher Wegwerfhandlungen? &#8211; betroffen. Und diese Betroffenheit stecke ich nicht weg. Nein, diese Betroffenheit schl\u00e4gt bei mir in Wut und Zorn um. Und auf Grund meiner eigenen Erfahrung wei\u00df ich, da\u00df daraus Widerstand w\u00e4chst, jedenfalls meiner. Und ich hoffe, da\u00df ich dabei nicht allein bleibe. Ich werde jedenfalls alles tun, um diesen Widerstand aus mir hinauszutragen, ihn zu propagieren und zu verbreiten. Es mu\u00df ein Widerstand sein gegen die \u00fcberall um sich greifende Gleichg\u00fcltigkeit, gegen diese Haltung des Unbeteiligtseins, des Nichtengagements, gegen den Zynismus, gegen einen solchen Zeitgeist; auch und vorallem in der Literatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich rufe auf zum Widerstand gegen eine Literatur, gegen Schriftsteller und Schreibende, die ihre Verantwortung nur mehr auf den Bereich der Sprache, des Sprachspiels, der Kunstsprache, eben nur der \u2018reinen Kunst\u2019 eingegrenzt und veranschlagt haben wollen. Dies aus meiner \u00dcberzeugung und in Berufung auf die G\u00fcltigkeit des Prinzips und des Gebotes, da\u00df der Schriftsteller f\u00fcr mehr verantwortlich ist als nur f\u00fcr die Sprache und die Literatur, eben f\u00fcr mehr als die Kunst; weil er nicht nur der Kunst, sondern auch der Gerechtigkeit, der Freiheit, den Menschenrechten verpflichtet ist. Und dies mit seiner Kunst oder auch ohne seine Kunst. Egal wie. Die Verpflichtung jedenfalls besteht; ob man sie wahrhaben will oder nicht. Denn neben dem Wort und \u00fcber dieses hinaus gibt es noch etwas, das z\u00e4hlt und an dem wir gemessen werden, n\u00e4mlich: das Handeln!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Vortrag zum Thema \u201eDer beharrliche Widerstand des Schreibenden\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00d6sterreichisches P.E.N.-Zentrum, Literaturhaus Wien, 29.4.1997<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal eine Zeit, da wollten Schriftsteller etwas ver\u00e4ndern; mit ihrem Schreiben, indem sie schrieben, mit ihrem geschriebenen Wort, aber auch als Staatsb\u00fcrger, oder ganz einfach als Personen, als Menschen. 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